SchönerDenken FilmPodcast Archiv
313 Episoden
10 Minuten
„L’Atalante“ heißt der Flussfrachter, dessen junger Kapitän Jean das Mädchen vom Dorf, Juliette, heiratet. Sie erträumt sich von der Ehe den Ausbruch aus der Enge und Besuche in der Glitzerwelt von Paris. Die Wirklichkeit ist etwas ärmlicher und weniger aufregend, als Juliette erhofft hatte. Und so rechnet sich ein charmanter Straßenhändler bei ihr Chancen aus. Die junge Ehe zwischen Eifersucht, Streit, Selbstverwirklichung und Versöhnung scheint zu zerbrechen. Der wütende Ehemann muss erst einmal erwachsen werden, während Juliette mit der harten Wirklichkeit konfrontiert wird.
Wir haben den französischen Filmklassiker von Jean Vigo in der Capitol-Jubiläumsnacht als Überraschungsfilm gesehen. Weniger als ein Dutzend Zuschauer haben bei der Information „französischer Schwarzweissfilm von 1934“ sofort das Kino verlassen. Das überwiegend junge Publikum hat sich auf Jean Vigos einzigen Langfilm eingelassen: Ein tragikomischer Liebesfilm, der in der Erzählweise, Dramaturgie und Inszenierung seiner Zeit weit voraus war und mit seinem poetischen Realismus unter anderem die Filmemacher:innen der Nouvelle Vague inspiriert hat. Eine einfache Liebesgeschichte mit überraschend subtilen Elementen – die Charaktere sind komplex und sie durchlaufen in nur 88 Minuten Laufzeit eine glaubwürdige Entwicklung.
Jahrzehnte gab es den Film nur in einer stark geschnittenen Fassung, erst 1990 wurde eine längere Fassung entdeckt. Die ursprüngliche Schnittfassung wurde im Auftrag von Gaumont von Jean-Louis Bompoint und Pierre Philippe restauriert, wobei vor allem eine von Bompoint im britischen National Film and Television Archive entdeckte Kopie des Films zugrunde gelegt wurde, Wir haben im Capitol die restaurierte Version des British Film Institute (BFI) gesehen – im französischen Original mit englischen Untertiteln. Im Podcast nach dem Film reden wir über einen schlechtgelaunten Hochzeitszug, über die starke Hauptdarstellerin Dita Parlo, über eine faszinierende Unterwasser-Sequenz, über eine beeindruckende Tanzinszenierung und vielschichtige Nebenfiguren (der alte Matrose!) und wir fragen uns, was aus den Katzen an Bord der L’Atalante wurde. Am Mikrofon spät in der Nacht vor dem Capitol: Kathrin, Johanna und Thomas.
Wir haben den französischen Filmklassiker von Jean Vigo in der Capitol-Jubiläumsnacht als Überraschungsfilm gesehen. Weniger als ein Dutzend Zuschauer haben bei der Information „französischer Schwarzweissfilm von 1934“ sofort das Kino verlassen. Das überwiegend junge Publikum hat sich auf Jean Vigos einzigen Langfilm eingelassen: Ein tragikomischer Liebesfilm, der in der Erzählweise, Dramaturgie und Inszenierung seiner Zeit weit voraus war und mit seinem poetischen Realismus unter anderem die Filmemacher:innen der Nouvelle Vague inspiriert hat. Eine einfache Liebesgeschichte mit überraschend subtilen Elementen – die Charaktere sind komplex und sie durchlaufen in nur 88 Minuten Laufzeit eine glaubwürdige Entwicklung.
Jahrzehnte gab es den Film nur in einer stark geschnittenen Fassung, erst 1990 wurde eine längere Fassung entdeckt. Die ursprüngliche Schnittfassung wurde im Auftrag von Gaumont von Jean-Louis Bompoint und Pierre Philippe restauriert, wobei vor allem eine von Bompoint im britischen National Film and Television Archive entdeckte Kopie des Films zugrunde gelegt wurde, Wir haben im Capitol die restaurierte Version des British Film Institute (BFI) gesehen – im französischen Original mit englischen Untertiteln. Im Podcast nach dem Film reden wir über einen schlechtgelaunten Hochzeitszug, über die starke Hauptdarstellerin Dita Parlo, über eine faszinierende Unterwasser-Sequenz, über eine beeindruckende Tanzinszenierung und vielschichtige Nebenfiguren (der alte Matrose!) und wir fragen uns, was aus den Katzen an Bord der L’Atalante wurde. Am Mikrofon spät in der Nacht vor dem Capitol: Kathrin, Johanna und Thomas.
15 Minuten
Es gibt vieles, was man an diesem Film lieben kann: Zum Beispiel gleich die erste Szene, in der die Mutter mit ihren drei Kindern wie in einem Musical singend und tanzend den Tisch deckt. Oder wenn Penelope Cruz in einem Musical-Traum der ältesten Tochter das Liebeslied aus Doktor Schiwago singt oder wenn sie in einem anderen Traum zu Adriano Celentanos legendärem „Prisencolinensinainciusol“ tanzt wie einst Raffaela Carra. Oder wie perfekt Regisseur Emanuele Crialese das Rom der 1970er Jahre mit Requisiten, Autos und Locations heraufbeschwört. Licht, Farben, Stimmungen sind beeindruckend inszeniert.
Die Schwäche des Films liegt im Drehbuch, das das Drama andeutet, es aber nie zuspitzt. L’IMMENSITA geht nicht dahin, wo es weh tut: Der herrschsüchtige und untreue Ehemann wird nur angedeutet, die Krankheit der Mutter wird nur angedeutet, selbst die Entwicklung der Tochter, die sich langsam darüber klar wird, dass sie nicht als Mädchen leben will, wird nicht auserzählt. Es fehlt am Ende an Glaubwürdigkeit. Im Podcast direkt nach dem Kino sprechen Bettina, Johanna und Thomas über Dialoge und bedeutungsschwangere Pausen und fragen sich, ob der Film darunter leidet, dass Crialese seine eigenen Erinnerungen verfilmt hat.
Die Schwäche des Films liegt im Drehbuch, das das Drama andeutet, es aber nie zuspitzt. L’IMMENSITA geht nicht dahin, wo es weh tut: Der herrschsüchtige und untreue Ehemann wird nur angedeutet, die Krankheit der Mutter wird nur angedeutet, selbst die Entwicklung der Tochter, die sich langsam darüber klar wird, dass sie nicht als Mädchen leben will, wird nicht auserzählt. Es fehlt am Ende an Glaubwürdigkeit. Im Podcast direkt nach dem Kino sprechen Bettina, Johanna und Thomas über Dialoge und bedeutungsschwangere Pausen und fragen sich, ob der Film darunter leidet, dass Crialese seine eigenen Erinnerungen verfilmt hat.
15 Minuten
Der Film OPPENHEIMER zieht die Menschen ins Kino – in diesem Sommer kann es nur noch BARBIE an Gesprächswert mit Christopher Nolans neuem Film aufnehmen. An einem Mittwochabend war der größte Kinosaal fast komplett ausverkauft und auch die Üblichen Verdächtigen sind in ungewohnter Zahl am Start. Es ist ein typischer Nolan-Film – die Handschrift ist unverkennbar: Auf dem emotionalen Sound von Ludwig Göransson liegen beeindruckende Bilder von Atomen, Quanten, nuklearem Feuer und Menschen. Vor allem aber wird geredet: drei Stunden lang über Physik, Geschichte, Politik, Intrigen und Moral.
Wer sich dafür nicht interessiert, den Namen Edward Teller noch nie gehört hat und das Manhattan-Projekt dem Comic WATCHMEN zuordnet, kann als Zuschauer schon ins Schlingern kommen. Nolan hat viel in diesen Film gepackt, vielleicht zu viel. Im Podcast direkt nach dem Kino diskutieren wir über die starken Frauenrollen, die mehr Screentime verdient hätten (Florence Pugh und Emily Blunt), über das riesige und großartige Ensemble, über den phantastischen Tonschnitt und stellen die Frage, ob so viel Film nicht auch eine großartige Mini-Serie abgegeben hätte. Am Mikrofon: Johanna, Katharina, Bettina, Kathrin, Hendrik, Wolfgang, Tom und Thomas.
Wer sich dafür nicht interessiert, den Namen Edward Teller noch nie gehört hat und das Manhattan-Projekt dem Comic WATCHMEN zuordnet, kann als Zuschauer schon ins Schlingern kommen. Nolan hat viel in diesen Film gepackt, vielleicht zu viel. Im Podcast direkt nach dem Kino diskutieren wir über die starken Frauenrollen, die mehr Screentime verdient hätten (Florence Pugh und Emily Blunt), über das riesige und großartige Ensemble, über den phantastischen Tonschnitt und stellen die Frage, ob so viel Film nicht auch eine großartige Mini-Serie abgegeben hätte. Am Mikrofon: Johanna, Katharina, Bettina, Kathrin, Hendrik, Wolfgang, Tom und Thomas.
13 Minuten
M:I7 ist spannungsgeladenes Action-Kino, das den Puls über die ganze Laufzeit von 164 Minuten hochtreibt, das sich dabei selbst nicht zu ernst nimmt, das Zeit für Gefühle und liebevolle Details hat, bevor im Orientexpress das wirklich beeindruckende Finale kommt. Mehr ist es nicht, aber auch nicht weniger. Mal abgesehen davon, dass es Hayley Atwells Film ist: Sie wirbelt als Grace mit ihrem Charme und ihrer Präsenz durch den Film, dass auch Tom Cruise schwindlig wird. Ja, mehr M:I-Spielerei im Vorspann wäre nett gewesen, ja, die Set Pieces waren früher noch beeindruckender, aber ehrlich – es mangelt nicht an Höhepunkten: Der Kampf in der engen Gasse in Venedig, der gelbe Fiat 500, das Verwirrspiel am Flughafen von Abu Dhabi und der Sprung mit dem Motorrad von der Klippe … Es ist einfach noch mehr Spannung, noch mehr Unterhaltung, noch mehr Spaß. Wir freuen uns auf den nächsten Film! Direkt nach dem Kino sind wir uns fast einig. Am Mikrofon: Johanna, Peter, Harald, Tom und Thomas.
11 Minuten
BARBIE war definitv der am meisten erwartete Film dieses Sommers, zumindest von den hunderten jungen Frauen, mit denen wir in der Schlange standen, um noch ein Ticket für die Vorpremiere zu ergattern. Am Ende saßen wir in der vielleicht größten Kino-Party unseres Lebens. Zu sagen, dass die jungen Frauen den Film gefeiert hätten, wäre schwer untertrieben. Aber auch die beiden reiferen Herren von SchönerDenken hatten sehr viel Spaß mit dem absurden, grellrosaneon Alptraum, der leichte Komödie, Satire und Feminismus perfekt zu Filmkunst zusammenfügt.
Regisseurin und Drehbuchautorin Greta Gerwig entführt uns in eine Plastikwelt, in der Barbie (perfekt: Margot Robbie) jeden Tag einen perfekten Tag hat. Bis sie plötzlich von düsteren Gedanken heimgesucht wird. Sie verlässt Barbieland mit Ken (Ryan Gosling, blond gefärbt) und findet die Frau, die als Mädchen mit ihr gespielt hat. Ihr Ausflug in die reale Welt verändert alles, verändert vor allem Barbieland. Was einmal die Abbildung der antizipierten Wünsche und Träume von kleinen Mädchen war, wird zu einem Schlachtfeld von Patriarchat, Emanzipation, Mansplaining, Eifersucht und Rollenklischees. Wie sich kluge feministische Analysen in dieses zum Schreien komische und fast unerträglich rosa Musical einfügen, das ist mehr als beeindruckend. Am Mikrofon direkt nach dem Film in gelöster Stimmung: Hendrik und Thomas.
Regisseurin und Drehbuchautorin Greta Gerwig entführt uns in eine Plastikwelt, in der Barbie (perfekt: Margot Robbie) jeden Tag einen perfekten Tag hat. Bis sie plötzlich von düsteren Gedanken heimgesucht wird. Sie verlässt Barbieland mit Ken (Ryan Gosling, blond gefärbt) und findet die Frau, die als Mädchen mit ihr gespielt hat. Ihr Ausflug in die reale Welt verändert alles, verändert vor allem Barbieland. Was einmal die Abbildung der antizipierten Wünsche und Träume von kleinen Mädchen war, wird zu einem Schlachtfeld von Patriarchat, Emanzipation, Mansplaining, Eifersucht und Rollenklischees. Wie sich kluge feministische Analysen in dieses zum Schreien komische und fast unerträglich rosa Musical einfügen, das ist mehr als beeindruckend. Am Mikrofon direkt nach dem Film in gelöster Stimmung: Hendrik und Thomas.
7 Minuten
Nostalgie ist ein süßes Gift, harmlos nur in kleinen Mengen. Nostalgie lenkt davon ab, dass alles seine Zeit hat. Die Zeit von INDIANA JONES, das waren die 1980er, das waren die drei Filme, die aus der besonderen Zusammenarbeit der beiden Nerds Lucas und Spielberg zwischen 1981 und 1989 hervorgegangen sind. Mit dem Ritt in den Sonnenuntergang am Ende des dritten Films war auch ein perfektes Ende gefunden worden. Aber Nostalgie und mehr noch die Aussicht auf fette Einnahmen an den Kinokassen führten zum erschreckend absurden vierten Teil und jetzt zu einem fünften Film. Ohne den direkten Einfluss von Lucas und Spielberg. Um es gleich vorwegzusagen: Er ist besser als befürchtet, aber er kann die Zeit nicht zurückdrehen – was witzigerweise genau die Handlung des Films beschreibt
Prof. Dr. Henry Jones geht gerade in den Ruhestand, als seine Patentochter ihn in ein letztes Abenteuer zieht. Alles dreht sich um den Mechanismus von Antikythera, eine Erfindung des Archimedes, die ganz besondere Kräfte hat. Phoebe Waller-Bridge und der ganze Writers Room haben viele Protagonisten aus den früheren Film wieder zurückgebracht (Karen Allen! John Rhys-Davies!), es gibt Schlangen und Verfolgungsjagden, der Hut wird geschnappt, die Peitsche wird geschwungen, Nazis werden verprügelt, auch wenn der Rücken des altgewordenen Helden kneift. Harrison Ford ist wunderbar grumpy und Patentochter Helena ist die energiegeladene Partnerin, die Indiana Jones und den Film vorantreibt. Irgendwann wird das unvermeidliche Fantasy-Element aktiv – was inhaltlich passt, sich aber dennoch merkwürdig anfühlt.
Regisseur James Mangold macht alles richtig, die Bilder, die Farben und die Atmosphäre stimmen, selbst der verjüngte Indiana in den Rückblicken funktioniert, aber Spielbergeske Kameraeinstellungen (Ihr erinnert Euch noch an die vergifteten Oliven?) sind mir nicht aufgefallen. Wie dem auch sei: Das Rad des Schicksals lässt sich genau wie das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Der fünfte Film ist so gut wie er sein konnte, vor dem Hintergrund, dass die Zeit von Indiana Jones seit mehr als 30 Jahren bereits vorbei ist. Wir ziehen direkt nach dem Film ein positives Fazit und sind uns einig: Es braucht keinen weiteren Indiana-Jones-Film mehr. Direkt nach dem Kino am Mikrofon: Peter, Harald, Tom und Thomas.
Prof. Dr. Henry Jones geht gerade in den Ruhestand, als seine Patentochter ihn in ein letztes Abenteuer zieht. Alles dreht sich um den Mechanismus von Antikythera, eine Erfindung des Archimedes, die ganz besondere Kräfte hat. Phoebe Waller-Bridge und der ganze Writers Room haben viele Protagonisten aus den früheren Film wieder zurückgebracht (Karen Allen! John Rhys-Davies!), es gibt Schlangen und Verfolgungsjagden, der Hut wird geschnappt, die Peitsche wird geschwungen, Nazis werden verprügelt, auch wenn der Rücken des altgewordenen Helden kneift. Harrison Ford ist wunderbar grumpy und Patentochter Helena ist die energiegeladene Partnerin, die Indiana Jones und den Film vorantreibt. Irgendwann wird das unvermeidliche Fantasy-Element aktiv – was inhaltlich passt, sich aber dennoch merkwürdig anfühlt.
Regisseur James Mangold macht alles richtig, die Bilder, die Farben und die Atmosphäre stimmen, selbst der verjüngte Indiana in den Rückblicken funktioniert, aber Spielbergeske Kameraeinstellungen (Ihr erinnert Euch noch an die vergifteten Oliven?) sind mir nicht aufgefallen. Wie dem auch sei: Das Rad des Schicksals lässt sich genau wie das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Der fünfte Film ist so gut wie er sein konnte, vor dem Hintergrund, dass die Zeit von Indiana Jones seit mehr als 30 Jahren bereits vorbei ist. Wir ziehen direkt nach dem Film ein positives Fazit und sind uns einig: Es braucht keinen weiteren Indiana-Jones-Film mehr. Direkt nach dem Kino am Mikrofon: Peter, Harald, Tom und Thomas.
20 Minuten
Vier Jahrzehnte Kinoleben hatte ich eine Regel: keine Nouvelle Vague. Die Zeit ist gekommen, diese Regel zu brechen, denn zum 60. Geburtstag von DIE VERACHTUNG von Jean-Luc Godard ist der Film in einer restaurierten 4K-Fassung zu sehen. Um es gleich zu sagen: DIE VERACHTUNG ist mit 60 Jahren Abstand eine irritierende Erfahrung. Im Mittelpunkt steht eine Ehefrau (Brigitte Bardot), deren Liebe zu ihrem Mann (Michel Piccoli) in Verachtung umschlägt, als er sie an einen amerikanischen Filmproduzenten (Jack Palance) „ausleiht“, um einen Drehbuchauftrag zu bekommen.
Aus heutiger Sicht braucht es für die Trennung nicht mehr viel Worte – die Beziehung hat ganz offensichtlich keine Basis mehr. Aber Godard lässt die beiden für eine gefühlte Ewigkeit wie gefangene Tiere im Käfig ihrer Eigentumswohnung auf und ab laufen, streiten, versöhnen, streiten, streiten. Das ist inhaltlich sehr ermüdend. Als dann am Ende des Streits eine Pistole auftauchte, hatte ich die Hoffnung auf handfestere Handlung, aber – wie Johanna später erklärt – war das nur ein Witz von Godard über Tschechows Gun (also die Filmregel, das alles, was man sieht, für den Film notwendig sein muss).
Als die Handlung sich zu den Dreharbeiten von „Odysseus“ nach Capri verlagert, dreht Godard als Regisseur so richtig auf: Die Inszenierung des Hauses, des Meeres, der Dreharbeiten ist atemberaubend, die Farben sind intensiv, hier ist die restaurierte Fassung spektakulär. Im Podcast direkt nach dem Film spreche ich mit Johanna über die nackte Bardot (das Aufzählen der Körperteile!), darüber wie wichtig 1963 die Diskussion über die Rolle und Unabhängigkeit der Frau und die Rolle und Unabhängigkeit der Kunst war, über Odysseus-Interpretationen, Fritz Lang, Ehebruch bei den Franzosen und die Neugier auf weitere Nouvelle Vague-Filme.
Aus heutiger Sicht braucht es für die Trennung nicht mehr viel Worte – die Beziehung hat ganz offensichtlich keine Basis mehr. Aber Godard lässt die beiden für eine gefühlte Ewigkeit wie gefangene Tiere im Käfig ihrer Eigentumswohnung auf und ab laufen, streiten, versöhnen, streiten, streiten. Das ist inhaltlich sehr ermüdend. Als dann am Ende des Streits eine Pistole auftauchte, hatte ich die Hoffnung auf handfestere Handlung, aber – wie Johanna später erklärt – war das nur ein Witz von Godard über Tschechows Gun (also die Filmregel, das alles, was man sieht, für den Film notwendig sein muss).
Als die Handlung sich zu den Dreharbeiten von „Odysseus“ nach Capri verlagert, dreht Godard als Regisseur so richtig auf: Die Inszenierung des Hauses, des Meeres, der Dreharbeiten ist atemberaubend, die Farben sind intensiv, hier ist die restaurierte Fassung spektakulär. Im Podcast direkt nach dem Film spreche ich mit Johanna über die nackte Bardot (das Aufzählen der Körperteile!), darüber wie wichtig 1963 die Diskussion über die Rolle und Unabhängigkeit der Frau und die Rolle und Unabhängigkeit der Kunst war, über Odysseus-Interpretationen, Fritz Lang, Ehebruch bei den Franzosen und die Neugier auf weitere Nouvelle Vague-Filme.
9 Minuten
Francois Ozons Kriminalkomödie MEIN FABELHAFTES VERBRECHEN ist doppelbödig – auf verschiedenen Ebenen. Auf der Oberfläche genießen wir eine sommerleichte Boulevard-Screwball-Komödie mit wunderbaren Gerichtsszenen. Unter der Oberfläche geht es um sexuelle Belästigung von Schauspielerinnen durch einen mächtigen Filmproduzenten, es geht um Gleichberechtigung, freie Entscheidung von Frauen, gleiche Bezahlung, Frauenwahlrecht, also eine französisch-feministische Art Deco-Mixtur aus ZEUGIN DER ANKLAGE und BOSTON LEGAL. Sehr unterhaltsam, schnelle Pointen und Wortgefechte und mit Nadia Tereszkiewicz und Rebecca Marder großartig besetzt. Ozon krönt seinen Film, in dem er mit der zuckrigen Boulevardkomödienoptik spielt und uns ohne Schnitt in den Film im Film und wieder hinaus führt. Sehr empfehlenswertes intelligentes Vergnügen. Am Mikrofon: direkt nach dem Kino: Bettina und Thomas.
11 Minuten
Auf der einen Seite ist es schön, wenn man als Filmemacher eine unverwechselbare Bildsprache gefunden hat. Auf der anderen Seite ist es traurig zu sehen, wenn einem Filmemacher alles außer der unverwechselbaren Bildsprache abhanden kommt. Meine steile These zu Wes Anderson: Wenn die Filmbilder des nächsten Wes Anderson-Films zukünftig von einer KI wie Midjourney kommen und das Drehbuch von ChatGPT – nach ASTEROID CITY würden wir den Unterschied nicht mehr feststellen. Als wollte er die Künstlichkeit des Films einordnen, findet die Handlung innerhalb des Films als Theaterstück statt, als Schachtel um diese Schachtel gibt es dazu noch einen Kommentator. Hübsche Einfälle kommen und verblassen gleich wieder in der pastelligen Wüstenkulisse. Die Flut der Darsteller:innen spült die Charaktere aus dem Film, die Dialoge könnten etwas bedeuten oder persiflieren sie etwas Bedeutendes? Wir wissen es nicht. Und nach dem Film ist es uns gleich. Direkt nach dem Kino sind wir unterschiedlicher Meinung. Am Mikrofon: Johanna, Hendrik und Thomas.
11 Minuten
Die Idee des Multiversums ist ja eine ansteckende Krankheit im Kino der Gegenwart – und wenige Varianten sind so sehenswert wie EVERYTHING EVERYWHRE ALL AT ONE. Zu den gelungenen Varianten gehören die beiden Spider-Man-Animationsfilme. Der zweite ist gerade gestartet: SPIDER-MAN: ACROSS THE SPIDERVERSE öffnet nicht nur für unseren Helden Miles Morales das Tor zu einer anderen Welt, sondern den Sprung in tausende Welten, alle mit einer anderen Version von Spider-Man: Spider-Baby, Spider-Girl, Spider-Punk, Spider-Cowboy, etc. Und jede Welt hat eine eigene Textur, eine eigene Visualität – verschiedene Comic-Versionen, Lego und Knubbelnasen, sogar ein realer Mensch taucht auf. Der Film springt in einer wirklich atemberaubenden Geschwindigkeit durch diesen Bilderrausch.
Das ist optisches Überwaltigungskino – Thomas hat seit AKIRA keinen so bildgewaltigen Animationsfilm gesehen. Eine weitere Stärke ist, dass der Film immer wieder in den Baukasten der Spider-Man-Mythologie greift und mehr oder weniger subtil mit diesen Zitaten spielt. Aber der größte Pluspunkt ist die Zeichnung der Charaktere – im doppelten Wortsinn: zum einen können wir die Motive und die Entwicklung der Charaktere nachvollziehen und mit ihnen mitfühlen, zu anderen ist das Mienenspiel zum Teil so fein gezeichnet, dass man vergisst, dass es sich nicht um Schauspieler handelt. Wir freuen uns schon auf Teil 3: SPIDER-MAN: BEYOND THE SPIDERVERSE. Direkt nach dem Kino am Mikrofon: Harald, Tom und Thomas.
P.S. Erst Tage nach dem Kinobesuch haben wir erfahren, wie hart und unfair die Arbeitsbedingungen für die Menschen sind, die Animation, Grafik, Zeichnung und Design umsetzen. Das muss sich ändern.
Das ist optisches Überwaltigungskino – Thomas hat seit AKIRA keinen so bildgewaltigen Animationsfilm gesehen. Eine weitere Stärke ist, dass der Film immer wieder in den Baukasten der Spider-Man-Mythologie greift und mehr oder weniger subtil mit diesen Zitaten spielt. Aber der größte Pluspunkt ist die Zeichnung der Charaktere – im doppelten Wortsinn: zum einen können wir die Motive und die Entwicklung der Charaktere nachvollziehen und mit ihnen mitfühlen, zu anderen ist das Mienenspiel zum Teil so fein gezeichnet, dass man vergisst, dass es sich nicht um Schauspieler handelt. Wir freuen uns schon auf Teil 3: SPIDER-MAN: BEYOND THE SPIDERVERSE. Direkt nach dem Kino am Mikrofon: Harald, Tom und Thomas.
P.S. Erst Tage nach dem Kinobesuch haben wir erfahren, wie hart und unfair die Arbeitsbedingungen für die Menschen sind, die Animation, Grafik, Zeichnung und Design umsetzen. Das muss sich ändern.
9 Minuten
Frauen nehmen die Schuld auf sich. Frauen dürfen nicht selbst entscheiden. Frauen müssen Opfer bringen – auch die größten. Takeshi Fukunaga stellt eine Frau in den Mittelpunkt seiner düsteren Geschichte. Ausfallende Ernten bringen die Dorfgemeinschaft an den Rand des Untergangs. Da Tochter Rin den Reisdiebstahl ihres Vaters auf sich nimmt, verlässt sie die Menschen und versteckt sich im Wald des nahegelegenen Berges. Während sie dort eine unerwartete Begegnung hat, entscheidet die Dorfgemeinschaft, dass ein Menschenopfer gebracht werden – natürlich eine Jungfrau …
Fukunaga ließ sich von regionalen Legenden zu seinem Film inspirieren. Sozialrealismus in dunkelschönen Einstellungen, keine Verklärung der Vergangenheit aber eine grimmige Poesie der Bilder. Im Podcast direkt nach der Vorstellung im Eldorado in Frankfurt reden wir über die starken Darstellerinnen Anna Yamada und Toko Miura, über wilde Männer und wie erschreckend schnell ein Vater seine Tochter für ein Stück Land verkauft. Mm Mikrofon: Helena und Samuel von Sneaky Monday, Daniel vom Altstadtkino und Thomas.
Fukunaga ließ sich von regionalen Legenden zu seinem Film inspirieren. Sozialrealismus in dunkelschönen Einstellungen, keine Verklärung der Vergangenheit aber eine grimmige Poesie der Bilder. Im Podcast direkt nach der Vorstellung im Eldorado in Frankfurt reden wir über die starken Darstellerinnen Anna Yamada und Toko Miura, über wilde Männer und wie erschreckend schnell ein Vater seine Tochter für ein Stück Land verkauft. Mm Mikrofon: Helena und Samuel von Sneaky Monday, Daniel vom Altstadtkino und Thomas.
6 Minuten
Wann darf ich das Land, in dem ich lebe, meine Heimat nennen? Was ist mit der Heimat, die ich mit mir bringe? Wo ist mein Platz zwischen den Welten? Jeder Mensch auf der Flucht stellt sich diese Fragen. Und alle Menschen, die sich diese Fragen nicht stellen müssen, sind privilegiert. Emma Kawawada erzählt die Geschichte einer kurdischen Familie, die fliehen muss, nachdem der Vater gefoltert worden war. In Japan passen sie sich an, die Kinder lernen Japanisch, vor allem die älteste Tochter Sarya ist eine Musterschülerin, die Empfehlungen für weiterführende Schulen bekommt, obwohl sie keine Japanerin ist. Aber aller Fleiß, alle Anpassung an die neue Heimat ist vergebens, denn der Asylstatus des Vater wird nicht anerkannt – eine schmerzhafte Szene im Film, wie alle Ausweise der Familie zerstört werden.
Emma Kawawada ist eine sehr gute Beobachterin und zeigt in ihrem großartigen Debütfilm das Schicksal zwischen Verzweiflung und Hoffnung, zwischen erster Liebe und arrangierter Ehe am Beispiel von Sarya – herausragend gespielt von Lina Arashi. Wir kommen ihr und ihrer Familie im Film sehr nah. Dem Film gelingt es, uns für die Perspektive der Menschen zu öffnen, die flüchten müssen und zeigt, wie falsch unsere fremdenfeindlichen Reflexe sind. Sehr sehenswert, einer der stärksten Filme des Festivals. Direkt nach dem Kino am Mikrofon: Karoline, Andras und Thomas.
Emma Kawawada ist eine sehr gute Beobachterin und zeigt in ihrem großartigen Debütfilm das Schicksal zwischen Verzweiflung und Hoffnung, zwischen erster Liebe und arrangierter Ehe am Beispiel von Sarya – herausragend gespielt von Lina Arashi. Wir kommen ihr und ihrer Familie im Film sehr nah. Dem Film gelingt es, uns für die Perspektive der Menschen zu öffnen, die flüchten müssen und zeigt, wie falsch unsere fremdenfeindlichen Reflexe sind. Sehr sehenswert, einer der stärksten Filme des Festivals. Direkt nach dem Kino am Mikrofon: Karoline, Andras und Thomas.
13 Minuten
Warum bin ich so? Das fragt sich ein achtjähriges Kind. Alle behandeln das Kind als Jungen, so ist es auch geboren worden. Aber das Kind weiß, dass eskein Junge ist und versucht sich über sich selbst klar zu werden und seinen Platz in der Welt zu finden. Irgendwann gibt sie sich selbst einen Namen: Lucia. Und das ist ein Akt der Befreiung, der Emanzipation, der Selbstvergewisserung. Diese komplexe Comin of Age-Geschichte ist in einen sozialrealistischen Film eingebettet: Rund um Lucia gibt es einen Bruder, gibt es eine Mutter, deren Ehe vor dem Aus steht und die als Künstlerin einen Neustart versucht, eine Großmutter mit schwieriger Vergangenheit, eine Tante, die bei ihren Bienenstöcken Lucia einen sicheren Ort bietet.
Regisseurin Estibaliz Urresola Solaguren erzählt in ihrem beeindruckenden Debütfilm die Entwicklung von Lucia mit Geduld (die auch der Zuschauer mitbringen sollte) in vielen Dialogen. Berührend sind die Momente, wenn ein anderes Mädchen Lucia als Freundin akzeptiert - auch wenn sie weiß, dass Lucia biologisch ein Junge ist. Beeindruckend wie die Mutter zwischen allen Konflikten nicht für einen Augenblick von der unbedingten Liebe zu ihren Kindern abweicht. Großartig sind die Bilder, zum Beispiel wenn der Blick von den Bienenkörben über das Tal geht.
Im Podcast reden wir über die herausragende Kinderdarstellerin Sofia Otero, über das schnell gesprochene Spanisch und Baskisch (ist alles in den Untertiteln wirklich übersetzt worden?), Thomas verwechselt die Großmutter und die Tante und vergleicht den Film mit STILL THE WATER. Direkt nach dem Kino am Mikrofon: Johanna und Thomas.
Regisseurin Estibaliz Urresola Solaguren erzählt in ihrem beeindruckenden Debütfilm die Entwicklung von Lucia mit Geduld (die auch der Zuschauer mitbringen sollte) in vielen Dialogen. Berührend sind die Momente, wenn ein anderes Mädchen Lucia als Freundin akzeptiert - auch wenn sie weiß, dass Lucia biologisch ein Junge ist. Beeindruckend wie die Mutter zwischen allen Konflikten nicht für einen Augenblick von der unbedingten Liebe zu ihren Kindern abweicht. Großartig sind die Bilder, zum Beispiel wenn der Blick von den Bienenkörben über das Tal geht.
Im Podcast reden wir über die herausragende Kinderdarstellerin Sofia Otero, über das schnell gesprochene Spanisch und Baskisch (ist alles in den Untertiteln wirklich übersetzt worden?), Thomas verwechselt die Großmutter und die Tante und vergleicht den Film mit STILL THE WATER. Direkt nach dem Kino am Mikrofon: Johanna und Thomas.
10 Minuten
Ein Mann sitzt in einer Selbsthilfegruppe für Mitarbeiter von toxischen Vorgesetzten – sein Problem ist allerdings etwas größer, denn bei seinem Chef liegt nicht nur pathologischer Narzissmus vor. Der Mann heißt Renfield (Nicholas Hoult) und sein Chef ist Dracula. Eine Traumrolle für Nicolas Cage, dessen Bela-Lugosi-Grinsen noch gefährlicher ist als seine Fangzähne. Renfields Aufgabe ist, dem Meister frisches Blut – am liebsten Form von Cheerleaderinnen oder Nonnen – zuzuführen. Während Renfield versucht, sich von seinem Chef zu emanzipieren, trifft er auf eine ständig fluchende und um sich schießende, toughe Polizistin (großartig: Awkwafina). Zusammen bilden sie ein höchst unterhaltsames Buddy-Team im Kampf gegen Dracula und als wäre das noch nicht genug auch noch gegen die Mafia. Eine Prise RomCom, eine Schippe Tanz der Teufel, das Ganze mit etwas John Wick aufgerührt – zusammen ergibt das anderthalb Stunden höchst vergnüglichen Film mit fassweise Kunstblut und soviel ironischer Distanz zu den Genre-Versatzstücken, dass die Splatter- und Gore-Elemente uns nur noch mehr haben lachen lassen. Direkt nach dem Kino gutgelaunt am Mikrofon: Gabriele, Tom und Thomas.
5 Minuten
Zwei Straßenkinder haben sich in ihrem Stadtviertel in Treasure Town eingerichtet und verteidigen es gegen anderen Jugendbanden. Aber die beiden mit den Namen Black und White sind keine normalen Kinder. Das zeigt sich, als Yakuza die Stadt übernehmen wollen und die beiden Jungs getrennt werden. Treasure Town ist eine unglaubliche Kulisse – wie ein Fiebertraum von Moebius und Schuiten, eine dirchte Atmosphäre und eine fantastische Animation einer bewegten Kamera. Der Stil ist härter, die Gesichter eckiger und düsterer, passend zur harten und finsteren Geschichte. Im Podcast direkt nach dem Film reden wir über den Minotaurus, über Details und Farben, über psychedelische Elemente und ziehen Vergleiche zu AKIRA. Sehr sehenswert! Direkt nach dem Kino am Mikrofon: Manuel, Tobias und Thomas.