Auf den Tag genau Archiv
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6 Minuten
Am 29. Juni 1923 verstarb der Philosoph, Schriftsteller und Publizist Fritz Mauthner im Alter von 73 Jahren. Geboren in Böhmen, wuchs er in Prag auf, wo er Rechtswissenschaften studierte, dieses Studium aber abbrach. Nach ersten Essays, sprachphilosophischen Überlegungen, Erzählungen und Theaterstücken ging er 1876 nach Berlin und arbeitete für das Berliner Tageblatt. Neben Romanen verfasste er immer wieder beißende Satiren, auch auf den journalistischen Betrieb. Den heutigen Text publizierte die Vossische Zeitung in ihrer Pfingstausgabe vom 20. Mai 1923, die auch den Pfingstmontag, der heute auf den Tag genau vor hundert Jahren war, bespielte. Er ist vom Genre schwer zu fassen, bezeichnet sich selbst als Fabel, hat jedenfalls einen gehörigen Anteil an philosophischen Überlegungen. Frank Riede liest für uns diesen Artikel, der wohl zu den letzten Publikationen von Fritz Mauthner gehört und ganz große Fragen der Menschheit anreißt.
10 Minuten
Die fortschreitende Inflation vor einhundert Jahren machte auch vor den ehrwürdigsten Institutionen nicht halt: Für ein volles halbes Jahr musste der Zoologische Garten in Berlin im Winter 1922 schließen; man liest sogar von Schlachtungen der „ersetzbaren“ Tiere, um die „unersetzbaren“ durchzufüttern. Im Frühjahr 1923 war immerhin hier im Schatten der Gedächtniskirche das Schlimmste vorbei, und der Zoo öffnete wieder seine Pforten für die Öffentlichkeit. Georg Hirschfeld schafft es erst zu abendlicher Stunde auf einen Besuch. Obwohl er die Elefanten und die Raubtiere verpasste, weil bei diesen bereits Nachtruhe herrscht, handelte es sich, seinem Artikel aus dem Berliner Tageblatt vom 20. Mai nach zu schließen, doch um eine glückliche Rückkehr. Begleitet hat ihn für uns Paula Rosa Leu.
10 Minuten
Zu den territorialen Verlierern nach dem Ersten Weltkrieg gehörte das Königreich Ungarn. Mit dem Vertrag von Trianon, ratifiziert am 4. Juni 1920, verlor Ungarn etwa zwei Drittel der zuvor vom Königreich Ungarn für sich beanspruchten Territorien an teilweise neu entstandene Staaten, an die Tschechoslowakei, an das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenien, an Polen, an Österreich. Formal blieb es eine Monarchie, an der Spitze stand aber de facto der konservative und nationalistische Reichsverweser Miklós Horthy, der eine zumindest teilweise Revision des Vertrages anstrebte. Ein regelmäßiger Gast unseres Podcasts Victor Auburtin besuchte 1923 Budapest und notierte seine Eindrücke im Berliner Tageblatt vom 19. Mai. Frank Riede war für uns dabei.
9 Minuten
Das Verhängnis zwischen den Geschlechtern nahm bekanntlich schon im Paradies seinen Anfang. Wo sich die Genesis über die Reibereien zwischen Adam und Eva eher biblisch wortkarg auf das Allerwesentlichste (Schlange, Frucht, Vertreibung) konzentriert, wagt die Heimwelt, die Unterhaltungsbeilage des sozialdemokratischen Vorwärts, am 18. Mai 1923 einen etwas detaillierteren Blick auf die Mutter aller Beziehungskisten. Und entdeckt – wenig überraschend angesichts des humoristischen Genres – allerlei Gemeinsamkeiten mit moderneren Frau-Mann-Konstellationen. Dass hier ein Mann schreibt, merkt man dem Text angesichts einiger Geschlechterstereotypien wohl an. Autor Karl Ettlinger war gleichwohl ein Meister der feuilletonistischen Humoreske. Als Jude erhielt er ab 1933 Berufsverbot und starb 1939 in einem jüdischen Krankenhaus in Berlin. Seine „erste Zigarre“ raucht bzw. liest für uns Paula Rosa Leu.
9 Minuten
Das 75. Jubiläum der sogenannten bürgerlichen Revolution von 1848 kam der angeschlagenen Weimarer Republik des Jahres 1923 gerade recht, sich der ansonsten nicht eben mit vielen stolzen Daten gesegneten deutschen Demokratiegeschichte zu versichern. Nachdem man im März in der republikanischen Presse bereits ausgiebig ihres Beginns auf der Barrikade in Berlin und anderswo gedacht hatte – auch wir hier bei Auf den Tag genau berichteten –, richteten sich nun zum 18. Mai alle Rückblicke auf den Zusammentritt der Frankfurter Nationalversammlung, des ersten gewählten deutschen Parlaments, in der Paulskirche. Bereits am 17. würdigt im Berliner Börsen-Courier der junge Journalist Richard Lewinsohn dieses Ereignis und geht unter anderem der Frage nach, wieviel Geist von Achtundvierzig in der Weimarer Verfassung stecke. Als Republikaner und Jude sollte auch Lewinsohn mit dem Ende von Weimar Deutschland verlassen müssen. Seine Flucht führte ihn zunächst viele Jahre nach Frankreich, später nach Brasilien. 1952 kehrte er zurück nach Europa, 1968 starb er während eines Forschungsaufenthalts in Madrid. Es liest Frank Riede.
9 Minuten
1923 fragte man sich vereinzelt wie sich die Welt verändern würde, wenn Europa nicht mehr das wirtschaftliche und politische Machtzentrum darstellen sollte. Die Blicke gingen nach Amerika aber auch damals schon nach Asien. Der Schriftsteller Klabund zeichnete in einem Kapitel seines phantastischen Romans „Spuk“ eine zugespitzte finale Auseinandersetzung zwischen dem „Westen“ und dem „Osten“ mittels eines Boxkampfes. De facto läuft der Konflikt darauf hinaus, ob Europa eigentlich noch China gewachsen ist, womit wir bei ganz aktuellen Fragestellungen wären. Frank Riede liest für uns den Text, in dem keiner besonders gut wegkommt, allerdings der Vertreter Chinas auch mit heute zu recht als rassistisch empfundenem Vokabular beschrieben wird.
9 Minuten
Paul von Hindenburg stand – als gefeierter, letztlich aber geschlagener Weltkriegsgeneral – am Anfang und – als greiser Reichspräsident, der Adolf Hitler zum Reichskanzler machte – am Ende der Weimarer Republik. Vor seiner Wahl ins höchste Staatsamt 1925 machte er sich öffentlich eher rar, wurde gelegentlich aber vor allem aus dem rechts-monarchistischen Lager gerne zu Fragen des politischen und sonstigen Lebens konsultiert. Zu jenem gehörte tendenziell auch der Berliner Lokal-Anzeiger aus dem Verlagshaus Scherl, der in diesem Fall allerdings nicht selbst in Hindenburgs Altersitz in Hannover zur Audienz geladen war, sondern in seiner Ausgabe vom 15. Mai 1923 vielmehr eine amerikanische Depesche über ein Gespräch, das der scheidende Oberkommandierende der US-amerikanischen Besatzungstruppen in Deutschland McMahon dort geführt hatte, übernahm. Interviews, wie sie heute beinahe inflationär unsere Medien beherrschen, kannte man in den 1920er Jahren noch nicht (wahrscheinlich weil die Aufnahmetechnik das nicht hergab), deshalb sind die Äußerungen Hindenburgs hier wie üblich in einen erzählenden Bericht eingebunden. Paula Rosa Leu hat in ihn hineingeschaut.
5 Minuten
Die Soubrette ist ein komisches Rollenfach, die Kammerzofe im Sprechtheater und die Sopranistin in heiteren Mädchenrollen in Oper und Operette. Im 18. Jahrhundert bezeichnete „soubrette“ die schlaue, die Situation überschauende Dienerin. Zugleich sieht sich diese Figur auch immer den, etwas euphemistisch umschrieben, amourösen Nachstellungen und dem Machtmissbrauch durch die Herren der höherstehenden Klasse ausgesetzt. In dem Artikel die „Dame und die Soubrette“ aus dem Vorwärts vom 14. Mai 1923 verhandelt der Autor Hans Bauer das Geschlechterverhältnis, die Solidarität der Frauen, sowie die dem Titel innewohnende Klassenfrage. Er schlägt aber auch eine Brücke aus dem Theater zu der damaligen politischen Lage. Frank Riede liest für uns diesen vielschichtigen Text.
12 Minuten
Die Tiergartenstraße, südlich der für sie namensgebenden großen Berliner Parkanlage gelegen, ist schon lange keine Wohnstraße mehr, sondern beherbergt heutzutage vor allem etliche bedeutenden Botschaften. Nur wenig erinnert noch an ihren Ursprung als mondänes großbürgerliches Stadtquartier, als das sie im 19. Jahrhundert angelegt worden war – und sie hatte, so erfahren wir aus dem Artikel von Margarete Caemmerer aus der Vossischen Zeitung vom 13. Mai 1923, diesen vornehmen Charme auch schon vor einhundert Jahren weitgehend verloren. Die Autorin indes vermag sich an die alten Zeiten noch zu erinnern, denn sie ist am Tiergarten offensichtlich aufgewachsen. Ihr Bericht entführte mithin bereits ihre zeitgenössischen Leserinnen und Leser in eine längst vergangene Zeit – und uns ausnahmsweise einmal in die Berliner Welt nicht vor einhundert, sondern vor bald einhundertdreißig, einhundertvierzig Jahren. Unser Guide dabei: Paula Rosa Leu.
4 Minuten
Der langjährige, zwischen 191 und 1929 amtierende Oberbürgermeister Gustav Böß von der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei wird heute zu den durchaus prägenden Figuren der Berliner Stadtgeschichte gezählt. In der Presse jener Jahre stolpert man über seinen Namen dennoch überraschend selten, weshalb Böß bislang auch in unserem Podcast ein eher randständiges Dasein fristete. Entsprechend dankbar sind wir, dass sich die Deutsche Allgemeine Zeitung einmal an seine Fersen heftete und gemeinsam mit Böß Berliner Sportstätten besichtigte. Der davon zeugende Bericht vom 12. Mai 1923 fällt zwar seinerseits wiederum sehr kurz aus, dennoch hat sich Paula Rosa Leu für uns dem Pressetross angeschlossen.
9 Minuten
Es sagt viel über eine Gesellschaft aus, was sie sich für Vorstellung von ihrer Zukunft macht. Und so merken wir immer auf, wenn in den Berliner Zeitungen in die nahe und ferne Zukunft geschaut wird, die aus unserer Sicht vielleicht schon eine vergangene Zukunft ist. Der heutige Blick aus der Berliner Volks-Zeitung vom 11. Mai 1923 reicht in das Jahr 2035 und überrascht uns mit revolutionären Mitteln des Individualverkehrs und einem ungewöhnlichen Kaufhaus. - aber es sind ja auch noch 12 Jahre bis dahin. Der Autor oder die Autorin hinter dem Pseudonym „Ovid in Tomi“ ist uns nicht bekannt. Was passieren würde, wenn die Gesellschaft exzessiv Immanuel Kant lesen würde, sagt uns Frank Riede.
10 Minuten
Man kennt ihn als Namenspatron der nach ihm benannten Kunsthochschule in Kiel, als Architekt zahlreicher Bauprojekte in Berlin sowie als wichtigen Theoretiker der modernen Architektur: Hermann Muthesius war überdies auch noch Mitbegründer des Deutschen Werkbundes, ein Pionier des modernen Produktdesigns, preußischer Geheimrat und einer der prononciertesten Kritiker des Jugendstils. Seine ausgeprägte Abneigung gegenüber Ornament und Zierrat und überhaupt gegenüber jedweder auf Repräsentation schielenden Baukunst klingt auch im nachfolgenden Text aus dem Berliner Tageblatt vom 10. Mai 1923 an, der „Vom Bauen nach dem Kriege“ handelt und den für uns Paula Rosa Leu liest.
11 Minuten
Zu Ostern 1923 bestimmte ein Ereignis die Berichterstattung. Die eskalierte Requirierungsmaßnahme französischer Soldaten im Krupp-Werk, Essen. Sie endete mit Schüssen in die versammelte Arbeiterschaft, an deren Ende 13 Tote und zahlreiche Verletzte auf Seiten der Arbeiter zu beklagen waren. Löste diese Gewalttat bereits einen Empörungssturm aus, so flammte dieser noch stärker auf, als die französischen Militärbehörden, die die Schuld für das Oster-Massaker bei der Werksleitung sahen, diese und den Konzernchef Krupp von Bohlen und Halbach verhafteten und vor einem Militärgericht am 8. Mai zu zehn- bis zwanzigjährigen Haftstrafen verurteilten. Da sich am 9. Mai alle Zeitungen dazu zu Wort meldeten, hören wir heute die Presseschau, die die Berliner Volks-Zeitung in ihrer Abendausgabe des Tages abdruckte. Es liest Frank Riede.
5 Minuten
Es ist bekanntlich noch gar nicht so lange her, dass die Zahl der Männer-Wettbewerbe bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen die der Frauen bei weitem übertraf. Skispringen, Bobfahren, Fußball, Ringen, Hammerwurf – all diese Sportarten galten lange Zeit für den weiblichen Teil der Bevölkerung als nicht schicklich und wurden mit teils markiger Rhetorik (selbstredend fast immer aus männlichem Munde) als unfeminin abgelehnt. Dass von diesem Verdikt auch das besonders rabiate Boxen betroffen war, nimmt wenig Wunder. Eher schon, dass das seinem Selbstverständnis nach ausnehmend fortschrittliche sozialdemokratische Parteiorgan Vorwärts am 8. Mai 1923 mit voller Kehle in den Chor der empörten Hüter der hergebrachten Geschlechterordnung miteinstimmte. Wobei die Umstände der hier betrachteten Veranstaltung, glaubt man dem Bericht, in der Tat keinen so ganz sportlich-seriösen Eindruck machen. Für uns am Ring war Paula Rosa Leu.
12 Minuten
Wie niemandem, der Auf den Tag genau regelmäßig hört, entgangen sein wird, gehörten 1923 Berichte über die NSDAP in Bayern und insbesondere über Adolf Hitler zum festen Bestandteil der Berichterstattung der Hauptstadtpresse. Wir bringen nur einen kleinen Ausschnitt dieser Artikel, und zwar dann, wenn der Text einen bislang vernachlässigten Aspekt beleuchtet oder eine andere Herangehensweise an den Betrachtungsgegenstand wählt. Letzteres ist heute der Fall: Der unter dem Pseudonym Pick Nick firmierende Autor schreibt am 7. Mai über seine Erlebnisse in „Hitlers Hauptquartier“ und tut dies mittels einer satirischen Zuspitzung. Man fühlt sich aus heutiger Sicht auf halbem Wege zu Chaplins großem Diktator. Frank Riede hat sich für uns der Sauf- und Fahnenweihenorgien angenommen.