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  4. Hat Siegfried den Drachen wirklich am Rhein besiegt? OMG 04
Die Sage vom Drachentöter Siegfried ist eng mit dem Rhein und
insbesondere Königswinter verbunden. Diese Folge zeigt, wie sich
die Erzählung aus dem Nibelungenlied entwickelte und wie sie im
Zuge der Rheinromantik des 19. Jahrhunderts regional verankert
wurde.

Königswinter am Rhein

Warum Siegfried den Drachen hier erschlagen
hat

Anmoderation

Das malerische Königswinter am Rhein zieht von jeher viele Gäste
an. Neben dem Rheinwein und dem Siebengebirge spielt dabei auch
die Geschichte von Siegfried und dem Drachen eine wichtige Rolle.
Dass die sich tatsächlich hier zugetragen hat, ist allerdings
mehr als fragwürdig. Mit dieser Herausforderung lebt man in
Königswinter aber ganz gut. Genau genommen seit der Zeit, als das
Nibelungenlied ins Hochdeutsche übertragen worden war.

Atmo Pferd

 

Beitrag

Siegfried kennen Sie. Das war der strahlende Held, der seinerzeit
die schöne Kriemhild geheiratet hat. Und der auf seinem Weg von
seiner Heimatstadt Xanten nach Worms, wo Kriemhild wohnte, einen
Drachen besiegt, und zwar mit seinem Schwert Balmung. Damals
hatten die Schwerter noch Namen. Er hat dann auch noch in dessen
Blut gebadet, was ihn unverletzlich gemacht hätte. Wenn ihm dabei
nicht das verdammte Lindenblatt zwischen die Schultern geflattert
wäre. Und so weiter und so weiter. Dass sich die Geschichte so
zugetragen hat, weiß heute fast jeder. Aber nicht wo.

Musik „Es war in Königswinter“

In Königswinter am Rhein weiß man das schon. Nämlich genau hier.
Davon geht man in Königswinter jedenfalls felsenfest aus: Hier
dreht sich alles um den sagenhaften Drachen. Drachenburg,
Drachenloch und vor allem um den Drachenfels, felsenfester geht
es nicht.

Die Belege dafür, dass es hier tatsächlich einen Drachen gegeben
haben könnte, den Siegfried dann getötet hat, sind dabei in
keinster Weise gerichtsfest, um es mal so zu formulieren. Aber
interessant sind sie schon. Da sei zunächst der Berg Drachenfels,
der Königswinter überragt, sagt Dr. Peter Glasner, Privatdozent
für Germanistische Mediävistik an der Bonner Universität.

O-Ton Glasner 1

Historisch gesehen gibt es natürlich einfach die
mittelalterliche Burg Drachenfels und die Burggrafen vom
Drachenfels, die eben auch seit dem Hochmittelalter schon den
Drachen in ihrem Wappenschild führen. Das scheint für mich eine
doch verlässliche Spur zu sein. Fadeout

Fragt sich nur, woher die Burggrafen ihren Uraltnamen und ihr
Wappen haben. Eine Theorie ist: vom Felsgestein Trachit, das dort
abgebaut worden ist, übrigens auch für den Bau des Kölner Doms.
Kann nicht stimmen, sagt Peter Glasner.

O-Ton Glasner 2

So funktioniert Namensgebung im Mittelalter nicht.
Außerdem ist der älteste Belegt des Wortes Trachit nicht alt
genug, um die Existenz eines Drachens da zu
rechtfertigen.

Woher kommt der Königswinterer Drache also dann?

O-Ton Glasner 3

Es ist doch eher eine Mythoszuschreibung aus
verschiedensten Quellen des 19. Jahrhunderts.

Die wichtigste dieser Quellen ist das Nibelungenlied. Das
schildert den Untergang des Burgunderreiches im
5.Jahrhundert  nach Christus. Geschrieben wurde es im
13.Jahrhundert. Verfasser unbekannt. Karl Simrock,  der
erste Germanistikprofessor der Bonner Universität, hat es 1827
aus dem Mittelhochdeutschen ins Hochdeutsche übersetzt. Deshalb
ist der Held dieses Epos allgemein bekannt: besagter Siegfried,
der den Drachen überwältigt.

Musik Wagner Ring des Nibelungen

Allerdings geht das Nibelungenlied nur in zwei kurzen Strophen
auf dieses Thema ein. In Simrocks Übersetzung steht da
beispielsweise;

Lautenmusik

 

Noch ein Abenteuer ist mir von ihm bekannt:

Einen Linddrachen schlug des Helden Hand;

Als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut.

So versehrt ihn keine Waffe: das hat man oft an ihm
geschaut.

Der Drachenfels wird hier nicht erwähnt, Königswinter schon gar
nicht.  Für Karl Simrock lag der Tatort Drachenfels aber
nahe. Übrigens auch im Wortsinne: Simrock wohnte sozusagen um die
Ecke in Honnef, von Königswinter aus gesehen genau hinter dem
Drachenfels.

O-Ton Glasner 4

Karl Simrock, hier aus unserer Gegend, hat sich einmal so
geäußert: Der Stoff von Sagen und Legenden – ich zitiere den mal
wörtlich – konnte geografisch versetzt werden, aber nicht
beliebig. Die Wahl der Örtlichkeit musste dem Stoff gemäß
sein.

So könne man, sagt Peter Glasner, wie Simrock auch durchaus auf
Königswinter kommen,  wenn man die Siegfried-Geschichte auf
sich wirken lasse. 

O-Ton Glasner 5

Siegfried auf dem Weg zu seiner Krimhild in Worms, kommt
aus Xanten, sozusagen in einer Linie am Rheinlauf entlang, in
Königswinter vorbei. Das wäre geografisch noch so eine
Plausibilisierung, die wir aber nicht historisch begründen
können.

In seinen späteren „Rheinsagen aus dem Munde des Volks und
deutscher Dichter“ von 1836 schreibt Karl Simrock dann ganz
ausdrücklich von einem Drachen am Drachenfels. Der soll hier in
einer Höhle gehaust haben: dem Drachenloch, eine Felsspalte, die
man auch heute noch vom Rhein aus gut sehen kann.

Lautenmusik

Noch deutlicher wird Karl Hessel, Lehrer und
Heimatschriftsteller. Der schrieb 1894 in seiner Gedichtesammlung
Rheinlieder:

Jung Siegfried voller Heldenfeuer

Schlug aber tot das Ungeheuer

Hat sich im Drachenblut gebadet

Dass ihm hinfort kein Schwert mehr schadet.

An einem noch der Felsenwände

Ist’s Drachenloch, sagt die Legende.

Ein Wein wächst dorten, rot und gut

Führt noch den Namen Drachenblut.

Den Wein Drachenblut gibt es übrigens in Königswinter immer noch:
ein Rotwein natürlich. Name: Königswinterer Drachenblut, trocken
oder auch halbtrocken.

Die letzten Ungewissheiten über den Tatort der Drachengeschichte
beseitigte dann eine Neufassung des Nibelungenliedes, ebenfalls
durch einen Dichter, der den Drachenfels von seinem Dichterzimmer
gesehen haben dürfte.

O-Ton Glasner 6

Unweit von Königswinter, in Rheinbreitbach, residiert vor
dem Ersten Weltkrieg in der niederen Burg der Dichter Rudolf
Herzog, der mit seiner Neuerzählung der Nibelungen für die
Jugend, so 1912, eben auch so viel verdient haben muss, dass er
sich diesen Burgaufenthalt leisten konnte. Und der lokalisiert
übrigens im Gegensatz zum Nibelungenlied aus der Staufferzeit
ganz konkret den Drachenkampf, Siegfried, im
Siebengebirge.

Musik „Es war in Königswinter, nicht davor und nicht
dahinter“

Damit war die Sache für die Königswinterer klar. Obwohl ihr
Siegfried einen ernst zu nehmenden Konkurrenten hatte. Und zwar
tatsächlich hinter Königswinter, in dem erwähnten Honnef. Da ist
noch Dietrich von Bern, der eigentliche tapfere und vor allem
tadellose Ritter des Nibelungenliedes. Siegfried war ja im
Vergleich zu ihm ein wenig zwielichtig. So hat er für seinen
Schwager Gunther dessen Heirat mit seiner umworbenen Brünhild
besiegelt, indem er diese mit Hilfe seiner Tarnkappe im Zweikampf
heimlich besiegt: Sie wollte nämlich nur den nehmen, der das
schafft. Und er hat sie, diesmal womöglich nur mit der Tarnkappe
bekleidet, sogar vergewaltigt, als sie sich nämlich Gunther in
der Hochzeitsnacht nicht hingeben wollte.

Lautenmusik

Der unverdächtige Dietrich von Bern wächst als Königssohn
womöglich im rheinfränkischen Verona auf, dem späteren
Bonn,  vermuten einige Experten. Also nur rund 10 Kilometer
von Königswinter entfernt. Auch er hat einem bemerkenswerten Sieg
auf seinem Konto: Er hat nämlich in jüngeren Jahren den Riesen
Ecke im Kampf mit seinem Schwert erstochen, und zwar durch einen
Schlitz in dessen Rüstung, die mit Drachenblut gehärtet und
eigentlich unzerstörbar war. Kommt uns bekannt vor, oder.
Nebenbei: Dietrichs Schwert hieß Mimung.

Und wieder glaubte Karl Simrock an einen rheinischen Schauplatz
dieser Geschichte. In seiner Nachdichtung der Dietrichsage
tauchen Ortsnamen wie Köln, Bonn, Königswinter und auch das
Siebengebirge mit dem Drachenfels auf. In unmittelbarer Nähe
seines Landhauses am Honnefer Menzenberg stieß Simrock außerdem
auf Flurstücke wie Dederichsloch oder Dederichskaule. Und zog
daraus den messerscharfen Schluss:  Der Riese Ecke wurde von
Dietrich am Menzenberg erschlagen, sozusagen vor Simrocks
Haustür. Auch hier gibt es dann irgendwann den passenden Rotwein,
von Simrock selbst angebaut und gekeltert und mit den Namen
"Eckenblut" versehen. Das alles sei, trotz aller Wertschätzung
für Karl Simrock, mit Vorsicht zu genießen, sagt Peter
Glasner.

O-Ton Glasner 7

Simrock hatte Humor und nimmt es vielleicht gar nicht so
genau mit der sogenannten historischen Realität. Simrock hatte
einmal über sich selbst gesagt: Meine Kollegen, also die
akademischen waren damit gemeint, trauen mir nicht recht, weil
ich ein Dichter bin. Also, ein gewisses Moment der romantischen
Produktivität, um es mal positiv zu formulieren, spielt bei
Simrock eine sehr große Rolle.

 

Während es bei der Dietrich-von-Bern-Geschichte in Honnef beim
Eckenblut-Wein und einer gepflegten Simrock-Verehrung bleibt,
geht in Königswinter die Post ab. Dazu trägt bei, dass das
Nibelungenlied und seine Geschichte bis ins   20.
Jahrhundert zu einer Art Nationalepos geworden ist, zu einer
deutschen Ilias mit Siegfried als deutschem Helden. Darum pflegt
man hier die Drachentöter-Geschichte so gut man kann.

 

Besonders gut konnte das Stephan Sarter, Sohn eines Bonners
Gastwirts, der an der Börse zu großem Reichtum gekommen war. Er
begann 1882 mit dem Bau der Drachenburg, einer wilden Mischung
aus Villa, Burg und Schloss.

 

O-Ton Glasner 8

Das ist aber eigentlich mehr ein Neuschwanstein am
Rhein.

Auch ein Hort deutscher Mythen. Vor allen Dingen der Kern
des Gebäudes mit dem Nibelungenzimmer, also mit der ersten
Strophe des Nibelungenlides in Holz geritzt, hält dann auch quasi
in der großbürgerlichen Wohnkultur den Nibelungen- und
Siegfried-Mythos präsent.

 

Musik Wagner Ring des Nibelungen

Das tut auch die Nibelungenhalle. Die wurde 1913 zum 100.
Geburtstag Richard Wagners eröffnet. In diesem Kuppelbau in
Später-Jugendstil-Optik sind  Gemälde zum Opernzyklus „Der
Ring“  zu besichtigen, das Ganze zu leisen Wagner-Klängen.
Unter den Bildern findet sich übrigens auch ein besonders
beeindruckender Versuch, die Nibelungen-Geschichte in den Bergen
um Königswinter herum spielen zu lassen, ein Versuch des damals
beauftragten Kunstmalers Herman Hendrich, …

 

O-Ton Glasner 9

…der zum Beispiel einen weiblichen Frauenakt der
liegenden Brunhild so ins Bild zu setzen verstanden hat, dass die
Spitzen der Füße und anderer Körperteile die sieben Bergkuppen
des Siebengebirges bildeten.

 

Zu Wagners 50. Todestag, im Jahre 1933, kam dann noch die
Drachenhöhle dazu, ein dämmriger Gang, der um die Nibelungenhalle
herum führt. Und schon vorher, in der Zeit des 1. Weltkriegs, war
im Arkadengang des Rathauses in Königswinter ein
Notnagel-Siegfried entstanden.

O-Ton Glasner 10

Eine überlebensgroße Holzfigur von Siegfried und dem
Drachen, gestiftet vom Frauen-Kriegsverein, wo man eben gegen
Kriegsanleihe eiserne Nägel einschlagen sollte, eben auch um den
patriotischen Geist zu schüren. Und das Kuriose ist: Siegfried
gilt ja nach dem Bad im Drachenblut als unverwundbar. Also
kriegen Sie da auch gegen Kriegsspende eigentlich keinen Nagel
eingeschlagen. Das hat irgendjemand dann mal bemerkt. Es gibt
noch einen Nagel in der Kniescheibe, und dann nagelte man den
Drachen, um dem Mythos keinen Schaden zuzufügen.

 

Diese geballte Ladung Romantik, mit Rheintal, Drache und
Siegfried plus Rheinwein blieb nicht ohne Folgen. Die Touristen
kamen. Sollten sie auch. Klar war, sagt Peter Glasner, …

O-Ton Glasner 11

…dass Siegfried das überregionale Ausstrahlungspotenzial
hat. Mit Siegfried könnte man von Xanten bis Worms Reklame
machen.

Und das interessiert dann irgendwann Engländer und
Franzosen ganz genauso. Lord Byron ist, glaube ich, ein ganz
wichtiger Werbeträger in Anführungszeichen für die Attraktivität
des Mittelalters am Rhein. Also, die Tradition der Grand Tours
für den englischen Adel ist eigentlich die Erfindungsquelle der
Rheinromantik.

 

Mit und nach Lord Byron kamen und kommen viele Touristen. Bis
heute. Und was  dieses Nibelungen-Image angeht: Da hatte
Königswinter - trotz der ja nicht ganz wasserdichten Beweislage –
auch Glück. Die Konkurrenz ist nämlich beträchtlich. Erstens
existiert ein zweiter Drachenfels, bei Bad Dürkheim, mit
Drachenkammer und Drachenhöhle und einem
"Siegfriedsbrunnen“.  Und zweitens gibt es rund zehn
Ortschaften, die einen solchen Brunnen vorzuweisen haben, an dem
Siegfried getrunken haben soll, als Hagen von Tronje ihn
hinterrücks erstochen hat. Stichwort Lindenblatt, Sie erinnern
sich. Diese Orte liegen übrigens alle im Odenwald oder nicht weit
davon entfernt.

Dass Königswinter und das Siebengebirge das Rennen um den Drachen
gegen den Odenwald gewonnen haben, soll angeblich auch daran
liegen, dass der Odenwald nicht das richtige Ambiente für Drachen
sei, wird scherzhaft gemunkelt.. Im Vergleich zum Siebengebirge
sei der Odenwald nämlich viel zu klein. Er soll sogar der
kleinste Wald Deutschlands sein. Den Beweis liefere dieses
Volkslied:

Musik: Im Odenwald da steht ein Baum…
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„Hat Siegfried den Drachen wirklich am Rhein besiegt? OMG 04“

Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

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