Gino Bartali war ein gefeierter Radsportheld. Während des Zweiten
Weltkriegs half er heimlich dabei, jüdische Menschen zu retten
und riskierte dabei sein eigenes Leben. Eine Geschichte über Mut,
Risiko und Zivilcourage.
Diese Geschichte hatte ich für den Deutschlandfunk erzählt. Link
auf den Beitrag im Deutschlandfunk-Archiv:
https://www.deutschlandfunk.de/radrennfahrer-und-fluchthelfer-gino-bartali-held-oder-erfindung-dlf-256f7012-100.html
War Gino Bartali ein Held oder nicht?
Anmoderation
Gino Bartali war ein berühmter italienischer Radrennfahrer. Bis
zum Ende des 2. Weltkriegs hatte er schon zweimal die Tour de
France und einmal den Giro d’Italia gewonnen. Nach seinem Tod im
Jahr 2000 wurde er noch berühmter. Man erfuhr, dass Bartali In
der Zeit der deutschen Besatzung Mitglied einer katholischen
Widerstandsgruppe war, die verfolgten Juden zur Flucht verhalf.
13 Jahre nach seinem Tod wurde er dafür von der israelischen
Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „ Gerechter unter den
Völkern“ geehrt. 2018 startete der Giro d’Italia erstmals in
seiner 101-jährigen Geschichte außerhalb Europas: Die erste
Etappe fand in Jerusalem statt und war Bartali gewidmet. Bei
dieser Gelegenheit wurde Bartali posthum die israelische
Staatsbürgerschaft verliehen. Seit wenigen Jahren halten
italienische Historiker den Bartali-Mythos aber für erfunden. Ein
Beitrag von Bernd Geisen.
Beitrag
Gino Bartali ist in Italien eine Legende. Das war er schon in
seiner aktiven Zeit im letzten Jahrhundert. Warum man den
Radrennfahrer in Italien so verehrt, könne man nur verstehen,
wenn man wisse, wie Italiener in Sachen Sport ticken. Sagt
Alberto Tenan. Er ist promovierter Historiker und
Italienisch-Lehrer in Berlin. Und Bartaliano, wie er sagt, also
Bartali-Fan.
O-Ton Alberto Tenan 1
Radsport war in den Dreißiger-, Vierziger-,
Fünfzigerjahren populär in Italien wie Fußball.
Wie Fußball HEUTE, meint er. Und das muss man erst mal schaffen.
Gino Bartali war aber nicht nur ein populärer Sportsmann. Er war
auch ein mutiger Katholik in der Zeit des Faschismus in Italien.
Als er 1938 die Tour des France gewonnen hatte und auf dem
Siegertreppchen in Paris stand, erwartete man vom ihm auch eine
Grußadresse an den Duce Benito Mussolini.
O-Ton Alberto Tenan 2
Bartali kam (…) dann am Ende vor die Leute, er sagt: Ich
muss eine sehr wichtige Person grüßen. Alle haben gedacht, dass
er jetzt sagt Mussolini. Und er hat angefangen und gesagt: Sei
gegrüßt Maria.
Der gläubige Radrennfahrer kam irgendwann in Kontakt mit dem
katholischen Widerstand in der Toskana. Der Erzbischof von
Florenz, Elia Dalla Costa, und der Rabbiner von Florenz, Nathan
Cassuto, hatten ein Rettungsnetz geschaffen, um verfolgten Juden
zu helfen. Erzbischof Dalla Costa war es dann, so heißt es, der
Gino Bartali dazu brachte, dieses Rettungsnetz als Kurier zu
unterstützen.
O-Ton Alberto Tenan 3
(…) Mit der Ausrede, sich z u trainieren, hat er
zum Beispiel Dokumente (…) durch Italien gebracht mit dem
Fahrrad.
(…) Damit die Juden Nord- und Mittelitalien verlassen und
Süditalien erreichen, wo die Alliierten schon da
waren.
Bei seinen Kurierfahren mit dem Rad hat er Passfotos, gefälschte
Ausweise oder Passagierscheine transportiert, um Juden zu einer
neuen Identität und zur Flucht zu verhelfen. Versteckt waren alle
Dokumente in der Sattelstange seines Rads. Damit fuhr Bartali
durch die von der Wehrmacht besetzte Toskana hin und her,
zwischen Florenz, wo er wohnte, und Genua, Lucca, Certosa. Und
immer wieder zwischen Florenz und Assisi, das fast 180 Kilometer
von Florenz entfernt ist.
O-Ton Alberto Tenan 5
(…) Für einen Sieger, einen Meister, der einen Giro
d’Italia und zweimal die Tour de France gewonnen hat, war das
kein Problem, Florenz–Assisi zu machen in einem
Tag.
Assisi hat mehrere Gründe. Nicht nur in Rom, aber in ganz
Mittelitalien hatte der Vatikan und die Katholische Kirche in
Netz organisiert, um die Juden zu retten.
(…) In Assisi war der Bischof Monsignore Nicolini,
(…) ein Freund von Bartali, und konnte sehr gut Juden
verstecken. Es waren viele Klöster in Assisi. Und Assisi hatte
eine gute Lage, weil, da konnte die Schmuggler aus den Abruzzen
kommen und dann die Juden nach Süditalien
begleiten.
Es wird geschätzt, dass Bartali durch seine Fahrten mindestens
800 Juden vor der Deportation und Ermordung gerettet hat. Nach
seinem Tod im Jahr 2000 verlieh ihm der italienische
Staatspräsident Carlo Ciampi 2005 posthum die goldene
Ehrenmedaille für seinen humanitären Einsatz. 2013 wurde er von
der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter
unter den Völkern“ geehrt, für seine Beteiligung an der Rettung
verfolgter italienischer Juden während des 2. Weltkriegs.
Seine Rettungsfahrten haben Gino Bartali in Italien den Beinamen
„Radelnder Oskar Schindler“ eingebracht.
Musik
Im Jahr 2020 veröffentlichte dann Michele Sfarlatti, damals
Direktor des Dokumentationszentrums zu jüdischer Zeitgeschichte
in Mailand, seine Zweifel an der Legende vom radelnden Oskar
Schindler. Bartalis Heldengeschichte stamme aus einem Buch aus
dem Jahr 1978. Geschrieben hatte das Alexander Ramati, ein
international tätiger Drehbuchautor, Regisseur und Filmproduzent.
Das Ganze war ein Bericht über die Hilfe für verfolgte Juden aus
der Sicht eines Paters aus Assisi, Rufino Niccacci. Den hat es
tatsächlich gegeben. In diesem Bericht seien Bartalis Name und
seine Rettungsfahrten das erste Mal erwähnt worden. Außerdem
enthalte er viele historische Fehler. Drittens deuteten die
Aussagen ehemaliger Protagonisten des katholischen Widerstands in
der Toskana eher auf einen gewissen Mario Finzi hin: Der soll als
Kurier unterwegs gewesen sein. Finzi wurde im April 1944 in
Bologna verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort getötet.
Und nicht zu vergessen habe auch Aldo Brunacci, der in Assisi
dafür zuständig gewesen war, Verstecke für Juden in den Klöstern
der Stadt einzurichten und gefälschte Dokumente zu organisieren,
abgewunken, so Sfarlatti,. Das Buch von Ramati sei ein Roman. Der
Autor habe sicherlich ein Drehbuch für einen Film im Sinn gehabt
und die Rolle von Bartali als Kurier einfach erfunden.
Musik
Dieser Meinung sind auch Marco Pivato, Historiker, und sein Sohn
Stefano Pivato, Wissenschaftsjournalist. Der Titel ihres Buches
aus dem Jahr 2021 bringt ihre Einschätzung auf den Punkt: „Die
Besessenheit von der Erinnerung. Bartali und die Rettung der
Juden: eine erfundene Geschichte.“ Dabei stoßen sich die Pivatos
wie auch Sfarlatti vor allem daran, dass es keine schriftlichen
Belege für Bartalis Rettungstaten gibt. Was nicht verwunderlich
ist: Bartali hat angeblich nicht einmal über seine Aktivitäten
GESPROCHEN. Auf eine Frage seiner Enkelin soll er dazu später
gesagt haben: „Gutes tut man und spricht nicht darüber“. Niemand
habe deshalb zu seiner Zeit etwas von seinen Rettungsfahrten
gewusst: Davon ist auch Alberto Tenan überzeugt:
O-Ton Alberto Tenan 6
In seiner Familie niemand. Sogar die Frau nicht, in der
Zeit.
Grund dafür ist für Alberto Tenan dabei nicht allein das, was man
vielleicht mit „Bescheidenheit“ oder „Anstand“ umschreiben
könnte.
O-Ton Alberto Tenan 7
Auch aufgrund der Sicherheitsgründe. Niemand musste das
wissen. Je weniger Leute, desto besser.
Heute kennt jeder die Geschichte von Gino Bartali. Vor allem auch
deswegen, weil es Zeitzeugen gibt, die Bartalis Rettungstaten
betätigen. Beispielsweise Giorgio Goldenberg. Dessen
Zeugenaussage hat die US-amerikanische Stiftung zur Aufarbeitung
der Rolle Italiens bei der Judenverfolgung aufgezeichnet. Sie ist
im Internet zu sehen.
O-Ton Giorgio Goldenstein
When I went to school that day I saw my teacher telling the
principal that I am a Jew. This child he's a Jew. And then the
principal came to me together with a policeman. And they told me
that from that moment, I am expelled from the school and I have
to go home. (...) My father was a friend of Gino Bartali. And he
told Bartali that he is looking for a place to hide. And Bartali
hid my father, my mother and my sister in the basement in his
house. Inspite of knowing that the Germans were killing everybody
who was hiding a Jew.
Voiceover
Als ich an einem Tag zur Schule ging, sah ich, wie meine
Lehrerin dem Direktor sagte, dass ich Jude sei. Und dann kam der
Direktor zusammen mit einem Polizisten zu mir. Und sie sagten
mir, dass ich von diesem Moment an von der Schule verwiesen werde
und nach Hause gehen muss. Mein Vater war ein Freund von Gino
Bartali. Und er sagte Bartali, dass er ein Versteck sucht. Und
Bartali versteckte meinen Vater, meine Mutter und meine Schwester
in einem Keller seines Hauses. Obwohl er wusste, dass die
Deutschen jeden töteten, der einen Juden
versteckte.
Eine ganze Reihe von Zeitzeugen haben die Gedenkstätte Yad Vashem
davon überzeugt, dass die Rettungstaten von Gino Bartali
tatsächlich stattgefunden haben. Auf die Nachfrage, was man von
der Einschätzung der italienischen Historiker halte, kam von Yad
Vashem folgende Antwort: Man beurteile andere Forschungsinstitute
nicht. Yad Vashem stütze sich bei allen Entscheidungen stets auf
die Aussagen von Überlebenden und nicht auf akademische Werke.
Und man habe festgestellt. dass Bartali sehr stark in die
Rettungsbemühungen des Netzwerks von Kardinal Dalla Costa in
Florenz involviert war. Das belegten Zeugenaussagen von Personen,
die seine Hilfe in Anspruch nahmen.
Zeitzeugen seinen zwar wichtig, räumt Michele Sfarlatti ein,
reichten aber – auch im Fall Bartali - nicht aus.
Erinnerungen seien ein lebendiger Organismus, der sich mit der
Zeit verändere und trügerisch sein könne. Auch sein Nachfolger im
Amt als Direktor des Dokumentationszentrums jüdischer
Zeitgeschichte in Mailand, Gadii Luzzatto Voghera, sieht das
so.
O-Ton Gadi Luzzatto Voghera
Le considerazioni di Michele Sarfatti, sia le tesi proposte dal
libro di Stefano privato e Marco privato l'ossessione della
memoria ci sembrano molto attendibili, avendo documentato altre
testimonianze di seconda o di terza mano, non sembrano supportate
da sufficiente documentazione.
Voiceover
Die Überlegungen von Michele Sarfatti als auch die Thesen
in dem Buch von Stefano Pivato und Marco Pivato scheinen sehr
zuverlässig und gut dokumentiert zu sein. Andere Berichte aus
zweiter und dritter Hand scheinen nicht ausreichend dokumentiert
zu sein.
Was er denn von den Rechercheergebnissen von Yad Vashem halte?
Dazu wollte sich Gadi Luzzatto Voghera ebenfalls nicht äußern. Ob
er persönlich denn glaube, dass die Rettungsgeschichte von Gino
Bartali tatsächlich erfunden ist?
O-Ton Gadi Luzzatto Voghera
Non concordo con la parola inventata un'invenzione prevede un
atto cosciente e creativo di uno o più persone che a tavolino si
mettono a costruire qualcosa di completamente nuovo e inedito.
Nel caso di Bartali credo più semplicemente che si tratti di un
racconto che si è formato nel tempo arricchendosi di particolari,
una narrazione che è diventata reale già solo per il fatto che è
stata raccontata.
Voiceover
Ich bin mit dem Wort "erfunden" nicht einverstanden. Eine
Erfindung ist ein bewusster und schöpferischer Akt. Im Fall von
Bartali glaube ich eher, dass es sich um eine Erzählung handelt,
die sich im Laufe der Zeit herausgebildet und mit Details
angereichert hat, eine Erzählung, die allein durch die Tatsache,
dass sie erzählt wurde, real geworden ist.
Was ist denn nun die Realität? Mehr als wahrscheinlich ist, dass
Gino Bartali tatsächlich ein Retter verfolgter Juden war und
darum „Gerechter unter den Völkern“ ist. Wobei man möglicherweise
einige Details der Geschichte, die man sich über ihn erzählt,
dazugedichtet hat. Könnte sein. Wie auch immer: Das Magazin Der
Spiegel hat die Person Gino Bartali einmal sehr kurz und sehr
schön beschrieben: Beine aus Stahl, Herz aus Gold.
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