Leipzig, 9. Oktober 1989, früher Abend: In der Nikolaikirche und
drei weiteren Kirchen enden die Friedensgebete, und niemand in
der Stadt kann sicher sein, ob heute Gewalt ausbricht. Zwei Tage
zuvor hat die Polizei am 40. Jahrestag der DDR Demonstranten mit
Wasserwerfern auseinandergetrieben und 210 Menschen vorübergehend
festgenommen, in der Leipziger Volkszeitung hat ein
Kampfgruppen-Kommandeur gedroht, die Proteste notfalls „mit der
Waffe in der Hand" zu stoppen, rund 3.000 Bewaffnete und 5.000
weitere Kräfte stehen bereit, und über dem Jahr liegt der
Schatten von Peking. Am 37. Jahrestag der entscheidenden
Montagsdemonstration erzählt diese Folge den Tag, der den
Mauerfall erst möglich machte: die Aufrufe zur Gewaltlosigkeit,
die von mehreren Seiten kamen, tausendfach verteilte Flugblätter
oppositioneller Arbeitskreise und der Appell der Leipziger Sechs
um Kurt Masur, drei Bürger und drei SED-Bezirkssekretäre, dessen
Schlüsselsatz vollständig gelesen ein fast rührend kleines
Versprechen war, freier Meinungsaustausch „über die Weiterführung
des Sozialismus". Dann der Abmarsch von Zehntausenden auf den
Innenstadtring, der ausbleibende Angriffsbefehl, der Rückzug der
Staatsmacht auf die eigenen Objekte, und am Ende brennende Kerzen
auf den Stufen der Stasi-Zentrale.
Die Folge fragt nüchtern statt heldisch, warum kein Schuss fiel,
ein Zusammenspiel aus Masse, Disziplin, Appellen und einer
Befehlslage, in der die Leipziger Einsatzleitung entschied, bevor
Berlin es tat, und sie räumt mit Legenden auf: Die berühmten
Bilder des Abends entstanden heimlich und erreichten das
Westfernsehen erst danach, die Staatsmacht verzichtete nicht vor
laufenden Kameras, sondern im Ungewissen, ob die Welt je zusehen
würde. Egon Krenz billigte die Entscheidung erst, nachdem sie
gefallen war, und der berühmte Kerzen-und-Gebete-Satz ist ein
später zugeschriebenes Wort ohne zeitgenössische Fundstelle. Dazu
die Geschichte der berühmtesten Zahl der Friedlichen Revolution:
Die 70.000 wurden nach einem später dokumentierten Interview noch
am Abend im Umfeld der Nikolaikirche ausgehandelt, die Stasi
selbst notierte 50.000 bis 60.000, und der Soziologe Karl-Dieter
Opp kam mit Befragung und Flächenrekonstruktion auf 124.500 bis
166.000 Teilnehmende, ein Modell, keine nachträgliche
Kopfzählung, aber ein gewichtiger Hinweis darauf, dass die Welt
diesen Protest bis heute unterschätzt.
Am Abend dieses Jahrestags erinnert Leipzig mit dem Lichtfest an
den 9. Oktober, von 19 bis 23 Uhr führt ein Lichtweg durch die
Altstadt zwischen Nikolaikirche und Matthäikirchhof, sechs
Kunstprojekte verbinden historische Fotografien, Licht, Tanz und
Performance, die große Kerzen-89 steht in diesem Jahr am
Thomaskirchhof, wo auch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erzählen,
davor das Friedensgebet um 17 Uhr und um 18.15 Uhr die Rede zur
Demokratie der Politikwissenschaftlerin Cathryn Clüver Ashbrook,
ein Leitgedanke des Programms lautet „Unsere VerANTWORTung". Und
die Folge stellt die Gegenwarts-Frage, der dieser Jahrestag nicht
ausweichen kann, in der Woche des ersten AfD-Landtagspräsidenten:
Wem gehört das Erbe von 1989, wem der Ruf „Wir sind das Volk",
den viele Bürgerrechtler von damals gegen Vereinnahmung
verteidigen? Die Menschen jenes Abends hatten unterschiedliche
Ziele, vom zugelassenen Neuen Forum bis zur reformierten DDR,
aber alle brauchten zuerst dasselbe, freie Rede, freie Wahlen,
das Recht auf Widerspruch ohne Angst, und daraus destilliert die
Folge ihre eine Frage zum Mitnehmen: Wer sich auf 1989 beruft,
verteidigt er diese Rechte auch für die, die anderes wollen als
er, auch dann, wenn er selbst verliert? Der zeitgenössische
Stasi-Lagebericht, der Mitschnitt des Stadtfunk-Aufrufs, die
Teilnehmer-Studie und das Lichtfest-Programm sind auf der
Episodenseite verlinkt.
Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:
https://48forward.com
Moderation: Daniel Fürg
Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
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