Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
6 Minuten
Als die Österreichisch-Ungarische Monarchie, die sogenannte k. u. k., also kaiserlich und königliche Monarchie 1918 zerfiel, entstanden eine ganze Reihe neuer, unabhängiger Staaten: Ungarn, die Tschechoslowakei, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Andere Gebietsteile fielen an bereits bestehende Staaten. Zurück blieb die vergleichsweise kleine Republik Österreich, woran, wie böse Zungen behaupten, die österreichische Seele bis heute zu knabbern hat. Mit der Teilung stellte sich auch die Frage, was mit den k. u. k. Staatsbediensteten geschehen sollte, die nun nicht länger Bürger Österreichs waren. So wurden sie schließlich alle entlassen und in ihre neue bzw. alte Heimat geschickt. Nur Deutschösterreicher sollten im Staatsdienst arbeiten, zu dem auch eine solch exklusive Position wie die des Tierpflegers in Schönbrunn gehörte. Und da kam nun ein Nilpferd ins Spiel, das für internationale Verwicklungen sorgte. Arnold Höllriegel berichtet am 12. Juni fürs Berliner Tageblatt aus Wien, Paula Leu liest.
8 Minuten
Die 1920er wurden schon vor hundert Jahren gerne die ‚Neue Zeit’ genannt. Der Kaiser hatte abgedankt, eine demokratische Verfassung war in Kraft getreten; neue Medien veränderten das Alltagsleben, Reformbewegungen suchten alternative Lebensmodelle zu verwirklichen und auch das Verhältnis zwischen den Geschlechtern wandelte sich. Frauen kritisierten selbstbewusst Missstände der patriarchalischen Gesellschaft. Am 11.6.1920 veröffentlichte das Berliner Tageblatt die spitze Abrechnung mit dem machistischen Cliché der ‚deutschen Hausfrau’ – nicht ohne selbst in einem vorweggestellten Kommentar der Autorin altväterlich über den Mund zu fahren. Es liest Frank Riede.
5 Minuten
Eine ganze Generation von Schülerinnen und Schülern hat aktuell durch die Schließung der Schulen erhebliche Lücken im Stoff. Daran ändert auch das Homeschooling nichts, zudem dieses sehr vom Engagement und von den Möglichkeiten der Eltern abhängt. Vor hundert Jahren hatte ebenfalls eine Generation mit den Beschulungsausfällen aufgrund des Ersten Weltkriegs zu kämpfen. Hinzu kam allerdings noch die Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Transformation vom Kaiserreich zur Republik, die sich auch in den Lehrplänen niederschlug. Eine Lösung des verantwortlichen Ministeriums damals: radikale Verjüngung der Lehrerschaft. Einen entsprechenden Erlass paraphrasiert und kommentiert die Berliner Volks-Zeitung am 10. Juni. Sehr ungeschminkt wird ein vorzeitiges Ausscheiden älterer Lehrerinnen und Lehrer gefordert. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Ausbürger oder Pfahlbürger waren im mittelalterlichen Stadtrecht diejenigen Personen, die zwar städtische Bürgerrechte genossen, aber außerhalb der Stadtmauern lebten. Im modernen Sprachgebrauch wird die Bezeichnung synonym mit Spießbürger verwendet. In der Ausgabe vom 9. Juni 1920 der Berliner Volks-Zeitung liest Tucholsky unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel den Pfahlbürgern der Weimarer Republik, die bei den Reichstagswahlen für einen Rechtsruck gesorgt hatten, die Leviten. Für uns liest Frank Riede.
8 Minuten
Die Reichstagswahl vom 6. Juni endete mit einem herben Stimmenverlust der Kanzlerpartei SPD und einem Erstarken der politischen Ränder. Insbesondere konservativ-rechte Parteien wie die Deutsche Volkspartei und die Deutschnationale Volkspartei verzeichneten deutliche Zugewinne. Kein Wunder also, dass die diesem Lager nahestehende Berliner-Börsen-Zeitung am 8. Juni die bisherige Regierungskoalition aufforderte, einer neuen „Regierung der Rechten bis zum Zentrum“ Platz zu machen. Alle anderen Kombinationen würden dem durch das Wahlergebnis bekundeten Willen des Volkes auf eklatante Weise widersprechen. Es liest Paula Leu.
7 Minuten
Zu den großen Verlierern der Reichstagswahl vom 6. Juni 1920 gehörte die bisherige Kanzlerpartei SPD. Zwar gingen die sogenannten Mehrheitssozialisten mit 21,9 % wieder als stimmenstärkste Partei durchs Ziel, büßten im Vergleich zur Wahl im Vorjahr aber satte 16 Prozentpunkte ein. Gewinner des Urnengangs waren neben einer erstarkten USPD zur Linken die republikskeptischen Parteien der Rechten, die Deutschnationale Volkspartei und Stresemanns gemäßigtere Deutsche Volkspartei. Bei der SPD-Parteizeitung Vorwärts sorgte dieses Ergebnis naturgemäß für große Enttäuschung. Obwohl noch kein amtliches Endergebnis vorliegt, betreibt sie in ihrer Abendausgabe vom 7. Juni 1920 erste Ursachenforschung und glaubt einen wesentlichen Grund für die Verluste in der Gespaltenheit der Arbeiterbewegung zu erkennen. Gelesen von Frank Riede.
7 Minuten
Am 6. Juni 1920 war Reichstagswahl. Nach den Wahlkampfartikeln der letzten Tage nehmen wir uns heute allerdings eine kurze politische Auszeit, um einer Besprechung des Oscar-Wilde-Stücks ‚Bunbury’, immerhin aus dem Zentralorgan der KPD, der ‚Roten Fahne’ Raum zu geben. Der Rezensent zeigt sich vom Witz des Dichters, der gesellschaftlichen Satire wie auch von der schauspielerischen Leistung durchaus angetan. Lediglich der Wandel des im Jahr zuvor als politisch-expressionistische Bühne gegründeten, mittlerweile aber bereits populärer ausgerichteten westberliner Privattheaters ‚Die Tribüne’ wird kritisiert. So findet sich am Ende auch in der heutigen Zeitungsmeldung zumindest implizit ein politischer Kommentar. Es liest Paula Leu.
7 Minuten
Heute lassen wir, am Vorabend der Reichstagswahl 1920, zum Abschluss unserer Vorwahlberichterstattung, ganz bewusst eine Stimme des rechten Lagers zu Wort kommen. In der konservativen Berliner Börsen-Zeitung vom 5. Juni 1920 bekommen wir einen Eindruck davon, wie hier durch das Schüren in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft tief sitzender Ängste Wahlkampf gemacht wurde. Als hätte es den Kapp-Lüttwitz-Putsch wenige Monate zuvor nicht gegeben, betont der Autor des Artikels wie groß die Gefahr des Niedergangs und schließlich der Auflösung Deutschlands durch linke militante Revolutionäre sei. Es liest Frank Riede.
3 Minuten
Auch der Vorwärts ist am 4. Juni 1920, zwei Tage vor der Abstimmung über die Neuzusammensetzung des Reichstags, im Wahlkampfmodus und wirbt, selbstverständlich, um Stimmen für die SPD. Spezifisch adressiert werden in diesem Fall die Angestellten, die man vor einem Votum für eine der bürgerlichen Parteien warnt: Diese würde zwar Funktionäre von Angestelltenverbänden auf ihren Listen führen, sich aber keinesfalls politisch für die Rechte von Angestellten einsetzen. Es liest Paula Leu.
5 Minuten
Am Morgen des 21. Novembers 1811 nahmen sich der Dichter Heinrich von Kleist und seine Bekannte Henriette Vogel am Kleinen Wannsee nahe Berlin das Leben. In der Herberge “Zum Stimming” schrieben sie die Nacht hindurch Abschiedsbriefe, um sich anschließend auf einem kleinen Hügel mit Ausblick auf den See zu erschießen. War der Dichter verarmt und vielfach verkannt aus dem Leben geschieden, so hatte sich der Ort des Doppel-Selbstmordes, mit seinem schlichten Gedenkstein, 1920 schon längst zum Wallfahrtsort für Kleist-Fans entwickelt. Am 3. Juni pilgert auch der Autor Erdmann Gräser an den kleinen Wannsee und berichtet in der Vossischen Zeitung von seinen Eindrücken. Gelesen von Paula Leu.
8 Minuten
Auch am 2. Juni werden die Zeitungsmeldungen von der anstehenden Reichstagswahl dominiert. Wie soll man wählen? Welcher Partei soll man seine Stimme geben? Die aufgrund des Weimarer Systems mit neun größeren und einer ganzen Reihe kleinerer Parteien eh schon schwierige Entscheidung wurde durch immer neue ausgesprochene und unausgesprochene Allianzen und die sich daraus ergebenden komplizierten Konstellationen nicht gerade leichter. Wie gefährlich die so organisierten Partikularinteressen für die Republik sein können, das habe zuletzt der Kapp-Putsch klar gezeigt, so der Kommentator des Berliner Tageblatts. Der Moment sei gekommen, in welchem das Bürgertum sein ganzes Gewicht einbringen und statt für klassen- und interessengebundene Parteien für die freie Demokratie zu stimmen habe. Es liest Frank Riede.
4 Minuten
Das pulsierende Tanzlokal „Moka Efti“, heute vor allem aus der Fernsehserie „Babylon Berlin“ bekannt, hat es tatsächlich gegeben. Jedoch war es zunächst einmal ein Kaffee-Haus, freilich ein Kaffee-Palast mit Extravaganzen, im orientalischen Stil ausgestattet, mit als Zugwagongs gestalteten Fluren, einem Schreibdienst mit Postservice und einem Frieseur-Salon. Auch derartige „Kaffee-Event-Lokale“ durchlitten nach dem Ersten Weltkrieg allerdings eine Krise, die zu einer Reihe von Pleiten führte. Von diesem „Sterben der Kaffee-Paläste“ berichtet durchaus hämisch Peter Sachse in einem von Paula Leu gelesenen Artikel der Berliner Volks-Zeitung vom 1. Juni 1920.
8 Minuten
Otto Strasser gehört zweifellos zu den schillerndsten Figuren, die die politische Landschaft Deutschlands im 20. Jahrhundert hervorbrachte. Sein Engagement für einen ‘nationalen Sozialismus‘ führte ihn nach dem Ersten Weltkrieg zunächst zur SPD, von der er sich bald jedoch schon enttäuscht ab- und 1925 der jungen NSDAP zuwandte. Gemeinsam mit seinem Bruder Gregor sowie anfänglich auch mit Joseph Goebbels gehörte er hier zum sogenannten ‘linken‘, antikapitalistisch-sozialrevolutionären Parteiflügel. Nachdem dieser den parteiinternen Richtungsstreit verloren hatte, verließ Strasser die NSDAP bereits 1930 wieder und wurde zu einem erbitterten Gegner Hitlers, als der er von wechselnden Exilstationen aus gegen dessen Regime agitierte und dabei mehrere Attentate überlebte. Zurück in Deutschland, betätigte sich Strasser nach 1945 schließlich vornehmlich als Publizist – und erfreut sich bis heute einer gewissen Popularität in neurechten Kreisen. Auch wenn sich Strasser 1920 selbst dezidiert noch als Linker verstand: Sein Artikel im Vorwärts vom 31. Mai über die bevorstehende Reichstagswahl mischt unter die Klassenrhetorik damals schon gewisse völkische Motive. Und lässt manche seiner späteren weltanschaulichen Irrungen und Wirrungen somit durchaus schon erahnen. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Conrad Haußmann, Mitbegründer der literarisch-politischen Zeitschrift „März“, in der, ganz im Geiste einer deutsch-französischen Aussöhnung, französische Autoren publizieren durften, war auch Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei, und für diese Abgeordneter im Reichstag. Die liberale DDP war im Mai 1920 an der herrschenden Regierungskoalition beteiligt und stand klar auf dem Boden der parlamentarischen Demokratie. Am 30. Mai griff Conrad Haußmann mit einem Artikel im Berliner Tageblatt, der, wenn man so will, Hauszeitung der DDP, in den Reichstagswahlkampf ein. In sehr kategorischer, thesenartiger Manier weist er darauf hin, dass die Lehren aus der Geschichte zwangsläufig zum Wahlprogramm der DDP führen. Es liest Frank Riede.
5 Minuten
Nach dem verheerenden Pestjahr 1633 in Oberammergau schwor die Dorfgemeinschaft Passionsspiele aufzuführen, wenn weitere Pestopfer ausblieben. Da dem so war, fanden 1634 die ersten und fortan im 10-Jahres-Rhythmus Passionsspiele statt. Aktuell wurde die Aufführung für 2020 wegen der Corona-Pandemie um zwei Jahre auf 2022 verlegt. Vor einhundert Jahren druckte das Berliner Tageblatt ein Interview ab, das Erwin Bryk in Oberammergau mit dem Christusdarsteller Anton Lang geführt hatte. Das große Thema des Gespräches ist, ob die Spiele wegen der wirtschaftlichen Verwerfungen infolge des Ersten Weltkrieges 1920 überhaupt würden stattfinden können. Der Christus der Spiele ist skeptisch. Und tatsächlich wurde auch 1920 die Aufführung wegen der Kriegsfolgen um zwei Jahre auf 1922 verschoben. Es liest Paula Leu.