Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
14 Minuten
Helmut Kohl zog es regelmäßig ins Salzkammergut an den Wolfgangsee, Angela Merkel urlaubte, sobald sie Bayreuth hinter sich gebracht hatte, gerne in Südtirol und auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verschlägt es, so heißt es, ein- bis zweimal im Jahr eben dorthin, auf den Ritten oberhalb von Bozen. Paul von Hindenburg, erfahren wir im Folgenden von Frank Riede, hatte die sommerliche Angewohnheit, sich für ein paar Tage der Sommerfrische nach Dietramszell bei Bad Tölz ins Bayerische Oberland zurückzuziehen, und von dieser mochte er auch 1925 als neugewählter Reichspräsident nicht abzulassen. So schickten die bayerische Regierung zur Sicherheit ein paar Gendarmen und der konservative Hamburgische Correspondent einen Journalisten, der, schon ein paar Tage nach Hindenburgs Rückkehr aus dem Bajuwarischen, am 20. August, aus der dörflichen Idylle berichtete und in seinem Artikel landeskundliche Beschreibung und, nun ja, freundliche Hofberichterstattung miteinander verband.
5 Minuten
Der berühmte Stummfilmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau lebte von 1919 bis zu seiner Auswanderung in die USA in einer Villa im Grunewald. Während er sich im Sommer 1925 bei den Dreharbeiten zu seinem Film „Tartüff“ befand, wurde das Haus in der Douglasstr. 22 zu einem Ort des Verbrechens. Ein wohl als „House-sitter“ engagierter Diener tötete eine Prostituierte und lieferte sich bei seiner Verhaftung ein Schussgefecht mit den Polizisten, die dabei von den neuartigen Panzerwesten geschützt wurden. Rosa Leu liest für uns den Bericht der Altonaer Nachrichten vom 19. August zu diesem „True Crime“.
9 Minuten
Hugo Stinnes gehörte in den ersten Jahren der Weimarer Republik zu den mächtigsten deutschen Industriemagnaten. Das geerbte, im Bereich Handel und Bergbau tätige Familienunternehmen baute er entschlossen aus und verflocht es geschickt, aber auch risikofreudig mit anderen Gesellschaften wie etwa der RWE. Durch sein dichtes Beziehungsnetz zu Größen in Politik und Bankwesen sowie den Erwerb einflussreicher Presseorgane wie der Deutschen Allgemeinen Zeitung mischte er ab 1919 darüber hinaus auch intensiv in der Reichspolitik mit, ehe er im April 1924 bei einer Gallenoperation plötzlich im Alter von nur 54 Jahren verstarb. Stinnes‘ Wirtschaftsimperium überlebte ihn nicht lang. Seine beiden Söhne Edmund und Hugo junior, die ihn beerbten, waren bald schon nicht mehr in der Lage, die zahlreichen Kredite zu bedienen und mussten bereits 1925 mit fast allen Konzernteilen Konkurs anmelden. Von einer unorthodoxen Idee, zumindest die in Berlin ansässige Aktiengesellschaft für Automobilbau, kurz: Aga zu retten, erzählen die Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 18. August und für uns Rosa Leu.
12 Minuten
24 Jahre lang, zwischen 1909 und 1933, wirkte der gebürtige Bremer Fritz Schumacher in Hamburg als Oberbaudirektor und prägte in dieser Zeit das moderne Gesicht der Hansestadt als Stadtplaner wie auch als Architekt in großem Stile mit. Die Konstante über die wechselvollen Zeitläufe seiner Amtszeit war der Backstein als bevorzugter Baustoff. Stilistisch hingegen zeigte Schumacher durchaus Bereitschaft, mit der Zeit zu gehen: Während die Anfänge seiner Tätigkeit noch eher vom spitzgiebligen Geschmack der Kaiserzeit geprägt waren – siehe etwa die Davidwache auf St. Pauli –, setzte er spätestens ab 1924 zunehmend konsequent auf Projekte im Stile des Neuen Bauens und realisierte unter anderem die Grundbuchhalle, das Krematorium im Friedhof Ohlsdorf sowie über 30 Schulbauten. Auch der spektakuläre Ausbau des Winterhuder Wasserturms zum Planetarium geschah unter seiner Ägide. Obwohl letztgenannte Projekte im Sommer 1925 samt und sonders noch nicht verwirklicht waren, zeichnete sich die Bedeutung Schumachers für die Hamburger Stadtentwicklung anscheinend bereits so klar ab, dass ihn der Hamburger Anzeiger vom 17. August auf halber Strecke mit einer ausführlichen Würdigung ehrte. Es liest sie für uns Frank Riede.
11 Minuten
Sachbuchrezensionen hatten in den Hamburgischen Zeitungen vor 100 Jahren keinen festen Ort, keine eigene Rubrik. Dass sie dennoch ein Bestandteil der journalistischen Arbeit waren, belegt die heutige Sammelrezension aus dem Hamburgischen Correspondenten vom 16. August 1925. Der Autor mit dem Kürzel R. M. versammelt mehrere politikwissenschaftliche Bücher, die sich mit europäischer Politik befassen. Dabei sind die großen Themen, wen wird es verwundern, die „Ismen“ auf der politischen Landkarte. Eine Analyse zum italienischen Faschismus eröffnet den Reigen, und, nach einem Abstecher auf den Balkan, beleuchten gleich mehrere Werke aus verschiedenen Perspektiven den Bolschewismus in Russland. Wie die (allesamt) Autoren über die Lage in Italien und im Osten urteilten und wo sich dabei die Hoffnung auf einen überlegenen Europäischen Machtmenschen äußert, hören wir nun von Rosa Leu.
10 Minuten
Immerhin 16 Sterne-Restaurants zählt die Freie und Hansestadt Hamburg aktuell. Ob man deshalb, wie im Hamburgischen Correspondenten vom 15. August 1925 zu lesen, „in keiner Stadt so gut essen könne als in Hamburg“, sei einmal dahingestellt. Dass die Stadt in früheren Zeiten eben diesen Ruf zumindest im deutschen Vergleich genoss, hatte gewiss mit der privilegierten Hafenlage zu tun, die sie nicht nur verlässlich mit frischem Fisch und Meeresfrüchten versorgte, sondern auch über Lebensmittel aus anderen Weltgegenden relativ stabil verfügen ließ. Wie bei vielen gastronomischen Artikeln der Zeit überrascht auch hier, wie fremd uns viele Gerichte und Gebräuche aus dem zeitlichen Abstand von wenigen Generationen sind; und interessanterweise hören wir genau von dieser Beobachtung auch schon aus dem Mund von Frank Riede.
9 Minuten
Dass nicht jede Reise, mit der man zu Hause Eindruck zu schinden vermag, so auch stattgefunden hat, weiß man in Deutschland spätestens seit Karl May. Wieviel von der Weltumrundung eines gewissen Benno Jacob wahr ist, der von dieser im Hamburger Echo vom 14. August 1925 Kunde gibt, lässt sich auf die Ferne nicht ermitteln – gewisse Zweifel sind wohl durchaus angebracht an seinem Bericht, der sich gleichwohl launig liest. Vom Balkan bis in den Wilden Westen – fast alle Weltgegenden, in denen Old Shatterhand alias Kara ben Nemsi seine Abenteuer bestand, will dieser Benno Jacob auch durchstreift haben. Wo Karl May daraus etliche Dutzend vielhundertseitige Romane generierte, bringt unser Held seine Weltreise indes in nicht einmal achtzig Zeilen unter. Rosa Leu rauscht mit ihm einmal um den Globus.
11 Minuten
Wer bisher glaubte, die spätesten möglichen Sommerferien seien die bayerischen – welche bekanntlich jedes Jahr von Anfang August bis Mitte September reichen –, der sieht sich zumindest in historischer Perspektive schwer getäuscht. Bis zum 12. August schuftete man 1925 in Berlin, allerdings nicht auf den Schul-, sondern auf den Parlamentsbänken. Erst dann entließ Reichstagspräsident Paul Löbe die Abgeordneten in die, wie der Hamburgische Correspondent vom 13. schrieb, „verdiente Parlamentspause“ – die dafür gleich bis November angesetzt war. Wie vor solch einer langen Auszeit nicht anders zu erwarten, war in der letzten Sitzung noch viel wegzuschaffen, weshalb Frank Riede für Auf den Tag genau, das natürlich auch dieses Jahr keine Sommerpause macht, noch einmal kräftig etwas wegzulesen hat.
7 Minuten
August ist Festspielzeit, auch bei Auf den Tag genau. Vor wenigen Tagen waren wir das erste Mal seit Bestehen des Podcast bei jenen in Bayreuth, in ein paar Tagen absolvieren wir wieder unseren beinahe jährlichen Gang nach Salzburg, und heute schauen wir nach fünf Jahren wieder einmal bei den Freiluftspielen in der Arena di Verona vorbei, die 1913 zum einhundertsten Geburtstag von Giuseppe Verdi erstmals und seit 1919 alljährlich große Zuschauermengen in das alte römische Baudenkmal zogen. Meistgespieltes Werk ist dort von jeher Verdis Aida, die Berichterstatterin der Altonaer Nachrichten Margarethe Schuch-Mankiewicz wohnte indes einer Aufführung von Amilcare Ponchiellis hierzulande tatsächlich immer noch unterschätzter Oper La Gioconda bei, die sie durchaus zu würdigen weiß. Das Hauptaugenmerk ihres am 12. August 1925 erschienenen Textes gilt allerdings den einmaligen atmosphärischen Begleiterscheinungen dieses nächtlichen Spektakels, die sich über die Dauer eines Jahrhunderts gar nicht allzu stark verändert zu haben scheinen. Rosa Leu war für uns an der Piazza Brá.
11 Minuten
Am sogenannten Verfassungstag, dem Nationalfeiertag der Weimarer Republik am 11. August, erkennt man viel von der Misere, die über ihre gesamte Dauer auf der ersten gesamtstaatlichen Demokratie auf deutschem Boden lastete. 1921 zum Gedenken an die Unterzeichnung der Reichsverfassung 1919 erstmals begangen, war er doch kein landesweiter gesetzlicher Feiertag; d.h. während dieser Status in einigen Ländern wie Baden oder Hessen zustande kam, verzichtete man etwa in Bayern auf ein entsprechendes Bekenntnis zur Republik. In Hamburg mit seinen langen hanseatischen und freistädtischen Traditionen war ein solches dagegen relativ weit verbreitet, und der liberale Hamburger Anzeiger nahm den Verfassungstag 1925 denn auch zum Anlass, an die lange Demokratiegeschichte der Stadt nachdrücklich zu erinnern. Wichtiger Kronzeuge ist ihm dabei der „Alt-Achtundvierziger“ Friedrich Christoph Dahlmann. Weshalb, weiß Frank Riede.
8 Minuten
Im Artikel 150 der Weimarer Reichsverfassung war das Ziel verankert, dass „Denkmäler der (…) Natur sowie die Landschaft (…) den Schutz und die Pflege des Staates“ genießen. Zu einer großflächigen Einrichtung von Naturschutzgebieten führte dies fürs Erste zwar nicht; langfristig war aber doch die Grundlage gelegt für eine Verankerung dieses Ideals in relevanten Teilen der Bevölkerung, die sich unter anderem in der Einrichtung eines in zweijährigem Turnus ausgerichteten Deutschen Naturschutztages niederschlug. Die erste Veranstaltung dieser Art 1925 in München nahm ein Autor namens W. Wächter zum Anlass für eine in der Wilhelmsburger Zeitung vom 10. August veröffentlichte Mahnung, den Auftrag zur Pflege der heimischen Ökosysteme ernst zu nehmen. Frank Riede wirft mit ihm einen Blick in die Vorreiterregionen des Berchtesgadener Landes und der Lüneburger Heide.
7 Minuten
Eva Leidmann entstammte einer Bauern- und Wirtshausfamilie aus Mühldorf am Inn. Nach Scheidung von ihrem ersten Ehemann, einem Bierbrauer, zog sie aus Bayern nach Hamburg, wo sie als Journalistin unter anderem für die Hamburger Illustrierte, eine bedeutende Wochenzeitung, arbeitete. 1932 veröffentlichte sie einen ersten Roman, Auch meine Mutter freute sich nicht – die Fehltritte eines bayerischen Mädchens, noch 1933 folgte ihr Zweitling Wie man sich bettet, der den Abstieg einer Münchener Kellnerin in die Prostitution schilderte, wenige Monate später aber bereits verboten und bei den Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten verbrannt wurde. In den folgenden Jahren kam Eva Leidmann als Drehbuchautorin bei der UFA unter, starb aber bereits 1938 mit 49 Jahren an den Folgen einer Blinddarmoperation. Entgegen den eher schweren Themen ihrer Bücher atmet ihr kleiner Text „Ja, der Sommer ...“, den sie am 9. August 1925 im Hamburgischen Correspondenten veröffentlichte, eine große Leichtigkeit. Es liest Rosa Leu.
9 Minuten
Die Zeiten der USA als ein Einwanderungsland, das die Freiheitssuchenden aus aller Welt ohne Ansehen der Person und der Herkunft mit offenen Armen aufnahm – sie waren auch schon in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts vorbei. Verschiedene Quoten regelten die Zuwanderung, wie wir unserem heutigen Artikel aus dem Hamburger Anzeiger vom 8. August 1925 entnehmen, der auch sonst einige interessante Parallelen zu gegenwärtigen Debatten zum Thema Einwanderung aufweist. So werden wir von Frank Riede hören, dass man auch schon damals versuchte, die Verfahren, die über eine Aufnahme in die USA entschieden, von Ellis Island in die Herkunftsländer der Auswanderer zu „verlagern“. Und auch die Frage des Familiennachzugs erhitzte offenbar bereits seinerzeit die Gemüter. Verräterischerweise macht der Text sprachlich erhebliche Unterschiede zwischen europäischen und außereuropäischen Einwanderergruppen und verwendet für Letztere teilweise nicht erst nach heutigen Maßstäben diskriminierende Begriffe.
11 Minuten
Kaum zu glauben, aber wahr: Auch nach beinahe 2000 Episoden Auf den Tag genau gibt es immer noch Themenbereiche, die bislang in diesem Podcast überhaupt nicht zur Sprache gekommen sind. Im heutigen Fall überrascht das umso mehr, denn dass die Zahngesundheit einen nicht unbeträchtlichen Aspekt des menschlichen Wohlbefindens ausmacht, dürfte auch schon vor einhundert Jahren, vielleicht sogar noch mehr als heute, niemanden überrascht haben. Die zahnheilkundliche Ausstellung in Karlsruhe, von der der Hamburgische Correspondent am 7. August 1925 berichtete, unterstrich die Bedeutung gesunder Zähne, so erfahren wir, mit einer drastischen Statistik – deren dort vorgenommene Deutung man auf die Entfernung durchaus anzweifeln kann. Am aufklärerischen Wert der Karlsruher Schau, die außerdem auch mit historischen Kuriosa prunkte, ändert das vermutlich nichts. Dem Text auf den Zahn gefühlt hat für uns Frank Riede.
9 Minuten
Die Wohnungsknappheit war ein großes Problem der Weimarer Republik. Dass es im Sommer 1925 plötzlich geballt die Tageszeitungen beherrschte, hängt vermutlich mit einigen Gesetzesvorschlägen zusammen, die diesbezüglich im Reichstag verhandelt wurden. Ganz wie heute konkurrierten auch schon damals ganz unterschiedliche regionale und kommunale Konzepte, der Thematik Herr zu werden; was den Vorteil hatte, dass man vergleichen konnte, was wie gut funktionierte. Mit eben dieser Absicht schaute der Hamburgische Correspondent am 6. August 1925 nach Bremen, wo man den öffentlichen Wohnungsbau vor allem versuchte über eine Haus- bzw. Mietsteuer zu finanzieren. Ob man damit an der Weser den Schlüssel zur Lösung des Problems gefunden hatte, weiß Rosa Leu.