Auf den Tag genau Archiv
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7 Minuten
Durch das am 1. Oktober 1920 in Kraft getretene Groß-Berlin-Gesetz war die deutsche Hauptstadt schlagartig in der Fläche um das Dreizehnfache gewachsen, und die Zahl der Einwohner hatte sich buchstäblich über Nacht eben einmal verdoppelt. Im täglichen Leben dürften deren alte und neue Einwohner davon erstmal nicht allzu viel gemerkt haben, weil Berlin faktisch ja schon lange vorher mit vielen seiner Vorstädte zusammengewachsen war. Administrativ allerdings barg die Fusion große Herausforderungen und auch manche Skurrilitäten. So gab es etliche populäre Straßennamen im Stadtbild fortan gleich zweifach, dreifach, zehnfach – ‘Berliner Straßen‘ allen voran. Umbenennungen standen in den meisten Fällen gleichwohl nicht zur Diskussion, obschon der Vorwärts vom 15. Juli 1921 diesbezüglich einige Vorschläge hätte. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Die Osterinseln verbinden wir mit den bis heute rätselvollen Steinstatuen, von denen wohl über 1000 über die Insel verteilt standen. Sie sind, so zumindest der Zivilisationsforscher Jared Diamond, das Produkt eines im Endeffekt selbstzerstörerischen Kultus, der relevante Ressourcen der Insel band und irreversibel aufbrauchte. Der Artikel vom 14. Juli 1921 der Vossischen Zeitung bringt den Leserinnen und Lesern die neuesten Erkenntnisse zu der entlegenen Insel, basierend auf den Berichten des Forscherpaares Katherine und William Routledge, die mit der sogenannten Mana-Expedition die Osterinsel besucht und dabei ethnologische Pionierarbeit geleistet hatten. Paula Leu setzt für uns ihre stimmlichen Ressourcen ein.
6 Minuten
Offensichtlich herrschte 1921 die Sorge, dass nicht genügend Ehen in Deutschland geschlossen würden. Sollte die Geburtenrate deswegen zu sehr zurückgehen?! Was waren die Ursachen dafür? Ausgehend von einer damals unhinterfragten Rollenverteilung zwischen Mann und Frau suchte die Berliner Volks-Zeitung am 13. Juli nach Antworten. In der krisenhaften wirtschaftlichen Lage würde es dem Ernährer der Familie schwer gemacht, diese noch adäquat zu ernähren. Und die Frauen seien mehr an Luxus und Vergnügen interessiert, als bescheiden den Haushalt zu führen und sich um die Kinder zu kümmern. So lauteten einige Erklärungsansätze dafür, dass die Mitgift auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer noch das entscheidende Kriterium auf dem Heiratsmarkt darstellte. Es liest Frank Riede.
7 Minuten
Seit dem Jahr 2008 finden sich insgesamt sechs sogenannte Wohnsiedlungen der Berliner Moderne in der renommierten UNESCO-Liste des Weltkulturerbes. Zu ihnen zählt, als ältestes dieser Bauprojekte, auch die von Bruno Taut im südöstlichen Ortsteil Bohnsdorf entworfene Gartenstadt Falkenberg – bekannt wegen der Buntheit ihrer Häuser auch als Tuschkastensiedlung –, deren Ursprünge bereits ins Jahr 1912 zurückreichen. Zwar schrumpfte das ehrgeizige Bauvorhaben, bedingt vor allem durch den Ersten Weltkrieg, von geplanten 1500 auf nur ungefähr ein Zehntel tatsächlich auch realisierte Wohneinheiten zusammen. Als utopischer Vorgriff auf einen menschenfreundlicheren Städtebau der Zukunft entwickelte es insbesondere in linken Kreisen dennoch eine große Strahlkraft. Davon kündet auch ein Artikel über ein in der Siedlung gefeiertes Sommerfest, der am 12. Juli 1921 in der USPD-Parteizeitung Freiheit erschien und der für uns von Paula Leu gelesen wird.
4 Minuten
Was braucht man, um eine Flugstrecke über der Sahara zu etablieren? Die Antwort verblüfft vielleicht: Lastkraftwagen. Nachdem Überflüge in Havarien endeten, machte sich eine Lastkraftwagenkolonne auf den Weg, wortwörtlich, den Boden für die Flugzeuge zu bereiten. Der Vorwärts vom 11. Juli berichtet von dieser Expedition aus dem brennend heißen Wüstensand. Paula Leu ist für uns dabei.
5 Minuten
Die Geschichte des deutschen Kolonialismus ist zwar deutlich kürzer als die des englischen, französischen oder portugiesischen Kolonialismus, aber durchaus nicht weniger grausam. So fällt in die Verantwortlichkeit der Kolonialmacht in Deutsch-Südwestafrika, im Gegenteil, gleich der erste der zahlreichen Genozide des 20. Jahrhunderts, als deutsche Truppen unter dem Befehl des Generalleutnants von Trotha zwischen 1904 und 1908 Aufstände der Herero und Nama brutal niederschlugen und Männer, Frauen und Kinder anschließend zu Zehntausenden in der Wüste verdursten ließen und in Konzentrationslagern umbrachten. Bis zur deutschen Anerkennung dieser Kolonialverbrechen als Völkermord dauerte es über ein Jahrhundert; erst vor wenigen Wochen wurde bekanntlich erstmals ein Hilfsfond für die Nachkommen der Opfer in Namibia aufgelegt, und auch dieser ist in Hinblick auf Gestalt und Volumen, vorsichtig gesagt, durchaus umstritten. Dabei waren die Fakten der Gräueltaten im Kern schon vor einhundert Jahren bekannt. Nachlesen konnte man sie beispielsweise in der Berliner Volks-Zeitung vom 10. Juli 1921, für uns tut dies Frank Riede.
5 Minuten
Die Leipziger Prozesse zwischen 1921 und 1927 stellten einen Versuch dar, von deutschen Militärs während des 1. Weltkriegs begangene Kriegsverbrechen, Verstöße gegen die 1907 unterzeichnete Haager Landkriegsordnung, vor dem Reichsgericht zu verhandeln. Die Verfahren standen unter keinem guten Stern. Von Anfang an hieß es, dass nur die kleinen Chargen bestraft werden und die Generäle freigesprochen werden, und das Ausland empörte sich gegen die Milde der Strafen. Im Juli 1921 wurde der Prozess gegen den Generalleutnant Hans von Schack und Generalmajor Benno Kruska geführt, angeklagt in 1280 Mordfällen, weil sie einen Typhusausbruch im Kriegsgefangenenlager Kassel verursacht hätten. Das Gericht stellte fest, dass der Typhusausbruch, dem auch deutsche Wachmannschaften zum Opfer fielen, auf der Verteilung russischer Kriegsgefangener auf die einzelnen Lager beruhte, der von der Obersten Heeresleitung angeordnet war und den die Angeklagten lediglich befolgt hätten. Sie wurden freigesprochen. Unabhängig davon, wie dies letztlich zu bewerten ist, schäumte damals die französische Presse vor Wut und der sozialdemokratische Vorwärts verteidigte am 9. Juli sogar das an selber Stelle oft kritisierte Verfahren, und machte klar: Kriegsverbrechen können nationale Gerichte kaum verhandeln. Es liest Paula Leu.
10 Minuten
In anderthalb Jahren Podcast sind wir und seid Ihr mit uns wahrlich weit herumgekommen. In ungezählten Berliner Kiezen haben wir uns herumgetrieben, etliche deutsche Landschaften durchwandert, mittlerweile fast alle europäischen Länder bereist und immer wieder auch in noch entferntere Weltgegenden geschaut – ja selbst ins Weltall haben wir gefunkt. Gleichsam nur um einen Ort haben wir, unsererseits gänzlich unfreiwillig, einen Bogen gemacht: Die eigentliche historische Mitte Berlins, seine Keimzelle um den Mühlendamm, zwischen Nicolaiviertel und Fischerinsel, Marien-, Kloster und Petrikirche wurde von den Tageszeitungen der frühen 1920er Jahre überraschenderweise bereits ähnlich konsequent ignoriert wie ihre versprengten, durch Schnellstraßen zersiedelten Überreste von den heutigen Berlinerinnen und Berlinern. Auf den Tag genau vor einhundert Jahren, am 8. Juli 1921, sind wir endlich doch einmal fündig geworden. Die Berliner Volks-Zeitung macht sich auf nach Alt-Berlin, zu einem Spaziergang in der Klosterstraße, Frank Riede heftet sich an ihre Fersen.
6 Minuten
Das nach dem Ersten Weltkrieg aus den vormals unabhängigen Staaten Serbien und Montenegro sowie zahlreichen ehemaligen Provinzen Österreich-Ungarns gebildete Jugoslawien wurde im 20. Jahrhundert zum Inbegriff eines Vielvölkerstaates in Europa. Heute ein wenig vergessen: Neben Serben, Kroaten und Slowenen, Bosniaken, Mazedoniern und Montenegrinern, Albanern, Italienern und Ungarn lebten – seit Jahrhunderten alteingesessen – während der Zwischenkriegszeit in seinen Grenzen u.a. auch 700.000 Deutsche. Die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 7. Juli 1921 weiß zu berichten, dass deren politischen Rechte unter der neuen Herrschaft speziell im nördlichen Landesteil Slowenien, aber auch in der serbischen Vojvodina einstweilen stark eingeschränkt seien - mittelfristig zeigt man sich aber durchaus optimistisch. Es liest Paula Leu.
4 Minuten
Nichts ist komischer, als wenn die Wirklichkeit versucht, das Theater nachzuahmen – und besonders toll gerät diese Travestie erfahrungsgemäß häufig dann, wenn deutschnationale Chargen dafür die politische Bühne okkupieren. Dass Vertreterinnen aus deren vorpommernschem Landesverband mit der Vernachlässigung ihrer ‘Ehepflichten‘ drohten, um dem Kaiser wieder auf den Thron zu verhelfen, lässt den Vorwärts naheliegenderweise an die Lysistrata des griechischen Komödiendichters Aristophanes denken, in der die (Ehe-)Frauen in Athen und Sparta bekanntlich sexuelle Enthaltsamkeit für den Frieden übten. Die Rezension dieser Farce in der Ausgabe vom 6. Juli 1921 fiel denn auch entsprechend amüsiert aus. Für uns klatscht sich Frank Riede auf die Schenkel.
5 Minuten
Wir alle kennen die flimmernden Werbebilder, die die Häuserfassaden des Times Square in New York dominieren. Ein Sinnbild der Überflutung mit kommerziellen Versprechen als wesentlicher Teil des pulsierenden städtischen Lebensalltags. Eine solche „Vorreiterrolle“ spielte der Times Square bereits 1922 als der Schriftsteller Gilbert. K. Chesterton mit Blick auf seine Plakatierung formulierte: Was für ein Wundergarten muss dies für jeden sein, der so glücklich ist, nicht lesen zu können. Ein Jahr früher erhob die Berliner Akademie der Künste, unter ihrem Präsidenten Max Liebermann, die Stimme und protestierte am 5. Juli 1921 in der DAZ gegen die geplante Freigabe bestimmter Parkmauern und Häuserwände Berlins für Werbeplakate. Freilich wollte auch sie dem Fortschritt nicht im Wege stehen, aber eine künstlerische Expertise bei der Auswahl und Plakatierungsart der Flächen hielt sie schon für wünschenswert. Besonders die Parkmauer des von Karl Friedrich Schinkel renovierten Prinz-Albrecht-Palais’, damals gelegen an der heutigen Wilhelmstr. Ecke Niederkirchnerstr., sollte nicht ohne Sinn und Verstand, aus Sicht der Akademie, zugekleistert werden. Aus heutiger Perspektive muss man sagen: Welch glückliche Zeit, als es um die Plakatierung der Parkmauer ging! 1934 bezog der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS das Palais und plante von hier seine Gräueltaten. Die Ruine des Gebäudes ließ der Berliner Senat 1949 sprengen und heute befindet sich auf dem Gelände die Gedenkstätte Topographie des Terrors. Für uns liest Frank Riede.
6 Minuten
Während wir in der gestrigen Folge einen mehr oder weniger sachlichen Bericht über den Jahrhundert-Box-Kampf zwischen Dempsey und Carpentier gehört haben, in dem aber die Aufregung und massenhafte Begeisterung rund um den Kampf bereits Thema waren, folgt heute eine humorvoll überzeichnende Kritik an diesem Sport-„Event“ aus der Berliner Volks-Zeitung vom 4. Juli. Noch bevor sich die uns heute so wohlbekannten kommerziell ausgeschlachteten Sportveranstaltungen richtig herausgebildet hatten, machte sich in diesem Artikel bereits ein Autor über die Massenhysterie, das Marketing, die Überhöhung, die fieberhafte Berichterstattung in Echtzeit und die enthaltenen chauvinistischen Aufladungen eines Kampfes lustig, bei dem sich eigentlich nur 15 Minuten lang zwei erwachsene Männer gegenseitig blutig schlagen. Für uns liest Frank Riede.
9 Minuten
Der Boxkampf um den Weltmeistertitel im Schwergewicht zwischen dem Amerikaner Jack Dempsey, Kampfname „The Manassa Mauler“, und dem Franzosen Georges Carpentier, „The Orchid Man“, am 2. Juli 1921 war das Sportereignis des Jahres 1921, und zählt zu der Handvoll Box-Kämpfen, die als „Fight of the Century“ bezeichnet werden. Das Aufeinandertreffen des seit 1919 amtierenden Schwergewichtschampions Dempsey und des Halbschwergewichtschampions Carpentier war das erste Box-„Event“, bei dem über eine Million Dollar Gewinn generiert wurden. Es hielt Menschenmassen zumindest in Amerika und in Frankreich in Atem. Die Stilisierung des Kampfes etwa als Kampf des Kriegshelden Carpentier, gegen den Kriegsdienstverweigerer Dempsey, oder als das Aufeinanderprallen von Dempseys roher Kraft und Gewalt auf den feinen, schmächtigeren, aber willensstarken Carpentier sorgten für emotionale Anteilnahme und die Schönheit Carpentiers angeblich für eine besonders hohe Zahl von Zuschauerinnen am Ring. Der Bericht aus dem Berliner Tageblatt vom 3. Juli beschreibt nicht nur den Ablauf des Kampfes, sondern auch in seinem zweiten Teil die Übermittlung der Runden-Zusammenfassungen per Telegraph über den Atlantik, so dass die Pariser Bevölkerung über eine Art Live-Ticker informiert wurde. Uns hält Paula Leu auf dem Laufenden.
9 Minuten
„Manchmal schließe ich die Augen / Stell' mir vor ich sitz' am Meer / Dann denk' ich an diese Insel / Und mein Herz das wird so schwer“ – nein, die hamburgische und berlinische Sehnsucht nach Sylt ist keine Erfindung deutscher Punkrocker der 1980er Jahre, sondern schlug offensichtlich auch schon vor einhundert Jahren manch badehungrigem Städter aufs Gemüt und ließ ihn oder sie die damals durchaus langwierige, seit dem Weltkrieg neuerdings sogar teilweise über dänisches Territorium führende Bahnreise nach Deutschlands größter Nordseeinsel antreten. So machte sich auch auf Victor Auburtin vom Berliner Tageblatt, für dessen Ausgabe vom 2. Juli 1921 er weidende Milchkühe beobachtete, am Westerländer Bade- und Gesellschaftsleben teilnahm und bei List Austern schlürfte. Frank Riede reist ihm für uns hinterher.
7 Minuten
Jede Zeit hat ihre Praktiken und Rituale zur Anbahnung eines Rendezvous. An welchen Orten lernen sich die Paare kennen? An welchen findet das nächste Treffen statt? Von wem geht die Initiative aus? Schon in der Zeit vor den Apps, mit denen das nächste Rendezvous nur einen „Swipe“ entfernt ist, galt die Metropole Berlin als ein freundliches Pflaster für die Partner_innen-Suche. In der Berliner Volks-Zeitung vom 1. Juli 1921 wird scheinbar an dem moralisch verruchten Ruf der Großstadt weitergeschrieben: Niemand verabredet sich so leicht wie Berliner_innen. Aber diese Einfachheit hat eine Schattenseite. Paula Leu weiß welche.