Am Abend des 4. August entdeckt ein Busfahrer am Flughafen
Leipzig/Halle eine Drohne, wo keine sein darf, und tritt sie vom
Himmel: an Bord rund 600 Gramm Sprengstoff, das Ziel offenbar die
treibstoffgefüllte Tragfläche einer ukrainischen Frachtmaschine,
der Zünder versagt. Es folgen weitere Funde, die
Bundesanwaltschaft spricht von einem schwerwiegenden Angriff auf
die Transport- und Logistikinfrastruktur, und vier Wochen lang
wartet das Land auf ein einziges Wort. Am Dienstag um 17:30 Uhr
fällt es: Die Bundesregierung macht Russland verantwortlich,
Innenminister Dobrindt verweist auf bekannte Sprengstoff- und
Zündtechnik aus russischen Operationen, professionelle Planung
und die Ausführung durch „Low-Level-Agenten", und sagt den Satz,
der diese Folge trägt: „Wir befinden uns nicht im Krieg, aber wir
sind tägliches Ziel hybrider Kriegsführung." Fast zur selben Zeit
schießt in Brandenburg jemand selbstgebaute Sprengstoffraketen
auf ein Umspannwerk bei Jänschwalde, ein 500-Megawatt-Block geht
für zehn Stunden vom Netz, bei anderem Timing wäre nach
Branchen-Einschätzung ein Blackout möglich gewesen. Wer dort
geschossen hat: völlig offen.
Die Folge erklärt, wie hybrider Krieg funktioniert und warum die
Zuschreibung sein eigentlicher Kern ist. Abstreitbarkeit ist die
gesamte Strategie, von online rekrutierten Wegwerf-Agenten bis
zur Technik ohne Absender, und die Wirkung liegt weniger im
einzelnen Anschlag als in der Verunsicherung, die er sät. Genau
deshalb warnt die Folge vor dem Reflex, bei jedem brennenden
Kabel Moskau zu rufen: Der größte Berliner Stromausfall der
Nachkriegsgeschichte im Januar war das Werk der linksextremen
„Vulkangruppe", nicht des Kremls, und wer reflexhaft zuschreibt,
verstärkt die Verunsicherung, die der Angreifer herstellen will.
Die offizielle Zuschreibung dagegen ist der folgenreichste Akt in
diesem Spiel, weil sie die Abstreitbarkeit beendet und eine
Handlungspflicht erzeugt. Deshalb dauert sie: Die Bundesregierung
hatte angekündigt, die Zuordnung erst vorzunehmen, wenn die
Maßnahmen abgestimmt und entschieden sind. Vier Wochen für ein
Wort sind kein Versagen, sondern Handwerk. Meistens.
Was das Wort auslöste, misst die Folge an der Eskalationsleiter
von Skripal bis zum Tiergartenmord: Botschafter einbestellt, das
Generalkonsulat in Bonn wird geschlossen, der Vertrag für das
Russische Haus in Berlin gekündigt, dazu schärfere
Einreisekontrollen und mehr Druck auf die Schattenflotte, aber
keine Ausweisungen und noch keine Sanktionen. Institutionen statt
Personen, eine schwere Version von Stufe eins, „verhältnismäßig"
nennt es der Innenminister, die untere Hälfte des Möglichen, und
die europäische Hälfte des Pakets wird in Brüssel geschrieben,
oder eben nicht. Dazu die Lehre aus Jänschwalde, die unabhängig
vom Täter gilt: verwässerte Redundanz im Netz, Vorschriften, die
Schwachstellen öffentlich machen, Speicher, die morgens leer
sind. Man findet die Sollbruchstellen nicht, indem man Russland
benennt, sondern indem man das eigene Netz liest wie ein
Angreifer.
Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:
https://48forward.com
Moderation: Daniel Fürg
Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
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