Eine grüne Düne an einem estnischen Ostseestrand, harmloser kann
eine Aussicht kaum sein, es sei denn, man weiß, was darunter
liegt: rund zwölf Millionen Tonnen radioaktiv und chemisch
belasteter Produktionsrückstände, Uran, Thorium, Schwermetalle,
Säuren, das Erbe eines Werks, das über vier Jahrzehnte für den
sowjetischen Atomkomplex arbeitete. Diese Reportage-Folge führt
nach Sillamäe, fünfundzwanzig Kilometer vor Narva, die zweite
Station der Estland-Reise aus diesem Podcast. Ein Spaziergang mit
einem finnischen Freund durch eine Stadt, die auffällt wie keine
andere estnische Kleinstadt: eine einst prachtvolle Achse
stalinistischer Architektur, ein Krämerladen wie aus einer
anderen Zeit, menschenleere Straßen, verfallende Hinterhöfe
hinter verzierten Fassaden, und überall dieses eigenartige
Gefühl, dass die Geschichte hier nicht im Museum hängt, sondern
auf der Straße liegt.
Die Folge erzählt, was mit diesem Ort geschah: vom Badeort der
Petersburger Oberschicht über Zwangsarbeit unter deutscher wie
sowjetischer Herrschaft zum „Kombinat Nr. 7", das ab 1948 Uran
für Stalins Atomprogramm gewann, aus einem Schwarzschiefer mit
einer Ausbeute von 0,008 Prozent, eine Viertelmillion Tonnen Fels
für zweiundzwanzig Tonnen Uran. Mehr als vier Jahrzehnte blieb
Sillamäe geschlossen, auf öffentlichen Karten meist ausgelassen,
das Werk getarnt als „Postfach 22", drinnen der goldene Käfig mit
den besten Geschäften der Region. Die Folge trennt dabei sauber,
was Aktenlage ist und was Legende, bis hin zu der ehrlichen
Fußnote, dass ein Beitrag des hiesigen Urans zur ersten
sowjetischen Bombe von 1949 nicht nachgewiesen ist. Und sie
erzählt vom Absetzbecken am Ufer, dreißig Meter vom Meer, dessen
instabilen Damm ein schwerer Sturm zum Versagen hätte bringen
können, bis eines der größten Sanierungsprojekte der Region das
Becken bis 2008 sicherte. Die Abfälle wurden nicht entfernt, sie
wurden versiegelt und begrünt. Die Düne sieht nach nichts aus,
weil viele Menschen anderthalb Jahrzehnte daran gearbeitet haben.
Der eigentliche Grund für diese Folge liegt aber in der
Gegenwart: Das Kombinat lebt. Es heißt heute Silmet, gehört einem
kanadischen Konzern und ist eine von Europas ganz wenigen
Anlagen, die seltene Erden industriell trennen und verarbeiten,
jene Metalle, mit denen China die Welt am Band hält. Nur bezieht
das Werk seinen Rohstoff seit über dreißig Jahren hauptsächlich
aus Russland, und alternative Lieferketten konnten das bislang
nicht im nötigen Umfang ersetzen. Ein europäischer
Hoffnungsträger am russischen Rohstoff, fünfundzwanzig Kilometer
vor der NATO-Außengrenze, in einer schrumpfenden Stadt von rund
12.000 Menschen, in der über 95 Prozent Russisch als
Muttersprache angeben, was nichts über Loyalitäten sagt, aber
viel darüber, wer diese Stadt gebaut hat und für wen. Sillamäe
war unsichtbar, als es wichtig war. Jetzt ist es wieder wichtig,
und immer noch unsichtbar.
Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:
https://48forward.com
Moderation: Daniel Fürg
Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
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