Gestern Vormittag hat die Nobelversammlung des
Karolinska-Instituts den Medizin-Nobelpreis 2026 verkündet, und
zwei der drei Geehrten forschen in Deutschland: Peter Hegemann
von der Humboldt-Universität zu Berlin und Georg Nagel von der
Universität Würzburg erhalten ihn gemeinsam mit Karl Deisseroth
aus Stanford, für ihre Entdeckungen zu lichtgesteuerten
Ionenkanälen und zur Optogenetik, das Karolinska-Institut spricht
von einer neuen Ära der Neurowissenschaft. Die Meldung läuft
überall, diese Folge erzählt die Geschichte dahinter, und die
beginnt nicht im Gehirn, sondern in einem Wassertropfen: bei der
einzelligen Grünalge Chlamydomonas und der Frage, wie dieses
winzige Wesen das Licht findet, zu dem es schwimmt. Hegemann
stellte sie sich Ende der Achtzigerjahre am Max-Planck-Institut
in Martinsried, trug sie weiter an die Universität Regensburg und
entwickelte eine damals gewagte Vermutung, Lichtsensor und
elektrischer Schalter der Alge könnten ein einziges Protein sein.
Als sein Mitarbeiter Suneel Kateriya 2001 in einer Gendatenbank
zwei vielversprechende Kandidaten fand, lieferte Georg Nagel in
Frankfurt mit seinen Froschei-Messungen den Beweis, 2002 und 2003
erschienen die Arbeiten zum Channelrhodopsin, gemeinsam mit Ernst
Bamberg, und schon im 2003er-Papier benannten die Autoren
ausdrücklich, was daraus werden könnte: ein Werkzeug, um Zellen
allein durch Licht elektrisch anzuregen.
Genau das geschah. Der Stanford-Psychiater Karl Deisseroth, der
aus seiner klinischen Arbeit die Grobheit der Psychopharmaka
kannte, bat um die DNA des Algen-Proteins, 2005 steuerte sein
Labor damit kultivierte Säugetier-Nervenzellen per Lichtblitz,
zwei Jahre später folgten lebende Mäuse, noch 2005 beeinflussten
Nagel und Alexander Gottschalk das Verhalten von Fadenwürmern,
und die Methode verbreitete sich weltweit, Erinnerungsspuren,
Angst-Schaltkreise und Parkinson-Mechanismen wurden sichtbar wie
nie zuvor. 2021 erreichte die Kette den Menschen: Ein durch
Retinitis pigmentosa erblindeter Patient konnte nach einer
optogenetischen Gentherapie mit Spezialbrille wieder Gegenstände
wahrnehmen, lokalisieren und berühren, eine teilweise
Wiederherstellung seiner Sehfunktion. Zur ehrlichen Vermessung
des Preises gehört auch, wer nicht genannt wurde, von Bamberg
über Ed Boyden und Feng Zhang bis zu Zhuo-Hua Pan und Gero
Miesenböck, dessen Team schon im Frühjahr 2005 Fliegen per Laser
steuerte: Die Statuten der Nobelstiftung erlauben höchstens drei
Namen, der dänische Brain Prize ehrte 2013 gleich sechs Forscher
des Felds, die berühmteste Auszeichnung der Welt erzählt
Wissenschaft als Drama weniger Helden, wo ein Chor gesungen hat.
Vor allem aber ist diese Geschichte das beste Argument in einer
Debatte, die wiederkommt, sooft Kassen knapp werden: Wofür ist
Grundlagenforschung gut? Abraham Flexner schrieb 1939 seinen
berühmten Essay über die Nützlichkeit nutzlosen Wissens, und die
Alge illustriert ihn mustergültig, wer um 1990 einen Antrag zum
Schwimmverhalten von Grünalgen las, konnte keine Therapie gegen
Blindheit darin erkennen, viele Förderprojekte sind auf wenige
Jahre angelegt, diese Geschichte brauchte Jahrzehnte. Die Folge
destilliert daraus drei Prüffragen für jede
Nützlichkeits-Debatte, von der Zeitskala über den ehrlichen
Rückwärtstest bis zur Standortfrage, die nicht lautet, wem die
Ernte gehört, sondern ob wir weiter den Boden bereiten, auf dem
Jahrzehnt-Fragen wachsen dürfen, die Grundlagen entstanden
wesentlich in Deutschland, der klinische Durchbruch kam von einem
Team aus Paris, Basel und Pittsburgh, Wissenschaft ist zum Glück
keine Nationalmannschaft. Alle Original-Papiere von 2002 bis zum
Patientenbericht 2021, die Verkündung und die Würdigungen sind
auf der Episodenseite verlinkt. Heute Vormittag gibt Stockholm
übrigens den Physik-Preis bekannt, und am Freitag ist der Frieden
dran.
Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:
https://48forward.com
Moderation: Daniel Fürg
Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
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