Soziologische Perspektiven auf die Corona-Krise Archiv
118 Episoden
31 Minuten
Vortrag vom 30. September 2020
27 Minuten
Vortrag vom 30. September 2020
28 Minuten
Gesellschaftliches Zusammenleben ist auf Vertrauensbeziehungen angewiesen. Ob Politik, Medien oder auch nur die eigenen Nachbarn: Man kann andere niemals vollständig kontrollieren, braucht also Vertrauen. Gleichzeitig kann Vertrauen nur schenken, wer ein Mindestmaß an Kontrolle über sich und seine Umwelt hat. Die Coronakrise ist in diesem Sinne auch eine Vertrauenskrise. Sie hinterfragt Selbstverständlichkeiten des Alltags, bringt Kontrollverlust mit sich, und damit auch Anlässe zum Misstrauen.
33 Minuten
In Ihrem Vortrag betrachtet Michaela Pfadenhauer die Folgen der Coronakrise aus Sicht einer Professionssoziologin. Die Befürchtung einer Expertokratie ist eine Begleiterscheinung nicht erst der Corona-Pandemie, sondern eine Sorge, die seit den 1960er Jahren im Hinblick insbesondere auf die Medizin zu hören ist und nicht nur als Bevormundung der Politik, sondern auch als Entmündigung der Laien thematisiert wird. Wenn aber Politik und Bürger entmachtet werden, um wessen Herrschaft geht es gegenwärtig gegebenenfalls: um die Ermächtigung der wissenschaftlichen Disziplin Virologie, die der verbeamteten Forscher des Robert-Koch-Instituts oder der medizinischen Profession? Gegenüber deren generellem Niedergang scheint zumindest diese eine Profession im Aufwind zu sein, wenn zur Eindämmung der Corona-Pandemie das Gesundheitssystem allen anderen Teilsystemen übergeordnet wird, weil es „um Leben und Tod“ geht.
30 Minuten
Welche Motive und die ihnen zugrundeliegenden Werte bewegen Menschen dazu, sich solidarisch in der Corona-Krise zu verhalten? Diese Frage kann nicht ausschließlich mit quantitativen Surveys, wie sie derzeit in größerem Umfang stattfinden, beantwortet werden. Für ein tieferes Verständnis des menschlichen Verhaltens und Entscheidungsprozesses in der Zeit der Corona-Pandemie sind qualitative Datenerhebungen und Analysen unerlässlich und dennoch weiterhin rar. In ihrem Vortrag stellt Alena Buyx eine multinationale Studie des SolPan-Konsortiums vor. In dieser werden aus einer qualitativen Perspektive in neun verschiedenen Staaten die Beweggründe zum solidarischen Handeln anhand von Interviews untersucht. Der Vortrag lieferte Einblicke in die Forschungspraxis unter hohem Zeitdruck und in die Methodologie der Studie.
28 Minuten
Die Delegation von außerfamiliärer Bildung und Betreuung an die Familien birgt vielfältiges negatives Potenzial. Alle Familien sind davon betroffen, abhängig von ihren Ressourcen und den jeweiligen Herausforderungen jedoch in sehr unterschiedlichem Maße. Die Verschärfung von Ungleichheit durch die Coronapandemie zeigt sich hier sehr deutlich. Die Heterogenität in den Schulklassen wird im Hinblick auf den Wissensstand nach den Sommerferien sehr viel größer sein als vorher. Obwohl dies weitgehend bekannt ist, starren wir seit März auf die Pandemiezahlen und vergessen, dass wir auch handeln können statt tatenlos, aber perfekt abzuwarten. Ziel des Beitrags von Birgit Leyendecker ist es zu diskutieren, was wir aus der Coronakrise lernen können warum es gerade jetzt wichtig ist, zu handeln.
29 Minuten
Die Schließung der Grenzen im Zuge der Coronapandemie gilt vielen als Umkehrung des Globalisierungstrends. In seinem Vortrag argumentiert Steffen Mau, dass die Grenzpolitik der Coronakrise zwar eine Zäsur darstellt, aber schon länger laufende Trends des Bordering akzentuiert. Die Schließung von Grenzen und die Mobilitätsabwehr sind keine neuen Phänomene, sondern sie haben die Globalisierung lange begleitet. Dazu gehören Immobilisierung, Risikopolitik und digitale Kontrolle. Auch die „pandemische Grenze“ ist historisch gesehen nicht neu. Nun aber trifft sie auch diejenigen, die lange von der Freizügigkeit und Prozessen der Entgrenzung profitiert haben.
31 Minuten
In der Öffentlichkeit werden gegenwärtig zahlreiche Vergleiche gezogen zwischen der Corona-Pandemie und dem Klimawandel. Covid-19 und der drohende Klimakollaps gelten gleichermaßen als Auslöser einer Zeitenwende. Sighard Neckel geht daher in seinem Vortrag folgenden Fragen nach: Gibt es Strukturähnlichkeiten zwischen dem weltweiten Infektionsgeschehen und der globalen Erwärmung und worin genau liegen sie begründet? Welche bezeichnenden Unterschiede weisen Pandemie und Klimakrise andererseits aber auf? Und ließen sich aus einem Vergleich beider Krisenprozesse Schlussfolgerungen für die Entwicklungspfade ziehen, die eine Gesellschaft der Nachhaltigkeit einschlagen könnte?
25 Minuten
Politiker vor allem aus den von der Pandemie besonders betroffenen Ländern, aber auch viele Intellektuelle beklagen den Mangel an europäischer Solidarität in der Bewältigung der Corona-Krise. Jürgen Gerhards unterzieht diese Diagnose einer kritischen Prüfung und kommt zu dem Ergebnis, dass es um eine europäische Solidarität besser bestellt ist als von vielen vermutet. Die europäischen Institutionen versuchen mit einer Vielzahl von Maßnahmen die Handlungsfähigkeit derjenigen Mitgliedstaaten zu stärken, die von der Krise besonders betroffen sind. Und die Bereitschaft der Bürger zur europäischen Solidarität ist weitgehend gegeben. Dies gilt sowohl für eine zukünftig zu organisierende europaweite medizinische Versorgung von Notfallpatienten als auch für die finanzielle Unterstützung von Mitgliedsländern zur Bewältigung der ökonomischen und sozialen Folgen der Pandemie.
29 Minuten
Die enge Kopplung von betrieblicher Ausbildung und Bedarf der Wirtschaft ist in Krisenzeiten immer ein Problem. Wirtschaftliche Unsicherheiten, wenn nicht gar Existenzbedrohungen, seitens der Betriebe und Antizipation der beruflichen Zukunft seitens der Jugendlichen und ihrer Eltern wirken sich negativ auf das Ausbildungssystem aus. In Ihrem Vortrag skizziert Heike Solga die spezifische Problemlage in der Corona-Krise und gibt basierend auf Forschungsbefunden Hinweise für deren Abmilderung sowie zur Weiterentwicklung des deutschen Ausbildungssystems.
32 Minuten
Nach aktuellen Prognosen wird Deutschland im Jahr 2020 erstmalig die vorgegebenen Schwellenwerte des Rückgangs an CO2-Emissionen unterschreiten. Ursache dafür sind aber weder technische Fortschritte noch veränderte Mobilitätsstile, sondern der temporäre Shutdown von Industrien, Handel, Bildung und sonstigen Dienstleistungen. In seinem Vortag betrachtet Jens Dangschat die Auswirkungen der Corona-Krise auf die aktuelle globale Mobilität und diskutiert welche zukünftigen Entwicklungen diese für die Automobilität, die Automatisierung des Verkehrs und den Klimawandel zur Folge haben könnten. Zudem stellt er sich der Frage, welche Aufgabe der Soziologie bei diesem gesellschaftlichen Veränderungsprozess zukommt.
28 Minuten
Die Politik in der Corona-Krise wurde häufig als Politik des ‚Ausnahmezustands‘ deklariert. In seiner Präsentation geht es Andreas Reckwitz im Gegensatz darum, die Corona-Politik als Beispiel für ein allgemeineres Muster moderner Politik zu interpretieren, einer ‚Risikopolitik‘. Idealtypisch werden Strukturmerkmale und potenzielle Spannungsfelder von Risikopolitik herausgearbeitet. Die Corona-Politik könnte sich als Traingsfeld für einen noch herausfordernden Fall von spätmoderner Risikopolitik erweisen, jener im Umgang mit dem Klimawandel.
31 Minuten
Zweifellos ist die gegenwärtige Pandemie das weltweit einschneidenste Ereignis der letzten Jahrzehnte. Die ökonomischen, sozialen, und psychologischen Folgen sind nur schwer zu prognostizieren. In seinem Beitrag möchte Roland Rau aus Sicht eines Demographen erläutern, welche Fragen sich für die Mortalitätsforschung ergeben und welche Probleme es bei der Beantwortung geben wird. Dabei geht es um grundsätzliche Fragen, wie man den Einfluss auf die Mortalität überhaupt messen sollte, aber Beispielsweise auch um Fragen, welche Rolle die Altersstruktur spielt.
31 Minuten
„Abriegelung ist naiv, das Virus wird trotzdem kommen“, so klang es lange von Seiten der WHO, der EU und der Verantwortlichen in Deutschland. Währenddessen schlossen bereits andere nationale Regierungen ihre Grenzen. Am 17. März folgte die Kehrtwende auch in der EU, als sie ein Einreiseverbot für Menschen aus Nicht-EU-Ländern verhängte und Deutschland kurz darauf auch für Italiener*innen. Wer hatte nun Recht? Diejenigen, die Einreisebeschränkungen ablehnten, oder die Länder, die sich frühzeitig dazu entschlossen? Die vorläufigen empirischen Analysen von Herrn Koopmans legen nahe, dass der Glaube, das Virus sei nicht durch Grenzen zu bremsen, ein fataler Irrtum war.
30 Minuten
Die Umorganisation des gesellschaftlichen Lebens zum Schutz menschlicher Körper hat tiefgreifende Folgen für die räumliche Struktur der Gesellschaft. Von der Schließung von Gebäuden, öffentlichen Plätzen, Städten und ganzen Staaten bis hin zu einer massiven Reduktion globaler Mobilität. In ihrem Vortrag diagnostizieren Martina Löw und Hubert Knoblauch einen Konflikt zwischen der Container-Logik des Nationalstaates und der Logik des Netzwerkraumes der Globalisierung und des Digitalen. Die derzeitige Dominanz nationaler Bewältigungsstrategien fordert die Soziologie dabei epistemologisch heraus, etwa methodologischen Nationalismus zu vermeiden und transnationale Mobilität zu berücksichtigen.