Ferch am Schwielowsee wurde vor über 100 Jahren für Künstler zu
einem wichtigen Ort der Inspiration. Diese Folge erzählt die
Geschichte der Havelländischen Malerkolonie in Ferch, der Suche
nach Natur und die Abkehr vom hektischen Stadtleben. Eine Episode
über Kunst, Naturbeobachtung und den bewussten Bruch mit
Konventionen.
Die Havelländische Malerkolonie in Ferch am
Schwielowsee
Atmo Vogelgezwitscher
Ungefähr 30 Kilometer westlich von Berlin und am Ende des
Schwielowsees liegt der kleine Ort Ferch. Am Ortsrand weiter nach
Westen erhebt sich, ein wenig jedenfalls, eine hügelige,
waldreiche Moränenlandschaft Richtung Havelland, mit der höchsten
Erhebung weit und breit, dem Wietkiekenberg. „Wiet kieken“ heißt
„weit sehen“ auf Hochdeutsch, so weit das eben bei einer Höhe von
125 Metern möglich ist. Was man dann sieht, ist schön. Wie
gemalt, könnte man sagen. Und früher war es noch schöner, erzählt
Steffie Marquardt bei einem Rundgang durch den Ort. Sie ist die
stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Havelländische
Malerkolonie.
O-Ton Marquardt
Na, Ferch war ein (…) kleines, armes Fischerdorf,
und die Häuser waren sehr einfach. Die (…)
Gartenzäune m Teil so ein bisschen zusammengefallen.
Dahinter blüht es wild durcheinander. Und das waren eben schöne
Motive für die Berliner Maler, die also die Idylle auch ein
bisschen gesucht haben. Also (…) im Hintergrund eben immer
wieder der See. Und ja, ich sag mal, also dieses einfache, diese
hoppelige Dorfstraße, ein alter Sandweg, (…) die Backöfen, wo die
Leute dann gemeinsam ihr Brot gebacken haben.
Atmo
Diese Idylle zog irgendwann Maler und Malerinnen an, erst nur
zwei, dann immer mehr. Es entstand das, was schon 1926 die
Havelländische „Malerkolonie“ genannt wurde. Ein genaues
Gründungsjahr wie bei manchen anderen Künstlerkolonien gibt es
nicht. Die Kolonie war immer „nur“ eine lose Ansammlung von
Künstlern. Die ersten kamen einfach irgendwann hierher, vorneweg
Karl Hagemeister und sein Freund Carl Schuch.
Erzählt Carola Pauly, die Fördervereins- Vorsitzende.
O-Ton Pauly
Die ersten Künstler, (…) Karl Hagemeister, Carl Schucht,
die kamen 1878 hierher nach Ferch und alle anderen dann ab 1900
und verstärkt dann eben, seit es die Bahnanbindung und die
Anbindung mit dem Dampfer hierher nach Ferch gab. Denn Ferch war
sehr abgeschieden, war auch, wie es Karl Hagemeister beschreibt,
etwas heruntergekommen. so dass es sicherlich nicht die erste
Wahl war, um hier zu leben, aber die erste Wahl, um eben eine
unberührte Natur zu finden.
Atmo
O-Ton Marquardt
Hagemeister ist im Grunde ein sehr bekannter Maler, der
also auch schon zu Lebzeiten sehr bekannt war. Die
Nationalgalerie hatte schon mein Bild von ihm schon erworben. Er
war also war mit Bildern in Ausstellungen vertreten, sowohl in
Berlin als auch in München im Glaspalast. Er hat aber selbst,
also wenn er hier draußen war, also sehr zurückgezogen gelebt. Er
wollte malen, wollte seine Ruhe haben.
Und der Enge des akademischen Kunstbetriebs entkommen, ergänzt
Steffie Marquardt. An der Preußischen Akademie der Künste in
Berlin herrschten nämlich feste Regeln: gemalt wurde im Atelier,
und zwar hauptsächlich Historienbilder oder mythologische und
religiöse Themen. Und es gab genaue technische Vorgaben für die
Komposition und den Stil von B ildern. Dieses akademische Korsett
war vor allem vielen junge Künstlern zu eng. Sie wollten im
Wortsinne raus aus dieser Enge und an die frische Luft. Übrigens
nicht nur in Berlin, überall in Europa wurde Im späten 19.
Jahrhundert die Freilichtmalerei populär. Künstlerkolonien
entstanden, die erste in Barbizon südlich von Paris, die erste in
Deutschland in Willingshausen im hessischen Rotkäppchenland, oder
später die in Worpswede am Teufelsmoor.
Die meisten Maler der Fercher Kolonie hatten an Akademien
studiert, oft in Berlin. Sie lehnten die Ausbildung nicht
komplett ab. Sie wollten nur freier arbeiten, als die Akademien
es erlaubten. Dass sie dabei in Ferch landeten, hatte
verschiedene Gründe: Der Schwielowsee war nicht weit weg von
Berlin und bot reichlich Motive für Landschaftsmalerei:
Wasserflächen mit Spiegelungen, Kiefernwälder und märkische Hügel
oder kleine Fischerhäuser und das Dorfleben. Außerdem war dieses
Leben im Dorf günstiger und ruhiger als in der Stadt. Und man
hatte reichlich Platz zum Arbeiten. Steffie Marquardt.
O-Ton Marquardt
Und das war es eben, ne, also dieses, diese kleinen
Dörfchen eben. , ne, die so, also wie,Na ja, also wie hinter den
7 Bergen, ne, nichtbei den 7 Zwergen. Also Zwerge waren es nicht,
aber so, ne, dieses Abgeschiedene, wo es in Berlin ja schon, also
die Industrialisierung ging voran, das boomte dort. Da wurden
riesen Wohnsiedlungen gebaut, schöne Villenviertel, aber eben
auch die Mietskasernen, und ja, hierher hat man sich dann auch
gerne zurückgezogen.
Karl Hagemeister, wie gesagt, als erster.
O-Ton Marquardt
Also geboren ist er ja in Werder, dann hat er
zwischendurch ein paar Jahre in Ferch gewohnt, hatte mit Carl
Schuch also sozusagen einen, ja, Briefwechsel und hat ihn nach
Ferch eingeladen. So, Carl Schuch lebte ja in Süddeutschland und
war bezaubert also von diesem Ort Ferch, von dieser ganzen
Umgebung hier und kam zwei Sommer und hat also Karl Hagemeister
sozusagen hier in Ferch besucht.
Um mit seinem Freund ungestört und in Ruhe und gleichermaßen
beseelt von der Schönheit des Ortes zu malen. Was sie
malten?
O-Ton Marquardt
Na, Landschaftsbilder, vorrangig eben, ne?. Also immer
wieder mit dem Wasser verbunden, auch Wald. Dann waren Viele der
Maler auch haben auch figürlich gemalt. Also die haben praktisch
auch die die armen Leute, die hier lebten, gemalt, porträtiert
eben, ne.
Aber, wie gesagt: hauptsächlich das malerische Ambiente. Dazu
gehörte immer wieder auch der Wiesensteg, eine Brücke am Ortsrand
über einen feuchten Wiesengrund.
Atmo
O-Ton Marquardt
Und wenn wir uns nach links drehen, ist hier der berühmte
Wiesensteg. Also ich glaube, es gibt keinen Maler, der in Ferch
war, der nicht diesen Wiesensteg gemalt hat. Interessant ist
natürlich, weil man sich heute fragt: Wo ist denn hier die Wiese?
Also, Schüler haben mich das gefragt. Die Wiese gibt es nicht
mehr, sondern man hat es irgendwann der Natur überlassen, weil,
die Wiesen waren sowieso morastig, also schwer zu bewirtschaften.
Ja, und die Natur holt sich im Grunde genommen dann ihr Gebiet
zurück, und jetzt ist hier ein schöner Erlenbruch
entstanden.
Auch schön. Weniger schön war, dass und wie die Freundschaft der
Pioniere Hagemeister und Schuch den Bach runter ging. Der Grund
war, dass Hagemeister angefangen hatte, sich beim Malen verstärkt
den wechselnden Lichtstimmungen und Bewegungen in der Natur zu
widmen. Statt mit den bisher üblichen erdigen Farbtönen arbeitete
er jetzt mit lichten Farben. Das hatte nichts mehr mit Schuchs
Kunstverständnis zu tun. Den beiden Pionieren folgten vor allem
Landschafts-Malschüler an der Preußischen Akademie der Künste in
Berlin nach.
O-Ton Pauly 3
Die nächsten Generationen, das waren die Malschüler von
Eugen Bracht, die sich alle untereinander kannten, die hierher
kamen regelmäßig zum Malen kamen. Einige kauften sich eben ihre
Häuser und ließen sich hier nieder, andere fuhren eben einfach
wieder zurück nach Berlin. (…) Auch die Mitglieder des Vereins
Berliner Künstler haben regelmäßig Ausflüge hierher gemacht, und
natürlich kannten sie sich alle.
Das war es allerdings auch schon. Die Fercher waren ein loser
Haufen Farb- und Frischluftfreunde. Es gab beispielsweise keine
Gaststätte oder ein einen anderen Ort, an dem sich die Maler
selbstverständlich trafen. So wie beispielsweise das
Künstlerstübchen in der ersten deutschen Malerkolonie in
Willinghausen. Obwohl: Einen Ort gab es irgendwann schon, der für
gemeinsame Treffen wie geschaffen war: Der war auf Initiative des
Malers Wilhelm Weick entstanden.
O-Ton Marquardt
Familie Weick hatte neben der Malerei (…) auch ein
Restaurant betrieben. Weil, wie vorhin festgestellt, es kamen ja
viele Berliner im Sommer, die Berliner fahren ja gerne ins Jrüne,
So, und die kamen raus und da hat man sich gedacht, na, denen
kann auch geholfen werden, so Kaffee und Kuchen, bisschen
Restaurantbetrieb, also das ist schon ganz interessant, dass die
oft mehrere Standbeine hatten.
Die Maler, meint Steffie Marquardt. Die hier in Ferch irgendwie
finanziell über die Runden kommen mussten. Das Problem hatten sie
hier wie die anderen Malerkolonien auch: nämlich die entstandenen
Bilder zu verkaufen. Dabei half sozusagen die Nähe zum Publikum:
Denn immer mehr Berliner Ausflügler kamen nach Ferch ins Grüne,
auch um sich die Maler und ihre Bilder anzuschauen.
O-Ton Marquardt
Also das ging im Grunde genommen, ich sag mal so, um 1900
oder nach 1900 los, weil, die Eisenbahnlinie nach zwischen Berlin
und Potsdam bestand ja schon, und 1908 wurde dann die
Eisenbahnlinie von Potsdam nach, also heute geht sie nach
Jüterbog, damals, glaube ich, ging es bis Beelitz, eröffnet, so
dass man also Ferch gut erreichen konnte. Dann gab es schon im
Sommer wirklich auch den Dampferverkehr. Also damals waren es ja
noch richtig schöne Dampfer gewesen, so dass also die Leute aus
Berlin dann kamen. Sie folgten auch den Malern nach, das hat sich
rumgesprochen.
Wobei Verkäufe an Ausflügler eher die Ausnahme waren.
Verlässlicher waren dann doch die Kontakte zu Galeristen in
Berlin.
O-Ton Marquardt
Die Maler wollten malen. Sie waren also im Grunde
genommen keine Verkäufer. Und wenn die nicht einen Galeristen in
Berlin hatten, wie zum Beispiel Paul Cassirer, der dann also
diese Bilder auch verkauft hat, war es schwierig. Er hat
natürlich auch für die Maler das Thema vorgegeben, weil der
wollte natürlich immer Bilder haben, die gut verkäuflich
waren.
Dazu kam, dass der schon erwähnte Maler Wilhelm Weick, der mit
dem Café, ein Glücksfall für die Kolonie wurde. Der malte und
wohnte nicht nur in Ferch.
O-Ton Marquardt
Bei der Familie Weick war das Besondere, dass also der
Maler Wilhelm Weick das elterliche Antiquitätengeschäft in
Berlin-Schöneberg übernommen hat und dort auch Bilder aus Ferch
verkauft hat, also von seinen Malerkollegen. Und das waren dann
so die Quellen. Also, wo man die Bilder wirklich auch gut und
sicher absetzen konnte, weil, viele Leute wollten gerne diese
Idylle auch erleben und sich zu Hause ins Wohnzimmer
hängen.
Atmo
Bevor sie Bilder verkaufen konnten, mussten viele der genannten
Malerkollegen ans Werk gehen. Das bedeutet für die, die nicht
fest im Ferch wohnte, erst einmal, ein Quartier zu finden. Und
ein bezahlbares dazu. So entstand die Idee einer Malerherberge.
Die kam zwar nie zustande, aber das Gebäude dafür gibt es immer
noch, heute das Restaurant und Gartenlokal Haus am See.
O-Ton Marquardt
Also wir stehen jetzt vor einem Haus, das ist das Haus am
See, heute Hotel und Restaurant und das geht auf eine Idee von
Max Arenz zurück, (…)
Mehrer Maler, unter ihnen Carl Goebel, planten hier dann
im Grunde genommen auch, also ein Atelierhaus, in dem also
Künstler auch Ateliers sozusagen anmieten konnten und dort im
Sommer malen konnten. Und wie gesagt, also er hatte das damals
eben dieses (…) Haus wohl gekauft, dieses ursprüngliche Haus, und
das sollte erweitert werden. Und (…) es hat dann den einen
Antrag eingereicht gegeben. Der wurde aber abgelehnt in dieser
Sache. Und ja, Später, 1921, hat dann Carl Goebel also im Grunde
das Haus weiter ausgebaut (…) für Ausflügler, Vereins- und
Familienfeiern mit einer guten Küche und großem Gastgarten. Und
ja, also dass man hier dann mehr oder weniger die Gäste aus
Berlin dann also versorgen konnte und damit sie hier einen
schönen Nachmittag erleben.
Den kann man heute auch erleben heute bei einem Besuch des
Museums der Havelländischen Malerkolonie. Eröffnet wurde das vor
rund 20 Jahren, erzählt die Vorsitzende des Fördervereins
Havelländische Malerkolonie Carola Pauly:
O-Ton Pauly
Im Jahre 2002 gründete sich (…) der Förderverein
Havelländische Malerkolonie mit dem Ziel, hier in Ferch ein
Museum mit Kunstwerken der Künstler der Havelländischen
Malerkolonie zu eröffnen. Im gleichen Jahr kaufte damals noch die
Gemeinde Ferch dieses Haus (…) in sehr heruntergekommenem
Zustand an und übergab es quasi dem Förderverein, um darin das
Museum zu errichten.
Zu sehen ist hier u. a. auch eine eigene Sammlung des Museums,
die aus Dauerleihgaben besteht, aus Schenkungen, aus eigenen
Ankäufen und Bildern, die dem Museum testamentarisch hinterlassen
worden sind.
O-Ton Pauly
Auf jeden Fall, sie sind alle dem deutschen
Impressionismus zuzurechnen, der sich ja so ein bisschen von dem
sehr na ja, abstrakteren französischen Impressionismus dadurch
unterscheidet, dass man wirklich die die Landschaften noch sehr
deutlich erkennen kann.
Und man erfährt etwas über die Maler und Malerkolonie selbst, die
ja schon irgendwie anders war als die, die man sonst kennt.
O-Ton Pauly
Also das Besondere unserer Malerkolonie ist auch, dass
sie über viele Jahrzehnte bestand. Anders als es in anderen
Künstlerkolonien ist, wo es dann einen abgegrenzten Zeitraum
gibt, kamen immer wieder Künstler hierher, und wir haben ja auch
heute noch eine Künstlerszene hier in Schwielowsee, so dass man
eben auch sagen kann: Unabhängig davon, wie viele Künstler wir
hier nachweisen können, können wir sie auch über viele Jahrzehnte
hier nachweisen. Und es gibt ja auch sozusagen Künstlernachwuchs,
ja, natürlich. Also wir haben hier in Ferch mehrere Künstler, wir
haben die Waldgalerie, wir haben in Caputh eine sehr, ja, agile
Künstlerszene, (…) die gesamte Region bis nach Werder hin
zieht auch heute die Künstler an. Und die Keimzelle ist natürlich
Ferch, wer zweifelt daran.
Niemand. Weil Ferch so schön war und ist, wie es die Orte
Worspswede oder Willingshausen oder anderer Künstlerkolonien auch
waren.
O-Ton Pauly
ich denke, warum andere nicht so lange aktiv waren, liegt
zum einen darin, dass sich da Künstler thematisch
zusammengefunden haben. Also, wenn ich zum Beispiel an Murnau
denke, an den Blauen Reiter, die wo die ja dann irgendwann die
Künstler auseinander gegangen sind, weil sie eine andere Richtung
eingeschlagen haben. Viele Künstlerkolonien sind auch mit dem,
ich formulier es jetzt, also mit dem Deutschen Reich
untergegangen, also ab 1930, (…) oder 1933, weil viele Künstler
Berufsverbot hatten, die der eine oder andere ins Exil gegangen
ist, oder sie sich halt einfach zurückgezogen haben. Und hier bei
uns war es, glaube ich, ein bisschen anders. Dadurch, dass diese
Künstlerkolonie so ein kleines bisschen unter dem Radar von
denjenigen, die entscheiden wollten, was entartet ist oder nicht,
gelaufen ist, konnten sich eben hier (…) Künstler einfach
zurückziehen, für sich sein. Und dadurch ist sie nicht so ganz
zum Erliegen gekommen. Und wahrscheinlich ist es dann auch
einfach die Nähe zu Berlin, zur Akademie und zu dieser
Künstlerszene, dass dann später eben die Künstler auch hierher
zurückgekehrt sind. (…) Es ist weiterhin eben die Nähe zu Berlin,
die die Künstler hierherzieht.
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