Es ist vollbracht: Das komplette Haus ist gemalert. Die Wände
strahlen, die Zimmer wirken plötzlich größer und alles sieht so neu
aus, als müsste man beim Betreten eigentlich Überschuhe anziehen.
Selbst die alten Möbel schauen ein wenig verunsichert, weil sie in
dieser frisch renovierten Umgebung auf einmal aussehen, als hätten
sie den Anschluss verpasst. Besonders Hedwig profitiert von der
neuen Lage: Im frisch gemalerten Flur kann sie jetzt endlich
fliegen. Während wir noch überlegen, ob die Farbe wirklich überall
trocken ist, hat sie den Flur längst zur privaten Einflugschneise
erklärt – natürlich ohne Rücksicht auf Leitern, Farbeimer oder
menschliche Nerven. Nur mein Körper hat die Renovierung offenbar
anders verstanden. Während das Haus jetzt wie neu ist, fühle ich
mich eher wie ein Ausstellungsstück aus der Abteilung „stark
gebraucht“. Jeder Muskel meldet sich persönlich, manche sogar
mehrfach. Funktionieren geht noch – irgendwie. Es ist weniger ein
eleganter Betriebsablauf als ein Notprogramm mit blinkender
Warnleuchte. Die Malerpausen wurden dabei stets zuverlässig von
Kamillentee begleitet. Andere Menschen gönnen sich beim Renovieren
vielleicht Kaffee, ein belegtes Brötchen oder etwas mit Energie.
Bei uns gab es Kamillentee – schließlich musste wenigstens einer im
Haus beruhigend wirken. Natürlich bleibt es nicht beim Streichen.
Mitten auf der Leiter, die Farbrolle in der einen und den letzten
Rest Gleichgewicht in der anderen Hand, ruft der Junior: „Was
wollte Lessing eigentlich mit der Aufklärung?“ Eine völlig normale
Frage für genau diesen Moment. Also erklärt man Vernunft, Toleranz
und selbstständiges Denken, während man gleichzeitig sehr
vernünftig darüber nachdenkt, nicht rückwärts in den Farbeimer zu
steigen. Kaum ist Lessing halbwegs geklärt, folgt Thomas Mann.
Warum einfach nur eine Wand streichen, wenn man dabei auch noch
deutsche Literaturgeschichte unterrichten kann? Ich balanciere also
zwischen Decke und Fußboden, Bildungsauftrag und Absturzgefahr. Der
Junior wartet auf eine verständliche Antwort, die Wand auf den
zweiten Anstrich und mein Kreislauf auf eine Gelegenheit, sich
unauffällig zu verabschieden. Über allem schwebt außerdem der
bevorstehende Krankenhausaufenthalt. Der macht mich natürlich nicht
nur ein bisschen nervös, sondern ungefähr so entspannt wie eine
Katze vor dem Staubsauger. Man weiß, dass es sein muss, man möchte
vernünftig bleiben – und trotzdem veranstalten die Gedanken im Kopf
rund um die Uhr eine Sondersendung mit möglichen Szenarien, offenen
Fragen und sehr dramatischer Hintergrundmusik. Vielleicht war das
Streichen deshalb auch eine Art Beschäftigungstherapie: Solange man
eine Kante abklebt, kann man nicht gleichzeitig sämtliche
Krankenhausgedanken zu Ende denken. Theoretisch jedenfalls.
Praktisch geht Multitasking bei uns immer: renovieren, zittern,
Literatur erklären und so tun, als wäre alles völlig normal. Jetzt
ist das Haus fertig, der Körper am Anschlag und der Kopf längst im
Krankenhausflur. Aber immerhin: Wenn ich wieder nach Hause komme,
erwarten mich wundervoll frische Wände. Und falls jemand fragt, ob
sich die ganze Aktion gelohnt hat, antworte ich ganz klar: Ja. Nur
mein Rücken möchte von dieser Aussage ausdrücklich Abstand nehmen.
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