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  4. Peinlicher Knutschfleck: Das Deutsche Eck in Koblenz OMG 12
Das Deutsche Eck in Koblenz gehört seit 2002 zum UNESCO-Welterbe
Oberes Mittelrheintal. Bekannt ist es als Schnittpunkt von Rhein
und Mosel – und als touristischer Ausgangspunkt für
Schifffahrten.

Im Zentrum dieser Folge steht jedoch das Kaiser-Wilhelm-Denkmal,
das die Wahrnehmung des Ortes bis heute prägt. Es wirft Fragen
nach Erinnerungskultur, historischer Symbolik und dem Umgang mit
nationaler Geschichte im öffentlichen Raum auf. Eine Einordnung
eines viel besuchten, aber auch kontrovers diskutierten
Ortes.

Peinlicher Knutschfleck. Das Deutsche Eck in Koblenz und
sein Kaiser-Wilhelm-Denkmal

 

Anmoderation

Das Deutsche Eck. Für die meisten Reisenden ist es Ausgangspunkt
oder Endhaltestelle einer Bootsfahrt auf dem Rhein oder auf der
Mosel: eine weit herausgestreckte Landzunge zwischen Rhein und
Moselmündung. Die Stelle, wo Vater Rhein Mutter Mosel küsst, wie
man hier in Koblenz so schön sagt. Bei genauerem Hinsehen erweist
sich diese Stelle allerdings auch als peinlicher Knutschfleck.
Genau: das Denkmal für Kaiser Wilhelm I. Seit 2002 gehört das
Deutsche Eck als German Corner trotzdem zur UNESCO-Welterbestätte
Oberes Mittelrheintal.

Beitrag

Marschmusik

Ach ja, das Deutsche Eck. Seinen Namen verdankt es übrigens dem
Deutschen Orden. Dessen Ritter kamen im 13. Jahrhundert zu Pferd
hierhin und gründeten eine Niederlassung: die
Deutschordenskommende. Das Gebäude gibt es immer noch. Es dauerte
dann aber noch rund 600 Jahre, bis die Ecke, an der Vater Rhein
Mutter Mosel so romantisch küsst,  zur Touristenattraktion
wurde. Bis zum Jahr 1888. In dem Jahr war nämlich der deutsche
Kaiser Wilhelm I. gestorben, der Vater des Vaterlandes, der vor
allem auch für seine väterliche Güte verehrt wurde. Manche
hielten ihn angeblich sogar für den auferstandenen Friedrich
Barbarossa. Dass er wahrscheinlich bei der Niederschlagung der
Freiheits- und Nationalbewegung 1848 auf seine aufständischen
Kinder hat schießen lassen, hatte man irgendwie vergessen. Und so
summte seither so mancher Volksmund, wenn man das so sagen darf,
dieses Lied:

Musik: „Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm
wiederhaben“.

In ganz Deutsch­land wurden nach dessen Tod über 300
Kaiser-Denk­mä­ler errichtet. Auch am Mittelrhein sollte
unbedingt eines her. Nur wohin damit? Peter Glasner ist Experte
für die Literatur des Mittelalters bei den Germanisten an der
Bonner Universität und außerdem in unmittelbarer Nähe von Koblenz
aufgewachsen.

O-Ton Peter Glasner 1

Man suchte halt einen geografisch herausragenden Ort für
dieses Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Königswinter war auch im Gespräch.
Und Kaiser Wilhelm II. höchstselbst hat sich dann dafür
eingesetzt, dass eben dieses Denkmal für seinen Großvater in
Koblenz platziert wird.

Der Deutsche Kaiser am Deutschen Eck. Das passte für den eher
säbelrasselnden Enkel Wilhelm II. wie die Faust aufs Auge. Und
auch deshalb, weil der Großvater in jüngeren Jahren als
Militärgouverneur in Koblenz gewirkt und bei dieser Gelegenheit
der Stadt die Rheinanlagen spendiert hatte, einen Park am
Rheinufer. Im Jahr 1897 wurde also auf Wunsch von allerhöchster
Stelle mit dem Bau des Denkmals begonnen. Architekt war Bruno
Schmitz, der auch das Kyffhäuserdenkmal in Thüringen und das
Völkerschlachtdenkmal in Leipzig entworfen hatte: also Er war
also von Hause aus Spezialist für das ganz große deutsche
Kino.

Musik

Das Denkmal war dann auch ein echter Schmitz: Am Fuße dicke
Steinpöller mit Löwenköpfen, dahinter eine riesige Pfeilerhalle
mit einem Zitat des Dichters Max von Schenkendorf, der als
Freiwilliger an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teilgenommen
hatte.: „Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn Ihr einig seid und
treu.“ Das stand übrigens 1933 auch auf einem Wahlplakat der
Nationalsozialisten. Auf dem Denkmalssockel schließlich obendrauf
der Kaiser in Generalsuniform zu Pferde, das Ganze an die 40
Meter hoch vom Sockel bis zur Pickelhaube. Alles mindestens eine
Nummer zu groß: So hat das auch Kurt Tucholsky seinerzeit
empfunden. Peter Glasner zitiert.

Musik klingt aus

O-Ton Peter Glasner 2

„Oben jener auf einem Pferd – was? Pferd? Auf einem Ross.
Auf einem riesigen Gefechtshengst, wie aus einer Wagner-Oper,
joho hotteho. Der alte Herr sitzt da und tut etwas, was er all
seine Lebtage nicht getan hat. Er dräut in die
Lande.

 

Dräut will sagen: Er blickt unheilvoll in die Lande.

 

O-Ton Peter Glasner 2

Das Pferd dräut auch, und wenn ich mich recht erinnere,
wallt irgendeine Frauensperson um ihn herum und beut ihm etwas
dar.“

Er hat sich recht erinnert. Diese Frauenfigur ist die römische
Siegesgöttin Viktoria, die dem alten Herrn womöglich etwas
darbietet, vor allem aber dessen Pferd am Zügel zu führen
scheint. Deswegen hatte der Fürst zu Wied bei der Einweihung des
Denkmals Bedenken. Witzblätter könnten dem Kaiser oben im Sattel
ja in den Mund legen: „Kind, lass mein Pferd los – ich kann
allein reiten!“

Die Strömung der Mosel hinter dem Denkmal, erklärt Kurt Tucholsky
noch, sei hier besonders stark, damit sie um möglichst schnell
daran vorbei komme.

Das Denkmal kam aber auch an anderer Stelle nicht gut an. Vor
allem auch beim sogenannten Erbfeind Frankreich. Kein Wunder:
Der, Verzeihung, Pferdearsch zeigt Richtung Paris, der
verlängerte Rücken des Kaisers auch. Eine Provokation. Der
französische Dichter Guillaume Apollinaire war schockiert. Er war
eigentlich ein Rheinromantiker und 1901 auf einer Reise mit dem
Zug den Rhein entlang nach Koblenz gefahren. Seine Eindrücke vom
Deutschen Eck verarbeitete er in dem Gedicht Coblence.

Musik

 

„Die Mosel und der Rhein vereinigen sich still / unter den
unschuldigen Augen der Töchter von Koblenz. / Makaber und
gigantisch, ein schreckliches Denkmal / zeigt zu Ross und
behandschuht den deutschen Kaiser.“

 

Musik klingt aus

 

Und auch der schon erwähnte Kurt Tucholsky kann kaum glauben, was
ihn an kaiserlichem Übermaß und nationalem Theaterdonner
erwartet. Er beschreibt 1930 seine Ankunft am Deutschen Eck so:
„Ein freier Platz, ich sah hoch, und fiel beinah um“. Peter
Glasner liest weiter.

O-Ton Peter Glasner 3

„Da stand, Tschingbumm, ein riesiges Denkmal Kaiser
Wilhelms I. Ein Faustschlag aus Stein. Zunächst blieb einem der
Atem weg. Sah man näher hin, so entdeckte man, dass es ein
herrliches, ein wilhelminisches, ein künstlerisches Kunstwerk
war. Das Ding sah aus wie ein gigantischer
Tortenaufsatz.

 

Der, so Tucholsky weiter, jenes Deutschland repräsentiere, das am
Kriege schuld gewesen ist. Er meint den 1. Weltkrieg. Schwer zu
ertragen.

Dabei hatte Tucholskys Anreise zum Deutschen Eck so schön
begonnen, mit der Eisenbahn, die hier Saufbähnchen genannt wird,
vorbei an den Weinbergen und den Weinschenken durch das Moseltal.
Er schreibt:

Musik

 

„Der Zug führte einen Waggon mit, der sah innen aus wie ein
Salonwagen, von hier aus hätte man ganz bequem Krieg führen
können, so mit einem Telefon auf dem Tisch, mit dicken Zigarren
(…). Wir führten aber keinen Krieg, sondern drückten auf die
Kellnerin, und dann erschien ein Klingelknopf, oder umgekehrt,
und dann konnte man auf dem langen Tisch einen naturreinen Mosel
trinken“.

Musik klingt aus

Der Moselwein hat seinen Schrecken angesichts des
Kaiserstandbildes nur wenig gemildert, wie wir gehört haben. Das
Denkmal wurde dann erst kurz vor Ende des 2. Weltkrieges vom
Sockel geholt, und zwar von Amerikanern.

O-Ton Peter Glasner 4

Im März 1945 kommt die 3. US-Armee von der Eifel her und
beschießt mit der Artillerie Koblenz. Und dabei wurde eben auch
das Reiterstandbild von einer amerikanischen Artilleriegranate
beschädigt und hing dann eben an einer Seite spektakulär mit den
Köpfen von Ross und Kaiser nach unten herab. Es ist unklar, ob
das jetzt Absicht war, oder ob das Kollateralschaden bei der
Beschießung der Stadt gewesen ist.

Wie auch immer: Das Ergebnis zählt. Die Reste des Standbildes
wurden dann ein­ge­la­gert und ver­schwanden dann spurlos. Bald
machte das ge­flü­gel­te Wort vom „längs­ten Denk­mal der Welt"
die Run­de: Das wertvolle Me­tall soll nämlich, wie es
ge­rüch­te­wei­se hieß, zu Kup­fer­draht ver­ar­bei­tet wor­den
sein, für die Ko­blen­zer Stra­ßen­bahn. Nur der Kopf des
Kai­sers ist er­hal­ten geblieben und heute noch im
Mit­tel­rhein-Mu­se­um in Koblenz zu sehen. Und der Rest?

O-Ton Peter Glasner 5

Der verbliebene Sockel wurde dann 1953 (…)  zum
Mahnmal der Deutschen Einheit erklärt, mit einem Fahnenmast und
der Bundesflagge obendrauf.

Das Mahnmal gibt es tatsächlich immer noch, nur 100 Meter
entfernt, auch nach der deutschen Wiedervereinigung.

O-Ton Peter Glasner

Ja, en miniature. Es gibt Versatzstücke der original
Berliner Mauer (…) als Erinnerung an die deutsche
Teilung.

(…). Man hätte ja auch, wie (…) die Gedächtniskirche in
Berlin,

(…) übrigens derselbe Kaiser,

hätte man ja eben auch einen Torso stehen lassen können
und das ausstellen können, dass hier mal was politisch
Historisches passiert ist.

Hat man aber nicht. Am Deutschen Eck steht stattdessen
mittlerweile ein Kaiser-Nachfolge-Denkmal, und zwar seit dem 2.
September 1993. Das war exakt der Tag, an dem sich 1871 im
Deutsch-französischen Krieg die französische Armee den deutschen
Truppen ergeben hatte. Sedanstag. Kurz darauf wurde Wilhelm I zum
Deutschen Kaiser proklamiert, in Versailles. In Koblenz am
Deutschen Eck wurde an diesem 2. September ein noch einmal neu
gegossenes Kaiserstandbild auf den Sockel gehoben, und zwar „vom
größten fahrbaren Gittermastkran Europas“, wie die Zeitungen
berichteten. Das zeugt doch von einer gewissen europäischer
Weitsicht, oder etwa nicht? Obwohl der Riesen-Kaiser nach wie vor
nach Osten dräut und sein Rücken und der, noch einmal Verzeihung,
Pferdearsch immer noch Richtung Frankreich zeigen.

Musik

Zur Einweihung, so ist im Archiv der Berliner tageszeitung, der
TAZ, vom 27. September 1993 nachzulesen, hatte der Koblenzer
Oberbürgermeister Willi Hörter nach allen Seiten weltoffen
gesagt, hier ins Hochdeutsche übertragen: „Wer das Denkmal sehen
will, soll kommen. Wer es nicht sehen will, soll zu Hause
bleiben. Und wer kommt, um sich zu ärgern, dem können wir auch
nicht helfen.“ Geholfen hat es vor allem dem Tourismus:
Mittlerweile besuchen jedes Jahr zwei Millionen Menschen den
Kaiser am Deutschen Eck. Was schreibt die TAZ zusammenfassend zu
der Angelegenheit? Kaiserschmarrn.

Musik klingt aus
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„Peinlicher Knutschfleck: Das Deutsche Eck in Koblenz OMG 12“

Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

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