Wenn man in seiner eigenen Welt unterwegs ist, merkt man oft nicht,
warum man etwas schafft. Oder warum nicht. Deshalb geht es heute
ums Hinschauen: Warum kommen manche Menschen doch noch an — und
andere nie, obwohl sie genauso viel wollen? Alle Menschen, die mir
in vierzig Jahren über den Weg gelaufen sind, ausnahmslos, hatten
Wünsche und Träume. Ein Leben, das Freude macht. Und wenn man
tiefer schaut: ein Leben, das sich würdig anfühlt. Ich mag dieses
Wort. Würde hat etwas mit Stolz zu tun. Stolz, der zu sein, der man
ist. Und trotzdem gelingt dieses Leben viel zu wenigen. Ich glaube,
ich weiß, warum. Ich habe mein erstes Seminar mit 21 gegeben, das
ist vierzig Jahre her. Ein junger Klugscheißer mit viel
Motivationslektüre im Kopf und nicht viel Weisheit. An einem
Freitagabend habe ich auf der Bühne komplett verkackt, so hat es
sich jedenfalls angefühlt. Ich wäre am liebsten weggelaufen.
Stattdessen bin ich auf die Leute zugegangen, war bis drei Uhr
nachts im Gespräch, habe drei Stunden geschlafen und am Samstag den
besten Seminartag meines Lebens hingelegt. Ich habe damals nicht
verstanden, warum. Heute weiß ich es: Ich bin durch drei Stufen
gelaufen, ohne es zu merken. Diese drei Stufen begegnen mir seitdem
überall — im Coaching, in der Unternehmensberatung, in jedem Team,
das ich geführt habe. Stufe eins: „Ich will ein anderes Leben." Das
ist eine Wahrnehmung, mehr nicht. Die eigene Person kommt darin gar
nicht vor. Jemand anderes soll es richten — der liebe Gott, die
Politik, das Schicksal. Aber Gott hat uns doch schon alles gegeben.
Warum soll er jetzt auch noch unseren Job machen? Stufe zwei: „Ich
will etwas verändern." Klingt besser, und es ist auch besser — hier
nimmt sich jemand mit rein. Aber ich kenne unglaublich viele
Menschen, die das sagen, und wochenlang später passiert nichts. Ein
Wunsch ist ein Luftschloss. Wenn du keine Säulen darunter baust,
ist es für die Katz. Können wir uns darauf einigen? Nach vierzig
Jahren sage ich dir ganz ehrlich: Beide Stufen kannst du in die
Tonne hauen. Stufe drei: „Ich verändere etwas." Nicht Zukunft.
Gegenwart. Diesen Menschen kannst du fragen: Was denn? Und er hat
die Antwort parat. Die Morgenroutine, die Checkliste, das Ziel, das
er abends abhakt. Das kann man sehen, ablesen, spüren. Alles andere
ist Kinderträumerei. Und jetzt der Punkt, der mir wichtig ist: Die
Menschen auf Stufe eins und zwei haben einen Grund. Meistens einen
Berg aus Angst. Angst, es nicht zu schaffen. Angst, nicht genug zu
sein. Angst, dass alles zusammenbricht, wenn es endlich da ist. Ich
kenne jedes einzelne dieser Gefühle. Fühl dich verstanden. Verstehe
dich selbst. Aber hör nicht drauf. Wenn du einen Widerstand spürst,
ist das der deutlichste Hinweis, dass genau da der Weg langgeht.
Warum bleiben so viele trotzdem stehen? Weil die Herausforderung
aussieht wie ein Berg. Und wer hat schon gern einen Berg vor sich.
Wir überschätzen maßlos, was wir in kurzer Zeit schaffen können.
Und wir unterschätzen massiv — massiv —, was entsteht, wenn wir
Stück für Stück am Ball bleiben. Ein Cent, jeden Tag verdoppelt,
ist nach dreißig Tagen mehr als fünf Millionen. Rechne es nach, es
stimmt. Fast alle würden trotzdem die Million im Koffer nehmen. Sie
sehen den Zinseszins des Lebens nicht. Und genauso verdoppeln sich
deine Fähigkeiten, deine Einsichten, deine Weisheit. Das Rezept ist
so einfach, dass du wahrscheinlich lachst: Wo willst du in einem
Jahr stehen? Was müsste dafür im Monat passieren, in der Woche,
heute? Und was kannst du heute ein kleines bisschen besser machen
als gestern? Die Japaner nennen es Kaizen. Ich nenne es
Babyschritte. Plötzlich hast du keinen Berg mehr vor dir, sondern
einen kleinen Aufgabenweg. Und den darfst du so klein machen, wie
er für dich passt. Ich bin keine Intelligenzbestie, war ich nie.
Ehrlich gesagt bin ich eher faul und mag ein bequemes Leben. Und
trotzdem bin ich ziemlich fleißig — weil mich die kleinen Schritte
des Besserwerdens nicht anstrengen. Morgens plane ich,
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