Auf den Tag genau Archiv
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14 Minuten
Zu den nach dem Ende des Ersten Weltkrieges entstandenen neuen Staaten zählen auch die drei flächenmäßig kleinen Länder des Baltikums: Estland, Lettland und Litauen. Im Zweiten Weltkrieg verloren sie wieder ihre Unabhängigkeit, um sie Anfang der 90er in einer Loslösung von der Sowjetunion wiederzuerlangen. Aktuell ist das Baltikum angesichts der revisionistischen Kriegspolitik Russlands wieder besonders im Fokus. 1922 bereiste im Auftrag der Vossischen Zeitung deren Korrespondent in Polen Max Theodor Behrmann Lettland und Estland. In der Ausgabe vom 22. November berichtet er von seiner Überfahrt von Riga nach Reval, das heutige und auch schon damalige Tallinn. Und schon die Weigerung, diese Bezeichnung der Stadt zu benutzen, zeugt von der unverhohlenen Ablehnung des Autors gegenüber den baltischen Staatengebilden, die sich durch den Text zieht. In seinem beständigen Zweifel an deren Überlebensfähigkeit und der wiederkeherenden Polemik gegen den angeblich unverhältnismäßigen Verwaltungsaufwand manifestiert sich eine nicht nur überhebliche, sondern klar deutschnationale Perspektive, die für die liberale Vossische Zeitung eigentlich eher unüblich ist. Für uns reist an den Finnischen Meerbusen Paula Leu.
9 Minuten
Große Naturkatastrophen neigen gelegentlich dazu, den Menschen zumindest kurzfristig zur Besinnung kommen zu lassen; ihn aus dem Kleinklein der alltäglichen Konflikte herauszureißen und bisweilen sogar für einen kurzen Moment seine Sinne für die Absurdität der von Mensch an Mensch beständig verübten Grausamkeiten zu schärfen. Die Erfahrung lehrt freilich auch, dass dieser Moment meist nicht von allzu langer Dauer ist. Bruno Manuels in der Berliner Volks-Zeitung vom 21. November 1922 veröffentlichte Reflexionen über die Konsequenzen aus dem verheerenden chilenischen Erdbeben, über das wir vor einigen Tagen berichteten, sind entsprechend denn auch nicht besonders optimistisch gestimmt. Es liest Frank Riede.
9 Minuten
Berlin ist ohne Wien wahrscheinlich genauso wenig zu ertragen wie umgekehrt, weshalb die Presse an der Spree auch in Zeiten mangelnder Valuta es sich nie nehmen ließ, ausgiebig aus der Donaumetropole zu berichten. Damals wie heute war es nicht zuletzt das Kultur-, will damals wie heute vornehmlich heißen: das Theaterleben, das man mit besonderem Interesse beobachtete, auf wie hinter der Bühne. Für beides ist das Burgtheater, damals wie heute, berühmt wie kaum eine zweite Bühne im deutschsprachigen Raum, und entsprechend schauen alle theaterkritischen Augen, damals wie heute, nirgendwohin so gerne wie nach Wien. So am 20. November 1922 auch die Vossische Zeitung – und für uns Frank Riede.
6 Minuten
Der Winter 2022/23 naht, das Gas ist knapp, was tun, wenn die Zentralheizung ausfällt? Soll man sich mit Brennholz ausstatten? Auch der Herbst 1922/23 war geprägt von der bangen Frage, wie man sich im nahenden Winter zu Zeiten von allgemeinem Kohlenmangel warmhalten sollte. In diesem Kontext beschwört im Berliner Lokal-Anzeiger vom 19. November ein Autor die Renaissance des Ofens, der scheinbar vor dem Weltkrieg ausgestorben, nun wieder seine Dienste tun könnte. Paula Leu singt für uns diese Ode an den Ofen.
9 Minuten
Die bereits im Jahr 1855 gegründete Berliner Börsen-Zeitung zählte zu den ältesten Berliner Tageszeitungen und ist nicht mit dem Berliner Börsen-Courier zu verwechseln, der sich 1868 von ihr abspaltete. Während der Courier in der Folge ein eher linksliberales Profil ausprägte (und vor allem für sein ambitioniertes Feuilleton berühmt war), blieb die Berliner Börsen-Zeitung ein deutlich konservativer ausgerichtetes Handelsblatt. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, wie positiv das Blatt dem wirtschaftsliberalen Geschäftsmann Wilhelm Cuno als designiertem neuen Reichskanzler und dem von ihm avisierten sogenannten ‘Kabinett der Wirtschaft‘ gegenüberstand. Die Vorfreude auf Cunos Amtsantritt ging hier so weit, dass man dem sich im Zug von Hamburg nach Berlin begebenden Quereinsteiger nach Wittenberge entgegenreiste und auf der letzten Teilstrecke seiner ‘Fahrt ins Kanzleramt‘ in seinem Kupee platznahm, um ein, nun ja, exklusives Interview über seine Pläne für die Regierungsübernahme zu führen. Im Ergebnis stand in der Ausgabe vom 18. November 1922 eine seltene Genre-Kreuzung aus Eisenbahnartikel und politischem Porträt, die für uns Frank Riede besichtigt.
10 Minuten
Ein schillernder Verbrecher im Frankreich des Jahres 1922 war der sich zum adeligen Baron Reith de Baillencourt, einem im Wohlstand lebenden Bänker, hochstapelnde Dieb und Betrüger, der offensichtlich beträchtliche Summen anhäufen konnte. Überführt wurde er, als Ermittler die Spur eines gestohlenen Automobils verfolgten und dieses auf dem Gelände seines Anwesens fanden. Offensichtlich war er der Kopf einer verzweigten Diebesbande. Um an diese Informationen zu gelangen war ein Abstecher in die französische Presse des Jahres 1922 notwendig, genauer in das „Le Petit Journal“ vom 22. September. Dieser Exkurs klärt diese Personalie in unserem heutigen Artikel vom 17. November, in dem die Berliner Börsen-Zeitung einen Brief aus Paris erhält - mit den notwendigen Ereignissen und Vorgängen, die eine Pariser Gesellschafts-Saison ausmachen. Ein Verbrecher, wie der falsche Baron Reith, muss jedes Mal mit von der Partie sein. Der spöttische und satirische Artikel verwendet, wenn es über die ebenfalls stets präsenten Wohltätigkeitsveranstaltungen geht, heute wohlweißlich nicht mehr benutztes rassistisches Vokabular. Für uns präsentiert die Ingredienzen der Pariser Saison Paula Leu.
7 Minuten
Heute verbreiten sie sich in Windeseile über soziale Netzwerke, früher kamen Sie gemächlich im Rhythmus des Postdienstes: Kettenbriefe. Wer das Schneeballprinzip durch vermehrtes Versenden befeuert, dem lächelt angeblich das Glück entgegen, wer hingegen die Kette unterbricht, den wird, so die Drohung, ein Unglück ereilen. Nachweisbar sind solche Briefe, die unerwartet im Briefkasten landen, seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im angelsächsischen Raum. Im November 1922 erreichten sie einen Autor in Berlin-Steglitz, der für das dortige Lokalblatt schrieb, das schon die mit 80.000 Einwohnern größte Landgemeinde Preußens mit Nachrichten versorgte, bevor diese 1920 zum Stadtteil Berlins wurde. Sein Plädoyer für eine aufgeklärte Haltung gegenüber Kettenbriefen liest Paula Leu. Ob ihn allerdings in den Folgewochen ein Unglück ereilte, verrät uns das Archiv des Steglitzer Anzeigers nicht.
8 Minuten
Und neuerlich sah sich im Herbst 1922 eine Reichsregierung zur Aufgabe gezwungen. Das Kabinett Wirth II, immerhin bereits das siebente seiner Art in gerade einmal vier Jahren Republik und mit knapp über einem Jahr Laufzeit sogar das bis dato am längsten amtierende, hatte im November 1922 seine parlamentarische Mehrheit verloren, und nicht nur die Partei- und Fraktionsvorsitzenden der verschiedenen Lager, sondern auch die Vertreter der Hauptstadtpresse sondierten mal wieder mögliche neue Konstellationen und Kandidaten. Die Berliner Volks-Zeitung spekuliert in ihrer Ausgabe vom 15. November dabei interessanterweise über drei Namen, von denen zwei später, teilweise deutlich später tatsächlich noch zu Kanzlerehren kommen sollten. Der richtige Name des unmittelbaren Wirth-Nachfolgers Wilhelm Cuno hingegen wird in dem Text nicht genannt, wohl aber das Modell des von Cuno schließlich angeführten, mehr oder weniger überparteilichen Expertenkabinetts bereits als Möglichkeit in Erwägung gezogen. In die Wirren der Weimarer Parteiendemokratie blickt für uns Frank Riede.
8 Minuten
Chile liegt im sogenannten Pazifischen Feuerring, einer sich rund um den Pazifischen Ozean erstreckenden Zone hoher seismischer und vulkanischer Aktivität, weshalb das Land immer wieder von schweren Erdbeben heimgesucht wird. Am 11. November 1922 hatte ein solches vor allem die Wüstenregion Atacama getroffen. Schreckensberichte über Zerstörungen und vermeintlich vierstellige Opferzahlen machten bald auch am anderen Ende der Welt die Runde, wo die Berliner Presse sich um verlässliche Informationen und eine seriöse Einschätzung der Lage bemühte. Dabei baute die Vossische Zeitung auf die Expertise des in Berlin ansässigen Reiseschriftstellers Colin Roß, der sich erst unlängst länger in Chile aufgehalten und von dort – auch in diesem Podcast – berichtet hatte. Seinen Hintergrundartikel zu den Umständen der Katastrophe aus der Ausgabe vom 14. November 1922 liest für uns Paula Leu.
9 Minuten
Der Sankt-Martins-Tag am 11.11. gehört zu den ganz wenigen Daten des Kirchenjahres, die auch heute noch fest in der Alltagskultur verankert sind. Der uns so vertraute Brauch des Laternelaufens ist indes erst im Laufe des 20. Jahrhunderts vom Rheinland ausgehend wirklich populär geworden. Ein im Folgenden von Frank Riede verlesener Bericht aus der Germania vom 13. November 1922 über damalige Feierlichkeiten an Martini nennt Umzüge mit Lampions dann auch nur ganz am Rande. Im Zentrum der Betrachtung steht hier vielmehr die Tradition deutlich größerer, offener Martinsfeuer, die seinerzeit offenbar sehr lebendig war und die hier – durchaus überraschend für eine so katholische Zeitung wie die Germania – in eindeutige Kontinuität zu heidnischen Ritualen gestellt wird.
7 Minuten
Was waren die Auswege aus einer wirtschaftlichen Abhängig der Frau vom Mann in einer Ehe. Gütertrennung? Das Auszahlen von einer Art Lohn für die „häusliche“ Arbeit durch den Ehemann? In einem Artikel der Neuen Zeit vom 12. November 1922 diskutiert die Juristin Anna Mayer diese Fragen. Wie so oft in unserem Podcast, dokumentieren wir mit dieser Folge Zweierlei: Auf der einen Seite den mühsamen Kampf um die rechtliche Gleichstellung der Frau und um ihre wirtschaftliche Freiheit, auf der anderen Seite aber auch unhinterfragte, als selbstverständlich betrachtete Annahmen über die Stellung der Frau, die uns heute empören dürften, damals aber auch von fortschrittlichen Frauen, wie dieser Autorin, oftmals nicht hinterfragt wurden oder werden konnten. Paula Leu beschäftigt sich für uns mit der Gütertrennung 1922.
10 Minuten
Die Machtergreifung Benito Mussolinis in Italien hatte die politische Tektonik Europas schwer erschüttert. Aus deutscher Perspektive verfügte der faschistische Coup dabei nicht nur über eine außenpolitische Dimension, sondern veränderte erkennbar auch die Einschätzung der innenpolitischen Lage. Konzentrierte sich der Blick nach ‘rechts‘ bislang vor allem auf den militärischen Sektor und kaisertreue Kreise, so gerieten nun vermehrt auch freiradikale neurechte Bewegungen in den Fokus, die bisher ein wenig unter dem Radar geflogen waren. Besonderes Interesse der Hauptstadtpresse zog in diesem Zuge ein selbsternannter ‘bayerischer Mussolini‘ namens Adolf Hitler auf sich, der schon seit geraumer Zeit in München mit Hetzreden und prügelnden Schergen auffällig geworden war. Mit der korrekten Schreibweise – mit nur einem ‘t‘ – tut sich das 8-Uhr-Abendblatt in seinem Lagebericht aus der Parteizentrale vom 11. November 1922 noch schwer. Aus welchem ideologischen Holz Hitlers krude ‘Lehre‘ geschnitzt war, macht indes bereits diese frühe Analyse - unter anderem mit vielen schwer erträglichen wörtlichen Zitaten - so unmissverständlich deutlich, dass alle bekannten späteren Beteuerungen, man habe ja nicht gewusst, was Hitler wollte, einmal mehr ultimativ ad absurdum geführt werden. Allein in der Einschätzung, wie ernst man die vom Nationalsozialismus ausgehende Bedrohung zu nehmen habe, sollte der Korrespondent des 8-Uhr-Abendblattes irren. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Wer kann die Namen Charles Édouard Guillaume, Johannes Stark oder Manne Siegbahn sofort richtig zuordnen? … Es sind allesamt Nobelpreisträger für Physik zwischen 1919 und 1924. Ohne ihre Verdienste in irgendeiner Form schmälern zu wollen, muss man feststellen, dass - nicht nur aus heutiger Sicht - sondern schon damals, Albert Einstein als Träger dieses Preises in der Luft lag. Jedes Jahr wurde er von zahlreichen seiner Kollegen vorgeschlagen, bekam den Preis aber nicht. 1921 sollte es dann so weit sein, aber die Jury konnte sich nicht einigen, da manchem die Relativitätstheorie zu unverständlich war und sie deshalb zögerten. Der Preis wurde in dem Jahr also gar nicht vergeben. Erst 1922 wurde rückwirkend für das Jahr 21 Einstein geehrt, aber nicht explizit für die Relativitätstheorie. Und so kam es zu einer illustren Doppelehrung, da der Physikpreis des Jahres 1922 an Nils Bohr ging für die Erforschung der Struktur der Atome und ihrer Strahlung. Die Vossische Zeitung berichtete am 10. November von den Beschlüssen der Schwedischen Akademie der Wissenschaften. Frank Riede stellt uns die Gewinner vor.
7 Minuten
Auch exakt vier Jahre nach der Novemberrevolution waren deren Ergebnisse äußerst fragil, blieb die junge Republik durch zahlreiche Feinde in ihrem Inneren bedroht, die die Demokratisierung Deutschlands nie akzeptiert hatten. Dieser Riss durch die Gesellschaft bildete sich naturgemäß auch immer wieder in der Presse ab, deren Organe dem vierjährigen Jubiläum der Republik, je nach politischer Couleur, sehr unterschiedlich viel Raum einräumten. Die größte Emphase legte am 9. November 1922, wenig überraschend, die Parteizeitung der SPD, der Vorwärts, an den Tag, der den Republikgeburtstag in schwerer Zeit seitenlang aus verschiedenen Perspektiven kommentierte. Unsere heutige Wahl fiel dabei auf ein leidenschaftliches republikanisches Plädoyer der Schriftstellerin und SPD-Reichstagsabgeordneten Klara Bohm-Schuch, die für diese ihre Gesinnung unter den Nazis bereits 1936 mit dem Leben bezahlen sollte. Wir erinnern an sie mit unserer Lesung von Paula Leu.
5 Minuten
Mit dem Sterben der deutschen Eleganz befasste sich am 8. November 1922 in der Neuen Zeit der Schriftsteller Egon Straßburger. Es ist, wenig überraschend, ein Bericht über den Niedergang der hohen und differenzierten Kunst der Vorkriegszeit, in der jedes Einstecktuch, jedes Detail bewusst und gekonnt eingesetzt wurde von denjenigen, die sich im Spiel mit den Normen kleiden konnten. Die Welt des „köstlichen“ Geschmacks und der feinen Equipagen schien für immer unter zu gehen. Paula Leu bringt uns diesen Umbruch näher.