1930 prophezeite John Maynard Keynes, in hundert Jahren werde der
technische Fortschritt das Produktivitätsproblem gelöst haben,
fünfzehn Stunden Arbeit pro Woche könnten dann genügen. Die
hundert Jahre sind 2030 um, wir sind die Enkel, und während die
Fünfzehn-Stunden-Woche auf sich warten lässt, messen
Stanford-Ökonomen etwas anderes: In den Berufen, die von
Künstlicher Intelligenz am stärksten erfasst werden, wächst bei
den Jüngsten ein Beschäftigungsrückstand, lautlos, vor allem weil
Einstiegsstellen seltener besetzt werden. Kaum jemand wird
gefeuert, es wird nur kaum noch jemand hereingelassen. Die
Denk-Folge dieser Woche nimmt sich die größte Wirtschaftsfrage
der Gegenwart vor, mit einer strengen Regel: durchgehende
Trennung zwischen dem, was gemessen ist, dem, was prognostiziert
wird, und dem, was Deutung bleibt.
Gemessen ist: Die Kanarienvogel-Studie aus Stanford findet in
Millionen von Gehaltsabrechnungen einen wachsenden Rückstand der
22- bis 25-Jährigen in KI-exponierten Berufen, während der
Gesamtarbeitsmarkt hält, zugleich melden seriöse Gegenstimmen von
der Zinswende bis zu einer dänischen Null-Effekt-Studie
berechtigte Zweifel an der Kausalität. Prognostiziert wird:
praktisch alles, von Dario Amodeis Warnung vor der halbierten
Einstiegsetage über Geoffrey Hintons
Massenarbeitslosigkeits-Erwartung bis zu Daron Acemoglus
Fußnoten-Szenario und dem Netto-Plus des Weltwirtschaftsforums,
und die Folge erklärt, warum diese Zahlen nicht einmal dasselbe
messen. Dahinter liegt die Mechanik, die inzwischen im
Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums steht: Wenn KI
Aufgaben vollständig übernimmt, verlagern sich Arbeitseinkommen
zu Kapitalrenditen, die Lohnquote kann sinken, während das
Gesamteinkommen wächst. Der Kuchen kann wachsen, während der
Anteil derer, die von Arbeit leben, schrumpft, und das Kapital,
um das es geht, Chips, Rechenzentren, Modelle, ist extrem
konzentriert, fast nichts davon in Europa.
Kann Kapitalismus das aushalten? Die Folge sortiert die Antworten
in drei Schulen, Einkommen umverteilen, Eigentum umverteilen,
Zeit umverteilen, samt der bemerkenswerten Tatsache, dass die
lautesten Rufe nach Umverteilung derzeit aus der KI-Industrie
selbst kommen, von OpenAIs Bürgerfonds-Papier bis zu Sam Altmans
Grundeinkommens-Experiment, dessen Ergebnisse ernüchternd
gemischt ausfielen. Dagegen steht der Friedhof der
Vorgänger-Prognosen, von Keynes über die Automatisierungspanik
der Sechziger bis zum „Ende der Arbeit" von 1995, und das eine
Argument, warum die historische Analogie diesmal brechen könnte.
Am Ende ersetzt die Folge die falsche Frage nach dem Ende des
Kapitalismus durch die richtige: Der Lohn ist der wichtigste
Verteilungskanal unseres Systems, und ob die kommende
Verschiebung als Katastrophe oder als Wohlstandsgewinn erzählt
werden wird, legt nicht die Technologie fest. Das entscheidet die
Verteilungsfrage, und die ist politisch gestaltbar.
Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:
https://48forward.com
Moderation: Daniel Fürg
Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
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