Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
10 Minuten
Auf den Tag genau ist erkennbar ein Berliner Podcast, aber im ersten Jahr unseres Bestehens, 2020, haben wir gleichsam fast eine Außenstelle in Fiume alias Rijeka an der Kvarner Bucht unterhalten, wo Gabriele d’Annunzio 1920 sein präfaschistisches Unwesen trieb und es mit seinen Eskapaden entsprechend häufig auch in die Berliner Tageszeitungen schaffte. Drei Jahre später steht vor dem Faschismus in Italien kein ‘Prae-‘ mehr, d’Annunzio hat sich wegen politischer Missachtung schmollend in seine Villa am Gardasee zurückgezogen, aber der Status von Rijeka alias Fiume ist zwischen Italien und Jugoslawien noch immer umstritten. Die Vossische Zeitung – deren Preis soeben die Millionengrenze erreicht hatte – berichtet am 18. September 1923 vom aktuellen Stand der Spannungen um die Stadt, und auch wir haben unseren Korrespondenten Frank Riede deshalb wieder einmal an die obere Adria entsandt.
4 Minuten
Nahverkehr und leere Tunnel? Da fällt uns der leere S-Bahn-Tunnel ein, in dem, während des sich hinziehenden Berliner Flughafenbaus, sogenannte Belüftungsfahrten mit leeren S-Bahnen stattfinden mussten. 1923 verursachte die schlechte Wirtschaftslage die Straßenbahnbetreiber dazu, einzelne Strecken aufzugeben. Dazu gehörte auch der Lindentunnel unter „Unter den Linden“, der 1916 fertiggestellt worden war, und nun schon wieder stillgelegt werden sollte. Heute ist der Tunnel zumindest teilweise zugeschüttet und untertunnelt von der U-Bahn-Linie 5, der Kanzlerlinie. Der Vorwärts vom 17. September, für 300.000 Mark zu erwerben, berichtet über den leeren Tunnel, Paula Rosa Leu liest.
10 Minuten
Hatte die Frauenbewegung bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts gegen das Tragen eines Korsetts protestiert, flankiert von medizinischen Befunden, die gesundheitliche Schäden mit diesem Kleidungsstück in Verbindung brachten, so griff die Mode-Industrie erst nach dem Ersten Weltkrieg die Möglichkeit auf, eine korsettfreie Damenbekleidung zu entwerfen. In ihrem Lagebericht zu aktuellen Modetrends, abgedruckt in der Vossischen Zeitung vom 16. September 1923, stellt Margarete Caemmerer den Abschied vom Korsett an den Anfang. Was sonst noch in der Herbstsaison getragen wurde, oder nicht mehr getragen wurde, weiß Paula Rosa Leu. Wohl nicht zuletzt wegen der Beilage, aus der dieser Artikel stammt, kostete die Sonntagsausgabe der Vossischen 800.000 Mark.
9 Minuten
Diejenigen Zeitungsleser:innen, die am 15 September 1923 das 8-Uhr-Abendblatt für mittlerweile schon 500.000 Mark erworben hatten, konnten von den neuesten einschneidenden Ereignissen in Spanien lesen. In Absprache mit König Alfonso XIII. proklamierte am 13. September Miguel Primo de Rivera eine rechtsgerichtete Diktatur in Spanien, die bis 1930 Bestand haben sollte. Der Putsch wurde mit der bis dahin mangelnden politischen Stabilität Spaniens begründet. Rivera starb 1930 in einer Klinik in Paris. Dennoch führt eine Linie von ihm zur faschistischen Diktatur Francos, da seine Kinder 1933 die faschistische Organisation Falange gründeten, auf die sich Franco 1937 wesentlich stützte. Frank Riede liest nun, wie der Berliner Leserschaft von der Machtübernahme in Spanien berichtet wurde.
9 Minuten
Die Berliner Morgenpost wird heutzutage gemeinhin eher dem gemäßigt konservativen Spektrum zugerechnet, und auch vor einhundert Jahren war sie mit Sicherheit kein kommunistisches Agitationsblatt. Die Forderung, die sie am 14. September 1923 erhob, klingt indes fast so. „Finanzminister, nimm Geiseln!“: Das war natürlich nicht wörtlich gemeint, der Vorschlag, die reichsten Menschen Deutschlands zumindest vorübergehend zu enteignen, um die Wetten auf Mark und Dollar zu beenden und so endlich die galoppierende Inflation zu bremsen, war jedoch kaum minder radikal und deutet an, wie dramatisch sich die ökonomische Situation längst gestaltete. Wie viele Menschen sich damals die Mopo, die selbst schon 500.000 Mark kostete, überhaupt noch leisten konnten, wissen wir nicht. Verbürgt ist allein, dass Paula Rosa Leu sie für uns gelesen hat.
7 Minuten
Vom Alfred-Döblin-Platz in Berlin-Mitte zur Heinrich-Heine-Straße ist es nur ein Katzensprung, literaturhistorisch trennen den 1856 gestorbenen Heine und den 1878 geborenen Döblin hingegen mehrere Generationen. Was sie verband, ist außer der assimiliert-jüdischen Herkunft und der leidvollen Exilerfahrung mit Sicherheit auch ein waches politisches Bewusstsein, weshalb die Idee des Verlages Hoffmann und Campe, Döblin 1923 eine Vorrede zu einer Neuausgabe von Heines Versdichtungen „Deutschland“ und „Atta Troll“ verfassen zu lassen, extrem plausibel erscheint. Die Vossische Zeitung, für deren Morgenausgabe man am 13. September bereits 300.000 Mark aufwenden musste, druckte diese einleitenden Worte nach, für uns eingelesen hat sie Frank Riede.
8 Minuten
First Vienna, Wiener Sportclub, Admira, Wacker, Austria, Rapid, ... – Wien hat fraglos viele lässige Fußballclubs mit fast immer bewegter Geschichte. Am allerbewegendsten ist vielleicht die vom SC Hakoah, dem jüdischen Verein aus dem zweiten Wiener Gemeindebezirk, der Leopoldstadt, der nicht nur 1925 erster österreichischer Profi-Fußballmeister wurde, sondern es bereits zwei Jahre zuvor mit einem einzigen Freundschaftsspiel zu internationaler Berühmtheit geschafft hatte: Gegner West Ham United spielte seinerzeit zwar nur in der zweiten englischen Liga. Der Sieg Hakoahs im Londoner Upton Park war jedoch überhaupt der allererste, der einem Team vom Kontinent gegen einen englischen Club auf der Insel gelang, und hätte insofern in jeder Höhe sporthistorische Bedeutung gehabt. Dass der Triumph der Wiener mit 5:0 gleich überaus deutlich ausfiel, machte das Ereignis freilich zu einer Sensation, von der die Tageszeitungen in ganz Europa, und auch in Berlin, ausführlich berichteten. Da das Berliner Tageblatt im Vorfeld natürlich keinen Korrespondenten entsandt hatte, druckte man hier einfach einen Artikel aus der Sportbeilage des Neuen Wiener Tagblattes nach, das die lokalen Helden in den höchsten, zum Teil etwas irritierend markig-militaristischen Tönen pries. Für uns tut dies Paula Rosa Leu.
9 Minuten
Der Landtag von Thüringen hat schon so manche Turbulenz erlebt – es sei nur an die 28tägige Ministerpräsidentschaft von Thomas Kemmerich aus dem Jahre 2020 erinnert, der mit den Stimmen der AFD gewählt worden und unter enormem Druck sofort wieder zurüchgetreten war. 1923 regierten die SPD unter August Fröhlich zusammen mit der USPD als von der KPD tolerierte Minderheitsregierung seit beinahe zwei Jahren. Doch ein Scheitern dieses Modells stand unmittelbar bevor, wovon die Vossische Zeitung am 11. September berichtete. Wir entnehmen diesem Artikel, für dessen Lektüre bereits 300.000 Mark zu zahlen waren, dass auch damals das Hauptaugenmerk darauf lag, wie man eine Stärkung der NSDAP und der KPD verhindern könne – was uns wieder zur kommenden Wahl in Thüringen 2024 und den Umfragewerten der AFD führt. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Stolze 150.000 Mark kostete der Berliner Lokal-Anzeiger am 10. September 1923 und auch alle sonstigen Lebenshaltungskosten stiegen weiterhin in atemberaubendem Tempo. So konnte es passieren, erfahren wir eben dort aus einem Bericht von Eva Gräfin von Baudissin, dass manche Familie am Bahnhof von Berchtesgaden ihre Rückreise aus dem Urlaub nicht mehr zu bezahlen vermochte. Die Autorin hat es weniger schwer getroffen, aber auch sie mag sich auf der Berghütte nur mehr die Erbsensuppe leisten, wo jede nächtliche Matratze überdies mittlerweile statt an eine an zwei Personen vermietet wird. Allein die spektakuläre Hochgebirgsnatur um Watzmann und Hochkalter lässt sich von den Abgründen der menschengemachten Inflation zu ihren Füßen naturgemäß nichts anhaben. Und doch schlägt sinnbildlich auch hier das sonnenklare Spätsommerwetter in unwirtlichen Dauerregen um. Für uns in die gute Stube im sicheren Tal gerettet hat sich Paula Rosa Leu.
6 Minuten
Er gilt noch heute als einer der größten Theatermacher der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und war auch zu Lebzeiten bereits eine Legende: Max Reinhardt hatte sich nach fortgesetztem Ärger 1920 aus Berlin zwar verabschiedet und in sein Salzburger Schloss Leopoldskron zurückgezogen, von wo er die dortigen, von ihm mitgegründeten sommerlichen Festspiele organisierte. Noch immer – und vielleicht sogar verstärkt – erinnerte man sich in der deutschen Hauptstadt indes seiner und nahm seinen 50. Geburtstag am 9. September 1923 zum Anlass, ihm die eine oder andere Eloge zu widmen. Im Berliner Börsen-Courier meldeten sich sogar gleich zwei Gratulanten zu Wort. Ob Max Reinhardts Zukunft in Berlin liege und die Zukunft der Theaterstadt Berlin bei Max Reinhardt – in dieser Frage waren sich Emil Faktor und Herbert Ihering, scheint’s, freilich wie so oft nicht ganz einig. Unsere Stimme der Kritik ist Frank Riede.
11 Minuten
Niemand würde heute der Aussage widersprechen, dass die US-amerikanische Gesellschaft, die sich traditionell als der Hort der freien Meinungsäußerung sieht, besonders gespalten und polarisiert ist, dass vielerorts das „Zum Schweigen bringen“ der Gegenseite erstrebt wird. Geht man an in der Geschichte zurück, fällt einem sofort der Feldzug gegen alles „Unamerikanische“ während der McCarthy-Ära ein. Aber wie sah es vor dem Zweiten Weltkrieg aus? Ein wenig schmeichelhaftes und überraschend heutiges Bild zeichnet der Schriftsteller Henry F. Urban, der mit 25 Jahren 1887 nach Amerika ausgewandert war, für den Berliner Lokal-Anzeiger vom 8. September 1923. Der Preis für diese Morgenausgabe betrug 200.000 Mark. Frank Riede informiert uns über den 1923 festgestellten kulturellen Rückschritt in Amerika.
8 Minuten
Wie sich bisweilen doch die Schlagzeilen gleichen: „Die Sorge um die Heizung“ überschreibt das Berliner Tageblatt einen Artikel aus seiner Morgenausgabe vom 7. September 1923, für die man aufgrund der galoppierenden Inflation bereits 200.000 Mark am Kiosk aufwenden musste. Die Hintergründe der im gleichen Maße steigenden Energiekosten und der daraus resultierend befürchteten Versorgungsengpässe waren mithin zwar gänzlich anderer Art als heute in Zeiten von Klimakrise und Ukrainekrieg. Im Ergebnis stand indes gleichfalls die Notwendigkeit, den Energieverbrauch zu drosseln. Damit ‘Weniger Verheizen‘ nicht schlicht ‘Mehr Frieren‘ bedeutet, bringt der für uns von Paula Rosa Leu gelesene Text die interessante Idee einer individuellen Heizberatung durch Fachleute ins Spiel, die den Verbraucher*innen beibringen sollten, wie man mit möglichst geringem Ressourceneinsatz maximalen Effekt erzielt. Wegen Ämterüberlastung und Fachkräftemangel brauchen wir dieses Konzept wohl leider gar nicht erst zu Nachahmung vorschlagen.
5 Minuten
Am 1. und 2. September 1923 trafen sich in Nürnberg die völkischen Wehrverbände zum „Deutschen Tag“, bei dem zehntausende unter den Augen von Adolf Hitler und Erich Ludendorff und zahlreichen geladenen Adeligen aufmarschierten. Aus den Verbänden SA und Reichsflagge und Bund Oberland wurde der „Deutsche Kampfbund“ gegründet. Die Reden ließen keine Zweifel daran, dass ein gewaltsamer Umsturz angestrebt wird und bayrische Polizeiverbände marschierten munter mit und hielten die Völkischen nicht von Gewalttaten gegen Arbeiter ab. Im Vorwärts wurde nicht nur über die Vorkommnisse in Nürnberg berichtet. In der Ausgabe vom 6. September, die 80.000 Mark kostete, wagt Hans Bauer einen leicht spöttischen und zugleich erschreckend zutreffenden Blick in die Zukunft, der die Diktatur mit ihren Gummi-Paragraphen beschreibt. Frank Riede schildert uns den Zwang zur Liebe.
6 Minuten
Jahrhunderte suchten Alchemisten nach dem Stein der Weisen, nach der Herstellung von Gold aus minderwertigen Stoffen. Dass sie dabei nebenbei Porzellan oder das Goldrubinglas fanden, bestätigt nur das Hoffnungslose des Unterfangens selbst – oder nicht? Ist es nicht so, dass diese Experimentatoren richtig beobachtet hatten, wie sich Metalle irreversibel verändern und auch veredeln lassen? Fehlte es ihnen nicht lediglich an den technischen Möglichkeiten? Tatsächlich scheint es mithilfe von Teilchenbeschleunigern und Nanotechnologie heutzutage möglich zu sein, Gold künstlich herzustellen, nur das der Aufwand viel zu groß ist für den mikroskopischen Ertrag. Insofern hat der heutige Artikel aus der Berliner Volkszeitung vom 5. September 1923 den richtigen Riecher, wenn er postuliert „Unsere Nachkommen werden Gold machen“. Angesichts der Inflation und des Preises der Ausgabe von 100.000 Mark ist es gut verständlich, warum die Hoffnung auf die Alchemisten des 20. Jahrhunderts gesetzt wird. Es liest Paula Rosa Leu.
8 Minuten
Fredrick George Binney, geboren im Jahre 1900 war ein britischer Polarforscher, der schon als Student in Oxford die erste Polarexpedition dieser Universität im Jahre 1921 organisierte. Bereits zwei Jahre später leitete er die zweite Expedition, die mit fünf britischen Wissenschaftlern und einer norwegischen Crew zu der nördlichsten Insel der Spitzbergen fuhr. Dabei wurden neben botanischer und geologischer Forschung auch bestehende Karten korrigiert. Wir korrigieren den Namen des Schiffes, der in dem Bericht über die Forschungsreise des 12-Uhr-Blattes vom 4. September 1923 fälschlich als „Teringen“ wiedergegeben wird, zum korrekten Namen „Terningen“. Frank Riede entführt uns also nun ins Eis des Nordpolarmeeres.