Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
10 Minuten
Der 1922 schon lange und letztlich bis heute schwelende anglo-irische Konflikt hatte immer auch eine stark religiöse Seite: Die überwiegend katholischen Iren wehrten sich gegen die jahrhundertelange Fremdherrschaft der mehrheitlich protestantischen Engländer über ihre Insel und klammerten sich nach dem schleichenden Verlust ihrer alten keltischen Sprache zunehmend an dieses konfessionelle Distinktionsmerkmal. Die im Anglo-Irischen Vertrag von 1921 festgelegte Gründung eines eingeschränkt unabhängigen Irischen Freistaates war in den eigenen Reihen zwar höchst umstritten und sogar Anlass für einen fast einjährigen Bürgerkrieg, letztlich, wie wir heute wissen, aber doch ein Meilenstein auf dem Weg zur ersehnten Republik. Aus sehr strategischen Gründen hatte Deutschland bereits den irischen Osteraufstand 1916 mit Waffenlieferungen zu unterstützen versucht und begleitete danach auch alle weiteren Erhebungen gegen den eigenen Kriegsbezwinger England mit verbreiteter Sympathie. Dass dies, wenig verwunderlich, auch und ganz besonders für die Germania, das Zentralorgan der katholischen Zentrumspartei galt, belegt der folgende Artikel aus der Ausgabe vom 10. Februar 1922, den für uns Frank Riede liest.
8 Minuten
Dass im ersten Rom im Januar 1922 ein Papst gestorben war, dürfte im zweiten Rom im Februar 1922 keine besonders große Nachricht gewesen sein. In Istanbul alias Stambul alias Konstantinopel waren die Christen seit geraumer Zeit erstens in der Minderheit und zweitens bekanntlich noch viel länger schon von Rom ‘abgefallen‘, d.h. bereits seit der Spätantike nur ihrem Patriarchen als Oberhaupt der orthodoxen Kirche von Konstantinopel, wie auch, als primus inter pares, des gesamten orthodoxen Christentums religiös Untertan. Auch dieser zweite wichtige christliche Thron – Duplizität der Ereignisse! – stand freilich gerade zur Neubesetzung an. Nach einigen Jahren der Sedisvakanz unterstützten die in der Stadt seit 1918 herrschenden westlichen, vor allem britischen Besatzungsmächte die Kandidatur des Kreters Meletios Metaxakis, weshalb der Artikel aus der Vossischen Zeitung vom 9.2. neben dessen Beziehungen nach Griechenland auch diplomatische Annäherungen an die anglikanische Kirche in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung rückt. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Berlin war am 8.2.1922 wegen eines Streikes nun schon einige Tage lang de facto ohne Strom, Gas und fließend Wasser. Alle Zeitungen lieferten entweder drastische Berichte über die verzweifelte Lage in den Krankenhäusern, in denen Operationen abgesagt wurden, weil es vor allem an sauberem Wasser und Beleuchtung fehlte, oder Impressionen aus der in Dunkelheit versunkenen Metropole. Wir bringen einen in letztere Kategorie gehörenden Stimmungsbericht aus der Berliner Volks-Zeitung. Für uns begibt sich Frank Riede auf den Weg in die Bibliothek, zu Wasserstellen und durch die Straßen, auf denen keine Elektrische fährt.
6 Minuten
Manfred Krug kaufte Telekom-Aktien und viele Leute kauften mit. Der Boom an der Börse in den 90er Jahren führte bekanntlich spätesten mit dem Platzen der “New Economy-Blase” zu unzähligen um ihre Lebensersparnisse gebrachten Kleinanleger. Den Versuch über Belegschafts- oder Volksaktien breitere Bevölkerungsschichten an den Gewinnen der Wirtschaft zu beteiligen gab es freilich schon früher. Ludwig Erhardt förderte dies etwa in den 60ern. Aber auch schon 1922 wurden solche Kleinanleger-Modelle diskutiert und die Firma Krupp versuchte, Aktien an ihre langjährigen Arbeiter:innen zu verteilen, … also zu verkaufen. Einen Überblick über das Entstehen oder eben Nicht-Entstehen des Kleinanlegertums in Deutschland bietet die Berliner Volks-Zeitung am 7. Februar 1922. Paula Leu, die bei einem Börsengang von Auf den Tag genau garantiert Belegschaftsaktien bekommt, liest.
9 Minuten
Wer ‘Auf den Tag genau‘ schon etwas länger verfolgt, weiß: Die frühen Jahre der Weimarer Republik waren eine Zeit harter Arbeitskämpfe, die hier im Podcast nicht nur verschiedentlich Thema waren, sondern hin und wieder auch die Auswahl erheblich einschränkten, weil bisweilen auch Druckereien oder Zulieferer bestreikt wurden und Zeitungen nicht erscheinen konnten. Anfang 1922 befanden sich zunächst nur die Eisenbahner im Ausstand und schränkten die Verbindung zwischen den deutschen Städten über Wochen krass ein. Dann aber folgten ihnen in Berlin auch die Arbeiter der städtischen Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke in den Ausstand und beamten die Millionenstadt für wenige Tage bei winterlichen Temperaturen zurück in einen fast vorindustriellen Zustand. Die politische Ablehnung dieses Streiks fiel bis hin zur USPD überraschend einhellig aus. Auch die am 6, Februar trotz Streiks erscheinende Vossische Zeitung wetterte heftig und verband ihre Missbilligung mit einem Plädoyer für die Wirtschaftspolitik der amtierenden Reichsregierung Wirth. Ihr Argument präsentiert uns Frank Riede.
8 Minuten
Das Turmhaus am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin sollte das erste Hochhaus der Hauptstadt werden und der entsprechende Architekturwettbewerb des Jahres 1921 fand eine große Beachtung. Es beteiligten sich zahlreiche renommierte Architekten und die besten Entwürfe wurden Anfang 1922 in einer Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert. Mies van der Rohe ging mit dem visionären, als „Wabe“ bekannten Entwurf an dem Wettbewerb, schaffte es aber nicht einmal in die zweite Runde. Nach der Besichtigung der ausgestellten Modelle und Skizzen ist sich der Kritiker des Berliner Tagblattes Fritz Stahl in der Ausgabe vom 5.2.1922 ganz sicher: es haben die falschen Entwürfe die Preise gewonnen. Seine Wünsche an ein Hochhaus an der Friedrichstraße liest Paula Leu.
8 Minuten
Zum zweiten Mal bringen wir heute einen Text aus der Rubrik „Am Kurbelkasten“ aus der Berliner Volks-Zeitung, in der verschiedene kleinere Nachrichten in einem Text verknüpft werden. Die Ausgabe vom 4. Februar 1922 bietet einen interessanten Blick auf die zahlreichen Prozesse gegen sog. „Nackt-Tänzerinnen“, die Anfang 1922 vor den Gerichten verhandelt wurden. Über das Ballet Celly de Rheidt hatten wir berichtet. Eine weitere Tänzerin mit dem Künstlernamen Lola Bach wurde tatsächlich zu einer einmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Der Blick des Artikels auf die ökonomischen Strukturen dahinter verlässt die im Kontext der Prozesse übliche Argumentation über Kunstfreiheit vs. Sittlichkeit und kurbelt dann meinungsfroh zu einer Kritik der Wohltätigkeitsbälle. Frank Riede kurbelt für uns mit.
10 Minuten
Skifahren, Rodeln, Eislaufen – die 1920er Jahre waren, wie in den letzten Wochen schon mehrfach hier im Podcast zu erleben, Boomjahre des Wintersports. Dessen wachsende Beliebtheit befeuerte alte Forderungen, die betreffenden Disziplinen auch im olympischen Kalender zu berücksichtigen und ergänzend zu den alle vier Jahre veranstalteten Sommerspielen auch Winterspiele ins Leben zu rufen. Die Tatsache, dass sich das Internationale Olympische Komitee vor allem in Person seines Gründungsvater Pierre de Coubertin lange gegen diese Idee sträubte, führte nur dazu, dass sich vermehrt andere Veranstalter dieses Begriffs bedienten und ihre Sportfeste zumindest informell als Olympiaden deklarierten. So geschehen u.a. auch in Garmisch-Partenkirchen, wo bereits im Januar 1922, also vierzehn Jahre vor der ersten und bislang einzigen Austragung offizieller Olympischer Winterspiele auf deutschem Boden, viel beachtete ‘Deutsche Kampfspiele‘ ausgetragen wurden. Entgegen dieser etwas martialisch anmutenden Bezeichnung weiß die Berliner Morgenpost vom 3. Februar von einem durchaus internationalen und mondänen Charakter dieses Events zu berichten. Für uns stürzt sich Paula Leu von der Schanze und ins Getümmel.
8 Minuten
Der Industrielle, Schriftsteller und Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei Walther Rathenau war ab Mai 1921 Wiederaufbauminister, später vertrat er die Regierung bei den Reparationsverhandlungen mit den Alliierten in London und Cannes. Reichskanzler Wirth machte ihn am 31.1. 1922 zum Außenminister, womit er nun ganz offiziell das Mandat hatte, Deutschland bei den nächsten internationalen Verhandlungen in Genua zu vertreten. Diese Personalie der Regierung traf auf heftigen Widerstand der rechten Parteien. Aber auch die nationalliberale DVP, die zahlreichen politischen Entscheidungen des Minderheiten-Kabinetts Wirth mit ihren Stimmen zur Mehrheit verhalf, stieß sich an dem international geschätzten Rathenau. Sie drohte nun in einer innenpolitischen Angelegenheit, nämlich bei den Beschlüssen des Steuerausschusses, ihre Stimmen zu versagen. Diese politischen Manöver beleuchtet für ihre Leserschaft Ernst Feder im Berliner Tageblatt am 2.2. 1922 und Frank Riede heute für unsere Hörerschaft.
12 Minuten
Der kolonialistische Wettlauf der europäischen Groß- und Mittelmächte um die Welt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts machte auch vor dem alten Sultanat Marokko nicht Halt. Frankreich, Spanien und Deutschland überbooten sich vor dem Ersten Weltkrieg am Atlasgebirge in Kanonenbootpolitik. Am Ende ging Deutschland bekanntlich leer aus, Frankreich sicherte sich den Löwenanteil, und Spanien wurde bereits im Vertrag von Fès 1912 an der Nordküste ein Protektorat zugesprochen, das es zehn Jahre später endlich auch militärisch unter seine Kontrolle zu bringen versuchte. Resultat war ein Jahre langer, äußerst schmutziger, d.h. zum Teil sogar mit Senfgas geführter Kolonialkrieg gegen den Widerstand der sogenannten Rifkabylen, der hin und wieder auch die Berliner Zeitungen erreichte. Einen außergewöhnlich ausführlichen Stimmungs- und Hintergrundbericht aus der bereits seit 1497 (und auch noch heute) zu Spanien gehörenden Enklave Melilla lieferte am 1. Februar 1922 das Berliner Tageblatt in seiner international ausgerichteten Wochen-Ausgabe. Für uns ihr nachgereist ist Frank Riede.
7 Minuten
Das Leben von Friedrich dem Großen erfreute sich während der Weimarer Republik einer großen Beliebtheit als Filmsujet. Ließ sich dieser Erfolg durchaus mit einer Sehnsucht eines Teils des Publikums nach der (auch militärischen) Größe und Stabilität Preußens verbinden, so folgte daraufhin die Vereinnahmung Preußischer Geschichte durch den Nationalsozialismus, die diesen Punkt zum zentralen Interpretationsanker machte. Von einem großen vierteiligen Filmwerk mit dem Titel „Fridericus Rex“ feierten die ersten beiden Teile „Sturm und Drang“ und „Vater und Sohn“ am 30. Januar 1922 Premiere. Friedrich wurde vom Schauspieler Otto Gebühr gespielt, für den dies eine Art Lebensrolle werden sollte, denn er sollte Friedrich in insgesamt 12 Filmen verkörpern. Der Kolumnist der BZ am Mittag Eugen Tannenbaum war bei der Premiere dabei und Paula Leu liest für uns die danach verfasste und am Folgetag erschiene Kritik. Gerne verweisen wir auf www.stummfilm-magazin.de, in dessen Reihe “100 Jahre Stummfilmklassiker der Weimarer Republik” sich auch der “Fridericus Rex” befindet.
4 Minuten
mmer wieder, so auch in diesem Jahr, lesen wir von den Schneestürmen, den Blizzards an der amerikanischen Ostküste, die Städte in hohe Schneedecken hüllen und den Verkehr zum Erliegen bringen. Vom 27. bis zum 28. Januar 1922 ereignete sich der bis dahin heftigste Sturm seit Beginn der Wettermessungen, bei dem sich in Verwehungen der Schnee bis zu 5 Meter hoch aufbaute. Eingegangen ist er in die Geschichte als „Knickerbocker-Storm“. Das Knickerbocker-Theatre war das größte und modernste Kino in Washington, auf dessen Flachdach sich am 28. der Schnee auftürmte, bis die Dachkonstruktion in der Mitte kollabierte, während im Theater ca. 500 Besucher:innen den Film „Get Rich Quick Wallingford“ schauten. Unter dem Schutt und Schnee starben 98 Menschen und wurden 133 verletzt. Den Drahtbericht der BZ am Mittag vom 30. Januar liest für uns Frank Riede.
9 Minuten
5-10 Pärchen, die gemeinsam Babypuppen halten, wiegen, Massage- und Atemübungen machen, über Nestbau und Senkwehen informiert werden… Heutzutage ein gängiger von Geburtsstationen oder Hebammenpraxen angebotener Geburtsvorbereitungskurs. Vor 100 Jahren lesen wir im Vorwärts, des 29. Januars, von einer Stunde Mutterschaftskursus in Charlottenburg. Die Reichsanstalt zur Bekämpfung der Kleinkindsterblichkeit vermittelte, damals lediglich den schwangeren Frauen, die neuesten wissenschaftlich-medizinischen Erkenntnisse und praktische Tipps. Paula Leu ist für uns im Haus der Werdenden dabei.
7 Minuten
Hans Pfitzner ist aus deutschen wie internationalen Musiksälen fast vollständig verschwunden. Zu tief war seine Verstrickung in den Nationalsozialismus, zu verstörend nimmt sich sein Bekenntnis zu dessen Antisemitismus auch noch nach 1945 aus, als das man seine Kompositionen irgendwie davon abgelöst rezipieren könnte. Vor einhundert Jahren war Pfitzner dagegen noch eine große Nummer, freilich auch schon damals umstritten und das auch aus weltanschaulichen Gründen. Die nachfolgende Kritik von Siegmund Pisling zu der Uraufführung von Pfitzners vielleicht berühmtesten Werk mit dem bezeichnenden Titel ‘Von deutscher Seele‘ führt tief hinein in diesem Thematik und besticht nicht nur durch analytische Schärfe, sondern auch durch die ausgeprägte Bereitschaft zur Differenzierung, durch Meinungsfreude jenseits von ‘Daumen rauf‘ und ‘Daumen runter‘. Aus dem 8-Uhr-Abendblatt vom 28. Januar 1922 liest für uns Frank Riede.
7 Minuten
Obwohl sich die Metropolen vor einhundert Jahren selbstredend schon lange von jeglicher Holzbauweise verabschiedet hatten, nehmen städtische Brände im Berliner Presseaufkommen der frühen 1920er Jahre allgemein und ganz besonders im Winter 1922 einen erstaunlich großen Raum ein. Eben gerade war unter großer journalistischer Anteilnahme – hier im Podcast jedoch unbeachtet – die Sarotti-Fabrik in Tempelhof abgefackelt, da kam aus dem Anhaltinischen die Kunde von einem schweren Theaterbrand in Dessau. Das Berliner Tageblatt vom 27. Januar 1922 beklagt den Verlust des historischen Gebäudes und gedenkt der dabei zu Tode gekommenen Sängerin Lilly Herking. Es beschreibt aber auch das besonders innige Verhältnis, dass die Dessauer zu ihrem alten Hoftheater gehabt hätten. In die in der Tat bewegte Dessauer Theatergeschichte taucht für uns Paula Leu.