Paris, 27. November 1895: Alfred Nobel unterschreibt im
Schwedisch-Norwegischen Club eigenhändig und ohne juristische
Hilfe ein Testament von wenigen handgeschriebenen Seiten, das
fünf Preise stiftet, und der fünfte soll an jene gehen, die am
meisten für die Verbrüderung der Völker gewirkt haben, vergeben
von fünf Personen, die das norwegische Parlament wählt. Warum
ausgerechnet Norwegen? In Nobels überlieferten Äußerungen findet
sich keine Erklärung, bis heute rätseln Historiker. Am Vortag der
Verkündung des Friedensnobelpreises 2026, morgen um elf Uhr
öffnet Oslo die Entscheidung über 287 Kandidaten, erzählt diese
Folge die Maschine hinter dem Mythos, bewusst aufgenommen, bevor
der Name bekannt ist. Zur Geburtsurkunde gehört auch die
berühmteste Anekdote der Preisgeschichte, der verfrühte Nachruf,
der Nobel als „Händler des Todes" verabschiedet haben soll: eine
oft erzählte, nie sauber belegte Geschichte, die Folge erzählt
sie als das, was sie ist, eine Legende, und setzt dagegen, was
wirklich belegt ist, Nobels jahrzehntelange Verbindung zur
Pazifistin Bertha von Suttner, die 1905 selbst als erste Frau den
Preis erhielt.
Dann die Werkstatt: wer nominieren darf und dass am 31. Januar
Schluss ist, warum 287 Kandidaten nicht 287 Nominierungen sind
und die Namen fünfzig Jahre geheim bleiben, wie das fünfköpfige
Komitee arbeitet, ein privates Gremium, kein Staatsorgan, mit
einem Vorsitzenden, dessen Biografie eine eigene Geschichte ist,
Jørgen Watne Frydnes leitete nach dem Anschlag von 2011 den
Wiederaufbau der Insel Utøya, und warum die Entscheidung
üblicherweise zwischen Mitte August und Ende September fällt.
Dazu die ehrliche Bilanz, die das Komitee selbst nicht versteckt:
Gandhi, fünfmal nominiert, nie ausgezeichnet, 1948 gab es lieber
gar keinen Preis als einen ohne ihn, der langjährige Sekretär
Geir Lundestad nannte das später die größte Unterlassung der
Preisgeschichte. Kissinger und Le Duc Tho 1973, mit der einzigen
Ablehnung eines Friedensnobelpreises überhaupt. Obama 2009 nach
nicht einmal neun Monaten im Amt, die Lektion über Preise als
politischen Vorschuss. Aung San Suu Kyi und die
Unwiderruflichkeit, der Preis bewertet Geleistetes bis zum Tag
der Entscheidung, kein Lebensurteil. Und die 19 Jahre, in denen
der Preis gar nicht vergeben wurde, zuletzt 1972, eine Option,
die der Friedensforscher Michael Brzoska auch für dieses Jahr für
denkbar hält.
Im Zentrum der Gegenwarts-Etage steht die offenste
Preis-Kampagne, die dieses Verfahren je erlebt hat: Netanjahus
Brief-Übergabe im Weißen Haus, die öffentlich gemachten
Nominierungen aus Pakistan und Kambodscha, Trumps Sätze, er hätte
den Preis „vier- oder fünfmal bekommen müssen" und man gebe ihn
„nur an Liberale", das im Januar vorgestellte „Board of Peace"
mit ihm als erstem Vorsitzenden, und die bizarrste Volte des
Jahres, die Vorjahres-Preisträgerin María Corina Machado übergab
Trump ihre goldene Medaille, übertragen konnte sie den Preis
damit nicht, Auszeichnung und Person sind nach den Nobel-Regeln
untrennbar. Die von Reuters befragten Fachleute halten Trumps
Chancen für sehr gering, sie verweisen auf den Krieg gegen Iran,
den die USA seit Februar führen, und was im Beratungszimmer der
Fünf wirklich eine Rolle spielt, weiß niemand, der Osloer
Friedensforscher Haakon Gjerløw vermutet aber, das Komitee werde
den möglichen Druck auf künftige Preisträger mitbedenken. Zum
Schluss drei Fragen, mit denen sich morgen jede Entscheidung
einordnen lässt, der Testament-Test, der Adressaten-Test und der
Druck-Test, denn Trotz, Ausweichen und Ignorieren wären alle drei
Antworten, sogar eine Nicht-Vergabe wäre eine. Nobels Testament
im Wortlaut, die Statuten und sämtliche Belege stehen auf der
Episodenseite.
Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:
https://48forward.com
Moderation: Daniel Fürg
Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
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