Shakespeares Tragödie „Romeo and Juliet“ hat Verona zu einem der
bekanntesten literarischen Reiseziele Europas gemacht. Besonders
der sogenannte Balkon der Julia zieht jährlich zahlreiche
Besucher an. Doch wie viel historische Grundlage hat dieser Ort
tatsächlich? Die Folge beleuchtet die Entstehung des Ortes und
seine Entwicklung zum touristischen Highlight.
Der Balkon in Verona
Anmoderation
Viele Menschen verreisen, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen.
Alle Sehenswürdigkeiten haben etwas Wichtiges gemeinsam: Man kann
sie sehen. Vielleicht sogar anfassen, wenn man nahe genug
herandarf. Es gibt aber auch solche Sehenswürdigkeiten, die man
nur gezeigt bekommt, weil man sie unbedingt sehen will. Wie
beispielsweise den Balkon am Haus der Julia in Verona.
Beitrag
Auch Dinge, die man nicht sehen kann, können begeistern. Denken
Sie nur an den Film „Tanz der Vampire“. Der Schüler des
Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem
Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel
gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen.
Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und
weg.
O-Ton: Professor: „Ich würde was drum geben, das
zu sehen.“ Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts.“
Genau dieses Problem hatte die Stadt Verona. Wer sie besucht,
wird nämlich wahrscheinlich irgendwann in der Via Capello 23
landen. Dort steht zwischen Modeboutiquen und Eiscafés ein
mittelalterliches Haus. Hier hat angeblich Julia gelebt, die
Geliebte von Romeo. Die Geschichte der beiden ist durch die
Tragödie von William Shakespeare weltbekannt. Es geht um die
Liebe eines jungen Paares, das unglücklicherweise aus zwei
verfeindeten Familien stammt. Romeo ist ein Montague, Julia eine
Capulet. Die Geschichte geht, wie Tragödien es so an sich haben,
nicht gut aus. Die beiden bringen sich verzweifelt selbst um.
Ihre Eltern versöhnen sich zwar, aber zu spät – erst über den
Gräbern ihrer Kinder.
Dass sie sich lieben, gestehen sich die beiden eines Abends im
Hof des Capulet-Hauses. Romeo unten im Garten, Julia oben im
ersten Stock. Eine besonders gelungene Szene, findet auch Vera
Kreyer. Sie gehört zur Shakespeare Company Berlin, einem Theater,
das nur Shakespeare-Stücke spielt.
O-Ton Vera Kreyer 1
Wir sehen Julia, die oben auf dem Balkon steht. Unten im Garten,
verborgen in der Dämmerung, steht Romeo. Und er wird Zeuge, wie
Julia über die Liebe zu ihm spricht. Er gibt sich später dann zu
erkennen, und am Schluss schwingt er sich zu Julia über die Mauer
hoch auf den Balkon. Ich finde das sehr romantisch, und das ist
eine besondere Szene in dem Stück, mit einer besonderen
Bedeutung, denn dieses Heraufschwingen zu Julia (...) erzählt
quasi bildlich das Überwinden der Kluft zwischen den zwei
Liebenden.
Die herzzerreißende Geschichte stammt übrigens eigentlich gar
nicht von Shakespeare. Der hat sie wahrscheinlich 1562
veröffentlicht, ja. Aber gute 30 Jahre vorher ist die Novelle des
Italieners Luigi Da Porto mit derselben Handlung erschienen.
Verschiedene Versionen davon waren in ganz Europa bekannt, auch
in England. Es stimmt natürlich: Erst die Shakespeare‘sche
Fassung hat Romeo und Julia unsterblich werden lassen. Und in
Verona scheut man wirklich keinen Aufwand, damit das so bleibt.
Und das ist nicht einfach. Es gibt nämlich nichts.
Fangen wir mit dem Haus an. Das Haus in der Via Capello 23, das
heute als "Haus von Julia" in jedem Reiseführer steht, war noch
vor hundert Jahren ein Stall mit mit Herberge. Die nach einer
Aussage von Charles Dickens allerdings zu den schlechtesten in
Verona gehört hat. Im Jahr 1937 hatte dann Antonio Avena, der
damalige Direktor der Museen von Verona, die Idee, diesen Stall
zur "Casa di Giulietta" zu machen. Am Eingangsbogen zum Innenhof
war das Wappen der Familie Capulet zu sehen gewesen. Immerhin ein
Indiz dafür, dass eine Familie mit diesem Namen hier
möglicherweise gewohnt haben könnte. Als Modell für den Umbau
diente ihm dabei weitgehend die Kulisse des amerikanischen
Filmknüllers Romeo and Juliet, eine Hollywood-Produktion aus dem
Jahr davor.
Und dann die Sache mit dem Balkon. In besagtem Film hatte der
amerikanische Regisseur George Cukor Julia erstmalig auf einem
Balkon auftreten lassen. Der Film und die Balkonszene, wie sie
seither heißt, waren ein voller Erfolg. Und die Veroneser waren
es irgendwann leid, Menschen aus aller Welt erklären zu müssen,
dass es den berühmten Balkon nicht gibt. Erstens nicht im
Shakespeare‘schen Original. Hier heißt eine Regieanweisung für
die erwähnte Szene nämlich: „Juliet appears above at a window.
Also: Julia erscheint oben an einem Fenster. Um genau darum gebe
es zweitens keinen Balkon am Haus der Julia. Weil die Nachfragen
aber nicht nachließen, hat der emsige Direktor der Veroneser
Museen auch noch einen Balkon am ehemaligen Stall anbringen
lassen. Wir haben Vera Kreyer gefragt, ob für sie als
Shakespeare-Expertin diese ganze Balkon-Geschichte nicht eine
Fälschung des Originals sei.
O-Ton Vera Kreyer 2
Für mich sind inszenatorische Mittel prinzipiell keine Fälschung
– kann man einfach machen, so wie man das Stück sieht.
(...) Wenn man sich ein Theaterstück oder einen Text vornimmt und
den auf die Bühne bringen möchte, ist es sowieso notwendig, dass
man seine eigene Sichtweise, seine eigenen Ideen, seinen eigenen
künstlerischen Ausdruck benutzt, um sie auf die Bühne zu bringen,
weil wir ja als Künstler nicht irgendwas kopieren oder
nachspielen, sondern weil wir ausdrücken.
(...) Überhaupt sieht die Umsetzung der Stücke von Shakespeare
inzwischen völlig anders aus als damals zu Shakespeares Zeiten,
denn im elisabethanischen Theater durften ausschließlich Männer
theaterspielen. Frauen waren gar nicht zu sehen. Also alle
Mädchen, Frauen wurden ebenfalls von männlichen Schauspielern
gespielt. Das ist ja heute Gott sei Dank auch anders.
Heute führen in Verona eine Schauspielerin und ein Schauspieler
die berühmte Szene auf, zwei Mal pro Tag. Und gerade der Balkon
kommt dabei gut weg, auch bei Vera Kreyer.
O-Ton Vera Kreyer 3
Auf besagtem Balkon in Verona war ich sogar mal selbst gewesen.
Da war ich ungefähr 18, 19, habe den natürlich aufgesucht, da ich
auch das Stück Romeo und Julia kannte. Und mir war schon klar,
dass das nicht der echte Balkon ist, auf dem irgendeine Julia
oder Julietta mal gestanden hat. Aber ich fand es trotzdem schön,
es auf mich wirken zu lassen und mir vorzustellen, wie sich die
Geschichte abgespielt haben könnte. (...) Aber nicht nur ich war
von der Romantik des Ortes ergriffen. Sondern unten auf dem Hof,
vor dem Balkon, stand ein junger Mann, der rief: „Giulietta!“
Kommentare (0)
Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben.