Wenn heute Nachmittag unserer Zeit in New York die Gedenkfeier
beginnt, wird das Ritual zum ersten Mal erweitert: Zu den sechs
Schweigeminuten für die Einschläge, die Einstürze, das Pentagon
und das Feld in Pennsylvania kommt eine siebte hinzu, für die
Menschen, die nicht am 11. September 2001 gestorben sind, sondern
danach, über Jahre und Jahrzehnte, an den Folgen des Staubs jenes
Tages. Fünfundzwanzig Jahre nach den Anschlägen erweitert Amerika
sein Gedenken, weil der Tag nicht aufgehört hat zu wirken, und
genau davon handelt diese Folge. Kein historischer Rückblick, die
Bilder kennt jeder, sondern eine Bilanz der Langzeitfolgen: Was
haben vier entführte Flugzeuge nachhaltig mit dem Westen gemacht,
mit Deutschland, mit dem Verhältnis zwischen Freiheit und Angst?
Denn was für die Lungen der Ersthelfer gilt, gilt auch für
Gesellschaften: Der 11. September hat sich eingelagert, in
Gesetze, in Institutionen, in Köpfe.
Die Folge vermisst fünf Verschiebungen. Den Ausnahmezustand, der
über Nacht beschlossen wurde, mit 98 zu 1 Stimmen im US-Senat,
und dessen Rückbau Jahrzehnte und Gerichte brauchte, von den
Karlsruher Urteilen bis zum Ende der amerikanischen Schuh-Regel
im Sommer 2025, während Guantánamo bis heute existiert und der
Prozess gegen die mutmaßlichen Drahtzieher inzwischen für 2028
angesetzt ist. Den Bruch mit der Wahrheit, von Colin Powells
Präsentation vor dem Sicherheitsrat über den deutschen
Informanten „Curveball" bis zu der Frage, wann Misstrauen gegen
Regierungen aufhörte, Paranoia zu sein. Die Rechnung der Kriege,
rund acht Billionen Dollar und etwa 900.000 direkte Tote nach der
Bilanz der Brown University, samt der fast vergessenen Szene, wie
Wladimir Putin zwei Wochen nach den Anschlägen im Bundestag auf
Deutsch um Partnerschaft warb. Die Verschiebung in unseren
Köpfen, für die der Risikoforscher Gerd Gigerenzer die
erschütterndste Schätzung liefert: rund 1.600 zusätzliche
Verkehrstote, weil Menschen aus Angst vor dem Fliegen ins Auto
stiegen. Und die deutsche Spur, von der Hamburger Marienstraße
über den Bündnisfall und zwanzig Jahre Afghanistan bis zu der
Frage, was der Generalverdacht jener Jahre mit dem Verhältnis zum
Islam gemacht hat.
Zur Ehrlichkeit dieser Bilanz gehört die Gegenrechnung: Ein
Anschlag von der Größenordnung des 11. September hat sich im
Westen nicht wiederholt, allein für das vergangene Jahr zählt
Europol zwanzig vereitelte Anschlagsversuche in der EU, der
herbeigeschriebene Krieg der Zivilisationen ist ausgeblieben, und
die offene Gesellschaft hat sich als zäher erwiesen, als es an
jenem Dienstag aussah. Der 11. September sollte den Westen ins
Mark treffen. Verändert hat er ihn, zerstört nicht, und das
Verändern haben wir zu großen Teilen selbst besorgt. Am Ende
steht deshalb keine Jahrestagsrhetorik, sondern eine gerahmte New
Yorker Titelseite vom 12. September 2001 und die Erinnerung
daran, wie schnell sich alles ändern kann, am Abend des 10.
September stritt die Wirtschaftspresse noch über die geplatzte
Dotcom-Blase. Alle Quellen, vom Bundestagsprotokoll bis zu den
Studien, stehen wie immer auf der Episodenseite.
Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:
https://48forward.com
Moderation: Daniel Fürg
Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
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