Theodor Fontanes Gedicht machte Ribbeck im Havelland weltberühmt.
Doch bis heute bleibt eine spannende Frage offen: Gab es den
legendären Birnbaum tatsächlich? Diese Folge geht der
literarischen und regionalen Geschichte nach und fragt, was
Mythos und was historische Realität ist.
Der Birnbaum in Ribbeck
Anmoderation
Viele Menschen verreisen, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen.
Alle Sehenswürdigkeiten haben etwas Wichtiges gemeinsam: Man kann
sie sehen, weil es sie gibt. Darüber hinaus gibt es diejenigen
Sehenswürdigkeiten, die es eigentlich nicht oder nicht mehr gibt,
die aber geschaffen werden, weil Besucher sie unbedingt sehen
wollen. Wie beispielsweise den Birnbaum des Herrn Ribbeck auf
Ribbeck im Havelland.
Beitrag
Auch Dinge, die man nicht sehen kann, können begeistern. Denken
Sie nur an den Film „Tanz der Vampire“. Der Schüler des
Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem
Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel
gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen.
Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und
weg.
O-Ton: Professor: „Ich würde was drum geben, das
zu sehen.“ Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts.“
Gleich vorweg: In Ribbeck ist schon einiges zu sehen.
Beispielsweise das sanierte Schloss derer zu Ribbeck, in dem es
mittlerweile auch ein Fontanemuseum gibt. Oder die
Veranstaltungen in der ehemaligen Scheune, die der Kulturverein
organisiert. Das ist aber eigentlich alles nur Beiwerk zum alten
Ribbecker Birnbaum. Noch bis vor zwei Jahren stand am Dorfeingang
ein unübersehbares Schild „Zum Birnbaum“,. Wo das nach dem Neubau
der Ortseinfahrt abgeblieben ist, weiß keine so genau. Das Schild
ist weg. Und der Birnbaum auch, den ein Gedicht von Theodor
Fontane unsterblich gemacht hat.
Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit,
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«
Der Sterbende hat sich dann seinerzeit – so das Fontane-Gedicht –
eine Birne mit ins Grab legen lassen. Seine Gruft lag zwar unter
dem Ribbecker Kirchlein. Aber sie ragte über deren Seitenrand
hinaus in den Pfarrgarten hinein. Daher soll dann dort einige
Jahre später der berühmte Birnbaum gewachsen sein, aus dem der
„alte Ribbeck“ immer noch den Jungen und Mädels zugeflüstert und
seine Birnen angepriesen hat
Einen Hans-Georg von Ribbeck, der für seine Freundlichkeit und
Kinderliebe bekannt war, hat es tatsächlich gegeben. Das ist in
einem Büchlein der Ribbecks zum Fontanegedicht zu lesen. Begraben
wurde der 1759 in besagter Gruft. Im Jahr 1911 soll dann der
Original-Birnbaum einem Sturm zum Opfer gefallen. Er hat im Laufe
der Zeit eine ganze Reihe von Nachfolgern gehabt. Ganz zu Beginn
einen Hutzelbirnbaum, wie ihn ein ehemaliger Pfarrer mal genannt
hat, der schon in den 1920er Jahren zersägt und scheibenweise
verkauft wurde. Der Erlös war für die Sanierung der Dorfkirche
gedacht. Der aktuelle Birnbaum wurde im Jahr 2000 gepflanzt und
ist die Spende einer Baumschule aus Potsdam.
Also: Der Birnbaum ist nur ein Doppelgänger. Dennoch sind er und
überhaupt Birnen die Knüller in Ribbeck, bestätigt Sonja Herrmann
vom Kulturverein Ribbeck:
O-Ton Sonja Herrmann 1
Natürlich ist unser größter Marketingchef nach wie vor Fontane.
Die meisten, vor allem die Bildungsbürger, kommen (...) auf den
Spuren der Birnen und auf den Spuren des Gedichtes. Wir haben ja
auch wieder einen Birnbaum vorm Schloss, und natürlich ist auch
die ganze kleinteilige touristische Infrastruktur hier im Ort
ausgerichtet auf die Birne und auf die Geschichte.
So kann man beispielsweise in der alten Schule, die heute
Schulmuseum und Café in einem ist, alles Mögliche unter der
Rubrik „Aus der Birne“ kaufen: Likör, Marmelade, Senf, Essig,
Heißer Birnenwein, genannt Glühbirne, und nicht zuletzt
Birnenbrand. Der kommt allerdings nicht aus Ribbeck, sondern aus
dem Elsass. Unter der Rubrik „Für die Birne“ sind Bücher im
Angebot: über Birnen, über Ribbeck und natürlich über Theodor
Fontane mit seinem Ribbeck-Gedicht.
Birnbaum und Birnen sorgen für reichlich Besucher im Ort. Sonja
Hermann erzählt,..
O-Ton Sonja Herrmann 2
...dass diese Birnen-Tourismus oder Gedichts-Tourismus, je
nachdem, wie man ihn nennen möchte, tatsächlich schon in den
Achtzigerjahren hier angefangen hat. Und der Nukleus ist
eigentlich so eine kleine Bude neben der Kirche, die damals der
alte Pastor hier aus dem Ort, der seit den Siebzigerjahren hier
Pastor war, aufgestellt hat und von dort eben Leute, die sich –
(...) es lag an der Transitstrecke – interessiert haben für den
Birnbaum und das Gedicht, die sich da Informationen holen
konnten. Das heißt, schon in den Achtzigerjahren, also vor der
Wende, gab es hier zarte Pflänzchen des Tourismus. Und dann
natürlich mit Fall der Mauer und Öffnung der Grenzen sind immer
mehr Leute hierhergekommen.
Heute sind es vor allem Besucher aus Westdeutschland, aus dem
Ostteil der Republik immer weniger. Das liegt nicht daran, ist in
einer Rede des ehemaligen brandenburgischen Innenministers
Schönbohm nachzulesen, dass man Fontane in der DDR nicht gekannt
und geschätzt hätte. Das schon. Nicht aber das Bild des
herzensguten alten Gutsherrn von Ribbeck. Der Klassenfeind konnte
und durfte kein netter älterer Herr mit sympathischem Dialekt und
einem großen Herz für Kinder sein. Also kam er in der Schule
nicht vor. Im sanierten Schloss übrigens, das bis in die
Neunzigerjahre als Altenheim genutzt wurde, ist ein Wandrelief
aus DDR-Zeiten erhalten, in Erinnerung an Fontane und den „alten
Ribbeck“. Anstelle des üblichen liebenswürdigen weißhaarigen
Großvatertyps ist hier auf der linken Seite ein feister Gutsherr
zu sehen, der sich selbst eine Birne zu Gemüte führt, während
dünne Kinder vor ihm knieen und die Hände aufhalten. Was sie
erhalten haben, geben sie auf der rechten Seite selbstlos an
Bedürftige weiter.
Warum machen sich nun gerade die vielen westdeutschen Besucher
auf den weiten Weg nach Ribbeck, obwohl der Birnbaum fast neu ist
und der Birnenschnaps aus dem Elsass stammt? Darauf hat sich
Sonja Herrmann ihren eigenen Reim gemacht.
O-Ton Sonja Herrmann 3
Ich hatte mal ein denkwürdiges Erlebnis hier. Und zwar war ich
auch im Schloss aktiv. Ich habe da mitgeholfen, das als
touristisches Zentrum zu eröffnen. Da kam eine Delegation aus
Amerika. (...) Und ich habe ihnen dann auf Englisch – das Gedicht
ist vertont in verschiedenen Sprachen, unter anderem natürlich
auch in Englisch – ... und ich habe ihnen das vorgelesen und
versucht zu erklären, wo das herkommt. Es war ganz klar
ablesebar, das verstehen sie nicht. Sie können sich nicht
vorstellen, wie eben dieses Gedicht so viel Wirkung hat für den
Ort und so viel Bedeutung. Und dann ist mir klargeworden, das hat
ganz viel damit zu tun, dass viele Menschen das einfach als Kind
lernen, dieses Gedicht, oder hören. Und Leute, die das als
Erwachsene Hören, die legen das auch wieder beiseite. Die können
vielleicht kurz drüber nachdenken, wie das ist mit dem Alten und
dem Jungen und der Großzügigkeit und dem Geiz (...) Aber es
bleibt auf einer abstrakten Ebene. Und wer das als Kind hört, der
hat diese Bilder im Kopf. Und das sind diese Sehnsuchtsbilder,
die den Menschen, wenn sie älter werden und reisen, ... diese
Bilder der Welt, die noch in Ordnung ist, ... das haben die im
Kopf, und das suchen die. Und deswegen kommen die.
Und zwar in normalen Jahren etwa 50.000 Besucher. Sehr zur Freude
der Ribbecker, und ganz im Sinne des letzten Verses aus dem
Fontane Gedicht:
So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.
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