Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
7 Minuten
Gabriele Tergit ist so etwas wie die literarische Comebackerin der letzten Jahre. Nachdem ihr Werk zwischenzeitlich quasi in Vergessenheit geraten war, ist es in jüngerer Vergangenheit fulminant in die Bestsellerlisten zurückgekehrt und mittlerweile vor allem dank der eifrigen Bemühungen des Schöffling Verlages zwischen zwei Buchdeckeln – oder als E-Book – weithin zugänglich gemacht. Das ganze Werk der Tergit? Nein, einige wenige Texte aus den frühen journalistischen Jahren harren noch immer ihrer editorischen Erweckung aus dem Archivschlaf. Sie können einstweilen nur hier bei Auf den Tag genau rezipiert werden, so auch heute die kurze Erzählung über den Frühling auf dem S-Bahn-Ring und in Berlin-Lichtenberg aus dem Berliner Tageblatt vom 6. Mai 1923. Es liest Paula Rosa Leu.
6 Minuten
Obgleich wir in unserem Podcast immer wieder Reiseberichte, auch aus den entferntesten Weltgegenden, zu Gehör bringen, müssen wir davon ausgehen, dass die wenigsten die Mittel und die Zeit besaßen, um tatsächlich zu Auslandsreisen aufzubrechen. Die Welt schrumpfte aber zugleich und das Interesse an fernen und nicht so fernen Ländern wuchs – wovon ja die bereits erwähnten Reiseberichte zeugen. Wie gut, dass es in Berlin den Fotografen, Medienunternehmer und Pionier der Bildberichterstattung August Fuhrmann gab, der mit seinem Kaiserpanorama ein Gerät gebaut hatte, an dem mehr als Zwanzig Meschen gleichzeitig Serien von stereoskopischen Dia-Fotografien schauen konnten. Zu Anfang der Weimarer Republik taufte er, weil Kaiserpanorama nicht mehr zeitgemäß war, seine „Reiseagentur“ in Weltpanorama um. Mit dessen Hilfe konnten etwa ganze Schulklassen, wie wir der Berliner Volks-Zeitung vom 5. Mai 1923 entnehmen, regelmäßig verreisen, ohne die Stadt zu verlassen. Der Autor mit dem Namen, wahrscheinlicher Pseudonym, Balduin Knorke stattete der Institution einen Besuch ab, und Frank Riede war mit ihm in Tiflis.
6 Minuten
Kaum ein zweiter deutscher Schauspieler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermochte das Publikum derart in seinen Bann zu ziehen wie Werner Krauß – aber auch kaum ein zweiter prominenter Schauspieler ließ sich vergleichbar krass und bereitwillig von den Nazis für ihre propagandistischen Zwecke instrumentalisieren wie eben jener Krauß. Nicht nur gehörte er als Staatsschauspieler und stellvertretender Präsident der Reichstheaterkammer zu den kulturellen Stützen des Regimes. Darüber hinaus wirkte er auch schamlos in schlimmsten Propagandastreifen mit, allen voran in gleich sechs prägenden Rollen in Veit Harlans Hetzfilm Jud Süß. Vor diesem Hintergrund ist kaum ein Vorbeikommen an unserem heutigen Fundstück aus dem 12-Uhr-Blatt vom 4. Mai 1923, in dem Krauß sich damals bereits just zu der Frage äußerte „Warum ich den Shylock spiele“. De facto geht es in dem Text dann freilich erst einmal grundsätzlich um die Haltung Kraußens zum damals noch jungen Medium Film. Dennoch wird man bei seinen kurzen Äußerungen zum Charakter des ‘Kaufmannes von Venedig‘, der nicht erst im Dritten Reich häufig als antisemitische Karikatur gegeben wurde (und den auch Krauß in einer diesbezüglich berüchtigten Inszenierung Lothar Müthels am Wiener Burgtheater 1943 als solche anlegte!), ganz genau hinhören. Es liest Paula Rosa Leu.
11 Minuten
Der Dichter und Schriftsteller Walter Hasenclever, dem mit seinem expressionistischen Drama „Der Sohn“ 1914 der Durchbruch in der deutschen Theaterszene gelungen war, besuchte 1923 Paris und schaute sich dort nicht nur in der Kunstszene um. Neben Eindrücken aus der Stadt, Moden, die er beobachtet, schreibt er im 8-Uhr-Abendblatt vom 3. Mai aber auch von seinen Erlebnissen auf den Bühnen der Stadt. So wohnt er auch der Aufführung einer Sophokles-Tragödie von Jean Cocteau bei, an der Pablo Picasso beteiligt war. Damit stoßen wir auf eine weniger bekannte Werkgruppe von Picasso – seine Bühnenbilder, -Vorhänge und Kostüme. Denn zwischen 1917 und 1924 war er an zahlreichen Musik-, Ballett- und Theateraufführungen der diversen Avantgarden beteiligt. Frank Riede liest für uns Hasenclevers Eindrücke aus Paris.
6 Minuten
Gebannt hatte die Berliner Hauptstadtpresse am 1. Mai nach München geschaut. Würden die Nationalsozialisten ihre Drohung wahrmachen, gewaltsam gegen die „Kommunisten“ vorzugehen, die ihre traditionellen Umzüge abhalten würden. Dass die Behörden außerhalb Bayerns die diversen Drohgebärden von Adolf Hitler ernst nahmen, war in diesem Podcast bereits zu hören, aber wie würden sich die bayerischen Behörden verhalten? Mitglieder der NSDAP marschierten auch tatsächlich zu Tausenden auf, griffen dann aber zumindest die zentrale Veranstaltung der Arbeiter auf der Theresienwiese nicht an – wie die Vossische am 2. Mai berichtet. Für uns liest Paula Rosa Leu.
9 Minuten
Karl Kraus zählt zu den großen Kulturkritikern des frühen 20. Jahrhunderts. Neben Essays, Glossen, Satiren, Gedichten umfasst sein umfangreiches Œuvre auch die gewaltige Welttragödie Die letzten Tage der Menschheit, in dem der Pazifist Kraus die Schrecken des Ersten Weltkriegs dramatisch verarbeitete. Aus monumentalen 220 Szenen bestehend, ließ sich deren Aufführungsgeschichte sehr schleppend an; bis heute steht eine ‘vollständige‘ Inszenierung des gesamten Textes – was immer das hieße – nach wie vor aus. Der Rezension der Berliner Volks-Zeitung vom 1. Mai 1923 liegt denn auch gar kein Theaterbesuch zugrunde, Hans Bauer bespricht Kraus‘ Werk vielmehr als Lesedrama, das ihm als solches gleichwohl eindeutig unter die Haut ging. Für uns verleiht dieser Kritik Frank Riede seine Stimme.
13 Minuten
Vor zwei Tagen präsentierten wir an dieser Stelle einen Text aus der ‘bürgerlichen‘ Berliner Morgenpost, die nach einem halben Jahr Faschismus in Italien keine allzu kritische Bilanz dessen ziehen mochte. Heute geben wir als Kontrastmittel einen Artikel aus dem Vorwärts vom 30. April 1923 in den Podcast, der ein deutlich anderes Bild von der Lage südlich der Alpen zeichnet. Ausgangspunkt ist der bevorstehende Tag der Arbeit am 1. Mai, der „im Land, wo die Zitronen blühen“ bereits im ersten Jahr der Regentschaft Mussolinis bei drakonischer Strafe nicht mehr begangen werden durfte. Der Bericht richtet seinen Blick indes nicht allein auf diese unzweideutige symbolpolitische Maßnahme; er beschreibt an verschiedenen Beispielen auch den Alltag faschistischer Gewaltherrschaft zwischen Sterzing und Agrigent. Es liest Paula Rosa Leu.
9 Minuten
Der Schriftsteller und Publizist Alfred Hein war im April 1923 28 Jahre alt. Sein literarisches Werk war geprägt von seinen Erlebnissen aus dem Ersten Weltkrieg, wo er u.a. an der Schlacht von Verdun teilnahm. In den 20er Jahren war er als Journalist in Königsberg tätig, bevor er ab 1930 als freier Schriftsteller in Berlin lebte. Hatte der Erste Weltkrieg sein Schaffen wesentlich beeinflusst so bedeutete der Zweite Weltkrieg seinen Tod. Er nahm an Kämpfen an der Ostfront teil und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft, leistete Zwangsarbeit in der Ukraine, wo er schwer erkrankte, so dass er nach der Heimkehr nach Deutschland noch im Jahre 1945 verstarb. Heute hören wir zwei kleine Beobachtungen von ihm, die der Vorwärts am 29. April abdruckte. Rosa Paula Leu liest für uns seine Betrachtung zur Erinnerung und über die Dynamik von Freundschaften.
10 Minuten
Ende Oktober 1922 hatte ganz Europa gebannt nach Italien geschaut, als dort Mussolini und seine Schergen quasi widerstandlos die Macht im Land an sich rissen. Nach einem halben Jahr faschistischer Herrschaft zog man in einigen deutschen Zeitungen eine erste Bilanz, die in der Berliner Morgenpost vom 28. April 1923 bemerkenswert, man könnte auch sagen: verstörend positiv ausfiel. Wer sich hinter dem Autorenpseudonym P.M. verbirgt, war von Auf den Tag genau nicht in Erfahrung zu bringen, wohl aber, dass besagter Autor der propagandistischen Narrativ von der Befriedung des Landes durch die Faschisten voll auf den Leim gegangen ist. Die Details kennt Frank Riede.
8 Minuten
Anders als es der heute meist gebräuchliche verkürzende Begriff „Ruhrbesetzung“ suggeriert, erstreckte sich der französische Militärvorstoß nach Deutschland im Frühjahr 1923 auf sehr viel mehr Gebiet als ‘nur‘ auf die industrielle Herzkammer zwischen Duisburg und Dortmund. Da man in Washington den Versailler Friedensvertrag nicht ratifiziert hatte, übernahmen französische Truppen Ende Februar auch die formal bereits seit 1919 bestehende US-amerikanische Besatzungszone, die zwischen Köln und Koblenz auch auf rechtsrheinische Territorien ausgriff, und errichteten dort, ähnlich wie weiter nördlich, ein vergleichsweise harsches Okkupationsregiment. Betroffen, neben vielen anderen Orten, war auch das traditionsreiche Kurbad Ems, dessen Betrieb im Zuge dieser Entwicklungen offensichtlich fast vollständig zum Erliegen kam. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls ein ‘Brief‘ von dort, den die B.Z. am Mittag am 27. April abdruckte – und den für uns Frank Riede liest.
5 Minuten
Umfragen und ihre Auswertung sind ein unverzichtbarer Teil unserer politischen Kommunikation, sowie so mancher Wissenschaft, die ihre Erkenntnisse durch Umfragen generiert. Das amerikanische „Büro für Sozialhygiene“, begründet von John D. Rockefeller Jr., versuchte mittels anonymer Umfragen etwas über das Sexualverhalten der Amerikaner:innen herauszufinden. Wie sich die Ergebnisse der Umfrage im prüden Amerika, vermittelt durch die auch nicht gerade zu Schlüpfrigkeiten neigenden Zeitungen in Berlin, lesen, erfahren wir heute. Das 12-Uhr-Abendblatt vom 26. April 1923 schreibt über die „Amerikanische Zärtlichkeitsstatistik“ – Haben Sie vor der Ehe … ? Paula Rosa Leu weiß wie die Amerikaner:innen geantwortet haben.
11 Minuten
Bald dreieinhalb Jahre Auf den Tag genau summieren sich mittlerweile nicht nur zu einem stolzen Autorenregister großer Literatinnen und Literaten; auch unzählige bekannte bzw. nachmals bekannte Figuren aus der Politik waren hier bereits als in Berliner Tageszeitungen aktive Kommentatorinnen und Kommentatoren des Zeitgeschehens zu erleben. Zu ihnen gesellt sich heute mit Ernst Reuter ein weiterer sehr prominenter Name. Bereits 1912 der SPD beigetreten, war Reuter in russischer Kriegsgefangenschaft zum Bolschewismus ‘konvertiert‘ – bevor er nach seinem Ausschluss aus der KPD 1922 über den Umweg USPD wieder in den Schoß der sozialdemokratischen Mutterpartei zurückkehrte und sich dort einige Jahre lang vor allem als Journalist für den Vorwärts verdingte. Dass er damals noch immer daran glaubte, die Spaltung der deutschen Arbeiterschaft überwinden zu können, und darauf setzte, dass sich in der KPD mittelfristig pragmatischere Kräfte durchsetzen und sich mit der parlamentarischen Demokratie arrangieren würden, belegt ein dort erschienener Artikel vom 25. April 1923, den für uns Frank Riede liest.
11 Minuten
Seit es die Tagespresse gab und sie zu dem Leitmedium geworden war, aus dem die Menschen ihre Informationen über kleine und große Ereignisse daheim und auf der ganzen Welt bezogen, spielten, wenn es um letztere ging, Auslandskorrespondenten – sehr selten Auslandskorrespondentinnen – eine entscheidende Rolle. Die Berliner Hauptstadtpresse hatte ein breites Korrespondentennetzwerk, zu dem auch Paul Scheffer gehörte, der für den Mosse-Verlag und das dort erscheinende Berliner Tageblatt tätig war. Geboren 1883 in Pommern studierte er Philosophie und arbeitete während des Krieges, da er als untauglich eingestuft war, im diplomatischen Informationsdienst. Ab 1919 berichtete er für Mosse, etwa exklusiv von der Konferenz von Spa, um dann ab 1921 der Starkorrespondent des Berliner Tageblattes in Moskau zu sein, wo er die politische und wirtschaftliche Entwicklung des Landes beobachtete und beschrieb. Unser heutiger Artikel vom 24. April 1923 zeugt davon, dass er während der Ruhrbesetzung Moskau verließ, um aus dem Ruhrgebiet zu berichten. Wer mehr zu Paul Scheffer und zu der Rolle der Auslandskorrespondenten in der Weimarer Republik erfahren will, der sollte sich unbedingt das ausführliche Gespräch von Toby, vom Podcast “Geschichte Europas”, mit der Historikerin Caroline Breitfelder anhören, das seit dem 21. April online ist. Nun aber liest Paula Rosa Leu für uns Scheffers Einschätzung zu „Ruhr und Reich“.
12 Minuten
Seit Monaten steht die Ruhrbesetzung immer wieder im Zentrum dieses Podcasts. Weniger Aufmerksamkeit bekommt dabei die Tatsache, dass das französische Heer auch Teile des Rheinlandes besetzte und Befürchtungen die Runde machten, dass Frankreich langfristig das Rheinland in eine Art unabhängige Pufferzone zwischen Frankreich und Deutschland verwandeln würde. Nun meldete sich ein nicht namentlich genannter, lediglich als namhafter Gelehrter aus dem Elsass vorgestellter, Autor in der Germania vom 23. April 1923 zu Wort, der für Elsass-Lothringen als das viel natürlicher für eine Art Pufferstaat geeignete Gebiet plädiert. Natürlich ist der Blick sehr nationalistisch Deutsch geprägt, aber er führt auch zu der Vision einer zukünftigen europäischen Friedensordnung, bei der Straßburg eine zentrale Rolle spielen würde... Frank Riede liest.
7 Minuten
Der zweimalige französische Ministerpräsident Paul Painlevé gehörte wie Aristide Briand und Alexandre Millerand dem reformsozialistischen Parti republicain-socialiste an und vertrat ebenso wie diese gegenüber dem ‘Erbfeind‘ und Weltkriegsverlierer Deutschland verglichen mit dem 1923 amtierenden Mitte-Rechts-Ministerpräsidenten Poincaré eher gemäßigte Positionen. Dass eine Genesung Europas die Erholung beider großen kontinentalen Volkswirtschaften, der französischen wie der deutschen, voraussetze und dass es für die Lösung der Ruhrproblematik einer multilateralen Verständigung bedürfe, hörte man östlich des Rheins natürlich gerne; weshalb die Berliner Volks-Zeitung am 22. April 1923 ein entsprechendes, zunächst in Frankreich publiziertes Statement Painlevés nur zu gerne auch dem deutschen Publikum zugänglich machte. Von Hause aus war Painlevé, das am Rande, übrigens nicht wie die meisten seiner Kollegen Jurist, sondern ein durchaus bedeutender Mathematiker, der zeitweise auch in Göttingen studiert hatte. Ob seine politischen Argumente ähnlich stringent waren wie seine Differentialgleichungen, weiß Paula Rosa Leu.