Das Neue Berlin Archiv
111 Episoden
1 Stunde 50 Minuten
Wir machen uns viele Gedanken darüber, wie wir kommunizieren. Wie kommt das? Darüber sprechen wir mal wieder zu zweit, und machen uns Gedanken über das allgegenwärtige Erfordernis der Kommunikation. Vorstellen kann man sich das nicht mehr, aber: das war nicht immer so. Dafür gehen wir zunächst dem Urvater aller kommunikativen Gespenster nach: dem Kommunismus. Wir entdecken Parallelen zur Diskussion, welche Rolle die Massenmedien für den Erfolg der AfD haben. Kommunikation schafft Realität. Das Problem ist aber nicht mehr auf Redaktionen beschränkt. Wer soziale Medien nutzt, muss auswählen. Doch sind wir dieses Zwanges, die richtigen kommunikativen Entscheidungen, zu fällen, nicht müde geworden? Auf diese negative Weise entdecken wir die Zwänge der Massengesellschaft, wie sie Michael Makropoulos in seiner Theorie der Massenkultur beschrieben hat. Es ist der "strukturelle Effekt des anonymen Zwangs zur kommunikativen Anschlussfähigkeit", der uns beschäftigt. Man soll nicht nicht kommunizieren können. Doch ist das so einfach? Wir lesen Auszüge aus der Minima Moralia von Theodor W. Adorno, der schon ein gutes Gespür dafür hatte, was es bedeutet, wenn das soziale Leben auf diskursive Verständigung reduziert wird. Auf die "liberale Fiktion", dass sich alle Gedanken kommunizieren lassen müssten und sollten. Doch ist das wirklich so schlimm? Gibt es überhaupt positive Alternativen zur Kommunikation – jenseits von Gewalt?
1 Stunde 25 Minuten
Das Projekt der Postmoderne hat einen schlechten Ruf. Während ein populistischer Lügner nach dem anderen demokratische Wahlen gewinnt, wissenschaftliche Erkenntnis mit dreister Ignoranz geleugnet und seriöser Journalismus als Lügenpresse denunziert wird, scheinen die philosophischen Moden des letzten Jahrhunderts geradezu anrüchig. Relativisten und Konstruktivisten hätten der Unvernunft die Tore geöffnet, der Beliebigkeit den Weg bereitet und obendrein die Linke auf den Irrweg der Identitätspolitik geschickt. Wir diskutieren darüber mit den Wissenschaftsphilosophen Oliver Schlaudt und Mark Fischer, die dem Thema den Aufsatz Fakten, Fakten, Fakten im Merkur gewidmet haben. In ihrem Text zeigen sie, wie untauglich das alte Arsenal der Wissenschaftlichkeit – Fakten, Wahrheit, Realismus – im Kampf gegen die postfaktische Revolte ist. Im Gegenteil: Wenn Fakten als komplexe gesellschaftliche Produkte verstanden werden, eröffneten sich sogar neue Möglichkeiten, die blinden Flecken der Forschung zu erkennen und seriöse Medienkritik zu betreiben. Wir debattieren, wie die aktuelle Situation zu verstehen ist. Welche Analogien bestehen zwischen der Lage in Wissenschaft, Journalismus und Politik? Und wie lässt sich der grobe Irrationalismus von Klimaleugnern und Wutbürgern zurückweisen, ohne dabei hinter das Reflexionsniveau konstruktivistischer Wissenschaftstheorie zurückzufallen?
1 Stunde 10 Minuten
Als Regierungsform ist die Demokratie ein Erfolgsmodell. Allen Unkenrufen zum Trotz gilt sie weiterhin als die ultimative moderne Errungenschaft, als Emanzipationsprojekt par excellence. Die Geschichte der Demokratie hingegen ist keinesfalls so linear, eindeutig und bruchlos, wie die große Erzählung nahelegt. Die Historikerin Hedwig Richter entdeckt in ihren Arbeiten über moderne Wahlen und das Frauenwahlrecht einige Paradoxien. Nicht "das Volk" forderte anfangs Wahlen ein; eine liberale Elite habe sie gegen anfänglichen Unmut durchsetzen müssen. Demokratie entspringe keinem natürlichen Freiheitsstreben, sondern sei im Gegenteil untrennbar verbunden mit der Disziplinierung und Erziehung moderner Staatsbürger. Wir diskutieren, ob die moderne Wahlgeschichte tatsächlich als eine Demokratisierung von oben erzählbar ist, ob sich Demokratie jemals ganz verwirklichen kann und welche politischen Schlussfolgerungen sich aus historischer Forschung ziehen lassen. Demokratie zeigt sich dabei im Spannungsfeld von Unterwerfung und Befreiung, Ermöglichung und Beschränkung, Fortschritt und Kontingenz.
1 Stunde 24 Minuten
Wie lange haben wir noch, bis uns humanoide Roboter endgültig ersetzen werden? 20, 50, 100 Jahre? Andreas Bischof (Homepage, Twitter) sagt: Das ist die falsche Frage. Er ist Techniksoziologe an der TU Chemnitz und hat erforscht, wie humanoide Roboter entwickelt werden. Dazu ist er in Robotik-Labore gegangen, hat Konferenzen besucht und ausführlich mit Wissenschaftlerïnnen gesprochen. Wir sprechen in der Sendung über die Ergebnisse dieser Ethnografie, die 2016 unter dem Titel Soziale Maschinen bauen bei Transcript erschienen ist. Zunächst lernen wir, was der Unterschied ist zwischen den alten und den neuen, sozialen Robotern. Letztere müssen sich in der "echten Welt", also relativ unkontrollierten Umwelten bewegen: Eine echte Herausforderung. Dass das Feld sich stark von Vorbildern aus der Science Fiction leiten lässt, macht die Sache dabei nicht leichter. Zwar besteht durchaus ein Vermögen, sich auf die Komplexität des Sozialen einzulassen, doch als wissenschaftlich gilt das nicht und wird in der Publikation unsichtbar gemacht. Umso sichtbarer ist die Inszenierung des Menschenähnlichen, wie wir sie von den furchteinflößenden Laufrobotern von Boston Dynamics kennen. Was hat es damit auf sich?
1 Stunde 22 Minuten
Man ist nicht nur einmal im Jahr arm. Arm sein heißt, die dunkle, kleine Wohnung, die schlechte Luft im schlechten Kiez, das schlechtere Essen, die schlechtere Schule, den härteren Job -- Jahre, Jahrzehnte, ein Leben lang. Das ist aber keine Neuigkeit. So wie viele andere Themen, die eher strukturelle, dauerhafte Probleme betreffen, bietet die Armut nur gelegentlich Anlass zur Berichterstattung. Die Aufmerksamkeitsökonomie der Massenmedien folgt anderen Gesetzen als die Alltäglichkeit der Sozialstruktur. Wir sprechen mit Maja Malik, die eine der wenigen systematischen empirischen Studien zur Armutsberichtserstattung in Deutschland publiziert hat. Das Ergebnis: Armut ist durchaus ein präsentes Thema in Tageszeitungen und Nachrichtenmagazinen. Sobald eine neue Studie herauskommt oder ein Politiker sich kontrovers äußert, bekommt die Armut die nötige Aktualität. Zugleich bleiben politische Hintergründe oft unerklärt und die Betroffenen kommen selten selbst zu Wort. Haben wir es hier mit einem allgemeinen Problem der Öffentlichkeit zu tun? Muss der Journalismus seine Beziehung zur Aktualität überdenken? Müsste er noch stärker eigene Themen setzen, als auf Tagespolitik nur zu reagieren? Finden wir in den journalistischen Rechercheverbünden oder sogar auf YouTube Gegenmodelle?
1 Stunde 47 Minuten
Der große Hype um die Blockchain ist vorbei. Ein guter Zeitpunkt, um noch einmal darüber zu sprechen. Dazu haben wir uns mit Rainer Rehak vom Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft getroffen. Er hat im letzten Jahr einen Text über die Blockchain in den WZB-Mitteilungen geschrieben. Darin versucht er, die Technologie jenseits der populären Goldgräberstimmung politisch zu lesen. Seine These: Die Blockchain ist ein Versuch, gesellschaftliches Vertrauen durch Technik zu substituieren.Die Blockchain soll es ermöglichen, Konsens ohne zentrale Instanzen herzustellen. Wir diskutieren zunächst, inwiefern das, was damit technisch gemeint ist, überhaupt auf realweltliche Probleme übertragbar ist. Was taugt die Technologie, wenn es beispielsweise um alternative Konzepte für die Finanzwelt geht? Bei genauerer Betachtung weist der libertäre Geist der Blockchain einige blinde Flecken auf. Indem man glaubt, auf soziale Aushandlung verzichten zu können, verschleiert man gerade den strukturellen Charakter von Code und die Macht der Netzwerke. Die unsichtbare Hand der Blockchain ist ein fragwürdiger Technikoptimismus.Zuletzt sprechen wir auch über über die 'real existierende Blockchain' und die Probleme, in die Bitcoin oder Ethereum geraten sind. Folgt daraus eine technikkritische Verteidigung des Altbekannten? Was kann man mit der Blockchain anfangen, wenn sie nicht mehr bloß technizistisch aufgeladene Universallösung ist?
1 Stunde 48 Minuten
Das meiste ist zur Auseinandersetzung von Slavoj Žižek und Jordan Peterson gesagt und geschrieben worden. Wir schließen mit einem Gespräch an. Dabei sind wir zunächst begeistert darüber, wie absurd idas Format war: Keiner wusste, was das Thema sein sollte. Peterson durfte deshalb das Kommunistische Manifest widerlegen, um später herauszufinden, dass Žižek gar kein Marxist ist. Wir versuchen also zunächst zu rekonstruieren, was das Thema war. Politisch und philosophisch ließ sich jedenfalls nicht allzu viel Neues lernen. Faszinierender scheint uns eine fast freundschaftliche Einmütigkeit zu sein, die sich gegen Ende der verworrenen Debatte einstellte. Teilen die linke Ideologiekritik und das konservative Autonomiestreben vielleicht eine Intuition? Lassen sie sich beide als Kritiker einer Bezugslosigkeit verstehen, die unsere Zeit prägt? Eine Entfremdung, die dem einen als ideologische Vereinzelung, dem anderen als larmoyante Verantwortungslosigkeit erscheint. Und wenn ja, was wäre davon zu halten? Eine zweite Frage betrifft die boxkampfartige Stimmung während der Diskussion. Ein aufgeheiztes Publikum, das seine Champions beklatschte, den Gegner auslachte, dazwischen rief. Erleben wir hier einen Wandel der Publikumsrolle? Die Rückkehr des vital pöbelnden Zuschauerraums, der solange von der bürgerlichen Kontemplation unterdrückt wurde? Für das Gespräch über Gesellschaft bedeutet das immerhin, dass es wieder um etwas geht. Fortschritt!
1 Stunde 50 Minuten
Wir feiern unseren ersten Geburtstag! Und schreiben derzeit an einem Artikel über das, was wir hier tun. Der erscheint zwar erst in ein paar Wochen – den Streit, der dahinter steckt, gibt es aber schon vorab zu hören. Es ist schwierig, Praxis in einen pointierten Text zu übersetzen. Schlüssig darzulegen, was man da tut, wenn man das noch nicht so genau weiß.In der Sendung gehen wir unser Manuskript durch und reflektieren, was wir geschrieben haben. Wie wir die Stellen gemeint haben oder nicht, und wo wir uns uneins sind. Zuletzt sprechen wir auch darüber, was ein Podcast eigentlich ist. Es entsteht eine Mischung aus gedanklicher Rekonstruktionen, medientheoretischer Grundsatzdiskussion und Stilkritik. Wie immer ein unabgeschlossener Gedankengang, ein "Verfertigen unserer Gedanken beim Reden".
1 Stunde 16 Minuten
Kaum etwas prägt die Wahrnehmung von Politik in der modernen Demokratie so wie der Verdacht. Politik ist zu einem guten Teil Darstellung. Ihre Wahrnehmung lebt so vor allem von der Frage, welche Mächte, welche Interessen und Strukturen "hinter" der politischen Auseinandersetzung stecken. Dieses kritische Denken hat uns gelehrt, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie scheinen. Doch kann der automatisierte Blick "hinter" die Dinge auch ein Hindernis bei der Erkenntnis darüber sein, wie die Welt funktioniert. In einem Aufsatz im Leviathan haben sich unsere Gäste Jenni Brichzin und Sebastian Schindler damit beschäftigt, warum es ein Problem sein kann, immer "hinter" die Dinge blicken zu wollen. Den Ausgangspunkt bildet ihre ethnografische und historische Politikforschung. Der Vorwurf aus der scientific community war dabei regelmäßig: Eigentlich ginge es doch nur um Macht und Interessen. Dagegen betonen die Autoren, dass es gerade die Oberfläche ist, die zu erforschen sich lohnt.In der Sendung sind wir uns zunächst uneins, wie stark man verschwörungstheoretisches und sozialwissenschaftliches Denken miteinander identifizieren kann. Fragen wirft auch der Begriff der Oberfläche auf. Wie greift man darauf zu? Hier helfen Hannah Arendt und Bruno Latour weiter. Es geht um ein Verhältnis zum Wissen: Eine Haltung, Unsicherheit nicht als Defizit, sondern als Ressource von Erkenntnis zu verstehen. Das "oberflächliche" Denken will allerdings gelernt sein. Muss man das Staunen über die soziale Welt im Lehrplan verankern?
1 Stunde 5 Minuten
Das Zeitalter der großen gesellschaftlichen Gegenentwürfe ist vorbei, wird immer wieder behauptet. Der Raum des politisch Denkbaren schrumpfe zusammen und es bleibe nur Technokratie und Alternativlosigkeit. Erstaunlicher Weise ist es gerade ein radikales Konzept, das in der Debatte aktuell für Aufsehen sorgt: Das Bedingungslose Grundeinkommen ist historisch ohne Vorbilder und findet aktuell Befürworter und Kritiker auf allen Seiten des poltischen Spektrums.Für unseren Gast Michael Bohmeyer, den Gründer des gemeinnützigen Vereins Mein Grundeinkommen, geht es dabei nicht so sehr um soziale Ungleichheit, sondern um eine Frage des guten Lebens. Zusammen mit seinem Team hat er inzwischen an 300 Menschen ein einjähriges Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat verlost.Wir wollen es genau wissen: Welche Probleme löst das Grundeinkommen wirklich: digitalisierte Arbeitswelt, Klimaschutz, Populismus, Burnoutgefahr? Und wie soll das funktionieren? Kann der gute, alte Sozialstaat das nicht eigentlich besser? Ist das bedingungslose Grundeinkommen eher links oder eher wirtschaftsliberal? Vielleicht steht Mein Grundeinkommen ja auch für eine neue Form des Politischen. Ein sozialer Experimentalismus, der keine Theorie hat und keine Agenda, der nicht belehrt und der keine Parteien gründet - eine reine Praxis. Kann das funktionieren?
1 Stunde 6 Minuten
Die Philosophie ist nicht mehr das, was sie mal war. Sagen manche. Zu verwissenschaftlicht, zu sehr in hochspezialisierten Forschungsprogrammen befangen, zu wenig an den eigentlichen Problemen „der Gesellschaft“ interessiert. Die Binse vom Elfenbeinturm ist allseits bekannt; was die Philosophie hingegen für das Verständnis unserer drängendsten Probleme leistet, ist eine schwierige, ja philosophische Frage. Wir diskutieren darüber mit Dagmar Borchers, Professorin für Angewandte Philosophie an der Universität Bremen. Für Borchers habe die akademische Philosophie durchaus zu unzähligen Rätseln der Gegenwart etwas zu sagen, von der Sterbehilfe bis zur künstlichen Intelligenz, von der Quantenmechanik bis zur Neurowissenschaft, vom Terrorismus bis zum Staatsrecht. Angewandte Philosophie sei aber nur möglich in einem Zusammenspiel von interdisziplinärer Debatte und der Rückbindung an die philosophische Grundlagenforschung. Wie kann das philsophische Wissen an die Öffentlichkeit gebracht werden? Wie kann das Wissen anderer Disziplinen angeeignet und philosophisch reflektiert werden? In Bremen soll das ab dem Sommersemster 2019 auch der Masterstudiengang Angewandte Philosophie vermitteln.
1 Stunde 26 Minuten
Im digitalen Raum findet ein Kampf um Aufmerksamkeit statt. Unser Verhalten wird dafür auf den meisten Websites und in den meisten Apps aufgezeichnet. Dabei geht es nicht nur um ein möglichst genaues Bild vom Verhalten der Nutzer. Die „Daten“ sind auch Basis eines Designs, das unsere Aufmerksamkeit und unser Verhalten in die gewünschten Bahnen lenken soll. Rainer Mühlhoff beschäftigt sich mit eben diesem Thema und hat kürzlich einen Aufsatz dazu im Leviathan veröffentlicht. Unter dem Begriff der "digitalen Entmündigung" beschreibt er ein Zusammenspiel aus umfassender Datensammelei, manipulativer Gestaltung von Interfaces und einer "Versiegelung von Oberflächen". Dabei werde den Nutzern das technische Verständnis der Geräte und Anwendungen immer mehr erschwert. Wir fragen uns, was an der Situation wirklich neu ist und was altbekanntes betriebswirtschaftliches Kalkül. Was ist der Unterschied zwischen Usability und User Experience Design? Denkt die Industrie unter Stichworten wie "Humane Technology" oder "Time Well Spent" nicht schon um? Und welche Rolle spielen wir selbst bei all dem? Wollen wir überhaupt mündig sein?
1 Stunde 49 Minuten
Die verwaltete Welt, in der wir scheinbar leben, erhofft sich allerlei von Kultur. Kritik des Bestehenden, Ausbruch aus dem stahlharten Gehäuse der Hörigkeit, pure Vernunft darf niemals siegen. Merkwürdig, dass Künstlerinnen und Kulturschaffende gleichzeitig abhängig sind von staatlichen Fördergeldern und Institutionen. In seinem Vortrag Kultur und Verwaltung von 1959 beschäftigt sich Theodor W. Adorno mit eben diesem Problem. Die Nützlichkeit des Nützlichen sei selbst „dubios“, so hören wir im O-Ton, und der Apparat lebe von der Gegenüberstellung mit der Kultur. Dass das Beharren auf der Nutzlosigkeit von Kultur staatserhaltend wirkt, leuchtet uns dabei voll ein. Ebenso, dass die Interdependenz von Kultur und Verwaltung in einer demokratischen Gesellschaft unumgänglich ist. Wir sprechen, wie schon in Episode 12, über offene Planung, die Ungeplantes einschließen soll. Und haben schließlich unsere Zweifel, wie total man Kulturkritik formulieren kann. Ist Kultur nicht immer mehr als das Bild, das sich Staat und Gesellschaft von ihr machen? So überrascht uns auch der staatstragende, versöhnliche Ton Adornos, wenn es um die liberale Demokratie geht. Er hört sich an wie jemand, der sich arrangiert hat – und seinem Publikum das anempfiehlt.
1 Stunde 41 Minuten
2019 wird gefährlich, sagt das Weltwirtschaftsforum in Davos. Nicht so sehr wegen Kriegen oder Wirtschaftskrisen, am gefährlichsten wird uns die Natur. Die ökologische Frage rückt langsam ins Zentrum des 21. Jahrhunderts und beschäftigt uns ein weiteres Mal beim Neuen Berlin. Es geht um Wachstum und dessen alte Liaison mit unserer Wirtschaftsordnung. Mit Andrea Vetter vom wachstumskritischen Konzeptwerk Neue Ökonomie sprechen wir darüber, was Wachstum eigentlich ist. Wie kann man es messen? Und was übersieht man dabei vielleicht? (Dazu erscheint im April auch ein Buch bei Junius.) Wer über Wachstum sprechen will, muss über das Ganze sprechen. Ohne das K-Wort kommen wir dieses Mal also nicht aus: Gräbt die Dynamik des Kapitalismus uns langsam unser ökologisches Grab oder könnte eine kluge Politik ihn doch mäßigen? Und überhaupt, wo sollte man anfangen, im Supermarkt, im Braunkohlerevier, in der Fabrik oder im Parlament? Denn anfangen müssen wir.
1 Stunde 51 Minuten
Wir starten ins neue Jahr 2019. Jan war "zwischen den Jahren" auf dem 35. Chaos Communication Congress namens "Refreshing Memories" und berichtet von den besten Vorträgen. Öffentliche Debatten verstecken sich, wenn es um Computer geht, ja gerne hinter Begriffen – anders hier. Wir sprechen so über die Fragmentierung des chinesischen "Social Credit System", den Datenmüll, den Amazon über uns anhäuft, was sich hinter der sogenannten künstlichen Intelligenz eigentlich verbirgt, oder das Internet als Business. Zweites Thema: In einer Weltgesellschaft, die sich abhängig gemacht hat von digitaler Infrastruktur, werden die Fehler, die man bei ihrer Konstruktion gemacht hat, immer folgenreicher. Vielleicht wird also "the next big thing" unwichtiger – gegenüber der immer größer werdenden Verantwortung, das, was bereits da ist, so zu verbessern, dass es auch in Zukunft noch sicher läuft. "Can we build systems that actually work?" Doch auch auf den Rest der Gesellschaft wirft der Kongress einen Blick. Ob es um die Struktur und Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder die technische Infrastruktur geht, die den privaten Rettungsschiffen auf dem Mittelmeer ihre Arbeit ermöglicht: die Stärke vieler Vorträge liegt in Berichten aus erster Hand. Und in einer neuen Ernsthaftigkeit, was das politische System betrifft. Bevor Martin Sonneborn so seine Witze machte, hielt sein Büroleiter Lehrstunde über die europäischen Institutionen. Der Diskurs legte also gut vor. Die Sozialwissenschaft müsste anschließen -- fehlt aber auffällig auf der Bühne (mit wenigen Ausnahmen). Das können wir doch ändern. Guter Vorsatz!