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Birett Ballett - Katholische Theologie erklärt Archiv

36 Episoden
14 Minuten
Wir haben in dieser Reihe bereits einige Themen mit typologischen  Betrachtungen begonnen: Jesus als neuer Adam, als neuer Moses, als neuer  David und wir haben darin die Grundlagen für Maria als neue Eva, als  neue Bundeslade, als himmlische Königinmutter gefunden. Eine weitere  Figur, die seit alter Zeit als Vorausbild Christi gesehen wurde ist  Josef der Sohn Jakobs.
21 Minuten
Die Jungfräulichkeit Mariens bei der Empfängnis Jesus ist in den Evangelien klar attestiert. Das Fortdauern dieser Jungfräulichkeit hingegen scheint manchen fragwürdig. Denn schließlich war Maria verheiratet und auf den Seiten der Evangelien ist von den Brüdern und Schwestern Jesu die Rede. Die Verteidiger der immerwährenden Jungfräulichkeit gehen in der Regel von entsprechenden Votum Mariens aus. Kritiker hingegen halten ein solches Enthaltsamkeitsversprechen unvereinbar mit der jüdischen Vorstellungswelt. Brant Pitre hat dazu eine interessante Erklärung geliefert, die es sich lohnt hier anzusehen.
15 Minuten
In den vorangegangenen Folgen haben wir Jesus gesehen als neuen Adam und als neuen Moses. In der letzten Episode ist zudem schon eine weitere Typologie angeklungen: Jesus als der neue David.  Sowohl die Genealogie (Vgl Matthew 1:1–17) als auch die Verkündigung (Luke 1:30–33), die davon spricht, dass Jesus auf dem Thron seines Vaters David sitzen und ewig herrschen wird, lassen  keinen Zweifel: Jesus ist der langerwartete, davidische und messianische König.    Nun können wir fragen: gibt es auch eine Königin? Im ersten Moment ist man geneigt den Kopf zu schüttlen. Man will doch hier keine haltlose Maria Magdalena Heiratssache aufwärmen. Jesus hatte keine Frau. Und daher hat dieser König auch keine Königin. Doch was uns offensichtlich scheint, erfährt durch die Lektüre des Alten Testaments eine vielleicht überraschende Wendung. Denn Königin ist hier nicht die Gemahlin des Königs, sondern die Königinmutter. Sie ist es die den Titel der Gebirah – hebräisch Herrin – trägt.
15 Minuten
Das erste Mal, dass ich von der Bundelade etwas hörte, war nicht bei der Lektüre der Heiligen Schrift, sondern durch den peitschenschwindenden Hutträger Indiana Jones. Dem Plot des Abendteuerstreifens zufolge, entnahm ich auch, dass die Bundeslade offensichtlich verschollen war. In der Tat, als Jesus den Tempel in Jerusalem besuchte, war der innerste Bezirk, das Allerheiligste leer. Wie es dazu kam und was das für die Mariologie bedeutet, sehen wir uns in dieser Folge an. In der letzten Episode haben wir mit Jesus als dem neuen Adam begonnen. Hier fahren wir damit fort, dass Jesus auch als neuer Moses in Erscheinung tritt. Die Evangelien weisen darauf hin. So wie Moses für 40 Tage und Nächte am Berg Sinai fastete (Ex 34,28), tut dies auch Jesus am Beginn seinen Wirkens (Luke 4:1–2). Moses und das Manna (Exodus 16:1–31) bilden Jesus und die Brotvermehrung voraus, selbst wiederum Bild für das eigentliche eucharistische Himmelsbrot (Luke 9:10–17). Moses ist der große Gesetzgeber des Volkes. Jesus tritt in seiner Predigt als der Geber eines neuen Gesetzes auf (Mt 5). Und so wie Moses den Bund zwischen Gott und den 12 Stämmen Israels vermittelte, setzt Jesus im Kreis seiner Zwölf einen neuen Bund in seinem Blute ein. Auch der Exodus, als das große Ereignis, das Gott in die Hände des Moses gelegt hatte, ist nur das Urbild eines neuen Exodus, den Christus ermöglicht. Entkam man einst der Sklaverei Ägyptens, entkommt man in Christus der Sklaverei der Sünde. Christus ist der neue Moses, der sein Volk in die wahre Freiheit führt. Das Wichtigste, das Moses und das Volk damals begleitete war die Lade des Bundes. Und hier wird es für diese Reihe interessant...
15 Minuten
Der Kern des christlichen Glaubens besteht darin, das Christus uns durch  seinen Tod erlöst hat. Seine Liebe bis ins Äusserste hat die Kraft die  Lieblosigkeit aller Sünden, aller Menschen, aller Zeiten aufzuwiegen.  Doch Erlösung bedeutet nicht nur unsere Rettung und die Öffnung des  Himmels für eine Rückkehr zu Gott. Die Erlösung vollzieht sich als eine  Neuschöpfung.  In diesem Sinn spricht Paulus: „Wie es also durch die Übertretung eines  einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch  die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung  kommen, die Leben gibt. Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die  vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen  die vielen zu Gerechten gemacht werden.“ (Röm 5,18-19). Die  Korintherbriefe nennen Christus ausdrücklich das Haupt einer neuen  Schöpfung (2 Kor 5,17-18), sprechen von ihm als Adam und lebendig  machendem Geist (1 Kor 15,45), benennen den himmlischen Ursprung dieses  neuen Stammvaters (1 Kor 15,45).  Die Vorstellung von Christus als neuer Adam, hat ihre Wurzeln jedoch  schon im Alten Testament, in denen das messianische Reich einen neuen  Himmel und eine neue Erde verheißt. Zwar leben wir, auch jetzt nach dem  Kommen des Messias, hier noch in einer gewissen Vorläufigkeit, doch  dieses Neue, diese Neuschöpfung, das neue Leben aus der Gnade hat  bereits begonnen. Und das nicht zuletzt durch die Sakramente. Wir sehen  es in der Taufe, deren Ritus ein Sterben – wir gehen im Wasser unter –  und ein Auferstehen – wir tauchen aus dem Wasser auf – darstellt und im  Inneren der Seele diese Neuschöpfung wahrhaftig bewirkt. Wir sollen als  neue Menschen leben. Wir sind die Nachkommen eines neuen Adams An diesem Punkt stellt sich eine Frage. Wenn es einen neuen Adam gibt,  gibt es dann auch eine neue Eva?
10 Minuten
n dieser Reihe möchte ich eine Zusammenfassung des Buches "Jesus and the  Jewish Roots of Mary" von Brant Pitre bieten. Nicht alles in seinen  Ausführungen hat mich völlig überzeugt, und doch fand ich die Ansätze  spannend und bedenkenswert. Der Zugang zu den Evangelien über die  zeitgenössischen jüdischen Quellen ist ein wertvoller. Denn die alte  Kirche erhielt ihre Mariologie – anders wie es protestantische Polemik  und pseudowissenschaftliche Enthüllungsdokus bisweilen vorgeben – nicht  aus dem Heidentum, sondern aus dem Lesen des Alten Testaments. Maria ist  keine Kopie der Isis, keine Inkulturation einer Fruchtbarkeitsgöttin.  Maria ist jene jüdische Frau des erste Jahrhunderts, die den Messias  geboren hat und deren eigene Existenz ganz und gar vom jüdischen  Verständnis dieses Messias her zu sehen ist.
4 Minuten
Wo stehen wir nun, am Ende dieser Überlegungen. Wer war Jesus gewesen?  Was können wir über ihn wissen? Es liegt in der Natur der  geschichtlichen Forschung, haben wir gesagt, dass sie nicht Naturgesetze  untersucht. Sie wird – obwohl sie eine Wahrheitssuche ist – für viele  Dinge nie die gleiche Sicherheit reklamieren können, als die Logik oder  die Naturwissenschaft. Denn Geschichte untersucht Kontingentes – also  Mögliches – Dinge die so sein, oder nicht so sein können. Zugegeben,  jemand von dem behauptet wird, er sei Gott gewesen, habe Wunder  vollbracht und durch seinen Tod die Welt gerettet, klingt nicht nach dem  was viele für „Möglich“ halten. Doch der eigentliche Grund dafür ist  nicht die geschichtliche Untersuchung selbst, sondern ein ideologischer  Vorentscheid: das, was ich mit meinen Sinnen betaste und begreife; was  sich einfügt in bekannte Ketten der Kausalität ist nicht nur der Umfang  meines natürlichen Verstehens, sondern auch der Umfang von allem, was  existieren kann. Meine Erfahrung, meine Sinne und meine Vernunft sind  das Maß des Universums – wenn nicht quantitativ, dann immerhin  qualitativ. Man nennt diese Ideologie Naturalismus. Es gibt keinen Gott,  nichts Höheres, nicht Geistiges. Es gibt nur das Materielle in einer  seiner Formen. Daher muss alles eine natürliche, materielle Erklärung  besitzen. Lese ich vom einem Wunders bin ich nicht nur skeptisch,  sondern weiß, dass es nicht so gewesen sein kann. Denn als Ideologie ist  der Naturalismus wie jede Ideologie in sich geschlossen. Sie definiert  im Vorfeld, was sein und nicht sein kann. Sie limitiert die Wirklichkeit  auf das, was ihr zugänglich erscheint.  In dieser Perspektive haben die vorangegangenen Ausführungen wohl wenig  Definitives geboten – wenig, was eine neue Sicht erzwingt. Aber dies  konnte ohnehin nie mein Ziel sein. Ich bin zufrieden, wenn es mir  gelungen ist zu zeigen, dass das Bild von Jesus, das wir besitzen, viel  glaubwürdiger ist, als viele dies vielleicht annehmen würden. Jesus ist  keine von Legenden völlig verfremdete, unbekannte, vielleicht sogar  unhistorische Figur. Behaupten kann man dies natürlich immer noch – aber  man muss es gegen das Gewicht einer Fülle von Evidenzen tun: gegen die  für die Antike unvergleichliche Quellenlage; gegen die als verlässlich  zu beschreibende Weitergabe der Texte, gegen die interne und externe  Bezeugung der Schriften; gegen ihr literarisches Genre, das zur  Geschichtsschreibung gehört; gegen die Charakteristiken, die für eine  Nähe zu Augenzeugen sprechen; gegen die historische Glaubwürdigkeit  durch archäologische Bestätigung; gegen die Vernünftigkeit einer frühen  Datierung; entgegen der deutlichen Unterschiede zu den klar erfundenen  Apokryphen; gegen die jüdische Deutungsperspektive, die den göttlichen  Anspruch als Gemeingut aller vier Evangelien ausweist, und gegen  anderes, das ich versucht habe, hier zusammenzufassen. Es spricht vieles  dafür, dass die Evangelien ein authentisches Bild der Person Jesu und  seines Selbstverständnisses überliefern. Es spricht vieles dafür, dass  uns in den Seiten des Neuen Testaments der selbe Jesus begegnet, der das  Leben, die Lehren und die Mission seiner ersten Jünger geformt und  geprägt hat.
9 Minuten
Als letztes Kapitel vor der Zusammenfassung, möchte ich die Auferstehung  zum Thema nehmen. Sie ist wichtig, um das Christenum als Bewegung  überhaupt erklären zu können. Die liberale Theologie hat viele Theorien  in die Welt gesetzt: von den Betrugsthesen der enttäuschten Jünger, die  nicht an den Arbeitsplatz zurückkehren wollten bis zu einer  „spirituellen Deutung“ der Auferstehung. Erst später durch Mythenbildung  habe man diese geistige Auferstehung durch eine leibliche ersetzt. Aber  können solche Theorien erklären, warum die christliche Bewegung sich  nicht wie alle anderen messianischen Bewegungen, die es im Judentum der  damaligen Zeit gab, nach dem Tod ihres Gründers verlor? Viel kann man ja  spekulieren über die „seelischen Zustände der zurückbleibenden  Apostel“. Aber eine Antwort muss auch Rechenschaft geben über das enorme  Wachstum der Bewegung gerade in Jerusalem, wo jeder Gegner auf das Grab  Jesu hätte hinweisen können. Die Leute waren in der Antike nicht  leichtgläubiger als heute, wie die Erzählung vom Apostel Thomas zeigt -  Oder man denke an die Reaktion der anderen Jünger, als die Frauen vom  leeren Grab zurückkehrten. Skepsis ist keine moderne Erfindung. Zudem  muss man erklären, wie ein Paulus, der zunächst entschiedener Gegner des  Christentums war und es aktiv verfolgte und bekämpfte, zum Glauben an  die Auferstehung kam. Der Tod Jesu war für Menschen wie Paulus kein  Ereignis, das sie im Schock psychisch verdrängen wollten und sich daher  die Geschichte der Auferstehung einbildeten, wie man es für die Apostel  behauptet hat. Und Paulus ist offensichtlich auch nicht egal, was im  Grab passierte: „Wenn Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist  unser Glaube sinnlos“. Er verkündet diesen Glauben nicht in Opposition  zu den Aposteln, die das leere Grab als zentralen Gegenstand ihrer  Botschaft sahen. Der Umstand des leeren Grabes wurde zudem weder in  römischen Berichten, noch unter den Juden bestritten. Die These, welche  offensichtlich unter den Juden in Umlauf war, leugnete nicht das leere  Grab, sondern behauptete dass die Jünger den Leichnam Jesu gestohlen  hätten (Vgl. Mt 28,15). Hier allerdings stellt sich dann die Frage,  warum die Jünger - die somit nichts weiter als Betrüger gewesen wären -  ihr entbehrliches Leben, Verfolgung, Gefangenschaft und Tod in den Kauf  genommen haben – nicht für die Chance auf Status, Anerkennung,  Herrschaft und irdischen Gewinn, sondern eine Botschaft von Demut,  Hingabe und Liebe selbst für den Feind – alles basierend auf der Lehre  eines, wie sie wussten, falschen Propheten.
10 Minuten
Dass Jesus gekreuzigt wurde ist als Fakt nicht umstritten. Nur  islamische Apologeten müssen das Gegenteil behaupten, damit ihr Prophet  nicht falsch gelegen hat. Für Mohammed war es nämlich nicht vorstellbar  gewesen, dass ein Gerechter Gottes, ein Prophet, einen solch  schändlichen Tod erleiden würde. Und schändlich war der Kreuzestod, wie  Josphus in seinem Werk über den Jüdischen Krieg (7.203) deutlich macht.  Auch Paulus richtet die Worte an die Gemeinde von Korinth: Wir  verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes  Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie  Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Die Kreuzigung war  gewiss nicht das Ende, das die Jünger für ihren Meister hatten kommen  sehen, als sie darüber stritten, wer von ihnen im messianischen Reich  größer sein werde. Erst mit der Auferstehung beginnen die Jünger  wirklich zu begreifen, dass das mehrmals von Jesus angekündigte und  schließlich eingetroffene Leiden kein Unfall, kein trauriges Schicksal,  sondern der zentrale Teil seiner Sendung gewesen war. Denn so sehr hat  Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hingegeben  hat. (Joh 3,16). Die Jünger begreifen langsam die Bilder des Alten  Bundes: Abraham und Isaak, die typologische Bedeutung der Opfer am  Versöhnungstag Jom Kippur; das Paschalamm, dessen Blut am Holz die  Israeliten in Ägypten gerettet hatte, wie nun das Blut des Gotteslammes  am Holz des Kreuzes die Menschen aus der Sünde rettete. Aber im  Geschehen selbst schien das Kreuz eine Katastrophe für die Jünger des  Messias. Sie flohen fast allesamt und versteckten sich. Warum nun wurde Jesus verurteilt. War er ein politisches Opfer geworden?  Hatte er mit seiner Vertreibung der Händler aus dem Tempel für Aufruhr  gesorgt und war damit weniger Opfer als vielmehr zu Recht gestrafter  Täter? Hatte man ihn verhaftet, weil er von der Zerstörung des Tempels  gesprochen hatte?  Jene, die behaupten, Jesus hätte sich selbst nicht als göttlich  verstanden, müssen unter solchen Dingen ihre Erklärung für den Tod Jesu  suchen. Aber der Grund für das Todesurteil in den Evangelien ist ein  anderer.
21 Minuten
Es ist eine häufige Annahme, in den Evangelien eine gewisse Progression –  einen Fortschritt – zu sehen. Zwischen dem ersten – Markus – und dem  letzten – Johannes - liegen einige Jahrzehnte und glaubt man dieser  althergebrachten Meinung hat sich in jener Zeit der Glaube der Kirche  stark entwickelt – ja mehr noch, er entstand erst so richtig, vor allem  was die Figur Jesu betraf. Aus dem jüdischen Wanderrabbi sei mehr und  mehr der Gottessohn geworden.  Eine oberflächliche Lektüre der Evangelien scheint dieser These recht zu  geben. Die Aussagen über die Gottheit Jesu im Johannesevangelium sind  nicht zu übersehen. Allein schon der Prolog vom Fleischgewordenen  göttlichen Wort hat wenig mit die Vorstellung eines bloß weisen Lehrers  gemein. In den ersten drei Evangelien hingegen wird Jesus zwar  keinesfalls als gewöhnlicher Mensch hingestellt, aber die großen  Ansprüche, er sei ein präexistentes, göttliches Wesen scheinen zu  fehlen. Aber hier wurden bereits im 19. Jahrhundert die Weichen falsch gestellt.  Zu lange hat man ignoriert, dass die Evangelien in ihrem jüdischen  Kontext gelesen werden müssen  - ein Mangel, den man erst in den 70er  Jahren des 20. Jahrhunderts langsam begann zu beheben.  Jesus war Jude,  seine ersten Jünger waren Juden, Markus und Matthäus waren Juden. Es  scheint also nicht angebracht, einfach nur nach Stellen zu suchen, in  denen Jesus nach unserer Vorstellungen deklariert: „He. Ihr da. Ich bin  Gott“. Ein jüdischer Messias benutzte – wenn überhaupt – keine moderne,  westliche, sondern eine jüdische Ausdrucksweise um seine Ansprüche  geltend zu machen. Die Weise in der Jesus dies getan hat, ist, wie wir  sehen werden, bezeichnend. Sie ist anders als im Johannesevangelium,  aber sie steht ihr in der Deutlichkeit nichts nach.
13 Minuten
Auch abgesehen von der Autorenfrage, die wir - soweit wir können - nun  behandelt haben, ist die dabei zu Tage getretene frühe Datierung der  Evangelien bedeutsam für die Frage, wer Jesus war. Je kürzer der  Zeitraum, desto weniger bleibt für Legendenbildung und „theologische  Ausschmückung“. Vor allem aber sind frühe Berichte der Kritik und dem  Widerspruch jener Generation ausgesetzt, die selbst Zeuge der  Geschehnisse geworden ist. Untersuchen wir daher nun die Evangelien und  sehen wir uns dabei das Jesusbild an, das sie entwerfen. Beginnen wir  mit den Prophezeihungen des Alten Bundes, die er erfüllt haben soll.  Diese Frage wird uns helfen zu verstehen, warum die Jünger überhaupt an  Jesus glaubten.
13 Minuten
In den vorangegangenen Episoden haben wir gesehen, dass das Genre der  Evangelien eine historische Absicht hat; dass eine ursprünglich anonyme  Weitergabe unwahrscheinlich ist, und es keinen triftigen Grund in- oder  ausserhalb der Texte gibt, eine späte Entstehung anzunehmen. Für  mindestens Markus und Lukas lassen sich die frühen 60er als  Entstehungszeitpunkt schlüssig argumentieren. Damit können die  Evangelien durchaus von Augenzeugen verfasst worden sein oder – im Fall  der beiden genannten - direkt auf Augenzeugenberichten beruhen. --- Sie  „können“. Ist es möglich aus der „Möglichkeit des 'Könnens'“ eine  größere Gewissheit zu machen. Was spricht in den Evangelien noch dafür,  dass sie auf Augenzeugenberichten basieren?
20 Minuten
Die zum Teil wilden Spätdatierungen der Evangelien im 19. Jahrhundert  gehören dank Forschung und Archäologie weitgehend der Vergangenheit an.  Als typische Festlegung nennt man heute für Markus ein Datum von etwas  nach 70. Matthäus und Lukas sollen 80-85 geschrieben haben und Johannes  90-95. Dies ist keineswegs ein gewaltiges Zeitloch – wir reden von 4-6  Jahrzehnten nach der Kreuzigung - und damit sind diese Texte immer noch  kompatibel mit dem Anspruch Augenzeugenberichte zu sein - oder auf  Augenzeugenberichten zu basieren. Nur zum Vergleich: Man kann selbst im  Jahr 2020 – 75 Jahre nach dem Kriegsende – immer noch Augenzeugen  befragen, welche die letzten Tage des 2. Weltkrieges als Erwachsene  selbst erlebt haben. Die heutige Standard-Datierung ist also kein  Hinderniss. Allerdings ist es interessant sich anzusehen, wie diese  Datierung der Evangelien eigentlich zustande gekommen ist.
11 Minuten
1800 Jahre lang hat man die Evangelien weitgehend als historische  Berichte aufgefasst. Schon im zweiten Jahrhundert bezeichnet Justinus  die Evangelien als „Memorien“ der Apostel – im Griechischen ein Wort aus  der biographischen Tradition. Dieser Konsens der Jahrhunderte begann,  wie wir gesehen haben, mit dem Skeptizismus und Naturalismus der  Aufklärung in Frage gestellt zu werden. Die Folge waren unzählige, zum  Teil abenteuerliche Entwürfe zur Person Jesus. Einige von ihnen stellten  sich im Zuge der Forschung als unhaltbar heraus, andere wirken bis in  die heutige Zeit hinein. Immer noch gibt es Vertreter der liberalen  Theologie, die in den Evangelien mehr oder minder Volksmärchen ohne  historisches Interesse an der Person Jesu sehen. Schließlich würden die  Evangelien uns wenig über die Persönlichkeit Jesu; nichts über sein  Erscheinen, seinen Charakter, seine Bildung, seine Entwicklung lehren.  So - beschwerte sich schon Rudolf Bultmannn. Er wertete dies als Indiz  für eine andere Absicht der Verfasser. Bart Ehrman, einer der  einflussreichsten liberalen Theologen der Gegenwart vor allem im  angelsächsischen Raum, denkt die Evangelien würden hauptsächlich  Geschichten berichten, nicht weil sie wirklich passiert sind, sondern  weil sie ein Jesusbild zeichnen, an das die frühe Kirche glauben wollte.  Es seien Märchen zur Illustration – zur Ausgestaltung einer zentralen  und wichtigen Figur. Der historische Kern selbst sei dabei sehr klein  und ließe sich ungefähr so zusammenfassen: ein jüdischer Wanderprediger  mit Hang zur Endzeitrede, aber reformorientierten Moralvorstellungen,  fand ein tragisches Ende durch die Hand der Römer. Das war's. Aber sind das faire Charakterisierungen der Evangelien oder ist es  einfach die Frucht einer ideologischen Vorentscheidung? Die Antwort  darauf finden wir nicht in abstrakten Theorien, sondern am ehesten, wenn  wir uns neuerlich den Quellen zuwenden. Was wollen die Evangelien sein?  Welche Anhaltspunkte finden wir in den Texten selbst? Welche Werke aus  jener Epoche sind am ehesten mit den Evangelien vergleichbar? Was  meinten die ersten Leser der Evangelien in den Händen zu halten?
19 Minuten
Apokryph kommt – wenig überraschend – aus dem Griechischen und heisst so  viel wie „verborgen“. Es geht also um Schriften, die entweder vorgeben  verborgene, geheime Informationen zu enthalten, oder deren  Entstehungsgeschichte obskur und in diesem Sinne verborgen ist. Aber so  obskur sind die Apokrpyhen heute gar nicht mehr. Denn in den vergangenen  Jahren gab es kaum ein Weihnachts- oder Osterfest an dem die Medien uns  nicht sensationslüstern einen „neuen“, einen „wahren“, einen radikal  anderen Jesus verkauft hätten. Und wo hatten sie diesen gefunden? In den  Apokryphen: dem Thomasevangelium, dem Judasevangelium, dem  Petrusevangelium. Großartige Enthüllungen, die von einer machtbesessenen  Kirche unterdrückt worden sind? Historisch richtig ist hingegen, dass  wir lange von der Existenz vieler dieser Schriften überhaupt nur durch  kirchliche Autoren gewusst haben. Sie zitierten diese Texte und  argumentierten gegen sie, weil sie diese als späte, nicht authentische  Erfindungen ablehnten oder eine Vermischung mit anderen Einflüssen  sahen. Von manchen, dieser vormals nur unvollständig bekannten  Schriften, hat man in der Zwischenzeit nun auch Fragmente oder sogar  weitgehend vollständige Kopien gefunden.