2013 war Österreich das Lehrbuchland des Geschlechtergrabens:
Junge Frauen wählten zu 27 Prozent grün und nur zu zehn Prozent
FPÖ – junge Männer zu 32 Prozent blau. Elf Jahre später sagt der
Meinungsforscher Peter Hajek einen Satz, den man in Berlin für
einen Druckfehler hielte: "Der Gender-Gap bei der FPÖ ist
Geschichte." Aus 13 Punkten Abstand zwischen Männern und Frauen
sind zwei geworden, die FPÖ ist erstmals bei beiden Geschlechtern
Nummer eins. Und exakt in dem Moment, in dem Österreich diesen
Graben zuschüttet, reißt er beim Nachbarn auf wie nie. Ich habe
nachgerechnet, was sonst nur behauptet wird. Wenn bei der
deutschen Bundestagswahl nur die 18- bis 24-jährigen Frauen
gewählt hätten – 35 Prozent von ihnen wählten die Linke, amtlich
gezählt sogar 37 –, dann hätten Linke, Grüne und SPD zusammen
fast zwei Drittel der Sitze. Hätten nur die jungen Männer
gewählt: stärkste Fraktion AfD, aber ohne Mehrheit. Ein
Geburtsjahrgang, zwei Parlamente. Und dann die dritte Rechnung,
die niemand macht: Würden die jungen Frauen exakt wie der
Durchschnitt wählen, verschöbe sich am Gesamtergebnis nicht ein
einziger voller Prozentpunkt – ihr Gewicht an der Urne beträgt
3,3 Prozent aller Stimmen. Laut, aber leicht. Ihr wirklicher
Hebel liegt woanders: in den Hörsälen, Redaktionen und
Personalabteilungen. Genau dort setzt die härteste These des
vergangenen Jahres an – Helen Andrews' "Great Feminization" –,
und ich führe sie so, wie sie es verdient: mit ihren stärksten
Belegen und ihren stärksten Kritikern. Warum bei uns nicht das
Geschlecht trennt, sondern die Matura (FPÖ bei Akademikerinnen:
16 Prozent, bei Frauen ohne Matura: 35), warum am Land die FPÖ
mit der ÖVP gleichzieht und in der Stadt mit der SPÖ, und warum
die Kreuzberg-Linke und die Neubau-Grünen derselbe Bezirk in zwei
Ländern sind – das alles heute, mit jeder Zahl belegt. Ein Wort
zur Ehrlichkeit, das mir wichtig ist: Die seriöseste Studie zum
Thema – 466.089 Befragte in 32 Ländern – widerspricht der
Erzählung vom flächendeckenden Erdrutsch ausdrücklich: In 14
Ländern gibt es keinen nennenswerten Graben, in Österreich ist er
klein und seit den Neunzigern stabil. Und die
Parlaments-Rechnungen sind Gedankenexperimente auf Basis echter
Wahldaten, keine Prognosen. Wer den Graben größer redet, als er
ist, hilft niemandem – wer ihn wegredet, auch nicht. THEMEN DER
SENDUNG - Österreich zuerst: 2013 bis 2024 – wie sich der
Geschlechtergraben bei der FPÖ schloss (13 Punkte 2) - Hajeks
Stadt-Land-Befund: FPÖ am Land gleichauf mit der ÖVP, in der
Stadt mit der SPÖ - Der Matura-Graben: 16 gegen 35 Prozent –
Bildung trennt Österreichs Frauen, nicht das Geschlecht - Das
deutsche Gedankenexperiment: Ihr Parlament (Linke 38,5 % der
Sitze), sein Parlament (AfD 28,7 %) - Die Ernüchterung: 3,3
Prozent Stimmengewicht – was junge Frauen am Ergebnis wirklich
ändern - Faas' Volatilitäts-Warnung: 2021 führten bei denselben
Kohorten noch Grüne und FDP - Der Befund weltweit:
30-Punkte-Lücken in USA und Deutschland, Südkorea und Polen als
Extremfälle - Die Bremse: 466.089 Befragte, 32 Länder – wo der
Graben wächst und wo es ihn gar nicht gibt - Diplom × Stadt:
College-Frauen +30 für Harris, junge weiße Frauen ohne Abschluss
bei Trump - Warum? Fünf Erklärungen: Wertewandel, Ehe-Rückgang,
getrennte Internets, Risikotoleranz, Naturell - Helen Andrews'
"Great Feminization": Empathie über Rationalität, Sicherheit über
Risiko – These und beste Gegenrede - Mangione, Fridays for
Future, Campus-Camps: Männer billigen eher den Schuss, Frauen
lieben eher den Schützen - Und die Frage hinter allem: Was
passiert mit einer Demokratie, deren junge Männer und Frauen
einander nicht mehr begegnen? BÜCHER ZUR SENDUNG Joyce Benenson,
"Warriors and Worriers" · Peter Turchin, "End Times" · Greg
Lukianoff & Jonathan Haidt, "The Coddling of the American
Mind" · Deirdre McCloskey, "The Bourgeois Virtues" · Edward Luce,
"The Retreat of Western Liberalism" · Christopher Clark,
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