„Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen", sagte
Friedrich Merz im Frühjahr dem Spiegel über die Angriffe in den
sozialen Medien. Diese Folge legt den Satz neben das Protokoll
seiner Vorgänger, neben die Schmähkampagnen gegen Willy Brandt,
den RAF-Terror der Schmidt-Jahre, die Jahrzehnte des Kohl-Spotts,
die Verräter-Rufe gegen Gerhard Schröder und die Galgenattrappe
von Dresden, die 2015 für Angela Merkel „reserviert" war.
Aufrechnen lassen sich diese Epochen nicht, die digitale
Dauerbeschimpfung von heute ist eine eigene, reale Härte. Aber
wer den Superlativ wählt, lädt selbst zum Vergleich ein, und
diesen Vergleich verliert der Satz. Kurz vor der Wahl lief in
diesem Podcast die Folge über den unsichtbaren Kanzler, den die
eigene Partei im Wahlkampf versteckte, das war das Symptom. Diese
Folge fragt nach der Ursache: Warum findet Friedrich Merz nach
sechzehn Monaten nicht in die Rolle des Bundeskanzlers?
Die Antwort beginnt beim Protokoll: die historisch einmalige
Niederlage im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl, der Absturz von 25
Prozent Zufriedenheit vor Amtsantritt auf 13 im September, den
schlechtesten je gemessenen Kanzlerwert, und eine Chronik von
„Zirkuszelt" über „Stadtbild" und die Belém-Bemerkung samt
Lula-Konter bis zur geplatzten Verfassungsrichter-Wahl und den
17,2 Prozent von Sachsen-Anhalt. Interessant wird es beim Muster
dahinter: In den Momenten, in denen das Amt gefragt wäre,
antwortet auffällig oft die Person, mit Gegenfrage,
Zurückweisung, Aufrechnung, von „Fragen Sie mal Ihre Töchter" bis
zur jüngsten Fernsehkonfrontation mit einer Kinderärztin, deren
sehr harten Angriff die Folge fairerweise vollständig erzählt.
Für die Deutung kommen benannte Beobachter zu Wort, vom
Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke, der den
„Ankündigungskanzler" prägte, über die biografische Lesart der
langen Merkel-Konkurrenz bis zum nüchternen Faktum, dass Merz der
erste Bundeskanzler der Geschichte ohne jedes vorherige
Regierungsamt ist. Ferndiagnosen stellt die Folge ausdrücklich
nicht.
Und weil Merz-Kritik gerade billig zu haben ist, steht die
Gegenrechnung fest im Programm: Startbedingungen, die zu den
schwierigsten seit Jahrzehnten gehören, echte Kanzler-Momente von
der massiv ausgeweiteten Verteidigungswende bis zum bewusst
riskierten Konflikt mit der Trump-Regierung beim Jugendschutz,
und ausgerechnet von Lucke, der ihm innenpolitisch das harte
Zeugnis ausstellt, bescheinigt ihm, sich außenpolitisch „zur
starken Kraft in Europa gemausert" zu haben. Der Maßstab am Ende
ist deshalb kein Verdammungsurteil, sondern eine
Beobachtungsanleitung für die verbleibenden rund zweieinhalb
Jahre: Nicht die nächste verunglückte Formulierung wird
entscheidend sein, sondern der Moment danach, ob dann das Amt
antwortet oder wieder Friedrich Merz, der für Friedrich Merz
kämpft. Die Einladung zur Gegenrede geht heute ausdrücklich an
die CDU-Hörerinnen und -Hörer dieser Show.
Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:
https://48forward.com
Moderation: Daniel Fürg
Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
Kommentare (0)
Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben.