Am 26. September 1980, um 22 Uhr 19, explodierte in einem
Abfallkorb am Haupteingang des Oktoberfests eine Bombe, rund 1,3
Kilogramm militärischer Sprengstoff in einer britischen
Werfergranathülle. Zwölf Besucherinnen und Besucher starben,
unter ihnen drei Kinder, mehr als zweihundert Menschen wurden
verletzt, viele schwer, auch der Attentäter Gundolf Köhler kam
ums Leben. Es ist bis heute der schwerste rechtsterroristische
Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik, und doch stellte
die Bundesanwaltschaft ihre Ermittlungen 1982 mit einem Satz ein,
der jahrzehntelang die amtliche Wahrheit blieb: Wahrscheinlicher
als eine politische Tat sei, dass Köhler „aus einer schweren
persönlichen Krise und/oder aus übersteigertem Geltungsbedürfnis"
gehandelt habe. Dabei war seine Nähe zur rechtsextremen Szene
früh bekannt, von den Kontakten zur verbotenen Wehrsportgruppe
Hoffmann bis zu Gesprächen darüber, wie sich ein Anschlag der
bevorstehenden Bundestagswahl zuschieben ließe. Diese Folge
erzählt, am Tag vor dem 46. Jahrestag, wie es zu der schnellen
Erzählung vom unpolitischen Einzeltäter kam, welche
Zeugenaussagen in den Hintergrund traten und welche Umstände, von
der frühen Preisgabe des Täternamens bis zu 1997 vernichteten
Asservaten, eine spätere Aufklärung erschwerten.
Vor allem aber erzählt sie von den vier Jahrzehnten danach: vom
Anwalt Werner Dietrich, der seit 1982 Überlebende vertrat und
drei Wiederaufnahmeanträge stellte, vom Journalisten Ulrich
Chaussy, dessen Buch von 1985 die Widersprüche der Ermittlungen
öffentlich machte, vom Spielfilm „Der blinde Fleck", der 2013
neue Zeugen mobilisierte, und von der Wiederaufnahme im Dezember
2014, mehr als tausend Vernehmungen, über 300.000 Seiten Akten.
Im Juli 2020 endete das Verfahren mit einer doppelten Wahrheit,
die diese Folge genau auseinanderhält: Die Bundesanwaltschaft
fand keine ausreichenden Belege für Mittäter oder Helfer,
ausschließen konnte sie deren Beteiligung ebenso wenig, die
Einzeltäter-Frage wurde also nie bewiesen und nie widerlegt.
Amtlich korrigiert wurde das Motiv, und dieser Passus wird in der
Folge vollständig zitiert: Köhler handelte „aus einer
rechtsextremistischen Motivation heraus", wollte die
Bundestagswahl beeinflussen und wünschte sich einen Führerstaat
nach nationalsozialistischem Vorbild, mögliche persönliche
Probleme stellten diese vorherrschende politische Motivation
nicht in Frage.
Warum solche Worte zählen, zeigt das letzte Kapitel: Erst nach
der Neubewertung richteten Bund, Freistaat und Stadt einen
Solidaritätsfonds über 1,2 Millionen Euro ein, 2021 an 90
Überlebende und Hinterbliebene ausgezahlt, nachdem viele von
ihnen jahrzehntelang um angemessene Anerkennung hatten kämpfen
müssen. Die Folge führt außerdem an den Ort des Erinnerns, das
Denkmal von 1981 mit den seit 1987 eingravierten Namen der zwölf
Toten und die 2020 eröffnete, kostenlos zugängliche
„Dokumentation Oktoberfest-Attentat" direkt am Haupteingang, und
sie endet mit drei Lehren über korrigierbare Behörden,
beharrliche Bürger und blinde Flecken im Umgang mit rechtem
Terror. Am Samstag, dem 26. September, findet um 8 Uhr die
Gedenkveranstaltung am Haupteingang der Theresienwiese statt,
eine Stunde vor Öffnung des Festgeländes, der Zugang ist an
diesem Morgen nur von Osten möglich, über den U-Bahnhof
Theresienwiese oder den St.-Pauls-Platz. Sämtliche Dokumente der
Folge, vom Bundesarchiv-Bestand bis zum amtlichen Befund von
2020, sind auf der Episodenseite verlinkt.
Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:
https://48forward.com
Moderation: Daniel Fürg
Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
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