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Litradio Archiv
500 Episoden
28 Minuten
Chorisches Gelächter folgt auf chorisches Sprechen, besonders wenn die Teilnehmenden selbständig immer neue Wörter zu einem Dokument hinzufügen dürfen, aus dem alle vorlesen. Alles, was dafür benötigt wird, sind ein Laptop, ein offenes Schreib-Dokument und eine Leinwand, auf der stetig neue Wortkombinationen erscheinen. Vier Studierende des Literaturinstituts Hildesheim, namentlich Lena Hawemann, Felix Herrmann, Angelina Klempert und Meret Stühmer haben auf dem Prosanova Festival den "Bee(ing) part of" Schwarmworkshop veranstaltet um herauszufinden was passiert, wenn kollektiv geschrieben und auch gesprochen wird, ein gemeinsamer Rhythmus gefunden wird. Welche Rolle spielt der Inhalt bei dieser Übung, der Klang oder doch nur das Gefühl, eine gemeinsame Stimme zu haben? Fast schon rituell oder gebetsähnlich werden Aneinanderreihungen mal mehr mal weniger sinnstiftender Sätze vom Schwarm vorgetragen, beruhigend monoton und dennoch sehr amüsant zum zuhören. Welche Rolle spielt der Inhalt bei dieser Übung, der Klang oder doch nur das Gefühl, eine gemeinsame Stimme zu haben? Fast schon rituell oder gebetsähnlich werden Aneinanderreihungen mal mehr mal weniger sinnstiftender Sätze vom Schwarm vorgetragen, beruhigend monoton und dennoch sehr amüsant zum zuhören.
50 Minuten
„Mal sehen was passiert, wenn ich eine Stunde lang ununterbrochen lese.“ Julia Friese (*1985) studierte Geschichte, Germanistik, Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Bochum und Berlin. Ihre Kolumne “Gedanken zum Gegenwärtigen” wurde 2021 mit dem International Music Journalism ausgezeichnet. 2022 erschien ihr Debütroman „MTTR“ im Wallstein Verlag, der 2023 für den Clemens-Brentano-Preis nominiert wurde. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Der Buchtitel MTTR steht nicht etwa für Mutter, sondern für Meantime to Recover und meint damit die gemittelte Reparaturzeit nach einem Systemcrash. Teresa Borsig ist eine junge Selbständige um die Dreißig, die heimlich Folsäure nimmt und immer wieder Schwangerschaftstests macht, obwohl sie, jedenfalls redet sie sich das ein, keine Kinder will. Dann passiert es doch, sie ist schwanger. Obwohl ihr Freund Erk der Idee eines Kindes nicht abgeneigt zu sein scheint, entschließt sie sich dagegen aus Angst, die Fehler ihrer eigenen Nachkriegseltern zu wiederholen. In der Abtreibungsklinik zum Schlucken der Tablette gedrängt, geht Teresa in den Widerstand: Sie will doch Mutter werden. Was Schwangerschaft mit dem Selbstverständnis einer jungen Frau innerhalb ihrer Lebensrealität zwischen Job, sozialem Leben und eigenen Eltern macht, welche Erdverschiebungen in dieser Zeit vor, während und nach der Geburt stattfinden, das beschreibt das Buch minutiös und mit sezierendem Blick. Julia Friese fegt eine Stunde lang durch ihr Buch, hämmert die Wörter in den vollbesetzten Saal wie die Kickdrum eines unsichtbaren Schlagzeugs. Das Experiment ist gelungen.
26 Minuten
Auf dem Prosanova 2023 unterhalte ich mit der Autorin Jehona Kicaj über ihr Romanprojekt ë. Darin verhandelt sie in Prosa-Fragmenten Sprachlosigkeit als Folge des Kosovo-Kriegs. Auf dem Hof des Festivalgeländes kommen wir darauf zu sprechen, wie sich eine solche Sprachlosigkeit im Schreiben eines autofiktionalen Romans äußern kann. Jehona Kicaj berichtet von Mehrsprachigkeit, Emotionalität in der Recherchearbeit und darüber, was ë mit einem Wort machen kann. Ihre Lesung fand im Rahmen der Veranstaltung Werkvorschau am dritten Festivaltag statt. In der Dunkelkammer las sie einen Ausschnitt aus ë vor, während ein Video aus dem Jahr 1999 graue und ziegelrote Trümmer im Kosovo abbildet. Ein Teil der Lesung ist im Anschluss an das Gespräch zu hören. Jehona Kicaj, 1991 in Suhareka, Kosovo geboren, studierte Philosophie, Germanistik und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft in Hannover. Aktuell arbeitet sie als Lektorin für einen internationalen Wissenschaftsverlag und ist zudem Mitherausgeberin der literarischen Zeitschrift Echo&Narziss. Zuletzt veröffentlichte sie in der Literaturzeitschrift die horen die Texte Schatten der Diaspora (2020) und I also was a refugee (2021). 2022 erhielt sie das SchreibZeit-Stipendium der Stiftung Niedersachsen. Quelle: https://prosanova.net Foto: Julia Fiederer Content Note: Erwähnung von sexualisierter Gewalt, Krieg und Gewalt
1 Stunde 6 Minuten
Schlechte Wörter - Schlechte Zahlen by Litradio
59 Minuten
In einer Relaxed Performance lesen die Autor:innen Simoné Goldschmidt-Lechner, Selma Kay Matter und Mirjam Wittig aus neuen Texten. Aus ihren drei Positionen (ABC) ergibt sich ein Dreieck. Das triangle of exhaustion wird stabil gehalten durch die endlose Anstrengung, Erschöpfung, Wiederholung. Punkt A spricht von der Anstrengung, sich verständlich zu machen in einem Raum, der nicht sicher ist. Punkt B spricht von Überanstrengung als Alltagserfahrung eines chronisch kranken Körpers. Punkt C spricht von der Erschöpfung eines zerstörten Bodens und der Anstrengung, ihn wiederherzustellen. In welchem Verhältnis stehen die drei Positionen zueinander? Welche Wechselwirkungen gehen sie ein? How can we get some rest? Simoné Goldschmidt—Lechner (sgl) schreibt Prosa, Lyrik und Drama, übersetzt, macht Podcasts, beschäftigt sich mit (queeren) Fankulturen im Netz, Horror aus postmigrantischer Perspektive und Sprache in Videospielen. Sie ist Autor:in des Romans_Messer, Zungen_ (2022) und (Mit-)Übersetzerin von u.a. _Against White Feminism_(2022), _Exponiert_ (2023), _Die Patriarchen_ (2023), _Unertrunken_ (2022) und der Autobiographie von Angela Y. Davis (2023). Selma Kay Matter, geboren in Zürich, ist Autor:in und Dramaturg:in und studiert Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Zuletzt hat dey im Duo mit Marie Lucienne Verse das Stück Alias Anastasius geschrieben, das gerade am Berliner Ensemble zu sehen ist. Selma Matter war Mitherausgeber:in der BELLA triste und Teil der künstlerischen Leitung von PROSANOVA 2020. Derzeit schreibt dey an einem autofiktionalen Text zu den Schnittstellen von chronischer Erkrankung und Queerness. Mirjam Wittig hat Philosophie, Kulturwissenschaften und Literarisches Schreiben studiert, war Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift BELLA.triste und Teil der Künstlerischen Leitung des PROSANOVA-Festivals. Im Frühjahr 2022 erschien ihr Debütroman An der Grasnarbe im Suhrkamp Verlag. Aktuell arbeitet sie an Gedichten und ihrem zweiten Romanprojekt, für das sie das Berliner Senatsstipendium für Literatur erhielt. Sie lebt in Berlin.
54 Minuten
Auf dem Prosanova 2023 haben wir mit Josefine Berkholz, Tanasgol Sabbagh und Fabian Saul über gesprochene Literatur, die Kraft des Schweigens und natürlich über ihre Audio-Formate "Stoff aus Luft" und "Schlechte Wörter" gesprochen.
48 Minuten
Einen Text mit Anderen zu teilen, setzt Vertrauen voraus und schafft einen Raum der Intimität. Gemeinsam wollen wir diesen Raum erforschen und Strategien kollektiven Vertrauens erproben. In einer kleinen Gruppe haben fünf Wettbewerbsteilnehmer:innen eine Stunde Zeit haben, vor Ort ihre Bekenntnisse an das kollektive Vertrauen zu verfassen. Dabei gibt es keine gattungsspezifischen Vorgaben der Jury. Teilnehmer:innen lassen uns an ihrem Schreibprozess teilhaben, teilen entstandene Texte mit einer Jury und einem kleinen Publikum und nähern sich so kollektiv einer Poetologie des Prozesshaften und Unfertigen an.
47 Minuten
Wer hat wem was an welchem Tag wie getan? Die Frage der Schuld liegt zusammen mit Robins Fleisch in einer Schublade verschlossen. In einer Soundlesung mit gesprochenen Soundscape-Kompositionen von Armeghan Taheri (aka Robin Hoe) und Nima Schaper wird der Text zu etwas Lebendigem. Er verlässt die enge Struktur der sprachlichen Regeln, wird von Sound und Ton dekonstruiert und in seine Einzelteile zerlegt. Sprache und Musik stellen die Frage nach der Symbiose von Befreiung, Versagen und Selbstzerstörung. Armeghan Taheri ist Schriftstellerin, Aktivistin und Gründerin von "What's Afghan Punk Rock, anyway?“ Nima Schaper ist in Köln geboren und groß geworden. Er hat in Odessa, Ukraine gelebt und studiert jetzt in Hildesheim Kulturwissenschaften.
32 Minuten
Gespräch mit Saskia Vogel auf dem Prosanova über ihren Roman "Permission"
1 Stunde 3 Minuten
Eine Bühne für alle, die eigene Texte vorlesen wollen, das ist der Gedanke hinter der “Open Stage”. Besonders für diejenigen mit wenig Bühnenerfahrung soll die Veranstaltung ein niedrigschwelliges Angebot sein. Aus den eingeschickten Texten wurden zwölf Autor:innen ausgewählt Das “Labor”, ein Raum voller Matratzen und Polster, ist bis auf den letzten Platz besetzt. Franziska Bothe, die am Literaturinstitut Hildesheim studiert, hat die “Open Stage” organisiert und stellt die Autor:innen einzeln mit kleinen Kurzbiografien vor. Es werden Romananfänge, Kurzgeschichten und Lyrik vorgelesen. In den Texten geht es z.B. um den Klimawandel, um die besonderen Menschen im eigenen Leben, um Zärtlichkeit und queere Liebe, Wortspiele und das eigene Großwerden. Es lesen: Josephine Ziegler, Annina Heinzig, Elisabeth Ziemowski, Ly Böhnlein, Lio Diona, Rebecca Siegert und Mio Costa. Außerdem bilden Anna Horak, Clara Cosima Wolff und Luka Luisa Bakalow ein lyrisches Kollektiv.
52 Minuten
Sinthujan Varatharajah lebt als freie*r Wissenschaftler*in und Essayist*in in Berlin. Sie*er studierte Politische Geographie und brachte im Herbst 2022 sein*ihr erstes Buch an alle orte, die hinter uns liegen, im Hanser Verlag heraus. Armin Djamali hat einen Bachelor in Nah-und Mitteloststudien, war Mitherausgeber der Bella Triste und macht die Kuration und das Lektorat mehrerer Buch- und Magazinprojekte. Sinthujan Varatharajah spricht ausgehend von seinem*ihrem Buch mit Armin Djamali über den Versuch, Sprache umzukippen, sie verhandelbar zu machen, sie zu bestürzen. Wie können Autor:innen ihre eigene Stimme, vielleicht auch die Progressivität bestimmter Themen, in einer Flut von Verlagslogiken und finanziellen Abhängigkeiten behalten? Gesprächsstoff ist unter anderem die Frage danach, wie man als Autor*in relevant bleibt, die kapitalistischen und selbstverkaufenden Tendenzen des Literaturbetriebs und alphabetische Zentrierung der lateinischen Schrift. Wie lässt sich die Welt in 26 Buchstaben quetschen? Vor Allem, wenn das Buch, welches auf deutsch geschrieben wurde, von einem deutschen Verlag verlegt wurde, gar nicht für deutsche Leser*innen gedacht ist? Wie geht man mit dem Gewaltakt der Übersetzung um, des Übernehmens, um verstehen, kontrollieren zu können, was von wem gesagt wird? Eine Musealisierung der Welt außerhalb der Museen. Ein sehr ehrliches Gespräch über die Entstehung des Buches an alle orte, die hinter uns liegen und die Rolle der tamilischen Sprache.
19 Minuten
Essayistisches Prosa-Projekt von Katharina Angus Katharina Angus studierte nach einer Drehbuchausbildung Osteuropawissenschaften und Angewandte Literaturwissenschaft in Berlin. Ihre Texte sind in literarischen Zeitschriften und Kurzgeschichtenanthologien erschienen, u.a. in der BELLA triste 61. 2021 wurde sie zum Klagenfurter Literaturkurs des Musil Museums eingeladen, 2022 war sie Stipendiatin im Prager Literaturhaus. Sie lebt in Berlin und arbeitet aktuell als freischaffende Journalistin. In Lucky Girl untersucht sie die Zusammenhänge zwischen Kupferabbau und Umweltkatastrophen, sinniert über Magnetismus und Pulsatoren (die ursprünglich zur Milchgewinnung entworfen wurden, deren Technik aber auch hervorragend zur Luststeigerung eingesetzt werden kann), fliegt durch die Geschichte zum Mond und landet im Silver Lake, Ontario, in dem es sich neuerdings wieder schwimmen lässt.
25 Minuten
Karabiner, Chains, penetrant-silberne Fingerringe, Boxershorts, Gay-Arschgeweih, Nagellack (an nicht allen Nägeln) – Der Lesbian Semiotics Workshop ist vorbei und wir checken unser Umfeld nach lesbischen Codes ab. Mit Iced Coffee (Hafermilch) sitzen wir auf dem Schulhof des Prosanova-Festivalgeländes in der Sonne. Mit uns Duygu Ağal und Lynn Takeo Musiol. Duygu Ağal ist Autor seines Debütromans Yeni Yeşerenler, eine coming-of-age Erzählung über intersektionale Repräsentation, Identitätspolitik und auch lesbische Liebe. Auf dem Prosanova-Festival moderiert Duygu und gibt Workshops. Lynn Takeo Musiol ist zusammen mit Eva Tepest Teil des Kollektivs Dyke Dogs, welche an der Berliner Schaubühne die queer-lesbische Kulturpartie organisieren. Zu dritt haben sie den Lesbian Semiotics Workshop organisiert, an dem 20 FLINTA*s teilgenommen und sich am Ende lesbisch kodierte Outfits gebastelt haben. Da wir nach lesbischen Menschen und Erzählungen in Kulturbereichen suchen (und leider zu wenig finden), freuen wir uns riesig über den Workshop und dass wir mit Duygu und Lynn über Lesbisch-Sein im Literaturbetrieb, Banden bilden und Lesbisches Erzählen sprechen können. Von Nika Hauger und Ana Post Palacios
47 Minuten
Julia Friese (*1985) studierte Geschichte, Germanistik, Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Bochum und Berlin. Ihre Kolumne “Gedanken zum Gegenwärtigen” wurde 2021 mit dem International Music Journalism ausgezeichnet. 2022 erschien ihr Debütroman „MTTR“ im Wallstein Verlag, der 2023 für den Clemens-Brentano-Preis nominiert wurde. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Jenifer Becker (* 1988) arbeitet als Autorin, Kulturwissenschaftlerin und bildende Künstlerin. Sie studierte Kreatives Schreiben am Literaturinstitut Hildesheim, wo sie seit 2015 lehrt und forscht. In ihrer Arbeit befasst sie sich mit Ambivalenzen digitaler Kulturen. Sie lebt in Berlin. Zeiten der Langeweile (2023) ist ihr Debütroman. Wo kommen wir her, was ist deutsche Herkunft und Erziehung, wie reproduzieren wir unsere Prägung? Julia Frieses sprachkritischer Roman erzählt vordergründig von Schwangerschaft und Mutterschaft, kreist jedoch in der Tiefe um die Frage, wie wir mit unserer deutschen Vergangenheit umgehen, welche Rolle die Sprache dabei einnimmt und ob die deutsche Sprache nicht vielmehr als Vatersprache bezeichnet werden müsste. Der Titel MTTR steht nicht etwa für Mutter, sondern für Meantime to Recovery und meint damit die gemittelte Reparaturzeit nach einem Systemcrash. Der Titel nimmt auch Bezug auf die sogenannte “Lingua Tertii Imperii”, kurz LTI, die Sprache des Dritten Reiches, die von Abkürzungen geprägt war. Mit Jenifer Becker spricht Julia Friese über ihren Debütroman, über Familie als behauptetes Skript, brutale Nachkriegsväter und Mütter, die hinten Augen haben, über das Quecksilberhafte des literarischen Schreibprozesses, Recherche und Kaffeemehl, Durchlauferhitzer und Scatterbrains, weiche Winterjacken in Berlin und die Auflösung der Gegenwart.
40 Minuten
Hakan Tezkan geht in einer Live-Installation die Bewegung der Texte ab und will uns ausgehend von schon Geschriebenem und noch nicht Geschriebenem fragen, was ein Text überhaupt ist, genauer: was uns ein Text überhaupt bedeuten kann. Was folgt, ist die Antwort eines Autors, der 2018 sein Debüt publiziert hat und danach von der Bildfläche des Literaturbetriebs verschwunden ist. Die Antwort könnte so beginnen: Jeder Text ist eine Anhäufung, jeder Text ist gehäufter Raum. Was wir finden, ist Hinein-, Darunter und Dazwischengeschriebenes. Hakan Tezkan spürt dieser Erkenntnis nicht nur im Raum, sondern auch lesend nach, indem er seinen Roman mit eigenen, aber auch mit Fragmenten anderer Autor:innen durchsetzt. Am Ende finden wir vielleicht eine Einladung - die Einladung an das Publikum, weiterzuschreiben.