Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
8 Minuten
Der Flug zu den Planeten mittels einer Rakete war in der Literatur schon angekommen, lange bevor irgendein Land ein Raumfahrtprogramm aufgesetzt hatte. Auch der Film hat einen solchen Flug bereits mehrfach dargestellt: ganz prominent Georges Méliès und seine “La voyage dans la lune” von 1902. Im Jahre 1929 drehte Fritz Lang den Klassiker “Frau im Mond”, der die meiste Zeit in der Rakete und auf dem Mond spielt. Dabei wurde Lang vom Pionier der Raumfahrttechnik Hermann Oberth beraten. Also: Wo befanden sich 1923 technisch die Ingenieure und Naturwissenschaftler auf dem Weg zur bemannten Raumfahrt? Die Antwort gibt die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 2. Dezember, die vor allem im Rückgriff auf das Werk “Die Rakete zu den Planetenräumen” des bereits erwähnten Oberth künftige Möglichkeiten für Raketenflüge auslotet – und dies zu den astronomisch hohen Kosten von 250 Milliarden für die Ausgabe preisgibt. Uns informiert Frank Riede wie sich Oberth die Weltraumflüge vorstellte, nach dem heute der Oberth-Effekt für treibsstoffsparende Flugmanöver benannt ist.
9 Minuten
Seit Ende Oktober 1923 der erste Unterhaltungsrundfunk Deutschlands aus dem Berliner Vox-Haus seinen Betrieb aufnahm, finden sich nun regelmäßig und gehäuft Artikel zum Radio in den Zeitungen, die zunächst auch damit konfrontiert sind, dass es noch keine professionelle Radio-Kritik gibt. Als eine der ersten reagierte die BZ am Mittag und richtete eine neue Zeitungsseite „Radio – BZ“ ein. In ihrer Ausgabe vom 1. Dezember, die für 100 Milliarden zu erwerben war, sehen wir, dass die Aufmerksamkeit für das neue „Massen“-Medium schnell zu der Feststellung führte, wie sehr die Nachbarn, konkret England, Deutschland auf dem Gebiet voraus waren. Die BBC hatte bereits ein Jahr zuvor ihre regelmäßigen Übertragungen begonnen und sendete weit mehr als nur eine Stunde täglich. Paula Rosa Leu schlägt die BZ am Mittag auf und hört sich für uns durch die englischen Programme.
11 Minuten
Es war mal wieder soweit: Die Regierung Stresemann war Ende November 1923 wegen einer abweichenden Haltung der SPD zu den zurückliegenden Vorgängen in Sachsen und Bayern am Ende, und die Republik suchte bereits zum zehnten Mal in nur fünf Jahren nach einer neuen Regierung. Nachdem verschiedene Kandidaten bei deren Bildung gescheitert waren, gelang es schließlich dem Zentrums-Vorsitzenden Wilhelm Marx ein Minderheitenkabinett zu schmieden, welches aus Mitgliedern seiner Partei, der Deutschen Volkspartei Stresemanns, der Bayerischen Volkspartei sowie der Deutschen Demokratischen Partei bestand. Für Letztere saß seinerzeit u.a. Hermann Pachnicke im Reichstag, der die großen Herausforderungen, vor denen die neue Reichsregierung stand, im 8-Uhr-Abendblatt vom 30. November prägnant skizzierte. Der Preis, den diese Zeitung hatte, versinnbildlicht den Ernst der Lage: 120 Milliarden Mark. Das Wort hat Frank Riede.
10 Minuten
Wer am 29. November 1923 eine Abendausgabe des Berliner Tageblatts erwerben wollte, musste dafür auch weiterhin 100 Milliarden Mark berappen. Wieviel eines der Gemälde von Ernst-Ludwig Kirchner oder von Max Pechstein, die damals in der renommierten Galerie Cassirer zum Verkauf standen, kostete und welche Währung hier überhaupt akzeptiert worden wäre, verrät der Artikel über diese Schau im Inneren der Zeitung nicht. Rezensent Fritz Stahl beschränkt sich in seiner Betrachtung auf die ästhetischen Aspekte der Exponate und findet dabei zu den für ihn typischen klaren, aber doch differenzierten Urteilen. Die Rückkehr der Künstler zur ‘Landschaft‘ bewertet er auf alle Fälle positiv, verrät seinem zeitgenössischen Publikum wie uns Nachgeborenen indes leider nicht, welche Bilder damals konkret zu sehen waren. Alle Pinselstriche seiner ergo eher ins Grundsätzliche zielenden Argumentation vermittelt uns: Frank Riede.
8 Minuten
Bei keinem Thema herrscht parteiübergreifend solch eine Einigkeit wie beim Thema Bildung. Es sei Deutschlands wichtigste Investition in die Zukunft und der Schlüssel zum Wohlstand. Interessanterweise ist es auch der Bereich, der sich konstant im Krisenmodus befindet und in dem ein enormer Handlungsbedarf herrscht. Angesicht von Lehrermangel, maroder Infrastruktur und schleppender Digitalisierung kommt einem die Klage darüber, dass das Schulsystem auf eine Katastrophe zusteuert, die wir in der Berliner Volkszeitung vom 28. November 1923 finden, irgendwie bekannt vor. Auf einer ganzen Seite werden dort unter der Überschrift „Die Schule stürzt“ mehrere alarmierende Artikel versammelt, von denen wir nun den Beitrag des „Junglehrers“ Adolf Koch hören. Die BVZ musste an dem Tag für 120 Milliarden Mark gekauft werden. Es liest Frank Riede.
10 Minuten
Argentinien zählte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den reichsten Ländern der Erde, und dieser Reichtum spiegelte sich auch in den Prachtstraßen seiner Hauptstadt. Zu diesen zählte wie heute auch schon vor einhundert Jahren die Calle Florida, in der der Korrespondent des Berliner Lokal-Anzeigers einen abendlichen Bummel machte, dessen Eindrücke man dort am 27. November 1923 für 150 Milliarden Mark mit ihm teilen konnte. Wer sich das noch leisten konnte, erfuhr, dass es Kriegsgewinnler auch am anderen Ende des Globus gab; nur die Art der Zurschaustellung des neuen Reichtums unterschied sich anscheinend in Nuancen. Der Autor schaut sehr genau hin, entwickelt ein interessantes Sittengemälde des damaligen Buenos Aires – und tappt doch in sehr viele Klischeefallen. Paula Rosa Leu hat sich für uns umgesehen.
6 Minuten
Es ist nicht immer behaglich, dieser Tage in die Zeitungen von vor einhundert Jahren zu schauen. Manches, was man dort liest, ist uns sehr fremd, manches irritierend nahe, wieder anderes beängstigend nahe. Auch vor einhundert Jahren sah man sich mitten in Berlin mit erschreckenden Auswüchsen eines Übels konfrontiert, das man überwunden zu haben gehofft hatte: des Antisemitismus. Von Plünderungen und gewalttätigen Übergriffen insbesondere, aber durchaus nicht nur im Scheunenviertel hatten wir kürzlich mehrfach hier im Podcast berichtet. Heute blicken wir mit der Vossischen Zeitung vom 26. November 1923 auf verschiedene Veranstaltungen, in denen sich das deutsche Judentum gegen die Anfeindungen versuchte argumentativ zur Wehr zu setzen und die deutsche Zivilgesellschaft für die Bedrohung des Gemeinwesens durch die völkische Hetze zu sensibilisieren. Es liest Frank Riede.
7 Minuten
Wie geht die Gesellschaft mit dem Tode um? Wie integrieren Menschen die Verstorbenen in ihre Leben? So lässt sich der Fragenkomplex anreißen, zu dem sich der berühmte italienische Philosoph, Historiker und Politiker Benedetto Croce in seinem Buch „Fragmente zur Ethik“ äußert. Anlässlich des Erscheinens der deutschen Übersetzung, druckte die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 25. November 1923 einen Ausschnitt über „Die Verstorbenen“ ab. Für uns liest Frank Riede aus der unglaubliche 250 Milliarden teuren Ausgabe.
6 Minuten
Wenn es draußen kalt und dunkel ist, wenn der Bahnverkehr in der Nacht nahezu zum Erliegen kommt, dann locken die Wartesäle der Bahnhöfe mit Wärme, Licht, Trockenheit. Die Bahn hatte 1923 offensichtlich einen Sicherheitsdienst, der regelmäßig nächtliche Razzien an den Bahnhöfen durchführte und alle ohne gültigen Fahrschein hinauswarf. Ein Journalist der Berliner Morgenpost fuhr bei einer solchen Razzia mit und veröffentlichte seine Eindrücke in der Ausgabe vom 24. November. Ob die 100 Milliarden für diese Zeitungsausgabe damals für eine Bahnsteigkarte ausreichten, ist uns nicht bekannt. Paula Rosa Leu führt uns nun von Ost nach West durch die Bahnhofswartehallen Berlins.
11 Minuten
Aberwitzige 200 Milliarden Mark kostete ein Berliner Tageblatt am 23. November 1923 in der Morgenausgabe, aber dafür konnte man mit diesem immerhin noch in Weltgegenden reisen, die für die gemeine Berliner Leserin und den gemeinen Berliner Leser ohne Valuta ansonsten völlig unbezahlbar und unerreichbar geworden waren. Zum Beispiel nach Norwegen, wohin es uns im Podcast in den zurückliegenden vier Jahren bereits zwei Mal gezogen hat. Anlaufpunkt ist auch diesmal wieder die Gegend um die Hauptstadt Oslo, das man damals noch Kristiania nannte, und wie schon vor gut anderthalb Jahren geht es erneut zum legendären Holmenkollen, nur in diesem Fall ohne (die traditionell erst im März abgehaltenen) Skispiele. Vertraut ist auch der Nachname des Autors, Adolf Miethe, denn von dessen Tochter Käthe kamen hier auch schon verschiedentlich Artikel zur Anhörung. Mit den Miethes auf Nordlandfahrt gegangen ist für uns Frank Riede.
6 Minuten
Auch die zweite Novemberhälfte des Jahres 1923 lässt sich als der schnelle Wechsel multipler Krisen beschreiben. Der militärische Belagerungszustand in Sachsen verärgerte die Sozialdemokratie, die, sollte dieser nicht aufgehoben werden, ein Mißtrauensvotum einbringen wollte. Aber auch die Frage des Umgangs mit der Ruhr- und Rheinbesetzung und mit Bayern stellten das Kabinett vor Herausforderungen, für deren Lösungsansätze kein breiterer politischer Konsens existierte. Wie die Lage im Reichstag war berichtete die Vossische Zeitung vom 22. November, die für 100 Milliarden Mark zu kaufen war. Für uns hat sich Paula Rosa Leu ein Exemplar gesichert.
8 Minuten
Anders als die Siemensstadt im Nordwesten Berlins führt das am entgegengesetzten Ende gelegene Oberschöneweide die AEG zwar nicht im Ortsteilnamen; die Verbindung mit der 1883 von Emil Rathenau gegründeten und seit 1890 zunehmend vom Gesundbrunnen an die Oberspree expandierenden Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft ist historisch jedoch ähnlich eng. Eines der zentralen Bauprojekte war dabei das bis heute wegen seiner charakteristischen gelben Klinkersteine berühmte Kabelwerk Oberspree, welches, wie der Name schon sagt, auf die Herstellung elektrischer Kabel und Leitungen spezialisiert war. Bis zu 8000 Arbeitskräfte waren auf der Anlage selbst in den wirtschaftlich schwierigen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg beschäftigt. Grund genug für die 90 Milliarden Mark teure Berliner Volks-Zeitung vom 21. November 1923 einen Artikel zum 25jährigen Jubiläum zu drucken. Und Grund genug für uns, Frank Riede diesen für uns lesen zu lassen.
4 Minuten
Im Berliner Tageblatt, dessen Abendausgabe mit dem Preis von 120 Milliarden nun auch die 100 Milliarden-Marke überwunden hatte, widmete sich Victor Auburtin den großen Männern der Geschichte. Welches Bild ihres Alltags wird uns überliefert? Wieviel Schlaf und feine Speisen gönnten sie sich, während sie „Großes“ vollbrachten? Während auch noch heute so mancher Politiker, so manche Politikerin das Bild des Tag und Nacht bei Brot und Wasser für das Wohl der Wähler:innen tätigen Workaholics kultiviert, konterte am 20. November 1923 Auburtin süffisant mit einem Rezept für ein dekadentes, gleichwohl kulinarisches Frühstücksgericht, das für uns Frank Riede – wohl nicht gekostet hat – vielmehr unermüdlich und schlaflos bei Brot und Wasser hinter dem Mikrofon ausharrend vorträgt.
4 Minuten
Dass Albert Einstein mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten Deutschland verließ und nach Amerika auswanderte sowie bei der ersten Gelegenheit seinen Reisepass zurückgab – auf der Deutschen Botschaft in Brüssel – und einen Antrag auf Ausbürgerung stellte, ist bekannt. Doch schon im Jahre 1923 erschütterte ihn wohl der auch in diesem Podcast dokumentierte Antisemitismus in Deutschland so sehr, dass er darüber nachdachte, Deutschland den Rücken zu kehren. Zumindest verkündet seine diesbezügliche Entscheidung das 12-Uhr-Blatt vom 19. November, was sich als voreilig herausstellen sollte. Wie alarmiert das Blatt, das mittlerweile für 100 Milliarden zu erwerben war, auf die Möglichkeit regierte, dass der weltbekannte Einstein auswandern könnte, weiß Paula Rosa Leu.
12 Minuten
Die alte Berliner Stadtstruktur mit ihrem mittelalterlich-frühneuzeitlichen Kern und ihren vielen sich seit dem 19. Jahrhundert voreinander schiebenden Vorstädten, die irgendwann mehr oder weniger fließend in die im Dunstkreis Berlins zu eigenständigen Großstädten emporgewachsenen alten märkischen Dörfer übergingen – man kann sie heute im Stadtbild kaum mehr erahnen. Einige der alten Vorstädte, wie die Spandauer oder die Rosenthaler Vorstadt, haben zumindest als Kiez-Begriffe überlebt. Dass es südwestlich des Zentrums, hinter dem längst abgegangenen Potsdamer Tor, entlang der Potsdamer Straße auch eine „Potsdamer Vorstadt“ gab, ist – wahrscheinlich im Zuge der schweren Kriegszerstörungen und der heute entsprechend radikal veränderten Bebauung – hingegen quasi in Vergessenheit geraten – nicht einmal ein Wikipedia-Eintrag weißt noch auf sie hin. Grund für uns, uns einem der kundigsten Stadtführer durch das alte Berlin, Erdmann Graeser, anzuschließen, der bereits in der inflationsbedingt 100 Milliarden Mark teuren Vossischen Zeitung vom 18. November 1923 einen reichlich sentimental gefärbten Blick auf ein teilweise etwas aus der Zeit gefallenes, teilweise sich rasant veränderndes Stadtviertel wirft. An seine Füße geheftet hat sich Paula Rosa Leu.