Herbst Tapes Archiv
29 Episoden
1 Stunde 22 Minuten
Europa steht im Spannungsfeld zwischen Integration und Abgrenzung. Grenzen – einst als harte Trennung und Schutz, dann als Schamgrenze, heute als semi-permeable Membran – markieren nicht mehr nur außen, sondern auch innen. Wo verlaufen die sichtbaren und unsichtbaren Grenzen Europas? Der Philosoph Peter Sloterdijk und der Autor Durs Grünbein sprechen über Europa als geopolitischen Raum. Dabei geht es um die Gefährlichkeit zerfallender Imperien wie Russland und die USA, um die nachträgliche Vorsorge beim Impfen und bei der militärischen Aufrüstung, aber auch um das „Sandburgen-Syndrom“ der Deutschen.
1 Stunde 2 Minuten
Ted Hughes’ Gedichtband „Crow” (Faber & Faber 1970) ist in seiner Dunkelheit und seiner schwer erträglichen Gewalttätigkeit ein singuläres Ereignis in der Lyrikgeschichte, was durch die Übersetzung von Elmar Schenkel spätestens 1986 auch im deutschsprachigen Raum wahrgenommen werden konnte. Ich selbst habe das Buch ein Jahr später gelesen, war schockiert und schwer beeindruckt zugleich, und wusste, dass ich so etwas irgendwann auch einmal versuchen wollte. Bis dahin hat es nun fast vierzig Jahre gedauert – und herausgekommen ist natürlich etwas ganz anderes. „rückkehr von krähe“ (kookbooks 2025) ist ein langes Abenteuergedicht in 14 Abteilungen, und von Ted Hughes’ ursprünglicher Konzeption hat eigentlich nur der Protagonist überlebt: Krähe, eine Figur, von der wir nach wie vor nicht wissen, wen wir da eigentlich vor uns haben: einen Vogel, einen Menschen (und falls ja: einen Mann oder eine Frau?), eine Trickster-Gestalt, einen Gott oder einen Teufel.
1 Stunde 20 Minuten
Neben Thomas Mann und Rainer Maria Rilke war auch Franz Kafka Gast in Dr. Lahmanns Sanatorium auf dem Weißen Hirsch in Dresden. Er lernte dort das „Hygienische Kochbuch zum Gebrauch für ehemalige Kurgäste“ kennen – und damit eine Küche, die ins Herz unserer modernen Ernährungsmedizin zielt. Es macht Lust auf Kochen und Genießen – von Risi-Pisi und Spargel-Pudding bis zu einem in kulinarische Vergessenheit geratener Nachtisch mit dem hinreißenden Namen „Watte ums Herz“. Die literaturbegeisterte Ärztin Eva Gritzmann und der gastroaffine Literaturkritiker Denis Scheck stellen in ihrer bibliophilen Neuausgabe des legendären Kochbuchs auch die Beziehungen zum Werk Kafkas her. Ganz nebenbei liefern sie so auch einen Schlüssel zu Kafkas Leben und seinen literarischen Texten – vom „Hungerkünstler“ bis zum „Brief an den Vater“.
1 Stunde 33 Minuten
In einer schweren Krise wurde die NSDAP 1932 zur mit Abstand stärksten Partei gewählt. Bald konnte sie die Macht übernehmen und auf wachsende gesellschaftliche Zustimmung bauen. Hitler brauchte den Krieg – das Volk fürchtete sich davor. Dennoch terrorisierten schließlich 18 Millionen deutsche Soldaten Europa. Wie kam es dazu? Warum beteiligten sich Hunderttausende an beispiellosen Massenmorden? Götz Aly, einer der bekanntesten Autoren zur Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust, schildert die Herrschaftsmethoden, mit denen die NS-Machthaber Millionen Deutsche in gefügige Vollstrecker oder in vom Krieg abgestumpfte Mitmacher verwandelten – und von denen nicht wenige beängstigend aktuell sind.
1 Stunde 36 Minuten
Ein großer Abend der Romandebüts. Aus vier besonders vielversprechenden Erstlingen wird im Ost-Passage Theater gelesen. Bei der Auswahl haben wir auf eine möglichst große Bandbreite geachtet – in Bezug auf die Autor:innen, den Stil, die Themen und Schauplätze der Bücher: Es geht um die aufwühlende und widersprüchliche Geschichte einer Frau, die über Jahrzehnte als Sexarbeiterin in der DDR gearbeitet hat (Clemens Böckmann: „Was du kriegen kannst“, Hanser – aus- gezeichnet mit dem Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung!), um den mit viel abgründigen Witz erzählten Überlebenskampf einer jungen Frau, die einen Herzschrittmacher braucht (Lilli Polansky: „Gratulieren müsst ihr mir nicht“, Schöffling), um eine letzte Messe auf Erden, die zur rasanten Traumreise wird, voller Überraschungen, Heiterkeit und Poesie (Alexander Schnickmann: „Requiem“, Matthes & Seitz Berlin) und um das mitreißend erzählte Aufwachsen von Jella, dem Umschlagen der ersten großen Liebe in Gewalt, vom Frauwerden, Frausein, funkelnden Begierden und düsteren Abgründen (Ruth-Maria Thomas: „Die schönste Version“, Rowohlt Hundertaugen).
1 Stunde 26 Minuten
Demokratische Republik oder faschistischer Staat – so lautete ab dem Sommer 1930 die Alternative in Deutschland. Was folgte – der Aufstieg radikaler Kräfte, die Pulverisierung der bürgerlichen Milieus, der Aufruhr der Mittelschichten, die Selbstüberschätzung der Konservativen und Nationalisten, die sich einbildeten, Hitler zähmen zu können, Verelendung und Bürgerkriegsfurcht –, mündete in die verbrecherischste Diktatur des 20. Jahrhunderts. Jens Bisky erzählt, wie die Weimarer Republik in einem Wirbel aus Not und Erbitterung zerstört wurde. Es kommen Politiker und Journalisten der Zeit zu Wort, erschöpfte Sozialdemokraten, ratlose Liberale, nationalistische Desperados, Literaten, Juristen, Offiziere: Das große Panorama einer extremen Zeit, die noch immer ihre Schatten auf die Gegenwart wirft – einer Gegenwart, in der nicht wenige warnen, dass es bereits „5 vor 1933“ (Philipp Ruch) sei.
1 Stunde 25 Minuten
Innerhalb einer Oktober-Woche bringt der Literarische Herbst die ganze Bandbreite dessen auf Leipzigs Bühnen, was Literatur will und kann - kühn und poetisch, literarisch klug, politisch. Das reicht vom Gipfeltreffen der besten Debütantinnen und Debütanten des Jahres im Ostpassage-Theater bis zur Lyrikpräsentation im privaten Wohnzimmer, von der Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels im Alten Rathaus bis zur popkulturellen Grenzüberschreitung im UT Connewitz. Dabei gilt: Gute Bücher kennen kein Verfallsdatum! Mit den Herbst Tapes lassen sich einige der spannendsten Lesungen und Gespräche des letztjährigen Festivals nachhören.
1 Stunde 41 Minuten
Die Schriftstellerin M., seit einigen Monaten im europäischen Exil, bricht ins Nachbarland auf – ein Festival hat sie zu Lesungen eingeladen. Die Reise ist voller Pannen: der vorgesehene Anschlusszug existiert nicht, das Ladekabel des Telefons geht verloren. Auf dem Grenzbahnhof in F. wartet niemand, der Kontakt zu den Veranstaltern ist abgebrochen. M. durchstreift die Stadt, und ihr begegnet die langersehnte Chance, ihre Identität loszuwerden und zu verschwinden. Aber kann das gelingen? Die Geschichte spielt im Sommer 2023: Russlands Krieg gegen die Ukraine endet nicht. Metaphern und Anspielungen, von Thomas Hobbes bis Paul Bowles, durchziehen Stepanovas fesselnde, an Wahrnehmungen und Gedanken reiche Prosa. Hat sie, die Nabokov-Leserin, eine Einladung zur Selbst-Enthauptung geschrieben? Es bleibt an uns, den Leserinnen, ob wir ihren „Absprung“ als Akt der Befreiung oder der Verneinung verstehen wollen.
1 Stunde 24 Minuten
„Das Mädchen“, „April“, „Jahre später“ – in ihrer gefeierten Romantrilogie zeichnet Angelika Klüssendorf die Geschichte eines Mädchens nach, das sich von ihrer Herkunft zu befreien sucht. Nun erzählt Klüssendorf die Vorgeschichte zum Roman-Zyklus neu. In zehn Geschichten entfaltet die Autorin ein Kinderleben zwischen Übergriffen und Teilnahmslosigkeit in der DDR der 60er und 70er Jahre. Nach dem Tod der geliebten Großmutter ringt das Mädchen darum, seine Eltern auszuhalten und die Schwester zu beschützen. Nur die Literatur bietet Auswege, das Heranwachsen wird zur intellektuellen Selbstermächtigung. Was wurde bisher nicht erzählt? Und wie wahrhaftig kann man schreiben, wenn es um die eigene Geschichte geht?
1 Stunde 27 Minuten
Wolfgang Herrndorf gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern seiner Generation. Mit seinem Roman „Tschick“ hat er weltweit Herzen erobert, sein früher Tod – die Tumordiagnose, die Entscheidung, sich das Leben zu nehmen – bewegt bis heute viele Menschen. Nun, zehn Jahre später, legt Tobias Rüther mit „Herrndorf“ (Rowohlt Berlin) die erste Biografie vor. In der naTo spricht er mit dem Dramaturgen Robert Koall, der „Tschick“ als erster auf die Bühne gebracht und eng mit Herrndorf zusammengearbeitet hat.
Basierend auf zahlreichen unveröffentlichten Dokumenten und Gesprächen mit Familie, Freunden und Weggefährten beleuchtet Rüther alle Facetten Herrndorfs, auch die bisher weniger bekannten: Er zeigt den Künstler, der Astrophysik und niederländische Malerei liebte, Fußball, Nabokov und Stendhal, den Akribiker, Romantiker und Internetbewohner, den hochbegabten Maler und „Titanic“-Illustrator. So entsteht das ebenso faszinierende wie bewegende Porträt eines außergewöhnlichen Menschen, der trotz der kurzen Zeit, die ihm blieb, ein großes Werk schuf – und bis zuletzt sein Leben selbst bestimmte.
Basierend auf zahlreichen unveröffentlichten Dokumenten und Gesprächen mit Familie, Freunden und Weggefährten beleuchtet Rüther alle Facetten Herrndorfs, auch die bisher weniger bekannten: Er zeigt den Künstler, der Astrophysik und niederländische Malerei liebte, Fußball, Nabokov und Stendhal, den Akribiker, Romantiker und Internetbewohner, den hochbegabten Maler und „Titanic“-Illustrator. So entsteht das ebenso faszinierende wie bewegende Porträt eines außergewöhnlichen Menschen, der trotz der kurzen Zeit, die ihm blieb, ein großes Werk schuf – und bis zuletzt sein Leben selbst bestimmte.
1 Stunde 22 Minuten
Seit sie denken kann, ist Susan Neiman erklärte Linke. Doch seit wann ist die Linke woke? In ihrer von Leidenschaft und Witz befeuerten Streitschrift „Links ist nicht woke“ (Hanser Berlin) untersucht sie, wie zeitgenössische Stimmen, die sich als links bezeichnen, ausgerechnet die Überzeugungen aufgegeben haben, die für den linken Standpunkt entscheidend sind: ein Bekenntnis zum Universalismus, der Glaube an die Möglichkeit des Fortschritts und die klare Unterscheidung zwischen Macht und Gerechtigkeit. Als Philosophin überprüft sie dabei die identitätspolitische Kritik an der Aufklärung als rassistisch, kolonialistisch, eurozentristisch und stellt fest: Die heutige Linke beraubt sich selbst der Konzepte, die für den Widerstand gegen den weltweiten Rechtsruck dringend gebraucht werden.
1 Stunde 16 Minuten
Wenn sich Dagmara Kraus und Michael Lentz begegnen, treffen zwei mit einer unbändigen Lust auf Sprache in ihrer Materialität aufeinander – Gomringer, Rühm, Jandl oder Pastior grüßen aus dem Maschinenraum der Poesie. Dagmara Kraus treibt mit ihren sprachalchemistischen Prozeduren eine ganz eigene, mehrstimmige Kunstsprache hervor: In ihren Gedichten lassen sich polnische, deutsche, französische oder englische Einsprengsel genauso entdecken wie Wortfunde aus dem Barock, aber auch aus Comics oder Zeichentrickserien. In den Gedichten von Michael Lentz geht es buchstäblich um alles – von A bis Z, von der Kindheit bis zum Tod. In immer neuen Anläufen geben sich Lentz’ Texte der schöpferischen, lebendigen Kraft der Sprache hin und ziehen dabei vom Gebet bis zum Anagramm alle Register. Das hat etwas Barockes und Romantisches und kühl Modernes – und zielt doch immer aufs Ganze unserer Existenz.
1 Stunde 17 Minuten
In Sybille Ruges erstaunlichen Krimi-Debüt „Davenport 160 x 90“ (Suhrkamp) bleibt kaum ein Satz ohne Pointe – egal, ob es um Kunst, fiese Geschäfte oder um die Existenz als solches geht. Ihre Protagonistin Sonja Slanski, Inkasso-Unternehmerin im Luxus-Segment, passionierte Boxerin und bekennende Vollwaise, erscheint uns wie eine legitime Tochter von Jakob Arjouni und Jörg Fauser. In „Bullauge“ (Suhrkamp) erzählt Friedrich Ani die Geschichte zweier Abgehängter, die sich zusammenraufen, um eine Katastrophe zu verhindern: Ein nach dem Verlust eines Auges vom Dienst freigestellter Polizist und die ausstiegswillige Mitläuferin einer rechtspopulistischen Partei, die von Attentatsplänen ihrer Führungsebene erfährt. Ein klassischer Noir vom Meister der Zwischentöne. Mit Thomas Wörtche sprechen Ruge und Ani unter anderem darüber, warum ihre Bücher ohne das Label ‚Krimi‘
1 Stunde 23 Minuten
Helmut Lethen zählt zu den Mitbegründern der Kulturwissenschaft in Deutschland. Werke wie die „Verhaltenslehren der Kälte“ – gerade mit einem langen Nachwort neu aufgelegt – haben eine ganze Intellektuellengeneration geprägt und erhalten in Zeiten, wo der Habitus der Kälte wieder zur Ressource wird, eine ungeahnte Aktualität. Sein neues Buch „Der Sommer des Großinquisitors. Über die Faszination des Bösen“ (Rowohlt Berlin) ist ein meisterhafter Essay über Macht und Moral – und ein aufregender Ritt durch die Literatur, Philosophie und Geschichte des 20. Jahrhunderts.
32 Minuten
Fiston Mwanza Mujila gehört zu den eigensinnigsten Stimmen der jungen österreichischen Gegenwartsliteratur: er ist einer, der im Vortrag seiner Texte alle Instrumente einer Jazz-Band aus sich heraus zu holen vermag. In seinem neuen Gedichtband „Kasala für meinen Kaku“ (Ritter Verlag) kreiert Fiston Mwanza Mujila eine mitreißende Dichterrede, deren kolossale Übertreibung jegliches Pathos implodieren lässt, deren bunte Klanggestalt und furiose Rhythmen ein poetisches Gegenfeuer zum falschen Bestehenden zünden. Auf kongeniale Weise umspielt, verstärkt und erweitert der Jazz-Saxophonist Patrick Dunst improvisierend die Gedichte, transformiert sie zu einem exzeptionellen sprachmusikalischen Ereignis.