Juni 2006: Ein deutscher Ex-Außenminister ohne Abitur und
Studienabschluss wird Professor in Princeton, und die deutsche
Presse reagiert halb seufzend, halb bewundernd: „Er schafft
alles." August 2026: Eine deutsche Ex-Außenministerin mit einem
Master der London School of Economics wird Professorin an der
Columbia, und der Häme-Motor läuft heiß, vom Kubicki-Spott über
den Chor aus „ohne Promotion" und „schlechtes Englisch" bis zum
AfD-Politiker, der einen Beschwerdebrief an die Universität
ankündigt. Gleiches Land, gleiche Universitätsliga, gleicher Typ
von Praxis-Professur, für die es weder Doktortitel noch
Habilitation braucht. Die Frau ist formal qualifizierter als der
Mann damals, die Reaktionen sind entgegengesetzt. Das ist der
Fischer-Test: Man suche den strukturgleichen Fall mit umgekehrtem
Geschlecht und vergleiche. Die Variable, die übrig bleibt, ist
genau die, von der alle behaupten, sie spiele keine Rolle.
Sauber seziert besteht die Häme aus drei Schichten: Unkenntnis
über das amerikanische Hochschulsystem, die deutsche
Missgunst-Kultur, die auch Männer trifft, und ein Rest, der bei
Baerbock kein Räuschchen ist, sondern ein Muster mit Aktenlage.
Im Wahlkampf 2021 zielte laut Avaaz ein Viertel aller
Desinformations-Narrative über deutsche Spitzenpolitiker auf sie,
mehr als auf jede andere Person, und der ISD dokumentierte, dass
sie mit sexuellen Herabsetzungen und Gewaltandrohungen überzogen
wurde, in einem Ausmaß, das bei Scholz und Laschet nicht vorkam.
Die Forschung nennt das gendered disinformation, und ihr Zweck
ist nicht Kritik, sondern Verstummen. Die Sozialpsychologie
liefert den Mechanismus dazu: Frauen in Führungsrollen sitzen in
der Doppelfalle aus Kompetenz und Sympathie, und Misogynie
funktioniert, wie die Philosophin Kate Manne zeigt, als
Vollstreckungsabteilung, die Frauen bestraft, die nach männlich
codierten Gütern greifen. Das männlich codierteste Statusgut
Deutschlands ist der Professorentitel.
Bleibt die Frage, warum sich alles auf eine Person bündelt. Ein
Feindbild ist eine Effizienzmaschine: Wer Baerbock angreift,
trifft mit einem Namen die Grünen, das Gendern und die ganze
ungeliebte Moderne, und Empörung über Reizfiguren ist der
zuverlässigste Engagement-Lieferant der Plattform-Ökonomie.
Erkennen lässt sich die Projektion an einem Widerspruch, den
Umberto Eco beschrieben hat: Der Feind ist immer zugleich
lächerlich schwach und bedrohlich mächtig, zu dumm für einen
englischen Satz und gefährlich genug für den Untergang des
Abendlandes. Beides zusammen gibt es in keiner realen Person, in
einer Projektion problemlos. Kritik bestreitet eine Leistung.
Häme bestreitet eine Berechtigung. Der Fischer-Test verrät, womit
man es zu tun hat.
Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:
https://48forward.com
Moderation: Daniel Fürg
Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
Kommentare (0)
Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben.