Silvesternacht 1999: In Washington wartet der
Jahr-2000-Beauftragte des US-Präsidenten im Krisenzentrum,
weltweit sind Lagezentren besetzt, Menschen haben Bargeld
abgehoben, Vorräte gestapelt, manche Bunker bezogen. Dann wandert
Mitternacht um den Globus, und es passiert: fast nichts. Am 3.
Januar erklärt John Koskinen, der Millennium-Bug sei
„zerquetscht" worden, und seitdem streiten zwei Lager um dieselbe
Nacht, die einen sehen die teuerste Panik der Geschichte,
geschätzte 300 bis 600 Milliarden Dollar für ein Scheinproblem,
die anderen die erfolgreichste Vorsorge-Operation aller Zeiten.
Diese Folge erzählt, wie aus einer Speicherplatz-Sparmaßnahme der
Frühzeit, zwei Ziffern statt vier für die Jahreszahl, ein
Weltthema wurde, von den überhörten Warnungen des
COBOL-Mitentwicklers Bob Bemer ab 1971 über Peter de Jagers
„Doomsday 2000"-Artikel von 1993, den die New York Times den
Mitternachtsritt des Informationszeitalters nannte, bis zu
Rezessions-Prophezeiungen und Weltuntergangs-Predigern.
Und sie holt die Protokolle hervor, die in der Erinnerung fehlen,
denn „es ist nichts passiert" stimmt nicht ganz: die
Countdown-Webseite des US Naval Observatory, die das Jahr 19100
anzeigte, die japanischen Kernkraftwerke, deren
Überwachungssysteme stotterten, ohne dass der sichere Betrieb
litt, die amerikanische Bodenstation, deren
Satellitendaten-Auswertung ausgerechnet ein missglückter
Jahr-2000-Patch lahmlegte. Und den Fall, der jede Leichtigkeit
verbietet: Im englischen Sheffield berechnete ein Laborsystem
monatelang das Alter von Schwangeren falsch, 154 Frauen erhielten
potenziell falsche Risiko-Einschätzungen zum Down-Syndrom, mit
verzögerter Diagnostik und Entscheidungen unter den denkbar
schwersten Bedingungen. Dazu der Streit, fair geführt: Eine
Befragung von 156 großen US-Unternehmen, in der 82 Prozent schon
vor Silvester erlebte Y2K-Ausfälle meldeten, gegen das Argument
der unversehrten Nachzügler-Länder, das bei näherem Hinsehen
bröckelt, denn das berühmte „untätige" Italien gab allein 1999
nach Branchenschätzung 2,5 Milliarden Dollar aus, und Länder
taugen ohnehin schlecht als Kontrollgruppen.
Am Ende steht ein Paradox erfolgreicher Vorsorge, ihr bester
Ausgang schwächt ihren eigenen Beweis, der Kontrast zum
Montreal-Protokoll mit seiner messbar sinkenden Belastung durch
ozonabbauende Stoffe, und drei Prüffragen für jede künftige „War
doch alles nichts"-Debatte, von der Pandemie-Vorsorge bis zum
Hochwasserschutz: Halten die Vergleiche der Prüfung stand? Was
ging schon vor dem Stichtag schief? Und wem nützt die jeweilige
Deutung? Die Fortsetzung ist übrigens bereits terminiert, auf die
Sekunde: Am 19. Januar 2038 um 3 Uhr, 14 Minuten und 8 Sekunden
Weltzeit laufen die alten 32-Bit-Zeitwerte über, Spitzname
Epochalypse. Was von 1999 bleibt, ist vielleicht weniger die
Antwort auf die Milliarden-Frage als ein seltener Beweis: dass
die Menschheit vor einer unverschiebbaren Frist einmal
rechtzeitig angefangen hat. Sämtliche Belege, vom Senatsbericht
bis zu den japanischen Behördenprotokollen, stehen auf der
Episodenseite.
Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:
https://48forward.com
Moderation: Daniel Fürg
Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
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