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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
6 Minuten
Die Weimarer Republik bekämpfte von Anfang an die Dämonen der Vergangenheit. Erst vor zwei Wochen gab es an dieser Stelle einen Widerspruch gegen die Dolchstoßlegende. Die Begeisterung weiter bürgerlicher Kreise für die Monarchie, ihrer Farben und Symbole stand einer wenig selbstbewusst vorgetragenen Bejahung der Republik, ihrer Farben und Symbole gegenüber. Ein Zustand, den auch die pro-republikanische Berliner Volks-Zeitung am 26. Januar 1922 kritisiert. Mit ihr begibt sich Paula Leu auf die Suche nach „Schwarz-Rot-Gold“ im Straßenbild Berlins.
7 Minuten
Was ist das Gegenteil von österreichischen Bundeskanzlern, SPD-Parteivorsitzenden und sportlichen Übungsleitern von Schalke 04? Richtig, Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker. In 140 Jahren Orchesterbestehen gab es von ihnen offiziell gerade einmal sieben. Der zweite, Arthur Nikisch, mag in unseren heutigen Ohren zwar vielleicht der unbekannteste Name in dieser exklusiven Reihe sein. Seine Bedeutung für den Aufstieg der Philharmoniker zu einem der berühmtesten Klangkörper des Planeten ist dennoch nicht zu unterschätzen. Nicht nur kommt er bis heute – nach Herbert von Karajan – auf die zweitlängste Amtszeit bei den ‘Philis‘. Seine Ägide steht außerdem für die Entwicklung einer ausgedehnten Tourneetätigkeit, für einige wichtige Uraufführungen (u.a. von Mahler und Busoni) sowie nicht zuletzt für die ersten Schallplattenaufnahmen in der Orchestergeschichte. Am 9. Januar 1922 stand Nikisch noch am Pult seiner Philharmoniker, am 23. Januar starb er plötzlich an den Folgen einer Grippe, am 25. Januar würdigt ihn Kurt Singer im Vorwärts – und Frank Riede bei Auf den Tag genau.
7 Minuten
Die Bilder gingen um die Welt, als vor 32 Jahren der Schriftsteller und Dissident Václav Havel, nun frisch gebackener Präsident der Tschechoslowakischen Republik, die Rolling Stones auf der Prager Burg zu einem Snack empfing, um sich mit ihnen anschließend auf dem repräsentativen Balkon dem Volk zu zeigen, zu dem sein Team alledings noch nicht den Schlüssel hatte, weshalb alle durchs Fenster auf den Balkon kletterten … Damit wolle er, ließ Havel verlauten, das Ansehen dieses Balkons wieder verbessern, bzw vielleicht auch an eine Tradition anknüpfen, von der die Vossische am 24. Januar 1922 berichtet. Seit dem 14. November 1918 war Tomáš Garrigue Masaryk der erste Präsident der soeben entstandenen Tschechoslowakei und residierte auf der Prager Burg. Regelmäßig lud er Vertreter aus Kunst und Kultur zu Teegesellschaften auf den Hradschin ein und pflegte Freundschaften mit Wissenschaftler- und Schriftsteller:innen. Der Mitbegründer des Staates, selbst Gelehrter, Schriftsteller - und dann auch Politiker - war mit seiner Internationalität, Toleranz und demokratischen Überzeugung ein Aushängeschild der Ersten Republik. Gleich Havel, 70 Jahre später, gelang es ihm aber nicht die chauvinistischen Kräfte im Land zu bändigen, wie Richard Katz ganz optimistisch in seinem Zeitungsartikel noch erhofft. Es liest Frank Riede.
4 Minuten
Nürnberg und Fürth verbindet nicht nur Deutschlands älteste Bahnstrecke, sondern auch eine lange gewachsene nachbarschaftliche Konkurrenz. Überregional sichtbar wird sie heutzutage vor allem noch im fußballerischen Frankenderby zwischen dem traditionsreichen Nürnberger ‘Glubb‘ und der nicht minder geschichtsträchtigen Spielvereinigung Greuther Fürth. Angesichts dieser gut gepflegten Abneigung etwas überrascht vernimmt man, dass vor einhundert Jahren tatsächlich über eine Vereinigung beider Städte abgestimmt wurde. Solche Fusionen waren seinerzeit bekanntlich en vogue; Berlin hatte sich gerade bis nach Spandau und Köpenick ausgedehnt, und auch Hamburg schielte bereits nach Altona. Im Fränkischen hingegen lehnte man einen solchen Zusammenschluss am Ende doch ab und kultivierte damit eine buchstäblich sportliche Rivalität, die prinzipiell freilich – wie gerade das Berlin-Köpenicker Beispiel beweist – durchaus auch intra muros zu gedeihen vermag. Aus der Vossischen Zeitung vom 23. Januar 1922 liest Paula Leu.
5 Minuten
Vor einem Jahr wäre uns dieser Artikel mit Sicherheit noch durch die Lappen gegangen: Die Deutsche Allgemeine Zeitung hat es am 22. Januar 1922 ins Ahrtal verschlagen. Die beschauliche Eifelgegend zwischen Blankenheim und Sinzig ist – man höre und staune – wiederholt von schlimmen Überschwemmungen heimgesucht worden. Deshalb ist die Errichtung einer Talsperre, der Ahrtalsperre, als Schutzmaßnahme vor künftigem Hochwasser beschlossene Sache. Was in den folgenden neunundneunzigeinhalb Jahren nicht gebaut wurde, ist bekannt. Dass die Pläne zugunsten des Baus des Nürburgrings zurückgestellt und dann nie realisiert wurden, fügt den Versäumnissen des vergangenen Sommers eine weitere makabre Komponente hinzu. Es liest Paula Leu.
9 Minuten
Am morgigen 22. Januar 2022 jährt sich zum einhundertsten Mal der Tod des vormaligen Bischofs von Rom, Papst Benedikts XV. Entsprechend überrascht werden Kennerinnen und Kenner unseres Podcastformats zur Kenntnis nehmen, auf unserem Kanal bereits heute einen Nachruf auf den sogenannten Friedenspapst vorzufinden. Keine Sorge, wir haben nicht über Nacht die Spielregeln für unsere Textauswahl geändert, sondern perpetuieren nur eine auf den Tag genau einhundertjährige Falschmeldung, die die Zeitungen in London, Paris und Berlin um ein paar Stunden verfrüht, d.h. noch zu Lebzeiten von Benedikt XV. Abschied nehmen ließ. Ob dieser von den zahlreichen voreiligen Nekrologen auf seine Person – wie etwa dem folgenden von Emil Ludwig aus dem 8-Uhr-Abendblatt vom 21. Januar 1922 – in den wenigen ihm noch verbleibenden Stunden noch etwas mitbekommen hat, ist nicht überliefert. Für uns gedenkt seiner Frank Riede.
8 Minuten
Der Erste Weltkrieg war vor einhundert Jahren bereits seit über drei Jahren vorbei, aber über den Frieden wurde noch immer verhandelt. Im Januar 1922 tat man dies zur Abwechslung in Cannes, wo das Ersuchen des deutschen Vertreters Walther Rathenau um Aufschub der fälligen Reparationszahlungen beim britischen Premierminister Lloyd George und seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand auf überraschend offene Ohren gestoßen war. Schon wenige Tage später waren alle Beschlüsse indes null und nichtig, da das Parlament in Paris Briand die Unterstützung verweigerte und der als antideutscher Hardliner verschriene Raymond Poincaré sich anschickte, Briand an der Regierungsspitze abzulösen und von dort auf die Einhaltung aller Deutschland im Versailler Vertrag auferlegten Pflichten zu pochen. Die deutsche Öffentlichkeit reagierte auf die Wendung allenthalben entsetzt, so auch der Vorwärts am 20. Januar. Es liest Paula Leu.
9 Minuten
Zu den zahlreichen historischen Privilegien der Presse in den 1920er Jahren gehörte, dass sie neben vielen anderen epochalen Ereignissen immer wieder auch Neuerscheinungen eines gewissen Dr. Sigmund Freud aus Wien besprechen durfte. Dessen Grundlagenwerke Die Traumdeutung oder Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse waren vor einhundert Jahren zwar bereits längst veröffentlicht und gesellschaftlich rezipiert worden. Freud war jedoch ein äußerst fleißiger Denker und Schreiber, der beinahe im Jahresrhythmus seine Theorie vertiefende neue Studien nachlegte. 1921 war in diesem Zuge die Schrift Massenpsychologie und Ich-Analyse herausgekommen, die schon damals, äußerst prophetisch, die Verführbarkeit politischer Massen durch charismatische Führerfiguren unter die Lupe nahm. Wie unmittelbar biographisch ihn dieses Thema dereinst einholen würde, mochte Freud damals ebenso wenig geahnt haben, wie sein Rezensent in der Berliner Börsen-Zeitung vom 19. Januar 1922, Hanns Brodnitz – der sich anders als Freud nicht mehr rechtzeitig ins Exil retten konnte und 1944 von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde. Es liest Frank Riede.
7 Minuten
Die historischen Wurzeln des Billard-Spiels liegen im Dunkeln, reichen aber vermutlich bis ins späte Mittelalter zurück. Seine moderne Gestalt, was Tisch, Queue und Bälle betrifft, prägte es im 19. Jahrhundert aus, an dessen Ende auch die uns heute noch bekannte Ausdifferenzierung in unterschiedlichste Varianten weitgehend abgeschlossen war: In der britischen Welt setzte sich vor einhundert Jahren das dort bis heute sehr beliebte Snooker durch, während auf dem Kontinent, aber teilweise auch in Amerika das diesem verwandte, aber im Vergleich etwas weniger komplexe Poolbillard in puncto Popularität tendenziell hinter dem lochlosen Karambolage-Billard mit seinen zahlreichen Unterarten zurückblieb. Bei seinem Charakter als Kneipensport wenig überraschend, war Billard lange überwiegend Männersache. Unser heutiger Artikel aus der Berliner Morgenpost vom 18. Januar 1922 ist jedoch explizit einer Spielerin gewidmet. Dass die Niederländerin Lies Schrier mit ihren spielstarken männlichen Konkurrenten mehr als nur mithalten konnte, nötigt dem Autor dabei hörbar großem Respekt ab, lässt ihn dann und wann aber dennoch in einen leicht gönnerhaften Ton zurückfallen. Es liest Paula Leu.
10 Minuten
Etlichen Protagonisten der Anfang des 20. Jahrhunderts aufbrechenden Expressionisten-Generation war ein tragisch kurzes Leben und Wirken beschieden. Die Felder des Ersten Weltkriegs wurden nicht nur zum Grab für Abermillionen, sondern auch für einige der größten künstlerische Hoffnungen. Georg Heym schaffte es nicht einmal bis hierher, obwohl er wie kaum ein anderer diese nahenden Schrecken dichterisch vorausahnte. Am 16. Januar 1912 traf Heym sich mit seinem Freund Ernst Balcke, um auf der zugefrorenen Havel bei Gatow Schlittschuhlaufen zu gehen, und kam bei dem Versuch, seinen im Eis eingebrochenen Begleiter zu retten, selbst, gerade vierundzwanzigjährig, ums Leben. Zehn Jahre später ist die Welt längst eine ganz andere geworden. Dennoch nimmt sich das Berliner Tageblatt vom 17. Januar 1922 in Person von Heyms Kollegen und Herausgeber Kurt Pinthus die Zeit, an einen der bedeutendsten deutschen Lyriker anlässlich seines zehnten Todestages zu erinnern. Zu seinem einhundertzehnten tut dies für uns Frank Riede.
6 Minuten
Alpiner Wintersport war in der Berliner Presse der frühen 1920er Jahre ein absolutes Modethema, für die allermeisten Berlinerinnen und Berliner seinerzeit allerdings praktisch noch ein ganz und gar unerschwingliches Vergnügen. Wenn der Prophet – buchstäblich – nicht zum Berg kommt, muss der Berg halt zum Propheten kommen. Oder um es mit der Neuen Zeit vom 16. Januar 1922 zu formulieren: Wenn man sich St. Moritz nicht leisten kann, muss Berlin eben zu St. Moritz werden. Üppiger Schnee, strahlender Sonnenschein und ein wenig Phantasie machten es zumindest für ein paar Wochenendstunden möglich. Es liest Paula Leu.
10 Minuten
Die Geschichte des Jiu-Jitsu in Deutschland, und des asiatischen Kampfsports überhaupt, ist eng mit der Person Erich Rahn verbunden. Als Sohn eines Kaufmannes, der mit Fernost handelte, gab es Erich, so die Legende, zu denken, dass die viel kleineren Kinder der japanischen Handelspartner ihn, der viel kräftiger und größer war, stets beim Rangeln besiegten. Später sah er in einem Berliner Zirkus einen japanischen Meister kämpfen – solche Touren durch europäische Varietés und Zirkusbühnen waren damals üblich – und lies sich von diesem ausbilden. 1906 eröffnete Rahn dann die erste Jiu-Jitsu-Kampfsportschule Deutschlands im Hinterzimmer einer Kneipe. Er hatte damit wenig erfolgt. Doch dann trat auch Rahn im Zirkus gegen beliebige Gegner auf und wurde nie besiegt, wodurch die Polizei auf ihn aufmerksam wurde und ihn 1910 zum Ausbilder im Nahkampf machte. In den 20er Jahren hatte er dann auch mit seiner Schule in Berlin Erfolg, die ein Journalist der Berliner Volks-Zeitung für seinen am 15. Januar 1922 abgedruckten Bericht besucht. Auch er ist angetan vom Sieg der Schnelligkeit und Intelligenz über die rohe Kraft. Für uns berichtet Frank Riede von den Anfängen der Kampfsportschulen des Jiu-Jitsu.

Lernt Spielen!

8 Minuten
„Kinder an die Macht“ hat Herbert Grönemeyer 1986 getextet und dabei die anarchischen und kreativen Impulse der Kinder gefeiert. Mittlerweile ist dieses Thema voll in der Ratgeberliteratur angekommen, damit jeder Erwachsene im Rahmen seiner Selbstoptimierung auch kindliche Perspektiven in sein Handeln und Denken einbauen kann, womit die radikale und wirklich kreative Sprengkraft sicherlich beseitigt wurde. Diese finden wir aber noch (und schon) vor 100 Jahren in einem Aufsatz der österreichischen Lyrikerin, Erzählerin und Übersetzerin Helene Scheu-Riesz in der Berliner Morgenpost vom 14. Januar 1922. Hier plädiert sie dafür, dass die Erwachsenen das Spielen von den Kindern wieder-erlernen sollten. Es liest dennoch nicht seine Tochter, sondern Frank Riede selbst.
9 Minuten
Die Brutalität des Ersten Weltkrieges wurde der Nachkriegsgesellschaft tagtäglich durch die verwundeten und verkrüppelten Soldaten vor Augen geführt. Ihre verstümmelten oder amputierten Gliedmaßen und schweren Verletzungen im Gesicht und am Kopf legten ein Zeugnis vom Vernichtungswerk der Bomben, Granaten und sonstiger Geschosse ab. Vor diesem Hintergrund überrascht es wenig, dass im Berliner Tagblatt vom 13.1. 1922 die Errungenschaften der Ästhetischen Chirurgie gefeiert werden. Noch war die Schönheitsoperation kein Wunderversprechen an die Oberschicht oder gar an breite Schichten, die in der Regel mit Kriegsverletzungen nichts am Hut haben. Für uns liest Paula Leu.
8 Minuten
Minus mal Minus ergibt Plus: Diese Rechnung der politischen Rechten funktionierte in der Weimarer Republik erschütternd publikumswirksam. Nachdem auf die schmähliche Kriegsniederlage von 1918 der in nationalen Kreisen nicht minder betrauerte Sturz der Monarchie folgte, strickte man flugs eine Legende, in der Ursache und Wirkung vertauscht und die militärische Niederlage der jungen deutschen Demokratie in die Schuhe geschoben wurde. Es war die berühmte Dolchstoßlegende, welche die Rechtspresse wieder und wieder erzählte und gegen welche die republikanischen Zeitungen nimmermüde anschrieben. Das Berliner Tageblatt widmete dem Thema im Januar 1922 sogar eine ganze Reihe, in der sie dem Generalmajor a.D. und späteren Friedensaktivisten Paul von Schönaich das Wort gab. Aus der dritten Folge vom 12.1. liest für uns Frank Riede.
Auf den Tag genau

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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren