Ein Kabel reißt. Ganz sanft geht es vor den Augen der Brüder im
Mittelmeer auseinander, und mit ihm die Hälfte des
LondonerKapitals. So fühlt sich Unternehmertum an, wenn niemand
einen Rettungsschirm aufspannt.
Richard Ehrenbergs „Die Unternehmungen der Brüder Siemens" von
1906 ist kein Heldenepos, sondern etwas Selteneres: die
Lebensgeschichte eines Unternehmens, erzählt aus den
vertraulichen Briefen, die Werner von Siemens mit Wilhelm, Karl
und Walter wechselte. Du liest mit, wie vier sehr verschiedene
Köpfe aus dem Nichts einen Weltkonzern bauen, zwischen
Wassermessern in Manchester, Seekabeln im Roten Meer und einer
Telegraphenlinie, die einmal von London bis nach Persien reichen
soll. Werner legt am Roten Meer selbst Kabel, tagelang ohne Ruhe,
aufrecht gehalten nur von starkem schwarzen Kaffee.
Es ist eine Schule des Kapitalismus in Reinform. Werner will
nicht die billigste, sondern die „solideste Arbeit", und genau
das wird zum Vorsprung, während die Konkurrenz im Trüben fischt.
Erst vertrauen die Brüder ihren englischen Partnern rückhaltlos
und werden ausgenutzt, dann dreht sich das Blatt, sobald jene auf
das Können der Deutschen angewiesen sind. Jeder Fehler kostet
eigenes Geld, kein fremdes, und diese Haftung schärft jede
Entscheidung. Der vorsichtige Werner, der wagemutigeWilhelm und
der ruheselige Halske ringen in jedem Brief aufs Neue um Risiko
und Gewinn. Auf dem Spiel steht ihr eigenes Vermögen und der Ruf
des ganzen Hauses.
Und immer wieder steht der Staat im Weg. In Persien verkaufen
Minister ihre Dienste offen für ein paar Dukaten. In Wien senken
drei Regierungen kurzerhand die Tarife und ruinieren beinahe die
privat finanzierte Linie. Wo der Markt regiert, entscheiden
Qualität und Vertrauen. Wo der Staat regiert, entscheiden Intrige
und Bestechung.
Warum das heute mehr denn je zählt? Weil sich hinter einer
Geschichte über Kupferdraht und durchwachte Nächte die ewige
Frage verbirgt: Wer trägt das Risiko, und wer erntet den Gewinn?
Hier geht´s zum Buch:
Richard Ehrenberg – Die Unternehmungen der Brüder Siemens: Bis
1870
Weitere Bücher zum Thema:
Richard Ehrenberg - Grosse Vermögen: Die Fugger - Rothschild –
Krupp
Egon Ceasar Conte Corti – Das Haus Rothschild 1770-1871
Andrew Carnegie - Geschichte meines Lebens
Andrew Carnegie - Empire of Business
Carl Colbert - Der Börsenschwindel des John Law: Ein Beitrag zur
Revolutions- und Sittengeschichte
Gustavus Myers - Geschichte der großen amerikanischen
Vermögen: Erster Band
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