Vergangene Woche haben die USA 725 Millionen Dollar an die
Vereinten Nationen überwiesen, und der Anlass sagt mehr über den
Zustand der Organisation als jede Analyse: Mit der Zahlung
entging das Gründungs- und Gastgeberland vorerst der Gefahr,
unter Artikel 19 der UN-Charta zu fallen und sein Stimmrecht in
der Generalversammlung zu verlieren, allein dem regulären
Haushalt schuldet Washington weiterhin 1,3 Milliarden Dollar. Ab
morgen treten in New York die Staats- und Regierungschefs zur
Generaldebatte der 81. Generalversammlung ans Rednerpult,
Brasilien traditionell zuerst, danach Gastgeber Donald Trump,
dessen Auftritt im Vorjahr 57 Minuten dauerte, 2018 hatte der
Saal über ihn gelacht, zuletzt blieb er still. Der UN-Experte
Richard Gowan fasst die Lage in ein Bild, das diese Folge trägt:
nicht mehr im freien Fall, aber gefangen in einer offenen
Dauerkrise, auf absehbare Zeit im Traumazentrum. Einen Tag vor
den Reden macht die Folge den Zustandsbericht, und zur Woche
gehört auch eine deutsche Fußnote: Kanzler Merz hat seine Rede
abgesagt, offiziell, weil seine Präsenz in Berlin erforderlich
sei.
Der Kassensturz zeigt eine Organisation, deren regulärer
Kernhaushalt mit 3,45 Milliarden Dollar kleiner ist als der Etat
der Stadt München, und die trotzdem in einer ihrer schwersten
Finanzkrisen steckt, weil beschlossene Beiträge das Konto oft
spät oder gar nicht erreichen. Das Reformprogramm UN80 hat den
Haushalt um rund sieben Prozent verkleinert, etwa 2.900 Stellen
sollten entfallen, in New York kursiert die bittere Devise
„weniger mit weniger". Dagegen steht die Gegenrechnung, die in
Untergangs-Analysen verlässlich fehlt: ein humanitäres Netzwerk
von außergewöhnlicher Reichweite, das Welternährungsprogramm
erreichte zuletzt 121 Millionen Menschen, das
Flüchtlingshilfswerk arbeitete für den Schutz von rund 129
Millionen Vertriebenen, UNICEF impfte 39 Millionen Kinder gegen
Masern, dazu die unsichtbare Verwaltung der Globalisierung von
Weltpostverein bis Frequenzkoordination. Beim Weltfrieden dagegen
ist die Bilanz düster, Ukraine und Gaza blockiert, im Iran-Krieg
scheiterten weitergehende Schritte an Vetos, und die Folge
erklärt, warum genau das kein Konstruktionsfehler ist: Der
Sicherheitsrat wurde nie dafür gebaut, ein entschlossenes
ständiges Mitglied zu überstimmen, sondern dafür, dass diese
Mächte einander weiter gegenübersitzen.
Unter jeder Rede dieser Woche läuft außerdem ein historisches
Rennen mit: Ende Dezember endet die Amtszeit von António
Guterres, noch nie in fast 81 Jahren führte eine Frau die UN, und
das Feld hat sich am Wochenende dramatisch sortiert, Michelle
Bachelet zog ihre Kandidatur zurück, vorn liegen nach
durchgesickerten Probeabstimmungen Rebeca Grynspan aus Costa Rica
und Carolyn Rodrigues-Birkett aus Guyana, beide mit abratenden
Stimmen, von denen niemand weiß, ob ein künftiges Veto darunter
steckt, denn die Vorauswahl trifft ausgerechnet das blockierteste
Gremium der Welt. Am Ende steht die Deutung über den
Völkerbund-Vergleich, viele schimpfen, manche kürzen, doch
dauerhaft gegangen ist keiner, drei Beobachtungs-Fragen für die
Redenwoche, und eine Umkehrung von Gowans Bild: Ein Traumazentrum
ist auch der Ort, an dem noch niemand aufgegeben hat. Alle
Quellen, vom UN-Haushalt bis zum Stand des Nachfolge-Rennens,
stehen auf der Episodenseite.
Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:
https://48forward.com
Moderation: Daniel Fürg
Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
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