Vier Töne, langer Atem, ein Gebet – John Coltranes A Love Supreme
Am 23.September 2026 würde John Coltrane hundert Jahre alt
werden. Ein Musiker, der 1926 geboren wurde und bereits 1967 im
Alter von nur vierzig Jahren starb. Trotzdem klingt seine Musik
bis heute nicht wie ein Stück Vergangenheit. Sie wirkt eher wie
eine Frage, die noch nicht beantwortet ist.
Seine Musik ist sicher anstrengender als Pop oder Rock Songs –
aber ich finde auf das Abenteuer – A Love Supreme mal ganz
anzuhören, kann man sich einmal einlassen.
John Coltrane war kein Musiker, der es seinen Hörerinnen und
Hörern immer leicht machte. Seine Musik ist manchmal wild,
manchmal laut, manchmal schwer zu durchschauen. Sie verlangt
Aufmerksamkeit. Sie ist kein musikalischer Hintergrund, der
einfach nebenbei laufen kann. Aber gerade darin liegt ihre
besondere Kraft: Wer sich auf sie einlässt, entdeckt nicht sofort
eine einfache Botschaft, sondern nach und nach eine Bewegung –
eine Suche, ein Ringen, einen Weg.
Das Album A Love Supreme wurde Ende 1964 an nur einem
Tag aufgenommen und 1965 veröffentlicht. Es besteht aus vier
miteinander verbundenen Teilen: Schon diese Titel erzählen eine
Geschichte. Es geht um Anerkennung, Entschluss, Weg suche und
schließlich um Lob und Gebet – dem Psalm.
Gott atmet durch uns hindurch
So dichtet John Coltrane in seinem Psalm zu A Love Supreme.
Coltranes „Psalm“ besteht nicht aus einem gewöhnlich gesungenen
Text. Sein Saxofon übernimmt die Rolle der Stimme. Coltrane hatte
zu A Love Supreme einen begleitenden Gebetstext
geschrieben, der im Album abgedruckt ist. In diesem Text finden
sich Gedanken wie: Gott ist, Gott liebt, hilf uns, unsere Ängste
und Schwächen zu überwinden. Am Ende steht der Dank.
Dankbarkeit bedeutet nicht, dass im Leben alles gut ist.
Dankbarkeit bedeutet auch nicht, Leid zu leugnen. Sie bedeutet,
trotz aller Schwierigkeiten wahrzunehmen, dass das eigene Leben
nicht nur aus Leistung besteht.
Vielleicht verdanken wir uns mehr, als wir normalerweise zugeben.
Anderen Menschen. Der eigenen Familie. Freundinnen und Freunden.
Zufällen. Der Natur. Der Möglichkeit, überhaupt auf der Welt zu
sein.
Coltrane nennt dieses Gegenüber Gott. In seinem Psalm wird
deutlich, dass für ihn alles miteinander verbunden ist: Gedanken,
Taten, Klänge, Menschen, Erinnerungen und das Universum. Diese
Sicht ist nicht einfach eine theoretische Lehre. Sie ist ein
Versuch, die eigene Existenz als Teil eines größeren
Zusammenhangs zu verstehen.
In Coltranes Psalm heißt das dann übersetzt:
Gott atmet durch uns hindurch,
so sanft, dass wir es kaum bemerken —
und doch ist es unser Ein und Alles.
Birte spielt die 4 Töne von „A Love Supreme“ in dieser Folge
Foto Bob Thiele, Impulse! Records
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