Zwei Drittel der Deutschen finden, dass es in ihrem Land
ungerecht zugeht. Jutta Allmendinger wundert sich, dass es nicht
mehr sind. Denn wer die Daten kennt — zu Bildung, Einkommen,
Chancen, Erbschaft — der weiß: Ungleichheit in Deutschland ist
kein Zufall. Sie ist die Summe politischer Entscheidungen. Und
sie wächst.
Was ihr in dieser Folge erfahrt:
Der Wahltag als Ausgangspunkt. Das Gespräch
beginnt mit dem Wahlergebnis aus Sachsen-Anhalt. Allmendinger ist
besorgt – wegen möglicher Folgen für Bildung, Wissenschaft,
Geschlechtergerechtigkeit und die offene Gesellschaft. Und sie
warnt vor einem weiteren Effekt: Andere Parteien könnten sich
Sprache und Ton der AfD zunehmend zu eigen machen. Wer glaube,
man müsse „mit gleichen Mitteln“ zurückschlagen, begehe einen
Fehler. Solche Sprachformen, sagt Allmendinger, könnten sehr
schnell zu Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten führen.
Warum Ungleichheit wächst. Ungleichheit vererbt
sich – über Bildung, aber zunehmend auch über Vermögen. Weil
Familien kleiner werden, verteilt sich das Erbe auf weniger
Kinder. Immobilien und Vermögen verstärken damit Unterschiede
zwischen den Generationen. Allmendinger nennt das
„intergenerationale Schließung“ – und hält diesen Zusammenhang
für unterthematisiert. Auch im Ost-West-Vergleich spielt das Erbe
aus ihrer Sicht eine wichtige Rolle.
Warum Kinder keine Lobby haben. Das politisch
stärkste Argument: Eltern junger Kinder haben keine politische
Macht. Es gibt keine starken Interessensverbände, die so gehört
werden wie die Rentenlobby. Auf kaum einem Wahlplakat des letzten
Wahlkampfs war die Familie zu sehen.
Was jetzt getan werden müsste. Allmendingers
klare Forderung: Investitionen in frühe Bildung, nicht in späte
Reparatur. Nur 36 Prozent der unter Zweijährigen seien in einer
Kita — ausgerechnet die Kinder, die es am meisten bräuchten,
seien es am wenigsten. Sprache, Selbstwirksamkeit, Freude am
Lernen entstehen in den ersten Lebensjahren.
Der Mutmacher-Ausblick. Allmendinger erzählt von
Berliner Problemschulen, die in fünf Jahren zu Vorzeigeprojekten
wurden. Von einem Land, das alle Ressourcen hätte, gerechter zu
werden. Ihr Schlussgedanke: Wir haben keine Erkenntnisdefizite.
Wir haben ein Umsetzungsdefizit. Das ist keine schlechte
Nachricht — das ist eine Einladung.
Über die Gästin: Prof. Dr. Jutta Allmendinger
ist Soziologin und Professorin an der Humboldt-Universität zu
Berlin. Von 2007 bis 2024 war sie Präsidentin des
Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.
Mitherausgeberin der ZEIT. Autorin von „Es geht nur gemeinsam!"
(Ullstein).
Unser Buch zur Staffel:
„2 alte wei(s)se Männer: Mutmacher für schwere Zeiten — was
hoffen lässt" ist im Buchhandel und auf allen gängigen
Plattformen erhältlich.
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