Das in Kürze startende neue Schuljahr bringt ein Kopftuchverbot für
Mädchen bis 14 Jahren an öffentlichen und Privatschulen. Soziologe
Kenan Güngör befürwortet gegenüber APA-Science das neue Gesetz,
sieht darin aber keine besonders elegante Lösung. Die Wiener
Sonderschuldirektorin Petra Bauer hält die Umsetzung für
"pädagogisch und menschlich schwierig" und Jurist Stefan Schima
sieht für künftige Beschwerdeführer Chancen, das Verbot zu kippen.
Es gehe nicht nur um ein Stück Stoff oder ein Symbol, sondern auch
um religiös-reaktionäre Konzepte, die gleichheitsfeindliche Inhalte
transportieren würden, erklärte Kenan Güngör, Soziologe und Leiter
des Beratungs- und Forschungsbüros think.difference in der neuen
Folge des Podcasts „Nerds mit Auftrag“. "In den islamistischen
Schriften ist zu lesen, dass, je früher einem Kind das beigebracht
wird, desto mehr wird es das Kopftuch als eine natürliche Haut
sehen und ein Riesenproblem haben, es irgendwann abzunehmen", so
Güngör. Unter diesen entwicklungspsychologischen Gesichtspunkten
halte er das Kopftuch für Mädchen in dem Alter für
hochproblematisch. Kindern sind Hintergründe oft nicht bekannt Ein
Kind in dem Alter beziehe diese Regelung allerdings nicht auf einen
Kontext von Staat, Gesetzen und Religionsgeschichte, sondern auf
sich selbst, erklärte Petra Bauer, Direktorin des "Zentrum
inklusiver Schulen" (ZIS17) Leopold Ernst Gasse in Wien: "Da sind
wir beim Individuum." Auch vielen Eltern sei der
religionswissenschaftliche, historische Hintergrund nicht bewusst.
Erklärt werden und diskutiert dürfe das Verbot laut Rundschreiben
an die Schulen aber auch nicht. Ihm sei kein europäischer Staat
bekannt, in dem es wie in Österreich unter bestimmten
Voraussetzungen eine Pflicht zur Kreuzanbringung gebe, "und
andererseits so etwas kommt, wie es jetzt seit 1. September
vorgesehen ist. Das ist aus meiner Sicht doch eine gewisse
Irritation der religiösen beziehungsweise weltanschaulichen
Neutralität", merkte Stefan Schima vom Institut für
Rechtsphilosophie der Universität Wien an, "ohne ein Kulturkämpfer
oder Kreuzstürmer sein zu wollen". Die Pläne für ein Kopftuchverbot
haben viel Staub aufgewirbelt. Hunderte Stellungnahmen zum Gesetz
sprechen eine deutliche Sprache und zeigen, wie umstritten das
Thema ist, wenngleich es laut Expertinnen und Experten nur ein
Problem von vielen an Österreichs Schulen ist. Die kommenden Wochen
und Monate werden zeigen, wie die Einführung des Verbots abläuft
und welche Wirkung es entfaltet. Vor dem Höchstgericht dürfte es
ohnehin bald wieder landen.
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