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  4. Wann erwacht Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser? OMG 03
Unter dem Kyffhäuserdenkmal in Thüringen schläft der Sage nach
Kaiser Friedrich Barbarossa, um eines Tages zurückkehren. Die
Folge untersucht, wie diese Sage entstand, welche politischen
Interessen dahinter stecken und warum sie im 19. Jahrhundert
nationale Bedeutung erhielt.

Der Kyffhäuser-Mythos und der alte
Barbarossa

Anmoderation

Der Kyffhäuser ist ein Mittelgebirge südlich des Harzes, in
Thüringen.

Im Nordosten steht hier das Kyffhäuserdenkmal. Gebaut wurde der
Riesenklotz zu Ehren Kaiser Wilhelms I., nach dessen Tod. Dennoch
wurde es mehr und mehr zur sagenumwobenen Gedenkstätte für Kaiser
Friedrich Barbarossa, der 700 Jahre vorher gestorben war. Wie ist
dieser Mythos um Kaiser Barbarossa entstanden? Wie und durch wen
hat er immer mehr Fahrt aufgenommen? Und was ist davon übrig
geblieben, und was bis heute am Kyffhäuserdenkmal und drum
herum  davon zu sehen? Diesen Fragen ist Bernd Geisen
nachgegangen.

 

 

Beitrag

 

Marschmusik

 

So in etwa sieht auch das Kyffhäuser-Denkmal aus: pompös,
soldatisch und, ja, hochtrabend. Dieses Kyffhäuser-Denkmal, das
eigentlich ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal ist, steht im
Kyffhäusergebirge. Das liegt südlich vom Harz, nicht weit weg von
Orten mit so schönen Namen  wie Nordhausen, Sondershausen
oder  Sangershausen. Das Denkmal selbst sieht so aus: Oben
drauf ist die Kaiserkrone, darunter gibt es ein kupfernes
Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I., siehe hochtrabend. Und
darunter dann eine aus Sandstein gemeißelte Figur Kaiser
Friedrichs I. Der alte Kaiser auf dem Pferd wurde zu seiner Zeit
gern mal Barbablanca genannt, Weißbart. Der unten auf den Sockel
ist als Rotbart in die Geschichte eingegangen: der Staufer
Friedrich Barbarossa.

Kaiser Wilhelm I. starb im Jahr 1888. Aus diesem Grunde wurde ihm
hier ein Denkmal gebaut. Für die Gestaltung gab es ein
Preisausschreiben - nur für deutsche Künstler. Darin heißt es,
dass das Denkmal der weit sichtbaren Lage des Standortes
entsprechen sollte. Bauplatz war der Kyffhäuserburgberg, genau
auf den Ruinen der alten Reichsburg Kyffhausen. Die war immerhin
irgendwann einmal eine Stauferburg gewesen, das passte zumindest
zu Barbarossa. Und die künstlerische Gestaltung sollte sich an
einer militärischen Auffassung orientieren. Das tut sie.

Marschmusik kurz

Den Zuschlag bekam ein Spezialist für das ganz große Kino, so
würde man heute dazu sagen. Auch wenn sein Name das nicht
vermuten lässt: Bruno Schmitz. Der hat danach auch die Porta
Westfalica und ein Jahr vor Beginn des 1. Weltkriegs das
Völkerschlachtdenkmal in Leipzig gebaut. Wie diese beiden ist
auch das Kyffhäuser-Denkmal von seinen Ausmaßen her
überwältigend. Allein der Turm der Anlage ist über 80 Meter hoch.
Wie so oft in der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II., dem
Nach-Nachfolger Wilhelms I., „zeugen Gestaltung und Ausmaße auch
des Kyffhäuser-Denkmals nicht unbedingt von Selbstgewissheit und
Zukunftssicherheit“. Schreibt der Berliner Politikwissenschaftler
Herfried Münkler. Sie seien vielmehr „eher Ausdruck der Angst vor
äußeren und vor inneren Feinden“. Gegen die sollte Barbarossa
helfen. Daher kam seine Figur mit aufs Denkmal, allerdings nur
ganz unten.

Dieser Friedrich I. Barbarossa war im Jahr 1155 zum deutschen
Kaiser gekrönt worden, vor gut 900 Jahren also. Er war der erste
in insgesamt 130 Jahren Staufer-Herrschaft  über weite Teile
Mittel- und Südeuropas. Und ausgerechnet dieser strahlende Kaiser
Friedrich Barbarossa stirbt unerwartet auf dem dritten Kreuzzug
am 10. Juni 1190, erzählt Dr. Peter Glasner. Er ist Experte für
die Literatur des Mittelalters bei den Germanisten an der Bonner
Universität.

O-Ton Peter Glasner 1

Friedrich Barbarossa ist eben ein ganz mit großer Fama
versehener Kaiser. Und der ist dann auch noch auf dem Kreuzzug im
Fluss Saleph ertrunken, hat also ein abruptes Ende genommen.
Dadurch war auf einmal auch dieses Kreuzzugsunternehmen kopflos
und eben auch die ganze Regentschaft.

Und das ist glaube ich auch ein guter Nährboden für
Mythenbildung, dieses völlig unverständige plötzliche
Verschwinden. Und das verbindet sich dann auch mit Sehnsüchten,
Hoffnungen der Wiederkehr und vielleicht eben auch der Eignung
als Projektionsfläche für eine ideale
Regentschaft.

Als Vorbild für eine ideale Regentschaft hätte man Barbarossa
nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 gut gebrauchen
können, wenn wenigstens sein Grab in der Heimat gewesen wäre.
Darum brach schon drei Jahre nach der Gründung eine Expedition
deutscher Wissenschaftler  in den nahen Osten auf: im
Auftrag Fürst Bismarcks und unter der Leitung des Historikers
Johann Nepomuk Sepp. Man vermutete nämlich die sterblichen
Überreste von Friedrich Barbarossa in der Kathedrale der
Hafenstadt Tyros im Libanon. Er sollte den Heldenhaften ins
Deutsche Reich zurückbringen. Die Absicht dahinter war auch 
Sepp klar. Er schreibt im Vorwort seines Reiseberichts:

„[Die] Zurückführung der Überreste des alten Barbarossa [wird]
die deutsche Nation in heilige Begeisterung versetzen. Welch ein
Triumphzug, unseren größten Kaiser in den Kölner Dom zu
übertragen, der als Sinnbild des längst in’s Stocken geratenen
alten Reiches beim Aufbaue des neuen sich vollendet!“

Barbarossa-Lied

Die Expedition kam aber unverrichteter Dinge wieder nach Hause.
Anstelle eines Mausoleums im Kölner Dom gibt es seit 1896 im
Kyffhäuser-Denkmal die schon erwähnte Barbarossa-Sandsteinfigur.
Ein wilder Geselle sitzt da, auf dem Kopf die Krone, die ihm der
Papst höchstpersönlich aufs Haupt gesetzt hatte, die rechte Hand
umklammert ein Schwert, die linke greift in den wallenden Bart,
der fast bis zu den Knien reicht. Und der Kaiser sieht aus, ist
zuweilen zu lesen, als würde er gerade aufwachen. Das hätte man
wohl gern gehabt.

Nebenbei: Dass Johann Nepomuk Sepp den alten Barbarossa nicht
gefunden hat, wird wohl an den Gebräuchen im nahen Osten gelegen
haben. Wie bei ranghohen Personen üblich, war Barbarossas Leiche
nach seinem Tod nämlich gekocht worden, um das in der Hitze
schnell verwesende Fleisch, mit dem man es zu keiner offiziellen
Beerdigung mehr geschafft hätte, von den Knochen zu lösen. Die
Knochen wiederum, so schreibt ein Barbarossa-Biograph, nahmen die
Kreuzfahrer  anschließend in einem Ledersack mit ins Heilige
Land. Heer und Knochen kamen aber nur bis zur genannten
Hafenstadt Tyrus. Darum vermutet man, wie Johann Nepomuk Sepp
eben auch, dass die Gebeine hier in der Kathedrale beigesetzt
wurden. Fehlanzeige. Den Deutschen muss der Barbarossa-Mythos
reichen, ohne Knochen.

O-Ton Peter Glasner 2

Wenn man daran denkt, an die napoleonische Kriege, dann
auch Wiener Kongress, Restauration, also die Enttäuschung auch
weiter Kreise, dass mit diesen Befreiungskriegen eben nicht die
Einheit und die Freiheit gekommen ist. Da kriegt auf einmal
dieser Mythos, wie übrigens auch der Mythos der Nibelungen, eine
unheimliche Konjunktur und unheimlichen Aufwind.

Die Entstehungsbedingungen für den Barbarossa-Mythos waren dabei
ideal: Erstens war der Friedrich Barbarossa  sozusagen über
Nacht verschwunden. Wobei man das wortwörtlich verstehen muss. Er
war ja nicht nur tot. Auch sein Leichnam war weg. Und ein Grab
gab es nicht. Zweitens war er viel zu früh und auf dem Höhepunkt
seiner Macht gestorben. Da kommt der Wunschgedanke auf:
Vielleicht kommt er ja noch mal wieder. Drittens herrschte
Heldenmangel in einer Zeit, in der Napoleon auch die Deutschen
Lande unaufhaltsam gedemütigt h tte. Und viertens, nicht zu
vergessen: Nach dem Wiener Kongress gab es erst einmal kein
Kaiserreich mehr. Und auch das spätere Deutsche Kaiserreich von
1871 hatte immer wieder mit den Rangeleien der vielen deutschen
Kleinstaaten zu tun. Ein nationaler Mythos musste her.

Barbarossa-Lied

Da kam die Barbarossa-Sage gerade recht: dass der Staufer in
einer Höhle des Kyffhäuserbergs nur schlafe, um eines Tages zu
erwachen und das Reich wieder zu neuer Größe zu führen. In dieser
Höhle sitzt er mit seiner goldenen Krone auf dem Kopf an einem
Tisch, um den sein Bart schon zweimal herum gewachsen ist. Und
wenn die dritte Runde beendet ist, so die Sage, beginnt das Ende
der Welt. Vorher wacht Kaiser darum vorsichtshalber alle hundert
Jahre auf.

Diese Höhle gibt es tatsächlich, zur Fuß gut zwei Stunden vom
Denkmal entfernt. Sie wurde rein zufällig bei der Suche nach
Kupfer im Kyffhäuser entdeckt. 800 Meter ist sie lang, mit hohen
Gewölben und klaren Seen, “von beeindruckender Größe und
Schönheit“, schreibt der Barbarossahöhle Eigenbetrieb der
Gemeinde Kyffhäuserland. Im Jahr 1866 wurde die Falkenburger
Höhle, wie sie zuerst hieß, darum als sogenannte Schauhöhle
eröffnet. Schon kurz darauf benannte man sie in Barbarossahöhle
um, also lange vor dem Bau des Kyffhäuser-Denkmals und der
Gründung des Kaiserreichs. Der Mythos lebte also schon, wie
gewünscht.

Barbarossa-Lied

Dabei war dieser Mythos auch vorher schon so populär und
verführerisch, dass es vor allem im Mittelalter immer wieder
Hochstapler gab, die sich als auferstandene Friedriche ausgaben,
entweder als Friedrich II. oder eben als sein Großvater
Barbarossa.  Bekannt geworden ist vor allem Tile Kolup. Der
hatte mit der Rolle Friedrich II. fast ein Jahr lang Erfolg,
hielt Hof in der Nähe von Neuss, stellte mit einem gefälschten
Siegel Urkunden aus und bestätigte sogar Privilegien,
beispielsweise die der Äbtissin zu Essen. Irgendwann geriet er in
die Hände des damals herrschenden Königs Rudolf von Habsburg. Der
ließ ihn hinrichten.

Der Mythos lebte derweil unbehelligt weiter. So richtig bekannt
machte ihn das Gedicht „Der alte Barbarossa“ von Friedrich
Rückert aus dem Jahr 1817. Aus dem spricht vor allem die
Enttäuschung, dass es zwei Jahre nach dem Wiener Kongress das
alte Kaiserreich nicht mehr gab und ein neues nicht in Sicht war,
erzählt Dr. Peter Glasner.

O-Ton Peter Glasner 3

Da wird eben beschrieben, wie der dort eben da sitzt mit
seinem verwachsenen Bart in dieser Tischplatte, die da eben
monströs beschrieben wird. Sogleich oszilliert aber dann dieses
körperliche Moment des langen, endlosen roten Bartes in etwas
Feuerartiges. Und der unterhält sich dann auch mit einem
mythischen Knaben und fragt ihn dann: Ziehen die Raben eben noch
durch die Gegend? Und solange das der Fall ist, ist noch seine
Stunde nicht gekommen.

„Und wenn die alten Raben

Noch fliegen immerdar,

So muß ich auch noch schlafen

Verzaubert hundert Jahr.“

Der Dichter Max von Schenkendorf legt hier noch eine Schippe
drauf. Das liegt sicher daran, dass der als Freiwilliger an den
Befreiungskriegen gegen Napoleon und die Franzosen teilgenommen
hat. In seinem Gedicht „Das Bild in Gelnhausen“ träumt er von
einem Sieg über die Franzosen.

O-Ton Peter Glasner 4

Das ist dann also auch keine harmlose Märchenerzählung,
sondern eher der Versuch, auch mobil zu machen mit diesem Mythos.
Und es geht natürlich um die Welschen. Das sind die Franzosen.
Und die Welschen sind geschlagen und es siegt das heil’ge Kreuz.
Wiederkehrt aus deinen Tagen, Lebensfülle, Lebensreiz. Also
Frankreich bringt Tod und Verzweiflung. Der Sieg über Frankreich
dann wieder mit dem Barbarossa-Mythos Fülle und die Freude des
Lebens.

Irgendwann kommen dann aber doch Zweifel an dem Barbarossa-
Volksglauben auf. Beispielsweise bei Karl Simrock, dem ersten
Germanistikprofessor der Bonner Universität und sozusagen dem
Vorgänger-Kollegen von Peter Glasner. Er hat die Barbarossa-Sage
in einer Ausgabe seiner Volksbücher in den 1840er Jahren aus
seiner Sicht nacherzählt. Also auch noch weit vor der neuen
Kaiserreichsgründung.

 

O-Ton Peter Glasner 5

Es ist ganz bezeichnend, dass er eigentlich den
Hauptbestandteil des Mythos, der plötzlich verschwundene Kaiser,
der irgendwo auf seine Wiederkehr wartet, als Motiv ganz, ganz
klein und ganz am Ende erzählt. Das interessierte überhaupt
nicht. Er erzählt quasi am nationalen Mythos-Kern
vorbei.

 

Weil er erstens der Mythos-Geschichte nicht traut. Dazu schreibt
Karl Simrock:

 

O-Ton Peter Glasner 6

Also das sei irgendwie überliefert, aber eben nur von
Bauern und Schwarzkünstlern – das sind glaube ich nicht besonders
glaubwürdige Kandidaten. Bauern und Schwarzkünstler. Der kommt
wieder.

Wer glaubt denn so was. Und außerdem, zweitens, zweifelt er an
der Kompetenz des Personals, das da – im übertragenen Sinne - in
der Kyffhäuserhöhle aufwachen könnte.

 

O-Ton Peter Glasner 7

Zitat Simrock: Welcher Kaiser das dann sein wird, das
weiß Gott.

Kein gutes Haar mehr lässt dann Heinrich Heine an diesen
vaterländischen Sentimentalitäten. Diese ganze
Barbarossa-Sehnsüchtelei sei, schreibt er, „ein Gemisch  von
gotischem Wahn und modernem Lug, das weder Fleisch noch Fisch
ist.“

„Das alte Heilige Römische Reich,

Stell's wieder her, das ganze,

Gib uns den modrigsten Plunder zurück

Mit allem Firlifanze.“

O-Ton Peter Glasner 8

Da ist dann der Erste 1844 Heinrich Heine mit Deutschland
„Ein Wintermärchen“, der also da ganz kritisch auch rangeht mit
solchen Versen wie „Geh‘, leg dich schlafen, wir werden uns auch
ohne dich erlösen. Eine Absage an diesen Mythos und auch an
dieses politische Programm, eine Absage an diese Deutschtümelei,
die damit verbunden ist.

 „Herr Rotbart - rief ich laut - du bist

Ein altes Fabelwesen.

Geh, leg dich schlafen, wir werden uns

Auch ohne dich erlösen.

Das beste wäre, du bliebest zu Haus

Hier in dem alten Kyffhäuser.

Bedenk ich die Sache ganz genau

So brauchen wir gar keinen Kaiser.“

Einen letzten Versuch, Barbarossa oder zumindest seinen Geist
wieder lebendig werden zu lassen, gab es 1939: Da wurde auf dem
Kyffhäuser auch noch ein Hindenburg-Denkmal errichtet. Das wurde
allerdings nach dem 2. Weltkrieg von sowjetischen Soldaten
vergraben. Bis heute ist nur der Oberkörper wieder freigelegt.
Seither scheint es so, als habe Barbarossa auf Heinrich Heine
gehört und schläft. So gut das bei 150.000 Besuchern im Jahr
geht. Die deutsche Einheit hat er jedenfalls verschlafen.
Vielleicht war sie ihm, der zu Lebzeiten von der Nordsee bis zum
Mittelmeer herrschte, aber auch nur eine Nummer zu klein.

Barbarossa-Lied

 
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„Wann erwacht Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser? OMG 03“

Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

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