Man kann nicht lernen, nicht zu lernen Archiv
27 Episoden
22 Minuten
Zu den beliebten Kinderbüchern gehört die "Hasenschule". Tatsächlich aber gibt es Bildung und Institutionen des Lernens nur in menschlichen Gesellschaften. Der lateinische Begriff für Bildung heißt ERUDITIO: aus dem rohen Holz eine Form herausarbeiten. Dies entspricht einer früheren Vorstellung von Pädagogik. Die modernere Vorstellung hält dem entgegen: Es ist besser, von den Kindern zu lernen. Deren Natur ist reicher als jede Erziehung sein kann. Man soll, heißt es, bei Pestalozzi, bei Rousseau und bei dem modernen Bildungsforscher Piaget, nicht das Alte einprägen, sondern eine neue Welt entwickeln. Die Romanistin Prof. Dr. Ulrike Sprenger, Universität Konstanz und Verfasserin des Proust-ABC, über das RETTUNGSBOOT NAMENS BILDUNG. Erstausstrahlung am 08.03.2010
23 Minuten
Der Begriff der BILDUNG geht davon aus, dass sich etwas im Innern der Menschen aus eigener Logik entwickelt. Erst an der Schwelle zum 19. Jahrhundert wird dieser Begriff in den Schulen und Universitäten dominant. Der Begriff der ERZIEHUNG geht dem gegenüber davon aus, dass ein Mensch von Außen geformt werden kann und somit ein Zwang und ein Stoff die jungen Menschen prägt. Immanuel Kant verbindet in seinem Begriff des "aufgeklärten Lernens" den Zwang, den eine Sache auf den Lernenden ausübt mit dem Begriff der Freiheit, ohne den Menschen nicht gedeihen und nicht Mitglieder eines Gemeinwesens werden können. Die Französische Revolution hat die schwächste Vorstellung eines freiheitlichen Bildungssystems entwickelt. Die konservativen preußischen Reformer haben dagegen das liberalste Modell eines Erziehungssystems entworfen (Wilhelm von Humboldt). Prof. Dr. Tenorth, Humboldt Universität Berlin, interpretiert den berühmten Satz von Immanuel Kant: "Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange" auf dem Hintergrund der legendären Bildungsreform der Jahre nach 1807. Es ist merkwürdig, dass es für das Wort "Bildung" in anderen Sprachen kaum eine Entsprechung gibt. Erstausstrahlung am 27.05.2013
14 Minuten
Ursprünglich war die Philologie dazu da, heilige Texte zu bewahren und von Irrtum zu reinigen. In der Moderne wurde sie zur SCHLÜSSELWISSENSCHAFT. Sie entwickelte die Schule der Skepsis und sie ist HÜTERIN DES SINNS GROSSER WERKE. Sie gehört als VIERTE zu den poetischen Künsten. Dr. Thomas Steinfeld, Leitender Redakteur der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, berichtet. Erstausstrahlung am 04.01.2004
23 Minuten
Vier Jahre lang waren die deutschen Lehrer im Krieg eingesetzt. Sie hatten die Erfahrung gemacht, wie ihre besten Schüler und Studenten verwundet und erschossen wurden. Alles dies aufgrund einer nachträglich schwer zu verstehenden politischen und kriegerischen Katastrophe. In der Debatte darüber, wie das Bildungssystem auf den Krieg antworten sollte, zerstritten sich die Geister. In der Reichsschulkonferenz im Juni 1920 sieht man Reformer an der Arbeit, aber auch Konservative an der Bremse. Es geht dem Reformflügel um mehr Gerechtigkeit, einen freieren Zugang zur Schule. In der Weimarer Republik entwickelt sich eine dynamische Erwachsenenbildung. Zugleich gelingt es erst spät, den Streit zwischen konfessioneller Schulbildung und staatlichem Schulwesen in ein Gleichgewicht zu bringen: Fortschritt und Retardierung. Im Krieg waren die Lehrer für falsche Ziele eingesetzt. Finden sie jetzt ihren Platz in der neuen Republik als Soldaten des Friedens? Der Bildungsforscher Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth, Humboldt-Universität Berlin, berichtet. Erstausstrahlung am 26.08.2013
23 Minuten
Der Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal war als Rationalist Erfinder der Wahrscheinlichkeitstheorie. Zugleich aber stammt von ihm der Satz: "Das Herz hat einen Verstand, den der Verstand selbst nicht versteht". Die Gleichgewichte zwischen Ratio und Intuition sind das Forschungsthema von Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Wann ist es richtig, dass ich meinem Bauchgefühl vertraue? Wann ist es notwendig, dass ich allein den Kopf gebrauche? Begegnung mit Gerd Gigerenzer aus Anlass seines neuen Buchs "Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition". Erstausstrahlung am 27.10.2008
23 Minuten
Prof. Dr. Klaus Obermayer leitet eine Arbeitsgruppe an der Technischen Universität Berlin, die an der Nahtstelle von Biologie und Physik die Zukunft maschineller und menschlicher Intelligenz erforscht. Computer rechnen, Menschen lernen. Was bedeutet dieser Unterschied für die Architektur des Verstehens? Was bedeutet dieser Unterschied für die Evolution der Computer und die der Menschen? Erstausstrahlung am 01.12.2008
23 Minuten
Im 12. Arrondissement im Südosten von Paris kämpfen die Lehrer einer Schule an der Bildungsfront, Jahr für Jahr. In jedem Augenblick fällt in der Auseinandersetzung mit den Schülern eine Entscheidung. Für seinen ungewöhnlich realistischen Film ENTRE LES MURS erhielt der Regisseur Laurent Cantet und sein ausgezeichnetes Team den höchsten Preis des Festivals von Cannes: die Goldene Palme. Erstausstrahlung am 16.02.2009
23 Minuten
Gleich die ersten Universitätsgründungen bringen den Typ des europäischen Gelehrten hervor. Das besondere Interesse des Historikers Prof. Dr. Rexroth gilt der Transformation dieses Gelehrten (anfangs der mächtigen Theologen und Juristen) zum modernen Experten. Was begründet das Vertrauen in die Experten? Was führt heute zur Vertrauenskrise gegenüber den Sachverständigen? Warum ist der Beruf des Sachverständigen unabdingbar? Prof. Dr. Frank Rexroth (Universität Göttingen) berichtet. In Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftskolleg zu Berlin. Erstausstrahlung am 31.08.2009
23 Minuten
In der Öffentlichkeit wird diskutiert, ob man ganz oder teilweise zur alten Rechtschreibung, festgelegt im Duden von 1991, zurückkehren oder auf der Rechtschreibreform beharren soll. Dies greift zu kurz. Der Rechtschreib-Experte Fritz Kleiber behauptet: Die Rechtschreibreform geht noch längst nicht weit genug. Mehr Freiheit für die Konsonanten! Gleiches Recht für zu wenig genutzte Buchstaben wie X, Y und Z. Peter Berling als Oberstudiendirektor Fritz Kleiber. Erstausstrahlung am 20.09.2004
13 Minuten
Im Züricher Zoo gilt der Elefantenpfleger Ruedi Tanner innerhalb der Elefantenherde als "Oberste Tante". Er berichtet von der Geburt des Elefantenkalbes Upali, vom Erlernen guter Eigenschaften und von schlechten Eigenschaften, die Elefanten nur in Gefangenschaft lernen, von den Sitten des Elefantenbullen Max und vieles andere. Erstausstrahlung am 18.08.1996
23 Minuten
Rodney Brooks ist freier Unternehmer und zugleich Direktor des ARTIFICIAL LIFE LABORATORIUM am Massachusetts Institute of Technology. Er entwickelt Roboter, die autonom auf fernen Planeten, tief unter der Erde in Ölbohrlöchern und auch als Spielzeug operieren können. Sein tüchtigster Roboter heißt "Chingis" und arbeitet "ohne Kopf". Wie vermeiden es Menschen, fragt Rodney Brooks, dass sie digitale Chauvinisten werden? Sie können es nur lernen, wenn sie die Autonomie der roboterischen Intelligenz achten. Sie bringt auch Einfälle. Erstausstrahlung am 09.12.2002
23 Minuten
Silicon-Computer müssten zwei Jahrhunderte rechnen, um ein Problem zu lösen, das ein DNA-Computer in 24 Stunden durchrechnen wird. Einer der Pioniere dieser revolutionären Informationstechnologie ist Gregorz Rozenberg. Rechnen, sagt er, lernen wir vom Kosmos, von den Zellen und von den genialen Wimperntierchen, die zwei winzige Zellkerne besitzen. Einer dieser Zellkerne weiß sich über 3,5 Milliarden Jahre zu erinnern und rechnet andauernd. Erstausstrahlung am 19.08.2002
23 Minuten
Krise in Hessen! Die Antworten des engagierten Pädagogen Dr. Karl Wolff klingen gereizt. Auf das Fach Geschichte wird keine hinreichende Rücksicht genommen! Das 9. Gymnasialjahr fehlt! Nicht einmal für den Stoff des Jahres 1099 (Erster Kreuzzug) ist Zeit. Wie soll man da das Lernen lernen! Peter Berling als Oberschulrat. Erstausstrahlung am 11.08.2008
13 Minuten
Eine junge Tänzerin mit Namen Aziza hat in dem Stadtteil Harlem in N.Y. einen Tanzschulen-Workshop errichtet, in dem Behinderte und Taubstumme durch die Bodenerschütterung, die die Musik auslöst, tanzen lernen. Ihre Lieblingstänze sind Rap, d.h. mit Sprechen verbunden. Sie nehmen dafür die Gebärdensprache zu Hilfe. Im Vorjahr erhielt dieser Grass-Root-Workshop für sein soziales Engagement einen der berühmten Awards des UNION SQUARE FUND, der mit dem FUND FOR THE CITY OF N.Y. zusammenarbeitet. Erstausstrahlung am 08.04.2002
41 Minuten
In der Zeit des Umbruchs nach 1917 in Russland richtete sich die Hoffnung auf die neue Generation der Kinder. Es erwies sich als schwer, die Erwachsenen in ihrer Masse für die neue Zeit zu gewinnen. Sie waren in der alten Zeit groß geworden, im Bürgerkrieg oft entwurzelt, viele waren Analphabeten. So glaubte man, den neuen Menschen von Grund auf bei den Kindern heranbilden zu können. "Von dem, was Künste und Poetik geben können, ist das Beste gut genug für die Kinder!" Es entstand eine "revolutionäre Schatzkammer von Kinderbüchern". Künstler und Poeten wie Daniil Charms, Majakowki, El Lisitzky, Tatlin, Marschak und Ossip Mandelstam schufen Kinderbücher oder beteiligten sich daran. Die Tradition russischer Kinderbücher hat Verbindung zu angelsächsischen Quellen wie "Mother Goose annotated". Eines der beliebtesten Kindergedichte heißt "Telefon" und stammt von der Leitfigur russischer Kinderliteratur Kornei Tschukowski. Ein Genosse schläft. Neben seinem Bett, sehr modern und elektrifiziert, steht das Telefon. Es ruft an: der Elefant aus Afrika. Gleich der nächste Anruf kommt vom Krokodil: "Ja, das vom Nil". Das geht über panikanfällige Gazellen, über Affen ("Ihr schickt uns Taschentücher, wir wollen Bücher, wir haben nichts zu lesen!") bis zu einem traurigen Bären ("Da telefonierte der Bär. Warum bist du so traurig, mein lieber Bär? Da sagte er gar nichts mehr / Er war zu bewegt / Und hat aufgelegt"). Die Slawistin Dr. Marinelli-König, Akademie der Wissenschaften Wien, über Kinderbücher in der russischen Revolutionsära von 1920 bis 1930. Erstausstrahlung am 03.02.2016
Man kann nicht lernen, nicht zu lernen
Über Bildungsforschung, das Bauchgefühl, große Philologie, Aufklärung, Sprache, Zivilisation und DNA-Computer. Man unterschätzt, dass Lernen unwillkürlich ist.