Ende letzter Woche hat der YouTuber Jean Pierre Kraemer ein Video
hochgeladen und eingeräumt, seine Frau geschlagen zu haben:
„Meine Handlung ist falsch, nicht zu entschuldigen." Die
Staatsanwaltschaft ermittelt, es gibt gegenseitige Anzeigen und
ein Kontaktverbot, weitergehende Vorwürfe aus seinem Umfeld, von
wiederholten blauen Flecken bis zu Autos, deren Standort er
verfolgen konnte, sind nicht bestätigt. Dieser Fall ist der
Anlass der Folge, nicht ihr Gegenstand. Denn während seine
Schlagzeilen liefen, lief eine Uhr weiter, die keine Schlagzeilen
macht: Alle vier Minuten wird in Deutschland eine Frau als Opfer
von Partnerschaftsgewalt polizeilich registriert. Und laut der
größten Dunkelfeldstudie des Landes wird bei den meisten
Gewaltformen nicht einmal jede zehnte Tat angezeigt.
Die Folge liest das aktuelle BKA-Lagebild: 265.942 Opfer
häuslicher Gewalt im Jahr 2024, ein Höchststand, fast 18 Prozent
mehr als vor fünf Jahren, drei Viertel der Opfer weiblich, 132
von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötete Frauen, ein
Tötungsversuch fast jeden Tag. Sie erklärt das Muster, das dem
Schlag vorausgeht, die Forschung nennt es Zwangskontrolle: Geld,
Bewegung, Kontakte, Ortung, und warum die Trennung die
gefährlichste Phase ist. Und sie beantwortet die Frage, die in
jeder Kommentarspalte kommt, mit beiden Hälften der Wahrheit:
Nichtdeutsche sind unter den Tatverdächtigen überrepräsentiert,
und zwei von drei Tätern haben einen deutschen Pass, die Opfer
sind ebenfalls überproportional nichtdeutsch. Die Variable, die
durch alle Gruppen läuft, ist eine andere: 77,7 Prozent der
Tatverdächtigen sind Männer. Das Problem hat keine Herkunft. Es
hat ein Geschlecht.
Dazu der Blick auf das System: Es fehlen über 12.000
Frauenhausplätze, 2022 wurden mehr als 16.000 schutzsuchende
Frauen abgewiesen, und der Rechtsanspruch auf Schutz aus dem
neuen Gewalthilfegesetz gilt erst ab 2032, bei heutigen Zahlen
sterben bis dahin mehrere hundert weitere Frauen. Am Ende geht es
um Sprache, warum „Beziehungsdrama" die falsche Vokabel für einen
Femizid ist, und um die leiseste Eigenschaft dieser Katastrophe:
Sie verteilt sich auf 266.000 Wohnungen und produziert keine
Bilder. Ein prominenter Fall öffnet für drei Tage ein Fenster.
Diese Folge nutzt es.
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 116 016, kostenlos, anonym,
rund um die Uhr, auch für Angehörige: https://www.hilfetelefon.de
Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:
https://48forward.com
Moderation: Daniel Fürg
Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
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