60 bis 80 Stunden pro Woche, tagsüber Baustelle und danach noch
Büro. Dazu Kundentermine, Angebote, Vertrieb, Mitarbeiterfragen –
und sämtliche Informationen über den Betrieb in den Notizen seines
Handys. Avelino hatte seinen Malerbetrieb selbst aufgebaut. Doch
mit jedem neuen Mitarbeiter kamen weitere Fahrzeuge, Werkzeuge,
Kosten, Baustellen und Entscheidungen dazu. Am Ende lief nahezu
jede Schnittstelle über ihn. Der Betrieb funktionierte, aber der
psychische Druck wurde immer größer. Im Realtalk mit Daniel erzählt
Avelino, warum er irgendwann an dem Punkt war, an dem er sich
fragte, wie lange er dieses Arbeitspensum noch durchhalten kann.
Denn weniger zu arbeiten war gar nicht sein eigentliches Ziel. Er
wollte weiterhin anpacken – aber selbst entscheiden können, woran
er arbeitet. Gemeinsam mit Svenja hat er den Betrieb innerhalb
eines Jahres komplett neu aufgestellt. Aufgabenbereiche wurden klar
getrennt, Abläufe vom ersten Kundenkontakt bis zur Rechnung
festgelegt und Trello wurde zur zentralen Übersicht im Büro. Heute
konzentriert sich Avelino dort hauptsächlich auf Angebote und
Vertrieb. Auf die Baustelle geht er nicht mehr, weil er muss,
sondern weil er es möchte oder sein Team bewusst unterstützen will.
In der Folge geht es auch um die Entscheidungen, die viele Inhaber
zu lange vor sich herschieben. Aus einer Führung auf Kumpelbasis
wurden klare Regeln für alle. Avelino spricht offen über vier
Kündigungen, verbindliche Standards und ein Firmenhandbuch in einem
kleinen Team. Denn klare Abläufe sind nicht erst dann notwendig,
wenn ein Betrieb 40 Mitarbeiter hat. Die Probleme beginnen bereits
mit dem ersten Wachstumsschritt. Dabei wurden die Mitarbeiter nicht
einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Sie wurden transparent
eingebunden, kennen die Ziele des Betriebs und wissen, welche Linie
für alle gilt. Gute Mitarbeiter profitieren davon, wenn
Baustellenvorbereitung, Material, Verantwortung und Kommunikation
nicht jeden Tag neu ausgehandelt werden müssen. Auch nach außen hat
sich der Betrieb verändert. Innerhalb eines Jahres stieg die Zahl
der Google-Bewertungen von rund 21 auf 85. Nach Avelinos
Einschätzung übernehmen diese Bewertungen heute bereits 50 bis 60
Prozent seines Vertriebs. Kunden sehen vor dem ersten Gespräch
echte Projekte, Bilder und Erfahrungen und wissen, wofür der
Betrieb steht. Avelino erklärt außerdem, warum er nicht mehr jeden
Auftrag um jeden Preis haben möchte. Der Betrieb steht für saubere
Abläufe, hochwertige Materialien und eine verlässliche
Projektabwicklung. Dafür braucht es Kunden, die genau diese
Qualität suchen – und einen Unternehmer, der sich nicht für jeden
Auftrag verbiegt. Diese Folge ist für Handwerksunternehmer, die
tagsüber auf der Baustelle stehen, abends Angebote schreiben und
morgens schon darüber nachdenken, was im Betrieb wieder alles an
ihnen hängen bleibt. Das Ziel ist nicht, möglichst wenig zu
arbeiten. Das Ziel ist, nicht länger der Gefangene im eigenen
Betrieb zu sein.
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