Anmeldung Registrierung
Auto Hell Dunkel
Erweiterte Suche
  1. Startseite
  2. Podcasts
  3. Orte. Menschen. Geschichten. Kulturhistorische Reportagen Podcast
  4. Durch Bach weltberühmt: Das Oboenkonzert des unbekannten Marcello OMG 02
Alessandro Marcello komponierte um 1700 ein Oboenkonzert, das
zunächst kaum Beachtung fand. Erst Jahrhunderte später wurde es
durch Bearbeitungen Johann Sebastian Bachs und spätere
Wiederentdeckungen international bekannt. Diese Folge verfolgt
die Reise des Konzerts von Italien nach England und
Deutschland.

Wie ein Musikstück in Venedig komponiert, auf Reisen
geschickt und weltberühmt wurde: das Oboenkonzert von Allessandro
Marcello

 

Anmoderation

Es geht um lange und weite Reise: Reisebeginn ist ungefähr das
Jahr 1700. Das Ende fast dreihundert Jahre später, wahrscheinlich
in den 1980er Jahren. Unterwegs war nicht etwa eine Person,
sondern ein Musikstück, ein Oboenkonzert, das ein gewisser
Allessandro Marcello in Venedig komponiert hatte. Von da auch
gelangte es über Amsterdam, Weimar, Schwerin und London bis nach
Berlin. Dort ist Albrecht Mayer Solo-Oboist der Berliner
Philharmoniker. Er hat mir dabei geholfen, den

abenteuerlichen Weg des Konzertes zu finden. Und zu verstehen,
warum dessen zweiter Satz, das Adagio, für alle Zeiten ein Hit
sein wird.

 

Beitrag

Atmo Möwen

Unsere Geschichte beginnt in Venedig, im Stadtteil Santa Croce.
Dort steht das Haus der Familie Marcello, der Palazzo Marcello.
Wo genau der steht? Ganz einfach: Sie fahren über den Canal
Grande von San Marco Richtung Rialtobrücke. Hinter der Brücke
dann links rein in den Kanal Rio de la Cazziola  Auf
deutsch: „Kanal des kleinen Penis“. Dann die nächste wieder links
abbiegen und dann auf die linke Uferseite schauen: Dort steht der
Palazzo, mit seiner großartigen gotischen Fassade, genau
gegenüber der Brücke del Malcanton, übersetzt etwa „Brücke des
schlechten Ecks“. Woher dieser Name kommt, ist nicht
herauszufinden. Vielleicht hat es etwas mit dem kleinen Penis zu
tun.

Der Palazzo Marcello war jedenfalls das Haus der wohlhabenden
venezianischen Adelsfamilie Marcello, und das schon seit dem 15.
Jahrhundert. Heute ist er ein Hotel. Hier wohnte von 1673 an sein
Leben lang ein gewisser Allessandro Marcello. Der war damals eher
unbekannt. Er wurde erst Anfang des 20.Jahrhunderts weltberühmt,
als Komponist des ersten Oboenkonzerts in der Musikgeschichte.
Eines der schönsten Musikstücke aller Zeiten ist dessen zweiter
Satz, das Adagio.

Musik Intro Streicher

So fängt es an, dieses Adagio, wie mit einem Herzschlag. Den muss
sich Marcello in Venedig erlauscht haben, sagt Albrecht Mayer. Er
ist Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Die Vorlage dafür
habe das Wasser der Lagune geliefert, das an die Häusermauern an
den Kanälen schwappt. Erzählt er im Garten eines Cafés am Rande
von Berlin.

O-Ton Albrecht Mayer

Wir haben den Herzschlag, die ersten drei Takte,
(…)  genau wie eine Welle, eine Welle vom Canal Grande, (…)
langsam repetitiv immer wieder (…) an die Stufen, wo die Gondeln
liegen, beim Markusplatz, Piazza San Marco. [singt] So kommen die
Wellen.

 

Musik Intro Streicher

 

O-Ton Albrecht Mayer

(…) Man denkt, ach, kommt da jetzt was? Wann kommt denn
was? Und dann kommt die (…) Melodie in der Oboe.

 

Musik Oboe

 

Diese Melodie der Oboe sei geradezu überirdisch schön, sagt
Albrecht Mayer. So dass er sich als Musiker immer wieder frage:
Wer kommt auf eine solche Melodie? Und wie?

O-Ton Albrecht Mayer

Eine überirdisch schöne Melodie ist etwas, was man sich
eigentlich kaum ausdenken kann,

(…)  sondern (…) fließt dann vielleicht aus der
Feder.

 

Und zwar eher dann, wenn man sich in einer äußerst entspannten
finanziellen Lage befinde. Wie Allessandro Marcello. Als
typischer Vertreter des Adels hatte er Geld genug und außerdem
Philosophie, Mathematik, Kunst und Literatur studiert. Und auch
mit dem Komponieren kannte er sich bestens aus.

O-Ton Albrecht Mayer

Ein Universalgenie, [er] hat sich (…)  mit vielen
Dingen beschäftigt, musste also nicht unbedingt damit Geld
verdienen. Damit fängt es erstmal an.

 

Musik Oboe

 

Komponisten, die mit Ihrer Musik ihr Geld verdienen mussten, gab
es damals in Venedig jede Menge. Beispielsweise Antonio Vivaldi.
Der war als Geigenlehrer am Waisenhaus in Venedig angestellt, am
Ospedale della Pietà, wo er auch ein Mädchenorchester leitete.
Außerdem bekam er Geld für das Komponieren und Aufführen von
Tanzmusik. Und komponieren musste er oft unter Zeitdruck.

Ganz anders Alessandro Marcello. Geld war da, und er nutzte seine
finanzielle Unabhängigkeit für ein Experiment: Die Oboe war
nämlich zu der Zeit eher ein Orchesterinstrument und kam in
Venedig langsam in Mode. Und da komponierte Marcello gegen die
damaligen Hörgewohnheiten das erste Konzert für Oboe als
Soloinstrument. Und dann auch noch ein besonders schönes.
Eigentlich in Venedig kein Wunder, sagt Albrecht Mayer.

O-Ton Albrecht Mayer

Wenn man sein Leben lang da zubringen darf, wenn man
dieses Glück hat, so wie er, als (…) reicher Geschäftsmann, (…)
wenn man es nicht nötig hat, einfache Arbeiten zu erledigen, dann
ist man wahrscheinlich ein bisschen infiziert von der Schönheit
und der Einfachheit. Und nichts lenkt einen ab. Wenn er also in
Dresden gewesen wäre oder wenn er in Paris gewesen wäre, in
Versailles gewesen wäre, wäre er vom ständigen Geklapper der Hufe
der Pferdekutschen direkt verrückt geworden. Aber das gab es da
natürlich nicht. (…) 

 

Man sitzt also auf dem Balkon, guckt auf den Canal Grande
und hört dann vielleicht ein bisschen Rufen, vielleicht die eine
oder andere Melodie von einem Gondoliere, der singt … [singt].
Der singt irgendwas vor sich hin, und dann wird es dunkel, (…) …
Über (? 8:44 Ort) geht die Sonne langsam unter und dann hören Sie
nur noch dieses … [Lautmalerei] … dieses leise Wellengeräusch.
Und das inspiriert dann vielleicht (…) sozusagen, diese Melodie
zu schreiben.

 

Atmo Möwen

Marcellos Melodie ging dann erst einmal auf Reisen, und zwar von
Venedig und seiner Lagune an die Nordseeküste, nach Amsterdam in
den Niederlanden. Genauer gesagt an den Singel, die älteste
Gracht in Amsterdam, und da in ein Haus in der Nähe der
Driekoningenstraat. Dort residierte nämlich der renommierte
Musikverlag Jeanne Roger, in einem der historischen
Grachtenhäuser im Amsterdamer Stadtzentrum, einen Katzensprung
entfernt vom königlichen Palais. „Dreiköniginnenstraße“: Das
klingt doch schon ganz anders als „Schlechtes Eck“.

Der genannte Verlag hatte damals überall in Europa seine Agenten,
die nach gut verkäuflichen Musikstücken Ausschau hielten. Auch in
Venedig. Und da suchten diese Agenten vor allem Musik im Stil von
Vivaldi. Die fanden sie da auch, außerdem aber auch das
Oboenkonzert von Alessandro Marcello. Das landete danach 1729 in
Amsterdam zunächst zwischen zwei holländischen Buchdeckeln. Und
Allessandro Marcello wurde ausdrücklich als Komponist genannt.
Obwohl er, wie viele Künstler aus dem Adel, die meisten seiner
Werke unter einem Pseudonym geschrieben hat: als Eterio
Stinfalico. Was so viel bedeutet wie „Der Geist, der aus dem
Dunklen spricht“. Mit dem Dunklen war dabei nicht das „Schlechte
Eck“ vor der Haustür seines Palazzo gemeint, vielmehr das
alltägliche Leben im Schatten der Kunst. Im alltäglichen Leben
war Marcello übrigens zeitweilig Richter edig oder auch als
Diplomat im Dienste der Republik Venedig. Gefragt worden ist er
nicht, ob man die Noten seines Konzerts drucken dürfe. Es war
allerdings damals üblich, dass Verlage Werke ohne Genehmigung der
Komponisten veröffentlichten, wenn sie sich gut verkaufen
ließen.

Atmo Hufgetrappel

Gut zu verkaufen waren die Noten aus Amsterdam beispielsweise am
Hof des Fürsten von Sachsen-Weimar in Weimar. Der Fürst liebte
ein lebendiges kulturelles Leben und hatte Kontakte zu vielen
anderen musikalischen Zentren Europas, auch in Italien und in den
Niederlanden. Außerdem war seit 1708 Johann Sebastian Bach als
Konzertmeister und Organist am Fürstenhof angestellt.

Über seinen kultursinnigen Dienstherrn bekam Bach Zugang zu den
Veröffentlichungen des Amsterdamer Verlages Roger. Den brauchte
er auch: Denn als Konzertmeister und Organist war er dafür
zuständig, immer wieder neue Werke für den Hof vorzubereiten und
aufzuführen. Deshalb sammelte er Noten, auch aus Italien, um sich
inspirieren zu lassen, erzählt Albrecht Mayer.

O-Ton Albrecht Mayer

Johann Sebastian Bach (…) war alles, aber kein Reisender.
Er war die meiste Zeit bei seiner Familie (…) zu Hause und hat
sich Partituren schicken lassen. Unter anderem aus Venedig, ein
berühmtes Konvolut, das gibt es jetzt noch. Ein Konvolut von
Stücken (…) von Vivaldi, von Marcello und so weiter. (…) Bach hat
erstmal sich so fasziniert gezeigt von den Stücken (…) auch von
Marcello, der vollkommen unbekannt war zu diesem Zeitpunkt, und
hat gesagt: Mensch, das gefällt mir so gut, das bearbeite ich für
Cembalo, sein Lieblingsinstrument. Und dann hat er ganz frech
einfach seinen Namen (…)  Johann Sebastian Bach darüber
gesetzt.

 

Musik Marcello Cembalo

 

Irgendwann spielte das keine Rolle mehr. Denn nach seinem Tod
1750 geriet Johann Sebastian Bach allmählich in Vergessenheit,
seine Kompositionen auch. Das änderte sich erst wieder, als 150
Jahre später seine Matthäuspassion wiederaufgeführt worden war,
in Berlin unter Felix Mendelssohn Bartholdy. Danach kam der alte
Bach wieder in Mode. Scharen von Bewunderern strömten in die
Archive, in die Privatsammlungen und in die Antiquariate und
suchten nach allem, was über und von Bach zu finden war.

Atmo Möwen

Einige kamen auch nach Schwerin. Die Stadt war seit dem 18.
Jahrhundert Residenz der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin, mit
einer berühmten Bibliothek, in der auch Noten und Libretti
verwahrt wurden. Die Bibliothek ist heute Teil der
Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern. Gelegen am riesigen
Schweriner Innensee, nicht weit vom Schloss Schwerin auf der
Schlossinsel.

Hier entdeckte um das Jahr 1900 herum ein Gelehrter namens Arnold
Schering die Orchesterstimmen des Oboenkonzerts aus Venedig. Als
Urheber stand da nicht Antonio Vivaldi, wie man zu der Zeit noch
dachte, sondern Marcello. Einfach nur Marcello. Experten feierten
die Entdeckung - und den vermeintlichen endlich entdeckten
Urheber: und zwar Benedetto Marcello. Das war der Bruder von
Alessandro, der als Komponist der bekanntere der beiden war. Erst
noch einmal 75 Jahre später präsentierte die British Library in
London eine Version des Oboenkonzerts aus dem Amsterdamer Verlag
Roger. Und da stand der wahre Urheber: Alessandro Marcello.

Atmo Orchester stimmt Instrumente

 

Schon lange vorher gehörte das Oboenkonzert von Alessandro
Marcello zum Standartrepertoire vieler Konzerthäuser. Auch
Albrecht Mayer hat es oft genug gespielt: als Oboe-Solist der
Berliner Philharmoniker, weit weg vom schlechten Eck in Venedig
in der berühmte Philharmonie in der Herbert-von-Karajan-Straße
1.

O-Ton Albrecht Mayer

Ich würde sagen, das ist ein One Hit Wonder. Das ist
tatsächlich das einzig wirklich berühmte Stück, was Alessandro
Marcello herausgebracht hat. Und dadurch, dass es geadelt wurde,
das sagt man so auf Neudeutsch, von Johann Sebastian Bach, dem
Größten der Großen, weil er es für sich adaptiert hat. Und
witzigerweise: Er hat ja gar nichts verändert, wenn Sie so
wollen. Er hat es einfach übertragen auf sein Instrument, seinen
sogenannten Kielflügel, also das Cembalo.

 

Wobei der eigentlich Hit das Adagio ist.

O-Ton Albrecht Mayer

(…) Am Anfang

(…) in diesem Adagio (…)

kommen erstmal diese berühmten drei Takte Puls. (…) Und
dann kommt die (…) Melodie in der Oboe. (…)  eigentlich
sehr, sehr einfach.

(…) Alles, was überirdisch schön ist, ist ja meist sehr,
sehr einfach

 

Einfach heißt hier: Ohne die sonst üblichen barocken Schnörkel
und Triller. In dieser einfachen Melodie, in der eine schlichte
und ernste Melancholie mitschwingt, liege der Zauber des Adagios.
In seiner Cembalobearbeitung hat sich Bach weitgehend an diese
einfache Melodie gehalten.

 

O-Ton Albrecht Mayer

Und das bringt mich dazu … Je einfacher, desto mehr
bewegt es die Menschen. Je komplizierter, desto
schwieriger

Und Albrecht Mayer wagt zum Schluss eine weitreichende
Prognose:

 

O-Ton Albrecht Mayer

Das sind die, in England würde man sagen, External
Melodies. Die bleiben immer. Und (…) wenn wir Richard Strauss,
Richard Wagner und Stockhausen und Boulez schon längst vergessen
haben. Diese Melodie wird auch im Jahr 5000 immer noch gespielt
werden.

 

Musik, klingt aus

 

 

 

 
Episode melden

„Durch Bach weltberühmt: Das Oboenkonzert des unbekannten Marcello OMG 02“

Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

Abonnenten

Teilen

Mein Archiv

Deine Privatkopie der Folgen, die du nicht verlieren willst.

Podcast-Folgen verschwinden. Feeds werden auf die letzten Episoden gekürzt, Hoster räumen alte Dateien ab, Formate wechseln den Anbieter und lassen ihr Archiv zurück. Mit „Mein Archiv“ sichert podcast.de die Folgen deiner Podcasts für dich — angefangen bei den ältesten, denn die sind zuerst weg.

  • Deine gesicherten Folgen bleiben hörbar, auch wenn das Original offline geht.
  • Auch Folgen, die im heutigen Feed gar nicht mehr stehen — podcast.de kennt sie noch.
  • Herunterladen bleibt möglich, solange die Folge beim Podcaster liegt. Der zählt seine Abrufe wie bisher.
Startet bald

Sei beim Start von Mein Archiv dabei

Mein Archiv ist fast fertig. Trag dich ein, dann bekommst du eine E-Mail, sobald es losgeht – und bist von Anfang an dabei. Wir schreiben dir nur zum Start, keine Werbung, keine Weitergabe deiner Daten.

Du bekommst zuerst eine Bestätigungsmail. Abmelden geht jederzeit. Datenschutz