Berlin, kurz vor Mitternacht am 2. Oktober 1990: Hunderttausende
vor dem Reichstag, die Fahne der Einheit steigt am Mast,
Feuerwerk, und um null Uhr geschieht etwas sehr Unspektakuläres,
der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik wird wirksam, so bestimmt
es der Einigungsvertrag, der bereits vier Tage zuvor in Kraft
getreten war. Die Bilder dagegen, die die Welt mit der deutschen
Einheit verbindet, Menschen, die auf der Mauer tanzen, tragen ein
anderes Datum: 9. November. Am Vorabend des 36. Jahrestags
erzählt diese Folge die Geschichte hinter einer Frage, die an
vielen Feiertags-Frühstückstischen nur Achselzucken erntet: Warum
feiert Deutschland am 3. Oktober und nicht am 9. November? Die
Antwort beginnt beim merkwürdigsten Tag des deutschen Kalenders,
dem Schicksalstag, an dem sich 1918 die Republik-Ausrufung, 1923
der Hitler-Putsch, 1938 die Novemberpogrome und 1989 der
Mauerfall verdichten, und bei der Einsicht, dass ein
ausgelassener Nationalfeiertag an diesem Datum mit dem Gedenken
an 1938 kaum vereinbar gewesen wäre.
Die eigentliche Geburtsurkunde des Feiertags führt in eine
Nachtsitzung: Am 22. August 1990 streitet die frei gewählte
Volkskammer der DDR über vier mögliche Beitrittstermine, vom
sofortigen Beitritt bis zum 14. Oktober, und in den frühen
Morgenstunden verliest Präsidentin Sabine Bergmann-Pohl den
Beschluss, Beitritt „mit der Wirkung vom 3. Oktober 1990", mit
294 gegen 62 Stimmen bei sieben Enthaltungen. Die Folge erklärt
die Abwägung dahinter, vom Weltpolitik-Kalender der
KSZE-Konferenz, an deren Rand die vier Siegermächte ihre Rechte
vom Zeitpunkt der Vereinigung an aussetzten, über die Neubildung
der ostdeutschen Länder bis zu den anstehenden Landtagswahlen,
und sie liest den Einigungsvertrag an den entscheidenden Stellen
im Wortlaut: Artikel 2, der in einem einzigen kurzen Satz den bis
heute einzigen bundesgesetzlichen Feiertag stiftet, direkt unter
der Bestimmung der Hauptstadt Berlin. Dazu der stille Tausch
gegen den 17. Juni, der seit 1953 an den Volksaufstand erinnert
hatte und nationaler Gedenktag blieb, und ein Detail, das selbst
manche Nachschlagewerke durcheinanderbringen, der Unterschied
zwischen dem Inkrafttreten des Vertrags am 29. September und dem
Wirksamwerden des Beitritts am 3. Oktober.
Am Ende steht eine Deutung, ausdrücklich als persönliche
markiert: Der oft belächelte Verwaltungs-Feiertag, in einer
YouGov-Umfrage von 2021 nannten ihn 23 Prozent als
verzichtbarsten, während 2020 immerhin 70 Prozent den
Einheits-Feiertag als solchen begrüßten, ist in Wahrheit die
zweite Hälfte einer Geschichte, deren erste Hälfte die Friedliche
Revolution und die freie Volkskammerwahl waren, die Revolution
der Bürgerinnen und Bürger, übersetzt in einen rechtsstaatlichen
Beitritt. Dazu der Blick nach Bremen, wo die zentrale Feier 2026
stattfindet, mit Bürgerfest am Osterdeich, Festakt im Konzerthaus
„Die Glocke" und der symbolischen Staffelübergabe an
Nordrhein-Westfalen, sowie drei Prüffragen, mit denen sich jeder
Feier- und Gedenktag der Welt lesen lässt, allen voran die
ergiebigste: Welche Daten wurden nicht gewählt, und warum?
Sämtliche Originaldokumente der Folge, vom Einigungsvertrag über
das stenografische Volkskammer-Protokoll bis zur
Vier-Mächte-Erklärung, sind auf der Episodenseite verlinkt.
Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:
https://48forward.com
Moderation: Daniel Fürg
Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
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