Am Samstag haben sich Johann Wadephul und Sergej Lawrow in einem
Besprechungsraum der russischen Delegation im UN-Gebäude
getroffen, gut zwanzig Minuten, mit Mitgliedern ihrer
Delegationen, es war das erste bilaterale Gespräch der
Außenminister Deutschlands und Russlands seit Beginn der
russischen Vollinvasion vor viereinhalb Jahren. Eine Einigung gab
es nicht: Wadephul sagt, er habe Deeskalation gefordert, die
gefährdeten Getreideexporte über das Schwarze Meer und den
Drohnenvorfall von Leipzig angesprochen, Lawrow erklärte danach,
er habe nichts Neues gehört, und spottete, man hätte ihn auch
einfach anrufen können. Sogar über die Anbahnung kursieren zwei
Darstellungen, Moskau spricht von einer kurzfristigen deutschen
Anfrage, Wadephul von einem Gesprächswunsch Lawrows, der ihn über
Amtskollegen erreichte, und die Folge erklärt, warum sich beides
nicht einmal widersprechen muss. Statt zu urteilen, ob dieses
Treffen richtig war, baut sie das Werkzeug, mit dem sich diese
Frage beantworten lässt: Woran erkennt man, ob Reden mit dem
Gegner Einknicken ist oder Handwerk?
Dazu gehört die Fallhöhe: Erst am 1. September hatte die
Bundesregierung Russland für die im August am Flughafen
Leipzig/Halle gefundene Sprengstoffdrohne verantwortlich gemacht,
das Generalkonsulat in Bonn geschlossen und weitere Maßnahmen
angekündigt, keine vier Wochen später saß Wadephul Lawrow
gegenüber. Ein ZDF-Korrespondent nannte das einen Kurswechsel,
Wadephul selbst tags darauf ausdrücklich keinen Politikwechsel,
und die Folge zeigt, warum beides zugleich stimmen kann, neuer
Gesprächsschritt, unveränderte Grundlinie. Die Reaktionen
verlaufen quer zu den Lagern, die deutlichste Kritik kommt mit
Roderich Kiesewetter aus Wadephuls eigener CDU, SPD und Grüne
verteidigen das Gespräch, und die wichtigste Stimme kommt aus
Kiew: Außenminister Sybiha wurde unterrichtet und dankte
öffentlich für die Übermittlung der gemeinsamen Positionen. Die
historische Etage erzählt die deutsche Erfahrung mit dem Reden
mit Moskau bewusst in beide Richtungen, von Egon Bahrs „Wandel
durch Annäherung" über Helsinki und den Genfer Gipfel von 1985
bis zu den Jahren, in denen aus dem Werkzeug ein Weltbild wurde
und wirtschaftliche Verflechtung die Risiken übersehen ließ.
Am Ende stehen drei Prüffragen für jedes Gespräch mit einem
Gegner: Bleibt die eigene Position klar benannt? Wird für das
Gespräch selbst schon bezahlt, mit Zugeständnissen oder
weichgespülter Sprache? Und bleibt der Kanal ein Mittel, oder
wird er zur vorzeigbaren Trophäe? Das Zwischenfazit der Folge ist
bewusst bescheiden: Nach öffentlichem Stand besteht der Samstag
die ersten beiden Prüfungen, ein Protokoll aus dem Raum hat
niemand, und ob aus zwanzig Minuten je ein nützlicher Kanal wird,
hängt nach Wadephuls eigenen Worten im Wesentlichen von Russland
ab. Sämtliche Quellen, vom ZDF-Wortlaut-Interview über die
Erklärung des Auswärtigen Amts bis zur Mitteilung aus Kiew, sind
auf der Episodenseite verlinkt.
Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:
https://48forward.com
Moderation: Daniel Fürg
Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
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