Auf den Tag genau Archiv
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Nur noch sechs Tage trennten den 23. März 1925 vom ersten Wahlgang zur Bestimmung eines neuen Reichspräsidenten in Nachfolge des verstorbenen Friedrich Ebert. Meinungsforschungsinstitute, die im Vorfeld valide Umfrageergebnisse lieferten, kannte man damals noch nicht, weshalb alle Prognosen seinerzeit deutlich spekulativer ausfielen. Die Harburger Anzeigen und Nachrichten orientierten sich bei ihren demoskopischen Versuchen in Ermangelung anderer Zahlen an den zurückliegenden Reichstagswahlresultaten, waren sich der Unterschiede zwischen einer solchen Listenwahl und der hier anstehenden Personenwahl aber durchaus bewusst. Die Schlüsse, die man daraus ableitete, verraten indes vor allem wohl etwas über die Vorlieben der eher konservativen Redaktion. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Einer der bedeutendsten Reiseberichterstatter der Weimarer Zeit ist zweifelsfrei Colin Roß, der die ganze Welt bereiste, Berichte und Bücher schrieb und dabei offensichtlich immer auf dem neuesten Stand der Technik war. Er hielt weltweit auf Naturereignisse, kulturelle Praktiken, Architekturen, städtisches und ländliches Leben den Kurbelkasten “drauf” und produzierte aus diesen Filmdokumenten Film- und Vortragsabende für das neugierige Publikum, das nicht so weit rumgekommen war. Das Hamburger Echo vom 22. März 1925 bespricht eine solche Vorführung im Hamburger Passage Theater ganz enthusiastisch und feiert dabei auch den Film, der aus Sicht des Verfassers, der Photographie überlegen sei. Rosa Leu war für uns dabei. Es sollte an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass Colin Roß auf seinen Reisen indigene Bevölkerungen abschätzig betrachtete und dass er sich mit der Zeit zu einem glühenden Nationalsozialisten entwickelte. Seine Frau und er begangen zum Ende des Zweiten Weltkrieges Selbstmord.
11 Minuten
Die Zersplitterung der Arbeiterbewegung war zweifellos einer der wesentlichen destabilisierenden Faktoren für die Weimarer Republik. Der unüberbrückbare Gegensatz von SPD und KPD zwang immer wieder zu Regierungsbildungen deutlich rechts der politischen Mitte und setzte die Parteien der Weimarer Koalition auch bei der Reichspräsidentenwahl 1925 erheblich unter Druck. Hatten sich die Kommunisten doch entschieden, mit Ernst Thälmann einen eigenen Kandidaten ins Rennen zu schicken. Zu seinen Motiven und dem befürchteten Effekt, damit am Ende einem Rechtskandidaten den Weg zu ebnen, befragte ihn die Berliner Welt am Abend, die kommunistische Hamburger Volkszeitung druckte das Gespräch am 21. März 1925 nach. Höchst interessant ist dies nicht nur in der Sache, sondern auch als frühes Exemplar des damals noch sehr wenig verbreiteten journalistischen Genres „Interview“. Frank Riede liest für uns die Fragen wie die Antworten.
7 Minuten
Große Häfen wie der in Hamburg sind nicht nur gigantische Warenumschlagplätze; sie stehen immer auch im Verdacht, Schauplatz zwielichtiger Geschäfte zu sein. So munkelte man in den 1920er Jahren – und vermutlich auch häufig vorher und nachher –, die Hansestadt sei zu einer prominenten Drehscheibe internationaler Menschenhändler-, insbesondere Mädchenhändler-Ringe geworden, und ein Bericht der Regierung Schleswig heizte diesen Verdacht offenbar zusätzlich an. Nicht wenige Zeitungen mischten ihrerseits bei dieser auflagenträchtigen Spekulation mit. Nicht so der Hamburger Anzeiger. In einem Kommentar vom 20. März 1925 gibt man sich dort eher skeptisch gegenüber den drastischen Gerüchten und Zahlen, appelliert abschließend aber auch für Umsicht und Achtsamkeit. Es liest Rosa Leu.
6 Minuten
Die Wege bzw. Bestände eines Archivs sind manchmal unergründlich. Für den Zeitraum vieler Monate des Jahres 1925 ist das große und wichtige Hamburger Fremdenblatt in keiner der einschlägigen Zeitungssammlungen dokumentiert – aus irgendeinem Grund hat allein die Ausgabe vom 19. März sich als Einzelstück dorthin doch verirrt. Und in ihr wurden wir prompt fündig: Der norwegische Forscher und Abenteurer Roald Amundsen hatte nach sich seiner sagenumwobenen Expedition zum Südpol und dem erfolgreichen Durchqueren von Nordwest- und Nordostpassage das neue Ziel gesetzt, mit dem Flugzeug zum Nordpol zu gelangen, und das Hamburger Fremdenblatt heftete sich an seine Fersen. Warum diese Reise zunächst in die entgegengesetzte Richtung, nämlich nach Italien führte und was das alles mit dem Versailler Friedensvertrag zu tun hatte, erläutert uns Frank Riede.
6 Minuten
Die mit weiten Teilen ihres Werkes dem Expressionismus zugerechnete Autorin Else Lasker-Schüler war in der Weimarer Republik eine allgemein bekannte und auch allgemein polarisierende Persönlichkeit der Kulturszene. 1925 veröffentlichte sie die Streitschrift „Ich räume auf. Meine Anklage gegen meinen Verleger.“, in der sie ohne Rücksicht auf ihre potentielle weitere Publikationstätigkeit ihre tatsächlichen Verleger der Profitgier bezichtigt und der Bereicherung an fremdem geistigem Eigentum. Dieser „Sprengstoff“ scheint die Altonaer Neuesten Nachrichten vom 18. März nicht besonders zu interessieren, vielmehr greifen sie eine Kindheitserinnerung der Autorin aus dem Buch auf, die sie, ohne auf den eigentlichen Kern des Buches einzugehen, abdrucken. Die Erinnerung belegt, so erscheint es in diesem Ausschnitt zumindest, dass Else Lasker-Schüler dem Geniekult rund um ihre eigene Person nicht abgeneigt war. Rosa Leu blickt mit uns auf die dichterischen Anfänge in frühem Kindesalter zurück.
9 Minuten
Dass Prohibition nicht die Volksgesundheit, sondern langfristig vor allem den Schmuggel aufblühen lässt, zählt heute weithin zu den gesicherten empirischen Erkenntnissen. In den 1920er Jahren befanden sich nicht nur die USA noch mitten in diesem Experiment; auch in Nordeuropa galten damals vielerorts drakonische Alkoholgesetze. Diese zu umgehen, erfahren wir aus einem Artikel in den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 17. März 1925, hatten sich in benachbarten Ländern ganze Industrien ausgebildet, die offenbar zahlreiche Menschen ernährten. Wegen seines großen Hafens und seiner geographischen Nähe spielte Hamburg bei der illegalen Versorgung Skandinaviens mit Spirituosen eine besonders wichtige Rolle. Zahllose Schiffe liefen hier ständig zu diesem Zweck aus und nahmen undercover in Ausnahmefällen offensichtlich auch mal abenteuerlustige Journalisten mit. Deren Seenmannsgarn spinnt für uns Frank Riede.
7 Minuten
Prognosen seien immer schwierig, besonders wenn sie die Zukunft beträfen, lautet ein bekanntes Bonmot, das in der Regel dem dänischen Atomphysiker Niels Bohr zugeschrieben wird. Dennoch versuchten sich die Zeitungen in den 1920er Jahren auffallend häufig und gerne an diesem Genre; im besten Fall reflektieren sie dabei die Bedingtheit des eigenen Standpunktes, wie es die Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 16. März 1925 taten. Ihr Eindruck, dass die Wirklichkeit die Voraussage zumeist noch übertreffe, mag stimmen oder auch nicht; manche Entwicklungen, die der Artikel für die nächsten fünfzig Jahre prophezeit, soviel sei gespoilert, sind auf jeden Fall auch weitere fünfzig Jahre später noch nicht realisiert. Es liest Rosa Leu.
10 Minuten
Die Kurden gelten vielen Studien als die weltweit größte Ethnie ohne eigenes unabhängiges Staatsgebiet. Nachrichten über ihre Unterdrückung insbesondere in der Türkei und ihr Aufbegehren dagegen kennen die meisten von uns, seitdem sie politisch sozialisiert sind. Dass dieser Konflikt mindestens bis an den Anfang der Türkischen Republik zurückreicht, belegt unser heutiger Artikel aus dem Hamburger Echo vom 15. März 1925, der zwar durchaus einige Klischees ventiliert, die vermutlich noch von Karl May inspiriert sind, sich insgesamt aber um eine ausgewogene Berichterstattung über die ausgebrochenen Kämpfe in Südostanatolien bemüht. Aus welchen Quellen der namentlich nicht genannte Autor seine Informationen bezog und wie seriös diese waren, lässt sich nicht wirklich ermitteln. Dass, wie er glauben macht, manche Positionen in Bezug auf Fragen von politischer Kultur und Religion in den letzten Jahrhunderten, eher die Seiten gewechselt haben, macht ihn in jeden Fall zu einem interessanten Fundstück. Frank Riede hat es sich für uns angesehen.
7 Minuten
Es ist bereits mehrfach bei Auf den Tag genau angeklungen: Die politischen Beobachter*innen der 20er Jahre befürchteten eine unnötige Zersplitterung der politischen Landschaft. Damit waren dann oft Parteien gemeint, die nur von einer und für eine spezielle Gruppe von Menschen geschaffen wurden: Wirtshausbetreiber, Hausbesitzer etc. In der Wilhelmsburger Zeitung vom 14. März 1925 wird dieser Begriff auf die zahlreichen Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen bezogen. Gegenüber der Erwartung, die Parteien würden sich auf einen Kandidaten der Mitte einigen, der praktisch konkurrenzlos die Wahl dominieren würde, nominierte beinahe jede Partei einen eigenen Kandidaten. Rosa Leu stellt uns dieses Kandidatentableau vor.
7 Minuten
Wie kann man den städtischen Einzelhandel aufwerten und Kundschaft in bestimmte Gegenden und Straßen ziehen? Diese Herausforderung besteht nicht erst, seitdem es die Konkurrenz digitaler Versandhändler gibt. Im 1925 noch preußischen, d.h. nicht zu Hamburg gehörigen Altona besann man sich einer Tradition, die offensichtlich bereits vor dem Ersten Weltkrieg bestand und von der man sich nun Erfolg auch im zweiten Jahr eines zarten wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland nach dem Ende der Hyperinflation erhoffte: eines Schaufenster-Wettbewerbs in einer oder mehreren ungenannten Altonaer Geschäftsstraßen. Ob dieses „Event“, bei dem es natürlich auch etwas zu gewinnen gab, die örtliche Bevölkerung und vielleicht sogar die aus der benachbarten Hansestadt tatsächlich anzulocken vermochte, weiß der Artikel aus den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 13. März noch nicht; seinem Autor haben es die geschmückten Geschäfte aber auf jeden Fall schon einmal angetan. Frank Riede ist für uns bummeln gegangen.
10 Minuten
Der Boxsport erfreute sich in den Jahren der Weimarer Republik einer rasant wachsenden Beliebtheit. Wo berühmte Faustkämpfer wie Hans Breitensträter, Franz Diener oder zumal Max Schmeling antraten, platzten die Hallen aus allen Nähten, und selbst prominente Intellektuelle wie Bertolt Brecht zeigten sich gerne am Ring. War es der Sport, der sie anzog, oder ging es beim Boxen eher um die Show oder das Geschäft? Dieser Verdacht ist wahrscheinlich so alt wie das Boxen selbst, und auch der Hamburger Anzeiger schlägt am 12. März 1925 mit einem Artikel kräftig in diese Kerbe. Von der unersättlichen Geldgier der Promoter und deshalb anberaumten Kämpfen zwischen Boxern und Fallobst erzählt uns Rosa Leu.
8 Minuten
Von der schleppenden Suche nach einem preußischen Ministerpräsidenten tief in das Jahr 1925 hinein wurde an dieser Stelle schon berichtet. Komplizierter zeigte sich die Lage im März dadurch, dass die Spitzenkandidaten auf dieses Amt auch in den Favoritenkreis der verschiedenen Parteien für das Amt des Reichspräsidenten waren. Daher blickt das Hamburger Echo vom 11. März auf den kürzlich gewählten Ministerpräsidenten Marx und wägt dessen Chancen als Kandidat des Zentrums bei der Präsidentenwahl ab. Rosa Leu liest diesen Artikel, der auch die Abwägung einer prorepublikanischen Sammelkandidatur widerspiegelt.
9 Minuten
Dass wir uns jetzt mit Autoverboten und mit autofreien innerstädtischen Zonen beschäftigen, sollte angesichts des gesundheits- und klimaschädigenden Ausstoßes nicht verwunderlich sein. Auch in den Anfängen des Auto-Booms kam es zu radikalen Verboten des Automobils – wenngleich aus anderen Gründen. Wo anders als in der Schweiz fanden eine weit verbreitete Skepsis gegen das „neue“ Fortbewegungsmittel und eine Infrastruktur, die bestens für Pferdewägen geeignet war, ihren Niederschlag in einem Volksentscheid gegen das Automobil. Der Kanton Graubünden, Heimat zahlreicher touristisch gefragter Ski-Orte, hatte bereits 1900 ein vollständiges Autoverbot ausgesprochen, das mehrfach mit allerdings immer weiter schwindender Mehrheit erneuert wurde. Auch zu Beginn des Jahres 1925 setzten sich die Befürworter des vollständigen Autoverbots durch. Die Altonaer Neuesten Nachrichten berichten am 10. März von diesem Kuriosum, und wissen nicht, anders als Rosa Leu, die für uns liest, dass schon 3 Monate später, am 21. Juni für eine teilweise Zulassung von Automobilen gestimmt wurde und damit das Graubündner Automobilverbot Geschichte war.
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Die Hamburger Theaterlandschaft galt auch schon in den 1920er Jahren als eine der interessantesten der Republik, das Genre der Theaterkritik präsentiert sich in den Hamburger Zeitungen dieser Jahre indes häufig erstaunlich unfeuilletonistisch-schematisch: Nacherzählung der Handlung, je ein Satz zu den Personen in den Hauptrollen, ein abschließender kurzer Allgemeinplatz zu Regie und Bühnenbild. Dass das so nicht sein muss, beweisen die Altonaer Neuesten Nachrichten vom 9. März 1925 mit ihrer Rezension einer Neuinszenierung von Der Widerspenstigen Zähmung im Deutschen Schauspielhaus. Shakespeares bis heute gern gespielte Komödie bildet erkennbar nicht nur deren Gegenstand, sondern hat ihren Autor mit den Initialen R.W. auch in der eigenen textlichen Form inspiriert – welche es ihm wiederum ermöglicht, eine bereits im 19. Jahrhundert einsetzende feministische Kritik an den Geschlechterbildern dieses Werkes elegant (und natürlich trotzdem etwas patriarchal) in seine Darstellung miteinzubeziehen. In beiden Rollen dieses Dramoletts: Frank Riede.