Auf der Wartburg bei Eisenach wird eine der bekanntesten Legenden
der Reformationsgeschichte erzählt: Martin Luther soll während
seiner Übersetzung des Neuen Testaments den Teufel mit einem
Tintenfass vertrieben haben – zurück blieb ein Fleck an der Wand.
Diese Folge geht der Frage nach, wie sich diese Erzählung
entwickelt hat, warum sie bis heute präsent ist und was
tatsächlich historisch belegt ist.
Der Tintenfleck in der Lutherstube auf der
Wartburg
Anmoderation
Viele Menschen verreisen, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen.
Alle Sehenswürdigkeiten haben etwas Wichtiges gemeinsam: Man kann
sie sehen. Vielleicht sogar anfassen, wenn man nahe genug
herandarf. Es gibt aber auch solche Sehenswürdigkeiten, die man
nicht sehen kann und die trotzdem jede Menge Besucher anziehen.
Beispielsweise der berühmte Tintenfleck in der Lutherstube auf
der Wartburg.
Beitrag
Auch Dinge, die man nicht sehen kann, können begeistern. Denken
Sie nur an den Film „Tanz der Vampire“. Der Schüler des
Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem
Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel
gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen.
Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und weg.
O-Ton: Professor: „Ich würde was drum geben, das
zu sehen. „Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts“.
Ähnlich hin und weg sind seit jeher auch die Besucher der
Lutherstube im thüringischen Eisenach. Diese Lutherstube befindet
sich im hintersten Winkel der Wartburg, die sich weit über die
Stadt und die üppigen Wälder ringsum erhebt. Viele, sagt die
Museumsleitung, suchen hier an der Wand neben dem grünen
Kachelofen den berühmten Tintenfleck. Der soll so entstanden
sein: Als Martin Luther sich vor seinen Verfolgern auf der
Wartburg versteckt hielt und hier die Bibel ins Deutsche
übersetzt hat, soll er vom Teufel belästigt worden sein. Luther
soll nach seinem Tintenfass gegriffen und nach dem Teufel
geworfen haben, um ihn zu vertreiben. So sei ein Tintenfleck
neben dem Ofen entstanden. Belegt ist die Geschichte keinesfalls.
Aber beliebt. Wie sehr, berichtet Dr. Dorothee Menke. Sie ist
wissenschaftliche Mitarbeiterin auf der Wartburg.
O-Ton Dorothee Menke
Zwar gab es wohl tatsächlich mal einen Fleck., und zwar seit der
zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, also ein gutes Jahrhundert
nach Luthers Tod: Damals haben sich nämlich die Kastellane der
Burg die Geschichte zunutze gemacht und tatsächlich Tinte an die
Wand gespritzt. Das erwies sich als publikumswirksame Maßnahme.
Und so mancher der damals schon zahlreichen Lutherverehrer und
Wartburgbesucher hat ein Stück Wandputz mit Tinte aus der
Lutherstube mitgehen lassen. Der Fleck wurde darum immer wieder
erneuert
Und zwar bis ins 19. Jahrhundert hinein. Heute fehlt er ganz. Die
letzte schriftliche Erwähnung einer solchen "Auffrischung" stammt
aus dem Jahre 1855. Und das erste bekannte Foto der Lutherstube
von 1872 zeigt schon keinen Fleck mehr.
O-Ton Dorothee Menke
Die Kollegen, die vor der Lutherstube Aufsicht stehen, werden
schon sehr regelmäßig gefragt, wo denn der Tintenfleck sei. Oft
sogar mehrmals täglich. So gut wie alle Besucher haben schon
davon gehört oder glauben sogar sich daran zu erinnern, diesen
Tintenfleck schon früher mal hier gesehen zu haben. Die können
dann gar nicht glauben, dass dieser Tintenfleck nur aus einer
Geschichte stammt oder sogar ihrer Fantasie entsprungen
ist.
Wer den Tintenfleck dennoch und öfter sehen will, kann im
Museumsladen der Wartburg einen Kühlschrankmagneten in Form eines
schwarzen Kleckses kaufen: natürlich mit der Signatur "Martinus
Luther".
O-Ton: „Ja aber man sieht gar nichts
Kommentare (0)
Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben.